Ahora… oder später…

Es ist Zeit, euch von meinen ersten Tagen (6. bis 13. Juni) in Santiago zu berichten – das war noch vor der unausstehlichen Nacht im Hostel und der Reise nach Rapa Nui.

Diese Tage verbrachte ich grösstenteils mit Diego aus Brasilien, der einen Teil seiner Ferien in Santiago verbrachte. Am ersten Tag spazierten wir einfach ein bisschen durch die Stadt, wie ich das üblicherweise mache. Diego fand, dass ich im Reisen geübt sei und er deshalb einfach das mitmachen würde, was ich machen wollte. (Mit anderen Menschen reisen ist ja nicht immer problembefreit, aber das machte mir das Leben natürlich sehr einfach. Er beklagte sich auch nie. Sehr pflegeleicht.) Dieser Spaziergang führte uns durch ein eher langweiliges Zentrum (das zwar aussah wie Florída in Buenos Aires, aber weitaus ruhiger war) bis hin zum Cerro San Cristóbal. Noch bevor wir uns entschieden hatten, ob wir hochgehen oder die Standseilbahn nehmen sollten, wurden wir auf portugiesisch angesprochen. Das war schon in Buenos Aires der Fall gewesen. Es müssen die perfekt gestylten Augenbrauen sein, die die Brasilianer verraten, oder ich weiss es nicht… (In dem Moment hatten wir uns nicht unterhalten, es konnte also auch nicht am Akzent gelegen haben.) Wie dem auch sei. Der Brasilianer gehörte zu einer Agentur, die unterschiedliche Touren anbot, unter anderem Besuche mit oder ohne Skifahren im Valle Nevado. Für mich war das eher lächerlich – eine Tour zu einem verschneiten Berg –, ich gebe es zu, und ich dachte nicht, dass das wirklich «a thing» sein konnte… Ich merkte aber bald, dass ich steinreich geworden wäre, hätte ich für jedes Mal einen Peso gekriegt, wenn ich einen Brasilianer in Santiago «Valle Nevado» sagen hörte. Es schien als wäre ganz Brasilien in Santiago, um Schnee zu sehen.

Wir fuhren dann übrigens mit der Standseilbahn den Cerro hoch und genossen die Aussicht über Santiago und die viel zu sichtbare Luftverschmutzung.

«Hay un poco de contaminación», schrieb José dazu

Am Abend hatten wir uns mit José (den wir auch in Buenos Aires kennengelernt hatten) zum Karaoke verabredet. Auch Moritz (der Schweizer, den ich in Mendoza getroffen hatte, und der diesen Cameo-Auftritt sicher sehr zu schätzen weiss) wollten wir zum Abendessen und Karaoke «mitnehmen». Wir hatten noch keine feste Zeit abgemacht, José informierte uns irgendwann, er sei noch bis um 9 Uhr im Büro. Gegen 10 Uhr wollten Diego und ich uns dann endlich mit dem halb verhungerten Moritz treffen (zugegebenermassen hatten auch wir langsam Hunger) und sagten José, dass wir los gehen würden. Postwendend kam die Antwort, wir sollten bleiben, wo wir waren und ihm den Standort schicken, er komme dahin. Das machten wir. Zweimal. Denn nach den ersten 15 Minuten irgendwo auf der Strasse in der Kälte mussten wir uns bewegen. Am Ende warteten wir eine geschlagene Stunde draussen an einer Strassenecke. Wenn wir nachfragten, wo er den bliebe, kam jeweils zurück «Ich komme gerade an», das für uns so eine Zeitspanne von 5 Minuten bedeutete oder «Jetzt», das, naja, was soll es denn schon heissen ausser «jetzt»? 20 Minuten sind es. «Ahora» sind 20 Minuten! Merkt euch das für zukünftige Reisen nach Südamerika. (Es beruhigte – und erstaunte – mich, dass Diego auch eher ein Schweizer Verständnis von Zeit hatte…) Moritz war unterdessen alleine essen gegangen. Nachdem José endlich angekommen war – mit seiner Vespa und einem Freund –, entschied sich Moritz das Karaoke ausfallen zu lassen, denn, wie er richtig bemerkte, könnte es noch Jahre dauern, bis wir ein geeignetes Lokal finden würden. Zwei weitere Stunden dauerte es, um genau zu sein. Eigentlich wollten wir ein Uber nehmen bis zum Bellavista-Quartier. Irgendwo zwischen «Ich bestelle uns ein Uber» und «Lass uns da rüber gehen, da ist es besser» befanden wir uns aber auf einer Tour durch die Innenstadt, während der mir bewusst wurde, dass wir die 40 Minuten zum Bellavista-Quartier zu Fuss gehen würden (was Diego und ich ja auch schon vor gut 1,5 Stunden hätten machen können). In Bellavista angekommen, schaute sich José um und meinte «Oh, ich war schon lange nicht mehr hier». Zwei seiner angestrebten Ziele gab es entsprechend auch nicht mehr. Die Situation war so abstrus, dass ich das Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht kriegte. Gegen 1 Uhr sassen wir in einer eher schäbigen Karaokebar. Gute zwei Stunden hielten wir es da aus, bis wir uns wieder auf den Nachhauseweg machten. Immerhin war der Abend günstig. Zwei Bier und all die in der Kälte verbrannten Kalorien…

Diego, José, yours truly, Gonzalo

Am nächsten Tag der Schock für mich: Während ich das Valle Nevado bereits wieder verdrängt hatte, wollte Diego unbedingt in die Berge. Ich wollte ihm zum Einen den Spass nicht verderben, zum Anderen wollte ich auch sein Gesicht sehen, wenn er mit 31 Jahren das erste Mal Schnee sieht – ein für uns Schweizer so normales Phänomen. Für den Montag planten wir also diese Tour ein. Um Ski zu fahren hatte es «leider» zu wenig Schnee. Um 7 Uhr standen wir beim Tourbüro, wurden mit Winterstiefeln (und falls gewünscht mit Skijacke, -hose, -brille) ausgerüstet. Dann ging es los. Beim ersten Fotostop wurde mir klar, dass ich nicht nur die einzige Schweizerin, sondern die einzige Nicht-Brasilianerin auf dieser Tour und auf dem ganzen Berg war. Alle haltenden Kleinbusse waren mit Brasilianern gefüllt. Das Schneevorkommen war eher dürftig. In Fallerones gab uns der Fahrer 15 Minuten, «weil ihr seht, es gibt hier nichts zu sehen». Normalerweise gab es Buckelpisten und andere lässige Schneesportarten zu bewundern, aber ohne Schnee war es eher schwierig… Auch vom Valle «Nevado» war ich zart enttäuscht. Aber was will man machen? Wir stolperten durch den dürftigen Schnee, keuchten wegen der Höhe und schwitzten (wirklich!) in der Sonne. Ich vermisste Diegos kindliche Freude über den Schnee etwas, aber ich kompensierte sie spielend mit ein paar Schneebällen…

Die restlichen Tage schlenderten wir durch den Barrio Italia, assen dann doch noch mit Moritz zu Abend (und auch mit Georgia aus England – ihr erinnert euch?), fanden den Parque Borja, in und um den herum alle tanzten. Wirklich. Es war faszinierend. Hier wurde Freestyle getanzt, aber auch Gruppenchoreos – teilweise mit richtigen Gang-Outfits. Ich hätte ja mitgemacht, aber… ahm… fuhren im strömenden Regen nach Valparaíso, wo wir die speziellen Lifte testeten, die fast auseinanderfielen, und uns relativ schnell nach der Wärme (so 16° statt 14°) Santiagos sehnten.

Valparaíso Lift

Valparaíso dünkte uns übrigens nicht so paradiesisch. Zum Einen sollte man die Hafenstadt, die vor allem für ihre bunte Streetart bekannt und beliebt ist, zu Fuss erkunden, was in dem strömenden Regen nicht gerade angenehm war, zum Anderen fanden wir es teilweise etwas zwielichtig und fühlten uns nicht sicher. (Eine Woche nach unserem Besuch in Valparaíso wurde ein Kanadier erstochen, weil er sich weigerte, seinen Rucksack an Diebe abzugeben… Unsere Intuition hatte uns also nicht getäuscht.)

Da Chile ja eher teuer ist, erweiterte ich in dieser Woche in Santiago meine Kochkünste: Neben Spaghetti mit Tomatensauce gab es auch mal Omelettes mit Käse oder Schinkentoast. Ich bin schon fast ein bisschen stolz. Not.

Und ein kulinarischer Tipp zum Schluss: Wenn ihr mit Südamerikanern unterwegs seid, vergesst ja nicht die Ketchupflasche und den Kilosack Zucker griffbereit zu haben… Erhält den Frieden.

Auch Tomb Raider kann sich mal irren

«See you there» war wohl ein etwas vorschnelles Ende des letzten Blogs, schliesslich gab es da noch den Nachmittag und Abend, den unsere «Reisegruppe» in einem gemütlichen Café verbringen wollte, bis die jeweiligen Busse fuhren (ausser mir konnten alle am selben Abend weiterreisen, mein Bus fuhr erst morgens um 5.30 Uhr), und die Grenzüberquerung und Calama…

Nun denn, nachdem wir in diesem Café unsere Bestellungen aufgegeben hatten, mussten wir es Hals über Kopf verlassen, weil der TV nur Kindersendungen zeigte und die Jungs doch eigentlich Champions-League-Finale schauen wollten. Zum Glück fanden wir ein Lokal, das den richtigen Sender hatte und verbrachten da gut fünf Stunden… Danach nächtigte ich in einem günstigen Hostel nahe dem «Busbahnhof». Auch dies, eine ganz andere Welt als Argentinien: Während in Argentinien die Busbahnhöfe grosse Gebäude mit Abfahrtsperrons und Schaltern waren, gab es in Uyuni einfach eine (oder zwei) Strasse(n) voller kleiner Läden, die Busfahrten verkauften. Die Busse fuhren vor oder in der Nähe dieser Shops. Reiste man am selben Tag, konnte man sogar den Rucksack deponieren – das traf für mich zwar sowieso nicht zu, dieses Vertrauen hätte ich wohl aber auch nicht aufgebracht…

Ziemlich verschlafen stolperte ich noch vor 5 Uhr aus dem Hostel (weckte den auf dem Sofa schlafenden Nachtwächter etwas unsanft) und machte mich mit erstaunlich vielen Menschen – aber ohne Kaffee – auf den Weg nach Chile. An der Grenze – irgendwo mitten in der Wüste – war es schon offensichtlich, dass in Chile wieder eine ganz andere Welt auf mich warten würde. Nach einer Fahrt auf unbefestigten Landstrassen, standen wir in Bolivien Schlange vor einem schlecht einbetonierten Container. (Es dauerte zudem ein wenig bis wir Gringos wussten, wohin wir genau mussten.)

Noch in Bolivien (auch hinter dem irreführenden Zaun ist noch Bolivien)

Kaum unter dem blauen Bogen hindurchgefahren, befanden wir uns auf geteerten, gut signalisierten Strassen und landeten in echten Gebäuden. Wir wurden mit Hilfe der Busfahrer, die unsere Zollscheine kontrollierten, durch die Passkontrolle geschleust, mussten dann in einem fast fluchtsicheren Unterstand unser Gepäck ausladen und warten, dass der Zollbeamte unsere Zettel kontrollierte, der Hund – nach gutem Zureden – unser Gepäck beschnüffelte, und danach unser Gepäck noch – eher pro forma – von Menschen «durchsucht» wurde. Ehrlich gesagt, ich fühlte mich ein bisschen wie ein Schwerverbrecher.

Ich hoffe, dies zu fotografieren, war kein Verbrechen

Niemand wurde zurückgelassen. Nun ging es weitere drei Stunden durch die Wüste nach Calama. In dieser Zeit ging mir das kurze Gespräch durch den Kopf, das ich an der bolivianischen Grenze mit dem Pakistani, der hinter mir sass, geführt hatte. Ich hätte ihm vielleicht sagen sollen, dass er sich glücklich schätzen müsse, dass er reisen könne – aber wer bin ich denn? Seine negative Einstellung Bolivien gegenüber und seine generell genervte Art veranlasste mich auf jeden Fall, das Gespräch kurz zu halten. Er sei nur zwei Tage in Bolivien gewesen, der Dreck wäre nicht auszuhalten, schrecklich. Zudem hätte sein Hotel seine Membership-Reservation nicht ausgeführt und er hätte ein Vermögen bezahlen müssen… Ich habe ja auch schlechte Tage, aber ich posaune die nur ungerne fremden Menschen ins Gesicht, und nach ein paar Tagen in der Kälte, freute ich mich einfach nur, dass ich bald in wärmere Gegenden kommen würde.

Calama, der erste Halt in Chile, überraschte mich ziemlich. Ich hatte eine Wüstenstadt wie Uyuni in Bolivien erwartet, doch dieser Ort war voller hübscher, umzäunter Häuser und die Innenstadt hatte eine süsse Fussgängerzone. Zumindest im Zentrum war das Wüstenfeeling inexistent. Ich blieb allerdings nur drei Stunden da, bevor mein Bus nach Antofagasta fuhr. (Ich hatte übrigens gut zwei Wochen, bis ich mir diesen Namen merken konnte, es gibt zu viele gut klingenden Möglichkeiten: Antafogasta, Antafogosto, Antofogasta…)

In Antofagasta checkte ich in das günstigste Hostel ein, das zu Fuss nur zehn Minuten vom Busterminal weg war. Ich fragte Marcela, die Besitzerin, wie weit es denn zu Fuss ins Zentrum sei. «15 Minuten, mi niña» – ja, das klang besser als erwartet, ich buchte direkt drei Nächte. Und wurde im Zimmer von einem Mitbewohner darauf aufmerksam gemacht, dass es eher so 50 Minuten waren. Aber Marcela konnte das ja kaum wissen, sie war ja 24/7 im Hostel. Haja. (Und nein, das «Missverständnis» war nicht auf mein schlechtes Spanisch zurückzuführen.) Immerhin konnte man am Meer entlang spazieren bis ins Zentrum, das war schonmal etwas. Und es war günstig. Juhu!

Abgesehen von ganz kurzen Standardgesprächen mit meinen zwei wirklich sehr netten Mitbewohnern, versuchte ich mich zurückzuhalten. Während ich am Anfang der Reise ja noch Angst hatte, niemanden zu treffen, brauchte ich nun dringend etwas Zeit für mich alleine und wollte wirklich mit niemandem etwas unternehmen, auch wenn sowohl Ruben von Santiago wie auch Délphine aus Frankreich mehrfach sagten «Ich geh da hin, möchtest du mitkommen?». «Nein, merci.» «Danke, eher nicht.» «Mein Kopf ist gerade unter dem Kissen, ich kann dich leider nicht hören.»

Ich genoss Antofagasta richtig, endlich wieder etwas Wärme! Durch den Küstenwind war es ab und zu zwar trotzdem kalt, aber nur, weil ich statt der üblichen drei bis fünf Kleidungsschichten nur noch zwei trug. Ich spazierte viel an der Küste entlang, schaute den riesigen, kraftvollen Wellen zu, die an den Steinen brachen, shoppte Jeans (weil ich ja immer noch einen Riss in meiner Lieblingshose hatte und Mama gesagt hatte, dass die irreparabel wären. Danke Mama! – Die Hose habe ich unterdessen natürlich entsorgt, ohne dabei zu vergessen, ein paar Minuten darüber nachzudenken, ob ich den Stoff vielleicht für etwas anderes verwenden könnte…), und gönnte mir ein Wachsbad für 13 Franken… Man muss etwas für seine Reiseschönheit machen, imfal.

Nur eines der 1000 Wellenfotos…
… und ein paar Muscheln

Obwohl ich mich von sozialen Kontakten fernzuhalten versuchte, nahm ich die Tipps von Ruben, was es in Antofagasta zu tun gibt, gerne an, und spazierte zwei Stunden zu den Huanchaca-Ruinen. Als ich sie erreichte, war ich völlig überwältigt. Fühlte mich wie Tomb Raider. Fragte mich, wie alt die den waren. Dachte noch «Sieht seltsam aus. Modern. Wahnsinn!» Ich stolperte durch das Museum, das mit unzähligen Tafeln die Geschichte von Bergbau und Salzabbau Chiles erzählte. Schön gemacht. Aber wer schon einmal eine schlechte Power-Point-Präsentation gesehen hat, weiss, weniger ist mehr. Entsprechend gibt es hier keine Details, weil ich alles wieder vergessen habe. Zudem, wunderte ich mich, warum dieses Museum hier stand und was denn dies genau mit den Ruinen zu tun hatte… Erst am Schluss, in einem super gemachten Kurzfilm, wurde mir klar, dass dies die Ruinen einer Salzverarbeitungsstätte waren. Von 1888. Zwar alt, aber mein Tomb-Raider-Herz fühlte sich betrogen, und ich mich ein bisschen dumm. (Aber zu meiner Verteidigung: Der Name klingt echt alt…)

Ruinas de Huanchaca

Von A nach B über C, D und vielleicht auch E

Das mehr oder weniger planlose Reisen gefällt mir wunderbar. Man geht einfach mit dem Flow. Anstatt alles schon gebucht zu haben, kann man mitten im Tag seine Meinung und die Route ändern.

Georgia, aus London, hatte uns beim Jenga von Iruya erzählt, diesem Bergdörfchen, das sie unbedingt besuchen wollte. Peter biss an und fand, da würde er auch gerne hinfahren. Ich könne auch mit, wenn ich denn wolle. So sicher war ich mir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber ich könne mich auch am nächsten Morgen entscheiden.

Nach dem Jenga in der einen Bar (ich verlor drei von sechs Runden, durfte den Titel als Jenga-Queen aber behalten), besuchten wir noch die Bar vom grossen Matthias. Diesmal etwas früher und somit zum richtigen Zeitpunkt: Wir erlebten Matthias in Aktion. Er war zuständig, den Besuchern die einheimische Kultur näher zu bringen. So zeigte er traditionelle Kleidung und spielte diverse Instrumente. Er erklärte uns, dass dies ein Familienbetrieb war und er sein Zimmer nur eine Tür weiter hatte.

Matthias

Nun gut, am nächsten Morgen war ich die Faulheit in Person. Ich war eigentlich schon fest entschlossen noch mindestens einen Tag in Tilcara zu bleiben und meine Jeans zu flicken, die ich ungünstiger Weise zerrissen hatte, stundenlang im hübschen Café mit dem guten Apfelkuchen zu sitzen… da überzeugte mich Georgia, dass ich doch mitkommen soll. Unbedingt. Es ist nicht schwierig, mich zu einem Abenteuer zu überreden, und so packte ich meine Jeans weg, zog meine Wanderhose an, verlor direkt die Hälfte eines Hosenbeins, weil der Reissverschluss kaputt ging, fluchte, zog Strumpfhosen mit Jeansshorts an und war ready to go. Zwei kaputte Hosen in einem Tag? Damit kann ich umgehen. Vor allem bei den eiskalten Temperaturen, die momentan aufgrund des starken Windes herrschten. Kein Problem.

Wir liessen also die Katzen zurück und brachen auf zu Roadtrip-Tag 3. Wir wurden direkt belohnt: Die Szenerie war der Hammer! Die Zeitangaben der Routenplaner war einmal mehr nicht zutreffend, diesmal hielten wir allerdings auch exzessiv häufig für Fotos. Der Weg war nach Iruya war definitiv ein sehr grosser Teil des Ziels!

Der Höhepunkt? Die farbigen Berge, die völlig unerwartet in der Ferne auftauchten und von denen nie jemand spricht (vielleicht die Rückseite von Hornocal?) – und alles, was danach passierte. Auch hier mussten wir wieder eine ziemliche Höhendifferenz auf einer Landstrasse zurücklegen und als wir fast auf dem Gipfel angekommen waren, hielten wir und wanderten über steinige Felder in Richtung der bunten Berge. Zwischen uns und den Bergen lag ein weites Tal. Plötzlich tauchten Hunde auf der Höhe auf. Und Schafe. Und dann sichteten wir sie: eine Hirtin in traditionellen Kleidern. Während die Hunde bellend auf uns zu rasten, wahrte sie Distanz. Wir warteten und näherten uns dann langsam. Georgia studiert Spanisch und spricht wahnsinnig gut, sie begann sich mit der Frau zu unterhalten, die uns erklärte, dass sie gerade ihre Steinschleuder bereitgemacht hatte. Sie mag es nicht, fotografiert zu werden – schon gar nicht ungefragt – und schreckt mit der Schleuder Touristen ab. Da wir aber alle unsere Handys eingesteckt gelassen hatten, sprach sie nun gerne mit uns. Sie erklärte, dass sie mit den Schafen jeden Tag von dem Dorf hinter dem kleinen Hügel über diese Berge wanderte. (Ich bin echt schlecht im Distanzen abschätzen, aber es sah sehr weit weg aus…) Sie lebte schon ihr Leben lang in dieser abgeschiedenen Region, früher hatten sie kein Licht, bis heute verwenden sie das Wasser aus den Bergflüssen und die Kinder reiten zur Schule. Einmal im Monat fahren sie nach Humahuaca mit dem Bus, um die nötigsten Besorgungen zu machen, ab und zu fahren jedoch auch Transporter in die Städtchen. Alles, was nicht Kartoffeln oder Fleisch ist, müssen sie kaufen – auf dieser Höhe und so abgeschieden wächst praktisch nichts. Die Hirtin begleitete uns zurück zum Auto. Peter und ich waren unglaublich froh, dass wir Georgia dabei hatten, ansonsten wäre uns dieser Austausch mit der fröhlichen Einheimischen entgangen.

Iruya ist ein wahnsinnig pittoreskes Dörfchen, eingequetscht in ein schmales Tal, umgeben von zauberhaften Bergen. Wir erreichten es etwa um 16.30 Uhr und mussten mit Schrecken feststellen, dass fast alles geschlossen hatte. Und zwar nicht nur bis 17 Uhr wie in Salta, sondern bis 19 oder sogar 20 Uhr. Gut hatten wir seit dem Frühstück um 9 Uhr nichts mehr gegessen…

Wir spazierten also ein bisschen herum, fanden einen Kiosk mit Bananen und Bier sowie einen Spiel- und Trainingsplatz, der meines Erachtens auf die falsche Seite ausgerichtet worden war: statt mit Sicht auf die Berge, mit Sicht auf die Häuserfassaden. Wer tut so etwas? Wahrscheinlich sahen die Geräte deshalb so heruntergekommen aus, weil niemand ausser ich sie benutzt.

Gutes tun für den Körper

Wir blieben eine Nacht in Iruya, die Landschaft war so eindrücklich, dass wir alle völlig erschöpft waren und uns eine teure Nacht gönnten.

Am nächsten Morgen – wir wollten eigentlich den trockenen Fluss hinunter fahren – liefen wir auf dem Hauptplatz in eine Versammlung. Das heisst: Flaggen wurden gehisst, Schüler lasen Geschichten vor und dann wurde auch tänzerisch etwas dargeboten, von allen Altersklassen.

Nach zwei Stunden Tanz und Gesang, entschieden wir uns gegen die Flussfahrt. Die Rückfahrt von Iruya nach Humahuaca war dann deutlich schneller als die Hinfahrt, wir (und unsere durchgeschüttelten Eingeweide) feierten die Einfahrt auf die Teerstrasse.

Georgias Plan war am Freitag Hornocal zu besuchen und ich hatte mich irgendwo auf der Dirtroad entschieden, am Samstag mit Peter nach Bolivien zu fahren und dann von Tupiza aus eine viertägige Tour mit Ende in San Pedro de Atacama zu machen. Wir waren bereits so nahe an der bolivianischen Grenze, dass es sich irgendwie falsch anfühlte, nach San Pedro (in Chile) zu fahren und von dort aus eine Rundtour zu machen (die durch Bolivien führen würde). Peter war zudem froh, jemanden mitzunehmen, der wenigstens (möglicherweise) verstand, was sie an der Grenze wollten, und ich war und bin auch froh, wenn ich keine Grenzen in einem Nachtbus überqueren muss.

Und. Hallo? Noch kurz einen ungeplanten Abstecher nach Bolivien? Warum nicht…

Auf jeden Fall trafen wir in Humahuaca ein und stolperten in einige Hostels, um nach Vakanzen und Preisen zu fragen. Die Vakanzen waren kein Problem, die meisten gaben zu, dass sie momentan nur ein oder zwei Gäste hatten. Wir schlugen allerdings erst bei einem Hostel zu, dass uns für 250 Pesos pro Nacht inklusive Frühstück unterbringen wollte. Wir kriegten sogar ein Privatzimmer, denn ausser zwei Argentinierinnen war niemand hier…

Am Freitag wollte ich einen Pausentag einlegen, um Wäsche zu waschen und – tatsächlich – zu bloggen. Ich blogge nämlich nicht nur für euch, sondern auch für mich, damit ich das Geschehene Revue passieren lassen kann. Ich glaube, mein Gehirn würde explodieren, wenn ich wie unsere französischen Freunde von Ort zu Ort rennen würde, ohne ab und zu einfach zu ruhen und darüber nachzudenken, was ich alles erlebt hatte.

Und somit sind wir alle wieder up-to-date: Es ist Freitagabend, morgen geht es nach Bolivien, wo ich wahrscheinlich ein paar Tage ohne Internet auskommen muss… Wir hören uns in Chile!

(PS: Peter bat mich, uns auch von seiner tollen Fahrweise und seiner unglaublichen Stärke zu berichten. 500 Push-ups, 250 davon einarmig. Er hat das Auto auch über den Fluss getragen. Entspricht alles der Wahrheit. Ich schwöre!)

Roadtripping

Tag 1, Roadtrip nach Purmamarca

Am Sonntag ging es schon früh los. Das heisst, so ungefähr um 10.30 Uhr. Schliesslich mussten wir zuerst alle noch erwachen und frühstücken und die Roadtrip-Teilnehmer wurden neu gemischt. Das heisst: Peter fuhr definitiv mit seinem Auto mit, Willem wollte auch mitkommen, und da das Mietauto der Franzosen relativ klein war, gönnte ich mir den Luxus, bei Peter mitzufahren (was zu guter Letzt auch einiges günstiger ausfiel, da er nur eine Beteiligung an den Benzinkosten wünschte und ich mir somit die Miete sparte). Den Franzosen war das auch recht. Als wir endlich alle ready to go bei den Autos standen – es sind nicht die Frauen, die lange brauchen, um fertig zu werden –, fiel ihnen allerdings ein, dass sie ja Franzosen waren und deshalb noch Croissants brauchten, ansonsten würden sie die knapp dreistündige Fahrt nach Purmamarca nicht überstehen. Oh. Und Geld. Lasst uns doch mal einen ATM suchen… Nach ein paar Wochen in Argentinien bin ich schon sehr viel geduldiger geworden, meine Toleranz beschränkt sich allerdings auf Südamerikaner, auf Europäer warte ich immer noch nicht gerne.

Die Fahrt nach Purmamarca führte uns vorbei an Quebradas, Überresten von Flüssen und wunderschönen Hügeln. Die Franzosen, die vor uns fuhren, fuhren dann einmal direkt an Purmamarca vorbei. Nach einem U-Turn auf der leeren Strasse, fanden wir aber den Weg ins Städtchen. Das ist richtig niedlich: viele Marktstände, Restaurants und sogar WCs für Touristen – aber sonst ziemlich ruhig. Wir konnten uns nur vorstellen, wie es hier in der Hochsaison von Touristen wimmeln musste. Wir unternehman nur eine kleine, knapp einstündige Wanderung (obwohl man das noch nicht einmal Wanderung nennen kann) rund um Purmamarca und zum Cerro de los Siete Colores (Berg der sieben Farben).

Purmamarca

Purmamarca befindet sich auf ungefähr 2300 m. ü. M. Unterdessen hatte ich mich an diese Höhe gewöhnt, aber sobald es extrem steil wurde auf dem kleinen Rundgang, merkte man uns allen an, dass wir doch noch mit der Höhe kämpften. Es war zudem ziemlich heiss und gleichzeitig windig, was nicht gerade half.

On the road

Nach dem Rundgang mit herrlicher Aussicht fuhren die Franzosen und Willem weiter nach Tilcara, wo wir unser Lager für die Nacht aufschlagen wollten. Der ursprüngliche Plan war, dass wir weiter zu den Salinas Grandes fahren wollten – die Franzosen erklärten uns allerdings erst nach dem gemütlichen Aufenthalt in Purmamarca, dass sie diese schon bei ihrer Fahrt nach Argentinien gesehen hatten und, da sie sowieso die Salt Flats in Bolivien besuchen wollten, nicht wirklich Interesse hatten da hin zu fahren. Peter und ich entschieden uns, dass wir die Fahrt trotzdem machen wollten, es schien nicht zu weit weg zu sein und wir hatten noch Kapazität für mehr Naturspektakel.

Was wir allerdings nicht berücksichtigt hatten, war, dass die Strecke zu den Salinas nicht einfach geradeaus ging: Zuerst mussten wir auf einer steinigen Landstrasse auf 4170 Meter steigen. Oben angekommen, sahen wir die Salinas in der Ferne. Und entschieden uns nach einigem Hin und Her, umzukehren, denn zum Einen war diese Höhe langsam echt anstrengend, vor allem auch für Peter, der fuhr, zum Anderen hatte die steile Strasse den Tank ziemlich geleert und wir waren uns nicht sicher, ob wir die Steigung von den Salinas hoch wieder schaffen würden.

Da, in der Ferne, sind die Salinas Grandes

Unterdessen hätten wir von den Franzosen eine Nachricht erhalten sollen, in welchem Hostel sie eingecheckt hatten. Ich musste sie allerdings alle einzeln anschreiben, bis ich eine Antwort erhielt. Als wir im Hostel ankamen, schaute mich Seb, der mir versprochen hatte, mich zu informieren, völlig entgeistert an: Er habe keine argentinische SIM-Karte und wollte sich nicht mit dem WiFi verbinden… (Stellt euch hier einen völlig entgeisterten Gesichtsausdruck meinerseits vor.)

Am Abend gingen wir essen (wie die Argentinier erst nach 10 Uhr) und setzten uns danach (ohne Peter) in eine Bar mit Live-Musik. Bis 4 Uhr morgens. Für mich war das People-Watching auf höchstem Niveau, schliesslich war ich mit vier Jungs (alle um die 25) aus, die mit ihrem fast nicht existenten Spanisch versuchten Südamerikanerinnen aufzureissen. Nachdem die Live-Band zusammengepackt hatte, sassen statt uns fünf, plötzlich 15 Leute an unserem Tisch – inklusive Matthias, einem älteren Einheimischen, von dem wir vermuteten, dass er der Besitzer des Lokals war.

Der erfolgloseste Aufreisser war der eine Franzose, der relativ gut Spanisch konnte, sich – scheinbar erfolgreich – mit zwei Mädels unterhielt und uns am Ende des Abends mitteilte, dass beide vergeben waren. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Der erfolgreichste war Seb – zwar nicht bei den Frauen – aber er schaffte es, uns mit einer schrecklichen Gesangseinlage und einem versuchten Strip gratis Bier von Matthias einzusacken. Matthias versuchte uns zwar zu erklären, dass ihm das Lokal nicht gehörte, und er uns eigentlich nichts ausgeben konnte – aber der Gesang war so schrecklich, dass er auch keine andere Möglichkeit mehr sah, als uns ein Bier auszugeben (abgesehen davon gab es sonst niemanden mehr in der Bar, bei dem wir für das Bier hätten bezahlen können). Erst zwei Abende später fanden wir übrigens heraus, was genau Matthias’ Aufgabe in der Bar war. Dazu aber in einem anderen Blog.

Tag 2, Roadtrip nach Humahuaca/Hornocal

Nach der langen Nacht brachen wir so gegen 11 Uhr auf zu unserem Roadtrip-Tag 2. Gemäss Routenplaner sollten wir in 1,5 Stunden bei dem Cerro de los 14 Colores (Hornocal) ankommen. Auch hier war aber die Dirtroad nicht eingerechnet. Während die Franzosen in einem ziemlichen Tempo vorausfuhren, genossen wir die Aussicht und schonten das Auto, schliesslich gehörte das Auto Peter und war kein Mietauto – und er war seit einigen Tagen auf der Suche nach einem Ersatzrad, also wäre eine Panne ziemlich ungünstig…

(Habe ich schon erwähnt, dass die Franzosen sich auch in Humahuca verfuhren und statt die Brücke nach Hornocal zu nehmen, daran vorbei fuhren und uns fast in ein trockenes Flussbett fuhren? Nein? Tja dann.)

Auf 3500 m. ü. M. angekommen, raubte uns die Aussicht einmal mehr den Atem (schon wieder wortwörtlich)! Es war noch viel besser als Purmamarca. Wir spazierten etwa 20 Minuten auf die Hügelkette zu, bis wir zu einem Aussichtspunkt kamen. Es war unglaublich. Kein Foto kann dieser Sicht gerecht werden. Wir sassen eine zeitlang einfach da, eingemummelt, weil es doch sehr windig und kalt war, und starrten die Berge an.

Keine Chance, die Schönheit dieser Bergkette in einem Bild festzuhalten
2 Franzosen, 1 Burrito, 1 Australier und 1 Belgier

Zurück in unserem superfancy Hostel (Hostel Los Molles in Tilcara), schmiedeten wir Pläne für die weiteren Tage. Seb fuhr das Mietauto zurück nach Salta, seine Reisezeit war nach zwölf Monaten bald zu Ende. Die beiden anderen Franzosen, die seit sechs Wochen zusammen unterwegs waren, wollten dringend nach Bolivien – ohne einen Tag zu verlieren. Ursprünglich hätten sie mit Peter fahren sollen, doch der wollte nicht so Hals über Kopf aufbrechen. Zudem hatten wir eine Londonerin kennengelernt, die uns von Iruya erzählte, einem extrem abgeschiedenen Bergdörfchen, das im Sommer offenbar ein pulsierender Touristenort sein muss. Mein Plan war ursprünglich noch etwas in Tilcara zu bleiben, da es hier ein paar nette Cafés und Bars gab – Bars mit Jenga sind meine Favoriten, alle in Südamerika spielen Jenga. Einfach ein netter Ort zum Erkunden und Ausruhen. Danach wollte ich nach San Pedro de Atacama in Chile, um die Wüste zu erkunden.

Doch es sollte alles anders kommen…

Katzenbild für die Klicks 🤔😉 (mein Wärmekissen in Tilcara)

Salta La Linda

Ich wollte meinen Aufenthalt in Salta gemütlich beginnen, soll heissen, am Flughafen etwas essen und dann ganz gemütlich herausfinden, wie ich zum Hostel komme. Aus dem Flieger ausgestiegen, das Gepäck geschnappt, stand ich allerdings praktisch schon VOR dem Flughafen. Ziemlich schnell stellte ich fest, dass es hier keine Busse gab, dafür Shuttles zu den Hostels für 120 Pesos (etwa 2.50 CHF). Dann machen wir das natürlich so. (Es gab natürlich auch Taxis, die Hälfte davon aber mit rostigen Türen oder eingedrückten Nasen…)

Im Hostel angekommen, war der erste Eindruck einmal mehr nicht überzeugend. Aber daran gewöhnte ich mich auch schon. Ich brauchte einfach ein paar Minuten (Stunden, Tage) bis ich mich an einem neuen Ort wohl fühlte. Das 4er-Zimmer war ziemlich klein und bei voller Belegung trat man sich sicher gerne auf die Füsse. Dafür war es mit 200 Pesos pro Nacht das bisher günstigste. Als es sich Host Pablo dann zur Aufgabe machte, mir Spanisch beizubringen, und ich eine herrliche Dusche vorfand, war ich doch froh dieses Hostel, das etwa 20 Gehminuten vom Zentrum entfernt liegt, gewählt zu haben.

Salta zog mich direkt in seinen Bann. Sie nennen es nicht für nichts «Salta La Linda» (die Schöne). Es ist ruhig, besteht praktisch nur aus ein- und zweistöckigen Häusern, die Sonne scheint, die Wolken sind wunderschön und zu meiner Überraschung gibt es im Zentrum einige fancy Cafés und Restaurants – während die Fassaden seit Jahren (vielleicht sogar Jahrzehnten?) nicht mehr renoviert worden sind, sind die Interieurs teilweise supermodern.

An meinem zweiten Tag in Salta besuchte ich das wirklich faszinierende MAAM, Museo de Arqueología de Alta Montaña, welches die Geschichte der Inkas in der Region erzählt und die Mumien der Kinder von Llullaillaco ausstellt. Diese wurden in einem religiösen Ritual ungefähr um 1500 geopfert. Offenbar wurden sie unter Drogen gesetzt und zum Sterben (Erfrieren) auf dem 6739 Meter hohen Lullaillaco zurückgelassen, wo sie 1999 von Johan Reinhard gefunden wurden. Gruselig? Sehr!

Am Nachmittag gegen 15 Uhr wollte ich eigentlich den San Bernardo besteigen, der Hausberg, von dem aus man eine Panoramasicht auf Salta und Umgebung hat. Da ich allerdings – typisch argentinisch – erst um Mittag das Hostel verliess, stand ich erst gegen 16 Uhr am Fuss des Berges (in der Hitze) und entschied mich, die Gondelbahn nach oben zu nehmen. Für 200 Pesos (ein Weg) eine eher teure Fahrt, die Aussicht war aber tatsächlich wunderschön. Allerdings sind die Aktivitäten auf dem Gipfel ziemlich beschränkt, und da ich kein Bargeld mehr hatte und mich nicht in ein Café mit Aussicht setzen konnte, machte ich mich ziemlich bald an den Abstieg, der aus unzähligen Treppenstufen bestand. Immerhin war der Weg im Schatten und somit ziemlich gemütlich. (Nach unten zumindest, das Keuchen derjenigen, die den Weg nach oben machten, erzählte eine andere Geschichte.)

Im Hostel traf ich bisher nur ältere Argentinier(innen) an, was mir gerade recht war. Ich brauchte etwas «Me Time», um mich von den Strapazen des Weintrinkens in Mendoza zu erholen. Zudem hatte ich für Donnerstag eine Gruppentour nach Cafayate gebucht. Meine erste Gruppentour (vielleicht auch die letzte?). Um die Natur rund um Salta zu geniessen, ist es am besten, ein Auto zu mieten und einen Roadtrip zu machen – da das alleine etwas schwierig ist, entschied ich mich für die Gruppentour. Was allerdings bedeutete, dass ich am Donnerstag zwischen 7 und 8 Uhr abgeholt werden würde, was bei meinem aktuellen Lebensstil nicht nur früh, sondern mitten in der Nacht bedeutete.

Am Donnerstag war ich also typisch schweizerisch um Punkt 7 Uhr abholbereit. Und wartete bis 7.55 Uhr. Offenbar sind alle vor mir abgeholt worden. Ich hatte den grossen Wunsch, im Bus zu schlafen, allerdings war die Idee dieses Ausflugs ja, die Natur zu sehen. Also musste ich wohl oder übel die Augen offen halten. Aus der Stadt raus, war dies aber auch nicht schwierig. Schon rund um Salta herum erstrecken sich wunderschöne Landschaften, die weiten Felder und grünen Berge im Hintergrund in der Nähe Saltas, wandeln sich zu roten, grünen, weissen kargen Trocken- und Wüstenlandschaften und -bergen. EIN TRAUM!

Der erste Stop war ein WC-Stop. Oder für mich ein Kaffee-hol-Stop. Denn wie man sich das so vorstellt, fahren pro Tag mehrere Touribusse dieselbe Route. Wir hatten 15 Minuten Zeit. Die Schlange zur Toilette war endlos. Die Schlange zum Kaffee etwas kürzer. Also entschied ich mich für Kaffee.

Während wir so durch die Quebrada de las Conchas («quebrada» ist ein Tal mit einem Fluss, der in der Trockenzeit kein Wasser führt) fuhren, dachte ich mir noch, dass es mit dem eigenen Auto sicherlich etwas cooler wäre, weil man dann HIER – mitten im Nirgendwo – anhalten könnte, um ein Foto zu schiessen, während der Bus einfach nur die bekannten Sehenswürdigkeiten anfährt. Keine zwei Minuten später erklärte uns Maria, unser Guide, dass wir super im Zeitplan lagen und deshalb in der nächsten Kurve einen Extrastop für Fotos einlegen würden. Kann sie Gedanken lesen?

Im Bus hatte es mehrere ältere Pärchen und Familien mit Kindern (insgesamt waren wir etwa 18 Leute) und bei diesem Stop wurde ich von einigen gefragt, wie es denn so sei, alleine zu reisen. Ich packte mein bestes Spanisch aus und war begeistert von der Liebenswürdigkeit und dem Interesse der Argentinier. Ebenso gab es ein deutsches Pärchen im Bus, mit denen ich dann erst ein paar Stops weiter ins Gespräch kam und mit denen ich ein paar Reisetips austauschte, denn sie reisten ungefähr die umgekehrte Route wie ich.

Zurück zur Landschaft (die Fotos werden dem Anblick nicht gerecht, es ist gigantisch):

Garganta del Diablo (die Touristen verstecken sich zum Glück)
Anfiteatro
Aussichtspunkt Tres Croces

Auf dem Heimweg legten wir nur noch einen Lama-Stop ein:

Das Lama ist rechts

Und dann einen WC-Stop. Bei dem ich bemerkte, dass ich im Bus gut eine Stunde geschlafen hatte. Ich war ziemlich überrascht, als ich die Augen öffnete und statt der roten kargen Berge plötzlich wieder grün sah.

Etwa um 19 Uhr wurde ich im Hostel abgeladen, wo ich direkt in drei Franzosen stolperte. (Wörtlich, denn als ich die Eingangstür öffnete, standen sie direkt dahinter.) Keine Stunde später hatte ich einen Roadtrip-Deal: Sie wollten für vier Tage ein Auto mieten, zwei Tage in den Süden (die Tour, die ich gerade gemacht hatte und ein bisschen mehr) und dann zwei Tage in den Norden (die Tour, die ich ab Sonntag für eine unbestimmte Anzahl Tage machen wollte, aber mir noch nicht ganz klar war, wie das ohne Auto funktionieren sollte). Und ich war fasziniert (das heisst, ich bin es immer noch), denn ich hatte mich gefragt, wie es denn andere Reisende schafften, einen Roadtrip zu organisieren und fand es bereits etwas schade, dass ich nicht auf den Geschmack eines solchen kommen würde. Und dann, so einfach: «Hallo. Wer bist du, woher kommst du, wie lange reist du, wir mieten ein Auto, hast du Lust mitzukommen?» Ich habe zwar gelernt, dass man nicht zu Unbekannten ins Auto steigen sollte. Aber ich denke, hier machen wir eine Ausnahme. (Für alle, die Angst haben, dass ich jemanden zu Tode fahre: Ich habe meinen Führerschein nicht mitgenommen und werde deshalb kein Strassenrisiko darstellen.)

Keine Vibes in Córdoba

Mein Aufenthalt in Córdoba hat grossartig angefangen. Um nicht mitten in der Nacht eine Bushaltestelle suchen zu müssen, wählte ich das bequeme Taxi. Ich hatte vorgängig etwas gegoogelt, da man bei Taxifahrten in Südamerika grundsätzlich vorsichtig sein sollte. Die Taxis am Flughafen seien aber alle sicher (ausser man steigt natürlich zu irgendeinem Fremden in ein unbeschriftetes Auto ein – aber dann ist man auch einfach ein bisschen doof). Also fuhr ich mit Juan zu meinem Hostel. Obwohl ich ihm erklärte, dass ich nicht viel Spanisch spreche, machte er Konversation, zeigte mir spannende Orte, erklärte mir, welches Hotel ich in Salta, wenn ich denn da sei, unbedingt nehmen müsse, drückte mir einen Stadtplan in die Hand und zeigte mir beim Hostel auch noch in welche Richtung die Hauptattraktionen seien. Total aufgestellt von der netten Taxifahrt (und immer noch aufgedreht vom tollen Flug) betrat ich das Hostel und flog dem Rezeptionisten – immer noch breit grinsend – fast in die Arme. Ein «Achtung Stufe»-Schild wäre hier auf jeden Fall (haha) eine gute Investition.

Der Rezeptionist grinste genauso doof wie ich. Anfänglich dachte ich, er macht sich über mich lustig – soll er doch –, dann erklärte er mir, dass dies sein erster Arbeitstag sei. Entsprechend verliefen wir uns auf dem Weg zu meinem Zimmer auch zweimal. Angekommen, stellte sich heraus, dass sie mich spontan (und ohne Aufpreis) in einen 6er- statt 8er-Schlag umgebucht hatten, damit ich mir nicht das Schnarchen von sieben Männern anhören musste. In diesem Zimmer war bisher nur eine Frau untergebracht, die aber keine der drei Nächte in ihrem Bett verbrachte. (Sondern wahrscheinlich irgendwo bei ein paar «Saideiras».) Wir unterhielten uns nicht. Sie seufzte jedesmal so verzweifelt, wenn sie mich sah, dass ich ihr nicht zu nahe treten wollte.

Zwei meiner drei Tage in Córdoba regnete und nieselte es. Ich stürmte von Laden zu Laden, suchte ein interessantes Museum (das, das mich am meisten interessierte, hatte natürlich erst ab Dienstag geöffnet – also keine Geschichte Córdobas für mich), und versuchte die Schönheit der Stadt auch bei Regen zu entdecken, so wie dies in Rosario der Fall war… aber die Funken wollten nicht fliegen.

In einer Regenpause suchte ich den Parque Sarmiento auf, der einen See besass, auf dem man bei gutem Wetter Pedalo fahren kann. Nun gut, ein Seechen, das schon fast voll war mit versunkenen Booten. Drei Jungs versuchten tatsächlich noch ein Pedalo zu manövrieren (das liegt jetzt wahrscheinlich auch auf Grund). Der Park wirkte, als wäre seit Jahren niemand mehr hier gewesen. Ja, diese Endzeitstimmung gefiel mir irgendwie… aber ganz ehrlich: In dieses Wasser möchte ich nicht fallen. Und so hielt ich mich von den Booten fern.

Am Sonntagabend wagte ich mich dann an den Handwerkermarkt, der nur am Samstag und am Sonntag von 16 bis 22 Uhr stattfindet. Ich war gegen 21 Uhr da, nachdem mir die Rezeptionistin versichert hatte, dass es nicht gefährlich sei, ich könne auch mit dem Handy in der Hand rumspazieren, «nothing will happen». Und sie hatte recht. Das einzige, das passierte, war, dass ich das hippe Güemes-Quartier kennenlernte, das mit schönen Bars und modernen Restaurants aufwartete und die Studenten Córdobas versammelte. Hier steckte er also, der Charme von Córdoba.

Am Montag (also heute) schien dann endlich überraschenderweise die Sonne. Da mein Bus nach Mendoza erst um 22 Uhr fahren würde, streunte ich den Tag etwas durch die Stadt. Ich schlenderte den Alvear-Kanal entlang (der wirklich hübsch ist mit den schönen Steinmauern und den vielen krummen Bäumen) und fand auf dem Paseo Sobremonte eine kleine Oase mit schönem Blick auf den Palacio de Justicia.

Und dennoch: Córdoba ist wohl mein Paris Argentiniens. Denn auch in Paris war ich dreimal und – trotz schöner Flecken – hat die Stadt mich nie in ihren Bann gezogen.

Tigre und Rosario

(Bitte entschuldigt mein langes Schweigen – das WiFi wird von Hostel zu Hostel schwächer.)

Eigentlich wollte ich ja am Montag (22. April – lange her) bereits nach Rosario weiterreisen. Ich hatte auch schon ausgecheckt und sass mit meinen Lieblingsbrasilianern in der Lobby, da erfuhr ich, dass sie nach Tigre fahren wollten. Ich hatte schon sehr viel Positives über Tigre gehört und mir war mehrfach nahe gelegt worden, es zu besuchen. Aber alleine hatte ich keine Lust gehabt. Irgendwie fühlte ich mich aber auch noch nicht bereit, schon weiterzuziehen, und innerhalb von fünf Sekunden war der Entschluss gefasst und ich fuhr mit nach Tigre.

Dummerweise war in Tigre am Montag absolut nichts los. NICHTS. Schliesslich wollten auch die Tigre-aner einmal Wochenende haben. Das Einzige, was wir machen konnten, war eine Schifffahrt durch das Delta des Paraná. Eine Stunde lang braunes Wasser, kalte Winde, versunkene Schiffe und einsame Häuser. Die Natur in Tigre ist wunderschön, die Stimmung sehr friedlich. Wer aber etwas viel Energie hat und Action möchte, dem würde ich empfehlen, einen Tag auszusuchen, an dem die Museen und der Funpark geöffnet sind. Hinzu kam, dass gewisse Metro- und Zugstrecken ausgebaut wurden, wodurch wir einen extrem langen Weg hatten. Auf der Hinfahrt tanzten und sangen wir, auf der Rückfahrt war «der Pfuus duss» und wir schnarchten um die Wette. Kein Wunder: Wir hatten alle nicht mehr als drei Stunden geschlafen, weil wir am Abend zuvor wie Teenager mit Bier und Musik vor dem Polizeiposten gechillt hatten.

Tigre

Da am Abend Karaoke angesagt war (wir versuchten bereits seit Donnerstag eine Bar zu finden, die geöffnet hat – das Osterwochenende ist nicht unbedingt ein gutes Reisedatum), buchte ich zwei zusätzliche Nächte in Buenos Aires und entschied mich, erst am Mittwoch weiterzufahren. Der Karaoke-«Abend» dauerte bis Dienstag um 8 Uhr. Den Dienstag benötigte ich, um mich auszukurieren. Ich verschlief praktisch den ganzen Tag. Erst fürs Abendessen und zur «Saideira», unserem Abschiedsbier in der Lobby, kroch ich aus dem warmen Nest.

Am nächsten Tag ging es für mich dann weiter nach Rosario, einige der Gruppe waren schon weitergezogen, einige blieben. Der Abschied fiel mir wirklich schwer. Die Menschen waren mir ans Herz gewachsen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir uns wieder sehen werden.

Bevor ich nach Rosario kam, hatte ich natürlich etwas gegoogelt. Online findet man Tips wie «falls du da keine Familie hast oder geschäftlich hinmusst – bleib weg, viel zu gefährlich», aber auch das Gegenteil, dass es eine wunderschöne Stadt sei und so weiter. Da in Rosario die argentinische Flagge zum ersten Mal gehisst wurde und es auch Che Guevaras Geburtsort ist, wollte ich es mir dennoch anschauen. Eine kleine Stadt mit viel historischem Hintergrund kann ich mir doch nicht entgehen lassen.

Fast fünf Stunden dauerte die Busfahrt von Buenos Aires aus. Wobei wir nur schon 20 Minuten brauchten, um einmal um das Busterminal zu fahren – Buenos Aires ist momentan wirklich eine einzige grosse Baustelle.

Da der Bus ziemlich unterkühlt war, erreichte ich Rosario mit Halsschmerzen und Schnupfen. Als ich im Hostel ankam, hatte ich nicht das Gefühl, dass dieses Hostel gross zur Genesung beitragen würde. Es war zwar wirklich süss, sehr heimelig und eher wie Leben in einer Gastfamilie, aber die Zimmer hatten Glastüren, die sich nicht abschliessen liessen und die beiden Badezimmertüren konnte man auch nicht richtig schliessen. Man duschte praktisch in der Rezeption. Nun gut, ich denke, man gewöhnt sich mit jedem Hostelaufenthalt an neue Unannehmlichkeiten.

Ich begann also meinen Besuch in Rosario etwa so wie in Buenos Aires: grantig und genervt und alles andere als mit offenem Herzen. Hinzu kam, dass das Wetter wirklich schlecht war. Es regnete, war kalt und windig. Sehr windig. Nicht gerade das beste Wetter, um eine Stadt zu besichtigen. Und obwohl ich keine Lust hatte, musste ich unbedingt raus und eine Wäscherei finden. Mein gestörter Tagesablauf in Buenos Aires hatte irgendwie dazu geführt, dass ich keine saubere Wäsche mehr hatte. Als ich dann schon mal draussen war und mein Herz trotz des Wetters etwas öffnete, fand ich den Charme von Rosario ziemlich schnell: Die Stadt ist im Gegensatz zu Buenos Aires viel kleiner, die Gebäude nicht so einschüchternd hoch, aber historisch genauso wertvoll, zwischen «neuen» halbzerfallenen Papierhäusern hat es überall Schmuckstücke aus dem 17. Jahrhundert – und zumindest am Tag sehe ich keinen Grund, warum man der Stadt fernbleiben soll. Auch im Hostel wurde mir versichert, dass man im Zentrum am Tag total sicher ist. Und auch im Regen ist die Stadt wunderschön: Das Ufer des Paraná war bis auf die Fischer und mich praktisch verlassen und auch das atemberaubende Monument für die argentinische Flagge hatte ich fast für mich alleine. Ich kann mir nur vorstellen, wie schön Rosario sein muss, wenn die Sonne scheint und man am Ufer spazieren gehen kann, ohne davon gewindet zu werden, oder Kayak fahren oder auf der Flussinsel Reiten gehen…

Monumento a la Bandera, Rosario
Paraná-Ufer

Am Samstag, 27. April, fuhr (hier stand einmal «fahre») ich weiter zu den Iguazú-Wasserfällen. Ich möchte sowohl die argentinische wie auch die brasilianische Seite sehen. Das Wetter soll allerdings auch da eher regnerisch und gewitterig sein. Aber immerhin warm, bei 26° C.

Kleine Schritte, lange Wege

Der erste Tag

Mein Hostel liegt im Florida-Quartier, eine Fussgängerzone mit allerlei Läden, Strassenverkäufern und dutzenden «Cambio»-schreienden Geldwechslern. Meine ersten Schritte in dieser ungewohnten Umgebung sind zögerlich, werden immer bestimmter, und führen mich von den Menschenmengen weg in Richtung Naturschutzgebiet und Wasser. Dichtestress – nach vier Jahren im Home-Office muss ich mich wohl zuerst wieder an Menschen gewöhnen.

Wie schon am Flughafen ist das Presslufthammergeräusch auch in der Stadt ein dauernder Begleiter. Statt zielstrebig von A nach B, laufe ich planlose Kreise und Zickzack. Nach ein paar durch Absperrungen verursachten Sackgassen, gelange ich endlich ins Puerto-Madero-Quartier, in dem sich verglaste Hochhäuser aneinanderreihen, was mich sehr an Vancouver erinnert. Der Park Reserva Ecológica Costanera Sur, mein eigentliches Ziel, begrüsst mich dann aber leider mit geschlossenen Toren. Auf dem Schild steht gross: «Öffnungszeiten ab April: Dienstag bis Sonntag, 8 bis 18 Uhr.» Es ist April. 15 Uhr. Donnerstag. So viel zu den Schildern. Oh, da hängt ja noch ein handschriftliches, vielleicht steht da etwas dazu. Jup: «April, Dienstag bis Sonntag, 8 bis 18 Uhr.» Tja, dann nicht.

Ich schlendere also noch ein bisschen planlos umher, besichtige die Messi-Statue, von der bis auf die Füsse nichts mehr steht, und frage mich, was die perfekte Kleidung für dieses Klima wäre: Durch die vom Atlantik her wehenden Winde, ist es vor allem im Schatten sehr frisch, während es in der prallen Sonne fast unerträglich heiss ist. Hoffentlich gewöhne ich mich daran.

Die Füsse von Lionel Messi

Zu Fuss von Florida nach Palermo

An meinem zweiten Tag mache ich mich auf nach Palermo. Wenn es schon möglich ist, zu Fuss von Florida nach Palermo zu gelangen, will ich das auch tun! Unterwegs stolpere ich über ein paar Tourismusmagnete wie den Cementerio de la Recoleta – in einem dessen riesigen Mausoleen auch Eva Perón (besser bekannt als Evita) begraben liegt –, den EcoParque – früher der Zoo, tatsächlich sehe ich eine Giraffe und ein paar Strausse, der Rest ist abgesperrt, da (Überraschung!) im Umbau – sowie den Park um den Lago de Rosedal. Dieser Park ist wunderschön zurechtgemacht, beherbergt einen Poetenweg mit Büsten berühmter Dichter (auch Shakespeare ist dabei, juhuu), einen Rosenweg sowie eine kleine Theaterbühne im See. Hier gefällt es mir. Hier bleibe ich ein bisschen.

Lago de Rosedal

Nach etwas Erholung und insgesamt gut vier Stunden Fussmarsch, erreiche ich den Parque Norte beziehungsweise die dazugehörige Promenade, von der aus ich die Flussmündung des Rio de la Plata begutachten kann. Zuerst habe ich den Fluss gar nicht erkannt, mein verwöhntes Auge hat blaues Wasser erwartet, aber der Rio de la Plata trägt so viel Schlamm mit sich, dass das Wasser effektiv braun ist. Die Anzahl Fischer (unendlich viele) lässt darauf schliessen, dass es immerhin nur Schlamm ist und nichts Schädliches.

Rio de la Plata

Ziemlich kaputt, verschwitzt und hungrig betrete ich ein Restaurant. Der Kellner und ich erschrecken wohl gleichermassen. Es erstaunt mich sehr, dass hier, an diesem «abgelegenen» Ort, nur Menschen in Businessklamotten sitzen und auch die Kellner mit weissem Hemd und Sakko zurechtgemacht sind. Und der Kellner (und die Gäste), finden es wohl nicht prickelnd, wenn sich ein Tourist im Tanktop und Sportschuhen in diese gediegene Atmosphäre verläuft… Nichtsdestotrotz werde ich ganz freundlich bedient und geniesse meine Cerveza in dem hübschen Patio. (Trotz gediegener Atmosphäre, ist es zum Glück durchaus bezahlbar.)

Hin und zurück

Nun bin ich vier Stunden da hinausgewatschelt, nun muss ich auch wieder zurück. Damit sich der Ausflug so richtig lohnt, wähle ich einen Weg dem Fluss entlang. Gemäss maps.me wäre der auch etwas kürzer. Durch die erschwerenden Umstände (Baustellen…) muss ich allerdings einmal mehr in den Zickzack-Marsch verfallen, was dazu führt, dass ich erst beim Eindunkeln wieder in Florida bin. Und hier finde ich den Spirit, den ich bisher etwas vermisst habe. Die Fussgängerzonen sind hübsch beleuchtet, Menschen schlendern durch die Strassen (und rennen nicht) und irgendwie ist es fast schon friedlich. Hier gefällt es mir, hier bleibe ich ein bisschen.

Highlight:

Trotz meines auffälligen Touristenlooks und dem mich als Hostelgast markierenden Papierarmbändchen werde ich zweimal auf Spanisch nach dem Weg gefragt. Einmal kann ich sogar helfen. Mit Händen. Ohne Füsse.