Abenteuer Cigana

Während hier in meinem virtuellen Tagebuch grösstenteils Stillschweigen herrschte … schwieg auch mein Leben vor sich hin. Ich war ein bisschen arbeitslos (bin ich eigentlich immer noch) und aufgrund des beschränkten Budgets lagen keine grossen Sprünge drin. Ich hatte aber den Entschluss gefasst, mein Leben etwas zu pfeffern und der Persönlichkeit Nr. 13, die in mir schlummert, endlich eine Stimme zu geben: der Zigeunerin. Mama erzählte mir, dass unsere Vorfahren deutsche Reisende waren und ein Wagenrad in ihrem Wappen trugen. Mama erzählte mir allerdings auch, sie sei eine chinesische Spionin. Irgendwann werde ich es vielleicht schaffen, beide Behauptungen zu überprüfen.

Auf jeden Fall entschied ich mich, meine angebrochene Südamerikareise wieder aufzunehmen und nach Brasilien zu fliegen. Zum Einen ist das Leben da günstiger, zum Anderen hoffte ich, meine Reiselust zu stillen und mit Aufträgen als freiberufliche Übersetzerin zu finanzieren. Das Schlimmste, das passieren kann? Ich kann mir keinen Rückflug mehr leisten und muss untertauchen. Oder werde ausgeschafft. Oder… Man weiss es nicht.

Startschwierigkeiten

Der Tag der Abreise rückte unaufhörlich näher. Meine beste Freundin und ihr Mann fuhren mich zum Flughafen Zürich, wo mein Flug nach Florianópolis (über Lissabon und Rio) um 18 Uhr starten sollte. Die Tränen waren echt, die Nervosität auch. Das Zmittag-Bier hatte allerdings seine Wirkung getan und die Hyperventilier-Panik-Attacken wurden weniger.

Alles verlief reibungslos. Als bei der Sicherheitskontrolle der Alarm ging, wurde ich umgehend informiert, dass es nur eine Quotenkontrolle sei, wäre ich später durchgegangen, hätte nichts gepiepst. (Ausser jemand von euch hatte denen gesagt, sie sollen mich aufhalten? Hat nicht geklappt, ha!)

Meine Siebensachen und ich überstanden die Kontrolle unbeschadet, stürzten uns durch die kopfschmerzbereitende Dufry-Abteilung und guckten uns die grossen blauen Abflug-Tafeln an. Hach da stand der Flug: 18 Uhr nach Lissabon. Daneben in rot stand aber «Neue Info um 1800». Alle Flüge drumherum: pünktlich, boarding, go to gate, pipapo, trallalala. Tja dann. Lustigerweise war ich, seit ich das Gepäck eingecheckt hatte, tiefenentspannt – hier, am Flughafen, vor einem grossen Abenteuer, fühlte ich mich zuhause.

Um 17.30 Uhr wurde uns mitgeteilt, dass der Start auf 20.30 Uhr verschoben worden war. Da ich in Lissabon eigentlich vier Stunden zum Umsteigen gehabt hätte, schien dies noch wunderbar zu passen. Wir starteten dann auch mehr oder weniger pünktlich. Ich freute mich auf das Abendessen im Flieger, auch wenn ja meistens eklig, denn langsam verhungerte ich kläglich. Es gab eine Tüte Chips und einen Mini-Karottenkuchen. Nicht gerade ein hungerstillendes Gourmetmenü, aber Essen ist Essen. Danach breitete ich mich auf «meinen» drei Sitzen aus und liess mich von den Turbulenzen in den Schlaf schütteln. Das Umsteigen in Lissabon verlief reibungslos: Ich wurde direkt beim Aussteigen von «Rio»-schreiendem Bodenpersonal durch die leere Passkontrolle gelotst (der Rio-Flug war der letzte an diesem Tag) und ging zügig an 20 Gates vorbei bis zu Gate 45. Völlig verschwitzt (mmmh) erreichte ich das Gate – und den Rest des Fussvolkes. Obwohl das Boarding theoretisch schon seit einer Stunde geöffnet hatte, war da wohl noch niemand eingestiegen. Was ich super fand, war, dass bei TAP nach den Business-Kunden, die Leute ohne Handgepäckskoffer einsteigen dürfen. Also Menschen mit Handtaschen und Rucksäcken. Menschen wie ich. Und das waren wenige.

[Riu tschi Schaneeru]

Der Rio-Flug war ziemlich ausgebucht und ich war so k. o., dass ich mehrfach einschlief und fast das Abendessen verpasste. Damit ich hier noch ein wenig weiter stänkern kann: Im Endeffekt hätte ich es auch verpassen können. Zu Pastabrei verkochte Hörnli mit totgekochten Karotten und Erbsen, darin trockenes Hähnchen. Wie der Herr schräg vorne zwei Portionen davon verdrücken konnte, ist mir ein Rätsel. Immerhin gabs für Anna, den Dessertmenschen, Dessert. Zumindest einen Löffel davon. Buäh. Ich freute mich schon auf das Frühstück. Nicht.

Ich glaube, das war der erste Langstreckenflug überhaupt, den ich ohne Filmschauen verbrachte. Nach dem «Essen» döste und schlief ich mit Musik in den Ohren und der heiligen Schlafmaske auf den Augen. Ich verschlief auch fast den herrlichen Sonnenaufgang und das seltsame Frühstück (um Welten besser als das Abendessen) – erst als wir über Rio einflogen, war ich hellwach und kriegte fast einen Herzstillstand: Zum Einen, weil es wunderschön war, so grün und flauschig, am liebsten hätte ich mich in den wohlgeformten Hügeln vergraben, und zum Anderen, weil mir erst hier so einiges bewusst wurde und ich mich zum ersten Mal fragte: Was tust du eigentlich? Mal wieder einen Furz gehabt und ohne zu studieren losgedüst? Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Haja. Aber ändern konnte ich es nun nicht mehr. Hallo Brasilien! Jetzt hast du mich an der Backe.

Ich habe jetzt einen Stempel in meinem sonst noch so unbefleckten neuen Pass. Rund sechs Stunden verbrachte ich in Rio. Zwei Schritte davon auch ausserhalb des Flughafens. Die dicke Wand aus Hitze trieb mich allerdings direkt wieder in das nett gekühlte Gebäude. Wenn alles gut gehen würde, würde ich ja früher oder später in Rio vorbei kommen. Rio konnte warten.

Der Flughafen in Rio ist ziemlich bequem, an den Gates hat es richtig geile Liegestühle. Statt angestrengt herumzusitzen/stehen. Kann man sich da bequem hinlegen, dem Flugbetrieb zuschauen oder wegdösen. Ich glaube, ich bin effektiv weggedöst. Als ich nämlich Hunger-Pipi-Kalt-mässig aufstand, merkte ich, dass der zuvor (ich war um 6 Uhr gelandet) so leere Flughafen unterdessen wild belebt war.

Floripa

Der Flug nach Florianópolis war, wie schon der Flug von Zürich nach Lissabon, halb leer und ich konnte es mir auf einer gaaanzen Sitzreihe gemütlich machen. Diesmal schlief ich allerdings nicht und genoss den Landeanflug in vollen Zügen: Einmal von West nach Ost über die Insel, etwas über das Festland und wieder zurück. Von oben sah das gar nicht so gross aus. Aber extrem verlockend. Huii, ich konnte es kaum erwarten!

Kaum aus dem sehr hübschen Flughafen raus, durchströmten mich die Endorphine. Diese Luft! Es roch so gut! Und es war so warm. (Und extrem windig.) Aber es roch so gut. Nach Meer und Wind und frischer Luft und eigentlich gar nicht nach Flughafen. Auf der Suche nach einem Taxi fand ich dann auch noch eine Schweizer Freundin. Nennen wir sie Helga:

Hier gefällt es mir. Hier bleibe ich ein bisschen.

Salt-Flats-Tour

Erster Halt in Bolivien: Tupiza. Hier wollte ich eine viertägige Tour buchen, die mich durch die Wüstenlandschaft im westlichen Bolivien, über die Salt Flats von Uyuni, und dann auch direkt nach San Pedro de Atacama in Chile bringen würde. Natürlich hatte ich die Rechnung ohne die Nebensaison gemacht. Mit Peter und Sandrine, einer Belgierin, die wir im Hostel kennengelernt hatten, klapperte ich die Agenturen ab. (Wir waren auch noch auf der Suche nach Ausritten zu Pferd.) Alle erklärten mir dasselbe: Die Nachfrage nach Touren, die in San Pedro enden, ist zu gering, ABER wir können dir diese Tour (15 Minuten Erklärung) mit Ende in Uyuni empfehlen, von Uyuni gibt es dann einen Bus (oder ein doppelt so teures Shuttle), der dich über die Grenze bringt. Mit einem flauen Gefühl im Bauch, buchte ich die Tour über unser Hostel (nachdem ich mir den – immer gleichen – Tourbeschrieb von vier unterschiedlichen Agenturen geduldig angehört hatte). Normalerweise wäre dies alles kein Problem gewesen und unter normalen Umständen wäre ich danach wahrscheinlich in Bolivien geblieben und rumgereist, aber ich hatte vor ein paar Wochen zugesagt, mich in Santiago mit Diego (aus Brasilien) und José (aus Santiago) zu treffen, die ich in Buenos Aires kennengelernt hatte. Damals klang das noch völlig harmlos, stellte mich aber jetzt tatsächlich vor das Problem, dass ich zeitlich eingeschränkt war. Und das wiederum brachte mich etwas aus der Ruhe.

Um auf andere Gedanken zu kommen, gönnten wir uns am Nachmittag einen dreistündigen Ausritt zu Pferd. Es war herrlich! Ich fühlte mich wie in einem Western. Wir ritten vorbei an der Puerta del Diablo (ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Puertas und Gargantas del Diablo es in Südamerika gibt) bis hin zum Cañon del Inca, der gemäss unserem Tourguide eigentlich einfach ein Canyon war, bis ihm jemand einen netten Namen für die Touristen gab.

Puerta del Diablo
Ziegen im Inca-Canyon
Gaucho Peter

Am nächsten Morgen (es war Mittwoch, wenn ich mich richtig erinnere) ging die Salt-Flats-Tour für mich schon um 7 Uhr los. Oder um 7.30 Uhr. Eigentlich noch später. Mir wurde am Abend davor nämlich gesagt, die Tour starte um 7 Uhr und wir würden in den Bergen frühstücken. Am Morgen hiess es dann aber, dass wir im Hostel frühstücken (trockenes Brot und Milch mit Kaffeearoma) und dann um 7.30 Uhr losfahren würden. (Oder dann, wann auch immer das Auto kommen würde.) Meine ursprüngliche Besorgtheit, dass diese Tour vielleicht nur ältere Menschen machten, löste sich schnell in Luft auf, als ich meine vier Mittourer kennenlernte: Mit sechs Jahren Abstand war ich die Älteste der Truppe… Zeit, sich alt zu fühlen.

Die vier Tage vergingen wie im Flug! Die Nächte nicht unbedingt. Meine erste Nacht auf über 4000 Metern und bei etwa –12° C gestaltete sich als eher schwierig. Ich schlief keine zwei Stunden. Aber was will ich mich beklagen. Der Tag davor und die Tage danach waren herrlich: Wir fuhren durch traumhafte Landschaften, hatten einen begnadeten Fahrer, der sich Mühe gab, als Erster an den Aussichtspunkten anzukommen (oder sogar etwas abseits hielt, damit wir nicht dauernd andere Touristen im Blick hatten…), assen an spektakulären Orten zu Mittag, badeten in natürlichen Thermen, machten mysteriöse Fotos von und vor Geysiren, spielten Karten, tranken Wein (sehr grässlichen Wein, dennoch ein herzliches Dankeschön an die drei Jungs auf der Tour, dass ihr uns mit Schokolade und Alkohol versorgt habt) und trotzten Wind und Kälte, um auf dem Salar de Uyuni Sonnenunter- und Sonnenaufgang sowie den unbeschreiblich klaren Sternenhimmel zu sehen.

Laguna Colorado
Mittagessen in der Ciudad del Encanto
Copa del Mundo (von hinten 🤷🏻‍♀️)
Salar de Uyuni

Die Tour war wirklich ein Erfolg, und wenn ihr die Möglichkeit habt, eine solche Tour zu machen, tut es. Am besten von Tupiza aus, das gibt einen Tag mehr herrliche Landschaft… Der «Umweg» hatte sich für mich wirklich mehr als gelohnt!

In Uyuni angekommen, suchte sich jeder ein Ticket nach wohin auch immer er oder sie gehen wollte. Ich entschied mich, nach Calama in Chile zu fahren und dann dort einen Bus zu suchen, der mich direkt weiter nach Antofagasta bringen würde, wo ich drei Tage bleiben wollte. San Pedro de Atacama wäre ein zu grosser Umweg (von Calama aus nochmal drei Stunden und dann wieder zurück, zudem müsste man hier noch einmal ein paar Tage Touren einplanen) und ich hatte genug von der kalten Wüste gesehen. (Auch Antofagasta liegt in der Wüste, aber da gibt es auch Meer. Und Wärme. Juhuu!) See you there!

Von A nach B über C, D und vielleicht auch E

Das mehr oder weniger planlose Reisen gefällt mir wunderbar. Man geht einfach mit dem Flow. Anstatt alles schon gebucht zu haben, kann man mitten im Tag seine Meinung und die Route ändern.

Georgia, aus London, hatte uns beim Jenga von Iruya erzählt, diesem Bergdörfchen, das sie unbedingt besuchen wollte. Peter biss an und fand, da würde er auch gerne hinfahren. Ich könne auch mit, wenn ich denn wolle. So sicher war ich mir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber ich könne mich auch am nächsten Morgen entscheiden.

Nach dem Jenga in der einen Bar (ich verlor drei von sechs Runden, durfte den Titel als Jenga-Queen aber behalten), besuchten wir noch die Bar vom grossen Matthias. Diesmal etwas früher und somit zum richtigen Zeitpunkt: Wir erlebten Matthias in Aktion. Er war zuständig, den Besuchern die einheimische Kultur näher zu bringen. So zeigte er traditionelle Kleidung und spielte diverse Instrumente. Er erklärte uns, dass dies ein Familienbetrieb war und er sein Zimmer nur eine Tür weiter hatte.

Matthias

Nun gut, am nächsten Morgen war ich die Faulheit in Person. Ich war eigentlich schon fest entschlossen noch mindestens einen Tag in Tilcara zu bleiben und meine Jeans zu flicken, die ich ungünstiger Weise zerrissen hatte, stundenlang im hübschen Café mit dem guten Apfelkuchen zu sitzen… da überzeugte mich Georgia, dass ich doch mitkommen soll. Unbedingt. Es ist nicht schwierig, mich zu einem Abenteuer zu überreden, und so packte ich meine Jeans weg, zog meine Wanderhose an, verlor direkt die Hälfte eines Hosenbeins, weil der Reissverschluss kaputt ging, fluchte, zog Strumpfhosen mit Jeansshorts an und war ready to go. Zwei kaputte Hosen in einem Tag? Damit kann ich umgehen. Vor allem bei den eiskalten Temperaturen, die momentan aufgrund des starken Windes herrschten. Kein Problem.

Wir liessen also die Katzen zurück und brachen auf zu Roadtrip-Tag 3. Wir wurden direkt belohnt: Die Szenerie war der Hammer! Die Zeitangaben der Routenplaner war einmal mehr nicht zutreffend, diesmal hielten wir allerdings auch exzessiv häufig für Fotos. Der Weg war nach Iruya war definitiv ein sehr grosser Teil des Ziels!

Der Höhepunkt? Die farbigen Berge, die völlig unerwartet in der Ferne auftauchten und von denen nie jemand spricht (vielleicht die Rückseite von Hornocal?) – und alles, was danach passierte. Auch hier mussten wir wieder eine ziemliche Höhendifferenz auf einer Landstrasse zurücklegen und als wir fast auf dem Gipfel angekommen waren, hielten wir und wanderten über steinige Felder in Richtung der bunten Berge. Zwischen uns und den Bergen lag ein weites Tal. Plötzlich tauchten Hunde auf der Höhe auf. Und Schafe. Und dann sichteten wir sie: eine Hirtin in traditionellen Kleidern. Während die Hunde bellend auf uns zu rasten, wahrte sie Distanz. Wir warteten und näherten uns dann langsam. Georgia studiert Spanisch und spricht wahnsinnig gut, sie begann sich mit der Frau zu unterhalten, die uns erklärte, dass sie gerade ihre Steinschleuder bereitgemacht hatte. Sie mag es nicht, fotografiert zu werden – schon gar nicht ungefragt – und schreckt mit der Schleuder Touristen ab. Da wir aber alle unsere Handys eingesteckt gelassen hatten, sprach sie nun gerne mit uns. Sie erklärte, dass sie mit den Schafen jeden Tag von dem Dorf hinter dem kleinen Hügel über diese Berge wanderte. (Ich bin echt schlecht im Distanzen abschätzen, aber es sah sehr weit weg aus…) Sie lebte schon ihr Leben lang in dieser abgeschiedenen Region, früher hatten sie kein Licht, bis heute verwenden sie das Wasser aus den Bergflüssen und die Kinder reiten zur Schule. Einmal im Monat fahren sie nach Humahuaca mit dem Bus, um die nötigsten Besorgungen zu machen, ab und zu fahren jedoch auch Transporter in die Städtchen. Alles, was nicht Kartoffeln oder Fleisch ist, müssen sie kaufen – auf dieser Höhe und so abgeschieden wächst praktisch nichts. Die Hirtin begleitete uns zurück zum Auto. Peter und ich waren unglaublich froh, dass wir Georgia dabei hatten, ansonsten wäre uns dieser Austausch mit der fröhlichen Einheimischen entgangen.

Iruya ist ein wahnsinnig pittoreskes Dörfchen, eingequetscht in ein schmales Tal, umgeben von zauberhaften Bergen. Wir erreichten es etwa um 16.30 Uhr und mussten mit Schrecken feststellen, dass fast alles geschlossen hatte. Und zwar nicht nur bis 17 Uhr wie in Salta, sondern bis 19 oder sogar 20 Uhr. Gut hatten wir seit dem Frühstück um 9 Uhr nichts mehr gegessen…

Wir spazierten also ein bisschen herum, fanden einen Kiosk mit Bananen und Bier sowie einen Spiel- und Trainingsplatz, der meines Erachtens auf die falsche Seite ausgerichtet worden war: statt mit Sicht auf die Berge, mit Sicht auf die Häuserfassaden. Wer tut so etwas? Wahrscheinlich sahen die Geräte deshalb so heruntergekommen aus, weil niemand ausser ich sie benutzt.

Gutes tun für den Körper

Wir blieben eine Nacht in Iruya, die Landschaft war so eindrücklich, dass wir alle völlig erschöpft waren und uns eine teure Nacht gönnten.

Am nächsten Morgen – wir wollten eigentlich den trockenen Fluss hinunter fahren – liefen wir auf dem Hauptplatz in eine Versammlung. Das heisst: Flaggen wurden gehisst, Schüler lasen Geschichten vor und dann wurde auch tänzerisch etwas dargeboten, von allen Altersklassen.

Nach zwei Stunden Tanz und Gesang, entschieden wir uns gegen die Flussfahrt. Die Rückfahrt von Iruya nach Humahuaca war dann deutlich schneller als die Hinfahrt, wir (und unsere durchgeschüttelten Eingeweide) feierten die Einfahrt auf die Teerstrasse.

Georgias Plan war am Freitag Hornocal zu besuchen und ich hatte mich irgendwo auf der Dirtroad entschieden, am Samstag mit Peter nach Bolivien zu fahren und dann von Tupiza aus eine viertägige Tour mit Ende in San Pedro de Atacama zu machen. Wir waren bereits so nahe an der bolivianischen Grenze, dass es sich irgendwie falsch anfühlte, nach San Pedro (in Chile) zu fahren und von dort aus eine Rundtour zu machen (die durch Bolivien führen würde). Peter war zudem froh, jemanden mitzunehmen, der wenigstens (möglicherweise) verstand, was sie an der Grenze wollten, und ich war und bin auch froh, wenn ich keine Grenzen in einem Nachtbus überqueren muss.

Und. Hallo? Noch kurz einen ungeplanten Abstecher nach Bolivien? Warum nicht…

Auf jeden Fall trafen wir in Humahuaca ein und stolperten in einige Hostels, um nach Vakanzen und Preisen zu fragen. Die Vakanzen waren kein Problem, die meisten gaben zu, dass sie momentan nur ein oder zwei Gäste hatten. Wir schlugen allerdings erst bei einem Hostel zu, dass uns für 250 Pesos pro Nacht inklusive Frühstück unterbringen wollte. Wir kriegten sogar ein Privatzimmer, denn ausser zwei Argentinierinnen war niemand hier…

Am Freitag wollte ich einen Pausentag einlegen, um Wäsche zu waschen und – tatsächlich – zu bloggen. Ich blogge nämlich nicht nur für euch, sondern auch für mich, damit ich das Geschehene Revue passieren lassen kann. Ich glaube, mein Gehirn würde explodieren, wenn ich wie unsere französischen Freunde von Ort zu Ort rennen würde, ohne ab und zu einfach zu ruhen und darüber nachzudenken, was ich alles erlebt hatte.

Und somit sind wir alle wieder up-to-date: Es ist Freitagabend, morgen geht es nach Bolivien, wo ich wahrscheinlich ein paar Tage ohne Internet auskommen muss… Wir hören uns in Chile!

(PS: Peter bat mich, uns auch von seiner tollen Fahrweise und seiner unglaublichen Stärke zu berichten. 500 Push-ups, 250 davon einarmig. Er hat das Auto auch über den Fluss getragen. Entspricht alles der Wahrheit. Ich schwöre!)

Roadtripping

Tag 1, Roadtrip nach Purmamarca

Am Sonntag ging es schon früh los. Das heisst, so ungefähr um 10.30 Uhr. Schliesslich mussten wir zuerst alle noch erwachen und frühstücken und die Roadtrip-Teilnehmer wurden neu gemischt. Das heisst: Peter fuhr definitiv mit seinem Auto mit, Willem wollte auch mitkommen, und da das Mietauto der Franzosen relativ klein war, gönnte ich mir den Luxus, bei Peter mitzufahren (was zu guter Letzt auch einiges günstiger ausfiel, da er nur eine Beteiligung an den Benzinkosten wünschte und ich mir somit die Miete sparte). Den Franzosen war das auch recht. Als wir endlich alle ready to go bei den Autos standen – es sind nicht die Frauen, die lange brauchen, um fertig zu werden –, fiel ihnen allerdings ein, dass sie ja Franzosen waren und deshalb noch Croissants brauchten, ansonsten würden sie die knapp dreistündige Fahrt nach Purmamarca nicht überstehen. Oh. Und Geld. Lasst uns doch mal einen ATM suchen… Nach ein paar Wochen in Argentinien bin ich schon sehr viel geduldiger geworden, meine Toleranz beschränkt sich allerdings auf Südamerikaner, auf Europäer warte ich immer noch nicht gerne.

Die Fahrt nach Purmamarca führte uns vorbei an Quebradas, Überresten von Flüssen und wunderschönen Hügeln. Die Franzosen, die vor uns fuhren, fuhren dann einmal direkt an Purmamarca vorbei. Nach einem U-Turn auf der leeren Strasse, fanden wir aber den Weg ins Städtchen. Das ist richtig niedlich: viele Marktstände, Restaurants und sogar WCs für Touristen – aber sonst ziemlich ruhig. Wir konnten uns nur vorstellen, wie es hier in der Hochsaison von Touristen wimmeln musste. Wir unternehman nur eine kleine, knapp einstündige Wanderung (obwohl man das noch nicht einmal Wanderung nennen kann) rund um Purmamarca und zum Cerro de los Siete Colores (Berg der sieben Farben).

Purmamarca

Purmamarca befindet sich auf ungefähr 2300 m. ü. M. Unterdessen hatte ich mich an diese Höhe gewöhnt, aber sobald es extrem steil wurde auf dem kleinen Rundgang, merkte man uns allen an, dass wir doch noch mit der Höhe kämpften. Es war zudem ziemlich heiss und gleichzeitig windig, was nicht gerade half.

On the road

Nach dem Rundgang mit herrlicher Aussicht fuhren die Franzosen und Willem weiter nach Tilcara, wo wir unser Lager für die Nacht aufschlagen wollten. Der ursprüngliche Plan war, dass wir weiter zu den Salinas Grandes fahren wollten – die Franzosen erklärten uns allerdings erst nach dem gemütlichen Aufenthalt in Purmamarca, dass sie diese schon bei ihrer Fahrt nach Argentinien gesehen hatten und, da sie sowieso die Salt Flats in Bolivien besuchen wollten, nicht wirklich Interesse hatten da hin zu fahren. Peter und ich entschieden uns, dass wir die Fahrt trotzdem machen wollten, es schien nicht zu weit weg zu sein und wir hatten noch Kapazität für mehr Naturspektakel.

Was wir allerdings nicht berücksichtigt hatten, war, dass die Strecke zu den Salinas nicht einfach geradeaus ging: Zuerst mussten wir auf einer steinigen Landstrasse auf 4170 Meter steigen. Oben angekommen, sahen wir die Salinas in der Ferne. Und entschieden uns nach einigem Hin und Her, umzukehren, denn zum Einen war diese Höhe langsam echt anstrengend, vor allem auch für Peter, der fuhr, zum Anderen hatte die steile Strasse den Tank ziemlich geleert und wir waren uns nicht sicher, ob wir die Steigung von den Salinas hoch wieder schaffen würden.

Da, in der Ferne, sind die Salinas Grandes

Unterdessen hätten wir von den Franzosen eine Nachricht erhalten sollen, in welchem Hostel sie eingecheckt hatten. Ich musste sie allerdings alle einzeln anschreiben, bis ich eine Antwort erhielt. Als wir im Hostel ankamen, schaute mich Seb, der mir versprochen hatte, mich zu informieren, völlig entgeistert an: Er habe keine argentinische SIM-Karte und wollte sich nicht mit dem WiFi verbinden… (Stellt euch hier einen völlig entgeisterten Gesichtsausdruck meinerseits vor.)

Am Abend gingen wir essen (wie die Argentinier erst nach 10 Uhr) und setzten uns danach (ohne Peter) in eine Bar mit Live-Musik. Bis 4 Uhr morgens. Für mich war das People-Watching auf höchstem Niveau, schliesslich war ich mit vier Jungs (alle um die 25) aus, die mit ihrem fast nicht existenten Spanisch versuchten Südamerikanerinnen aufzureissen. Nachdem die Live-Band zusammengepackt hatte, sassen statt uns fünf, plötzlich 15 Leute an unserem Tisch – inklusive Matthias, einem älteren Einheimischen, von dem wir vermuteten, dass er der Besitzer des Lokals war.

Der erfolgloseste Aufreisser war der eine Franzose, der relativ gut Spanisch konnte, sich – scheinbar erfolgreich – mit zwei Mädels unterhielt und uns am Ende des Abends mitteilte, dass beide vergeben waren. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Der erfolgreichste war Seb – zwar nicht bei den Frauen – aber er schaffte es, uns mit einer schrecklichen Gesangseinlage und einem versuchten Strip gratis Bier von Matthias einzusacken. Matthias versuchte uns zwar zu erklären, dass ihm das Lokal nicht gehörte, und er uns eigentlich nichts ausgeben konnte – aber der Gesang war so schrecklich, dass er auch keine andere Möglichkeit mehr sah, als uns ein Bier auszugeben (abgesehen davon gab es sonst niemanden mehr in der Bar, bei dem wir für das Bier hätten bezahlen können). Erst zwei Abende später fanden wir übrigens heraus, was genau Matthias’ Aufgabe in der Bar war. Dazu aber in einem anderen Blog.

Tag 2, Roadtrip nach Humahuaca/Hornocal

Nach der langen Nacht brachen wir so gegen 11 Uhr auf zu unserem Roadtrip-Tag 2. Gemäss Routenplaner sollten wir in 1,5 Stunden bei dem Cerro de los 14 Colores (Hornocal) ankommen. Auch hier war aber die Dirtroad nicht eingerechnet. Während die Franzosen in einem ziemlichen Tempo vorausfuhren, genossen wir die Aussicht und schonten das Auto, schliesslich gehörte das Auto Peter und war kein Mietauto – und er war seit einigen Tagen auf der Suche nach einem Ersatzrad, also wäre eine Panne ziemlich ungünstig…

(Habe ich schon erwähnt, dass die Franzosen sich auch in Humahuca verfuhren und statt die Brücke nach Hornocal zu nehmen, daran vorbei fuhren und uns fast in ein trockenes Flussbett fuhren? Nein? Tja dann.)

Auf 3500 m. ü. M. angekommen, raubte uns die Aussicht einmal mehr den Atem (schon wieder wortwörtlich)! Es war noch viel besser als Purmamarca. Wir spazierten etwa 20 Minuten auf die Hügelkette zu, bis wir zu einem Aussichtspunkt kamen. Es war unglaublich. Kein Foto kann dieser Sicht gerecht werden. Wir sassen eine zeitlang einfach da, eingemummelt, weil es doch sehr windig und kalt war, und starrten die Berge an.

Keine Chance, die Schönheit dieser Bergkette in einem Bild festzuhalten
2 Franzosen, 1 Burrito, 1 Australier und 1 Belgier

Zurück in unserem superfancy Hostel (Hostel Los Molles in Tilcara), schmiedeten wir Pläne für die weiteren Tage. Seb fuhr das Mietauto zurück nach Salta, seine Reisezeit war nach zwölf Monaten bald zu Ende. Die beiden anderen Franzosen, die seit sechs Wochen zusammen unterwegs waren, wollten dringend nach Bolivien – ohne einen Tag zu verlieren. Ursprünglich hätten sie mit Peter fahren sollen, doch der wollte nicht so Hals über Kopf aufbrechen. Zudem hatten wir eine Londonerin kennengelernt, die uns von Iruya erzählte, einem extrem abgeschiedenen Bergdörfchen, das im Sommer offenbar ein pulsierender Touristenort sein muss. Mein Plan war ursprünglich noch etwas in Tilcara zu bleiben, da es hier ein paar nette Cafés und Bars gab – Bars mit Jenga sind meine Favoriten, alle in Südamerika spielen Jenga. Einfach ein netter Ort zum Erkunden und Ausruhen. Danach wollte ich nach San Pedro de Atacama in Chile, um die Wüste zu erkunden.

Doch es sollte alles anders kommen…

Katzenbild für die Klicks 🤔😉 (mein Wärmekissen in Tilcara)

Salta La Linda

Ich wollte meinen Aufenthalt in Salta gemütlich beginnen, soll heissen, am Flughafen etwas essen und dann ganz gemütlich herausfinden, wie ich zum Hostel komme. Aus dem Flieger ausgestiegen, das Gepäck geschnappt, stand ich allerdings praktisch schon VOR dem Flughafen. Ziemlich schnell stellte ich fest, dass es hier keine Busse gab, dafür Shuttles zu den Hostels für 120 Pesos (etwa 2.50 CHF). Dann machen wir das natürlich so. (Es gab natürlich auch Taxis, die Hälfte davon aber mit rostigen Türen oder eingedrückten Nasen…)

Im Hostel angekommen, war der erste Eindruck einmal mehr nicht überzeugend. Aber daran gewöhnte ich mich auch schon. Ich brauchte einfach ein paar Minuten (Stunden, Tage) bis ich mich an einem neuen Ort wohl fühlte. Das 4er-Zimmer war ziemlich klein und bei voller Belegung trat man sich sicher gerne auf die Füsse. Dafür war es mit 200 Pesos pro Nacht das bisher günstigste. Als es sich Host Pablo dann zur Aufgabe machte, mir Spanisch beizubringen, und ich eine herrliche Dusche vorfand, war ich doch froh dieses Hostel, das etwa 20 Gehminuten vom Zentrum entfernt liegt, gewählt zu haben.

Salta zog mich direkt in seinen Bann. Sie nennen es nicht für nichts «Salta La Linda» (die Schöne). Es ist ruhig, besteht praktisch nur aus ein- und zweistöckigen Häusern, die Sonne scheint, die Wolken sind wunderschön und zu meiner Überraschung gibt es im Zentrum einige fancy Cafés und Restaurants – während die Fassaden seit Jahren (vielleicht sogar Jahrzehnten?) nicht mehr renoviert worden sind, sind die Interieurs teilweise supermodern.

An meinem zweiten Tag in Salta besuchte ich das wirklich faszinierende MAAM, Museo de Arqueología de Alta Montaña, welches die Geschichte der Inkas in der Region erzählt und die Mumien der Kinder von Llullaillaco ausstellt. Diese wurden in einem religiösen Ritual ungefähr um 1500 geopfert. Offenbar wurden sie unter Drogen gesetzt und zum Sterben (Erfrieren) auf dem 6739 Meter hohen Lullaillaco zurückgelassen, wo sie 1999 von Johan Reinhard gefunden wurden. Gruselig? Sehr!

Am Nachmittag gegen 15 Uhr wollte ich eigentlich den San Bernardo besteigen, der Hausberg, von dem aus man eine Panoramasicht auf Salta und Umgebung hat. Da ich allerdings – typisch argentinisch – erst um Mittag das Hostel verliess, stand ich erst gegen 16 Uhr am Fuss des Berges (in der Hitze) und entschied mich, die Gondelbahn nach oben zu nehmen. Für 200 Pesos (ein Weg) eine eher teure Fahrt, die Aussicht war aber tatsächlich wunderschön. Allerdings sind die Aktivitäten auf dem Gipfel ziemlich beschränkt, und da ich kein Bargeld mehr hatte und mich nicht in ein Café mit Aussicht setzen konnte, machte ich mich ziemlich bald an den Abstieg, der aus unzähligen Treppenstufen bestand. Immerhin war der Weg im Schatten und somit ziemlich gemütlich. (Nach unten zumindest, das Keuchen derjenigen, die den Weg nach oben machten, erzählte eine andere Geschichte.)

Im Hostel traf ich bisher nur ältere Argentinier(innen) an, was mir gerade recht war. Ich brauchte etwas «Me Time», um mich von den Strapazen des Weintrinkens in Mendoza zu erholen. Zudem hatte ich für Donnerstag eine Gruppentour nach Cafayate gebucht. Meine erste Gruppentour (vielleicht auch die letzte?). Um die Natur rund um Salta zu geniessen, ist es am besten, ein Auto zu mieten und einen Roadtrip zu machen – da das alleine etwas schwierig ist, entschied ich mich für die Gruppentour. Was allerdings bedeutete, dass ich am Donnerstag zwischen 7 und 8 Uhr abgeholt werden würde, was bei meinem aktuellen Lebensstil nicht nur früh, sondern mitten in der Nacht bedeutete.

Am Donnerstag war ich also typisch schweizerisch um Punkt 7 Uhr abholbereit. Und wartete bis 7.55 Uhr. Offenbar sind alle vor mir abgeholt worden. Ich hatte den grossen Wunsch, im Bus zu schlafen, allerdings war die Idee dieses Ausflugs ja, die Natur zu sehen. Also musste ich wohl oder übel die Augen offen halten. Aus der Stadt raus, war dies aber auch nicht schwierig. Schon rund um Salta herum erstrecken sich wunderschöne Landschaften, die weiten Felder und grünen Berge im Hintergrund in der Nähe Saltas, wandeln sich zu roten, grünen, weissen kargen Trocken- und Wüstenlandschaften und -bergen. EIN TRAUM!

Der erste Stop war ein WC-Stop. Oder für mich ein Kaffee-hol-Stop. Denn wie man sich das so vorstellt, fahren pro Tag mehrere Touribusse dieselbe Route. Wir hatten 15 Minuten Zeit. Die Schlange zur Toilette war endlos. Die Schlange zum Kaffee etwas kürzer. Also entschied ich mich für Kaffee.

Während wir so durch die Quebrada de las Conchas («quebrada» ist ein Tal mit einem Fluss, der in der Trockenzeit kein Wasser führt) fuhren, dachte ich mir noch, dass es mit dem eigenen Auto sicherlich etwas cooler wäre, weil man dann HIER – mitten im Nirgendwo – anhalten könnte, um ein Foto zu schiessen, während der Bus einfach nur die bekannten Sehenswürdigkeiten anfährt. Keine zwei Minuten später erklärte uns Maria, unser Guide, dass wir super im Zeitplan lagen und deshalb in der nächsten Kurve einen Extrastop für Fotos einlegen würden. Kann sie Gedanken lesen?

Im Bus hatte es mehrere ältere Pärchen und Familien mit Kindern (insgesamt waren wir etwa 18 Leute) und bei diesem Stop wurde ich von einigen gefragt, wie es denn so sei, alleine zu reisen. Ich packte mein bestes Spanisch aus und war begeistert von der Liebenswürdigkeit und dem Interesse der Argentinier. Ebenso gab es ein deutsches Pärchen im Bus, mit denen ich dann erst ein paar Stops weiter ins Gespräch kam und mit denen ich ein paar Reisetips austauschte, denn sie reisten ungefähr die umgekehrte Route wie ich.

Zurück zur Landschaft (die Fotos werden dem Anblick nicht gerecht, es ist gigantisch):

Garganta del Diablo (die Touristen verstecken sich zum Glück)
Anfiteatro
Aussichtspunkt Tres Croces

Auf dem Heimweg legten wir nur noch einen Lama-Stop ein:

Das Lama ist rechts

Und dann einen WC-Stop. Bei dem ich bemerkte, dass ich im Bus gut eine Stunde geschlafen hatte. Ich war ziemlich überrascht, als ich die Augen öffnete und statt der roten kargen Berge plötzlich wieder grün sah.

Etwa um 19 Uhr wurde ich im Hostel abgeladen, wo ich direkt in drei Franzosen stolperte. (Wörtlich, denn als ich die Eingangstür öffnete, standen sie direkt dahinter.) Keine Stunde später hatte ich einen Roadtrip-Deal: Sie wollten für vier Tage ein Auto mieten, zwei Tage in den Süden (die Tour, die ich gerade gemacht hatte und ein bisschen mehr) und dann zwei Tage in den Norden (die Tour, die ich ab Sonntag für eine unbestimmte Anzahl Tage machen wollte, aber mir noch nicht ganz klar war, wie das ohne Auto funktionieren sollte). Und ich war fasziniert (das heisst, ich bin es immer noch), denn ich hatte mich gefragt, wie es denn andere Reisende schafften, einen Roadtrip zu organisieren und fand es bereits etwas schade, dass ich nicht auf den Geschmack eines solchen kommen würde. Und dann, so einfach: «Hallo. Wer bist du, woher kommst du, wie lange reist du, wir mieten ein Auto, hast du Lust mitzukommen?» Ich habe zwar gelernt, dass man nicht zu Unbekannten ins Auto steigen sollte. Aber ich denke, hier machen wir eine Ausnahme. (Für alle, die Angst haben, dass ich jemanden zu Tode fahre: Ich habe meinen Führerschein nicht mitgenommen und werde deshalb kein Strassenrisiko darstellen.)

Free Wine in Mendoza

Mendoza

Am Mittwoch um 7 Uhr in der Früh gelangte ich nach einer gemütlichen zehnstündigen Busfahrt nach Mendoza. Wie üblich (schliesslich schon das zweite Mal) nach langen Busfahrten, bestand meine erste Amtshandlung darin, die Toilette aufzusuchen. Als ich meine Hände trocknen wollte, wurde ich von einem kleinen Mädchen angegrinst. Es dauerte einige Sekunden, bis ich aus dem Tiefschlaf erwachte und merkte, dass, während sie die Hände wirklich unter einen Trockner hielt, ich meine nur unter einen leeren Papierspender hielt… Nach dieser Blamage spazierte ich im Sonnenaufgang 40 Minuten lang durch Mendoza zum Hostel. Bereits nach zehn Minuten fragte ich mich, wie es Menschen möglich ist, mit einem Reiserucksack (der keine zwölf Kilo schwer ist) längere Strecken zu gehen. Der Gurt drückte unglaublich in meine Eingeweide. Bis ich merkte, dass dies nicht der Gurt sondern mein Pass im Bauchgürtel war, den ich intelligenterweise unter dem Rucksackgurt platziert hatte, vergingen schmerzhafte Minuten. Offenbar war ich doch noch nicht ganz so wach.

Im Hostel angekommen durfte ich mein Zimmer überraschenderweise direkt beziehen – in aller Stille, denn in drei Betten schlummerten noch Mädels. Dann erkundete ich mich am Empfang, was ich denn so machen könnte. Gaston, der Besitzer, gab fröhlich Auskunft über alles – sogar Reitausflüge und Weintouren konnte man direkt im Hostel buchen. Das merkte ich mir für später.

Für den Anfang schlenderte ich, wie immer, etwas planlos durch die Stadt. Das Zentrum ist nicht sonderlich gross, umfasst aber ein paar schöne Parks. Die Städte hier sind alle wunderbar symmetrisch aufgebaut, alles ist in hübsche «cuadros» aufgeteilt. Man könnte meinen, dass das Orientieren hier ein Kinderspiel ist. Während ich mich aber in Europa sehr selten verlaufe, kriegte ich es bisher schon öfter hin in die falsche Richtung zu gehen, weil durch die symmetrische Anordnung einfach alles gleich aussieht. Irgendwie.

Mendoza gefiel mir auf Anhieb. Die Häuser sind niedriger, die Luft besser, die Parks grüner. Ich freute mich schon darauf, die umliegenden Landschaften zu besichtigen.

Nach einer Siesta (obwohl die Busfahrt sehr viel besser war als die letzte, hatte ich nicht mehr als etwa drei Stunden geschlafen) machte ich mich auf zum riesigen Parque General San Martin mit künstlichem See und dem Cerro de la Gloria – von diesem Hügel aus habe man einen wunderbaren Panoramablick auf Stadt und Berge rundherum, hatte mir Gaston erzählt.

Nach einer knappen Stunde Fussmarsch erreichte ich den Park. Obwohl er relativ leer war, war er weitaus weniger verwahrlost als der in Córdoba. Auf dem See(chen) tummelten sich sogar ein paar Ruderer. Natürlich war das Wetter auch besser – aber das Wetter ist keine Entschuldigung für die versunkenen Pedalos… Ich setzte mich etwas an die Sonne und genoss die Aussicht. Danach machte ich mich auf zum Cerro de la Gloria. Dummerweise landete ich auf der falschen Seite des Hügels: Der Fussgängeraufstieg befand sich noch einmal 30 Minuten auf der anderen Seite des Hügels… Nun gut, es war ja erst 16 Uhr, da hatte ich noch massig Zeit. Der Umweg hatte allerdings auch seine Vorteile: Unterwegs galoppierte ein Gaucho an mir vorbei, mit einem Fohlen und einem Hund im Schlepptau. Ich sah ihnen nach und genoss das Westernfeeling.

Der Aufstieg zum Cerro de la Gloria war steil, dauerte aber nur etwa 15 Minuten. Und schon während dem Aufstieg hatte man einen wunderbaren Blick auf die umliegenden Berge und Dörfer. Herrlich. Ich bin wirklich ein Natur- und kein Stadtmensch. Hier gefällt es mir. Hier bleibe ich ein bisschen.

Dance the night away

Am Abend hatte ich grosse Lust mich einfach in mein Bett zu verkriechen, entschied mich aber, mich fürs Abendessen in die Küche zu wagen. Hier sassen bereits einige Leute zusammen, die sich – wie ich bald merkte – auch noch nicht länger als ein paar Tage, Stunden oder Minuten kannten. Der Abend begann also bei gemütlichen Kennenlerngesprächen – bis um 21.30 Uhr der Besitzer mit gratis Wein auftauchte. Es dauerte keine Stunde, da wurde die Hintergrundmusik zu Tanzmusik und die Gespräche zu Tanzbattles. Bis morgens um 3. Es tanzten Frankreich, England und die Schweiz gegen Kolumbien und Argentinien. ;o)

Mein erster Eindruck des Hostels war übrigens nicht unbedingt ein positiver: Die Duschen sind die ältesten, die ich bisher gesehen habe und offenbar hatten einige Zimmer Bettwanzen. Aber der Gratis-Wein-Trick gibt Extrapunkte. Mein ursprünglicher Wunsch das Hostel zu wechseln, verflüchtigte sich nämlich ziemlich schnell im Alkohol.

Noch mehr Wein

Tag Nummer zwei verbrachte ich mit Tuesday (die wirklich so heisst und die ich natürlich an einem Dienstag kennengelernt hatte). Wir wollten ein paar Weingüter in Chacras de Coria besuchen (rund um Mendoza befinden sich über 1200 Weingüter!), ein Städtchen direkt ausserhalb von Mendoza, mit dem Bus in einer Stunde zu erreichen.

Wir gingen erst gegen Mittag los, fühlten uns beide aber noch ziemlich betrunken. Ursprünglich wollten wir noch etwas essen, bevor wir uns in einer Bodega zum Wein degustieren meldeten, da wir unterwegs aber kein Restaurant und keinen Supermarkt antrafen und uns die 1200 Pesos für ein 3-Gang-Menü in der Bodega zu teuer waren (auch wenn es umgerechnet nur CHF 27 sind…), übersprangen wir das Essen und machten da weiter, wo wir aufgehört hatten: beim Wein. (Der natürlich einige Stufen besser war, als der Gratiswein im Hostel.)

Nach der Degustation und einer Führung (eines sehr begeisterten Guides) durch den kleinen Betrieb Clos de Chacras, marschierten wir fast eine Stunde zu einer entlegeneren Bodega. Diese bot leider keine Führung an und so sassen wir bei mehr Wein – und immer noch ohne Mittagessen – im wunderschönen Garten rum, genossen die Aussicht auf die Olivenbäume und die herbstlichen Reben. Falls man hier wohnen kann, würde ich das durchaus in Betracht ziehen.

Free Wine (again)

Übrigens: Am Abend gab es im Hostel wieder gratis Wein. Und Abendessen. ENDLICH was zu knabbern! Diesmal wurde nicht getanzt, aber getrunken. Und Reisetipps ausgetauscht. Und ich lernte den ersten Schweizer kennen – aus Bern. Nach einem Monat reisen, war es schön etwas erzählen zu können, ohne nach Worten ringen zu müssen!

Und jetzt? Jetzt wird ausgenüchtert.

Keine Vibes in Córdoba

Mein Aufenthalt in Córdoba hat grossartig angefangen. Um nicht mitten in der Nacht eine Bushaltestelle suchen zu müssen, wählte ich das bequeme Taxi. Ich hatte vorgängig etwas gegoogelt, da man bei Taxifahrten in Südamerika grundsätzlich vorsichtig sein sollte. Die Taxis am Flughafen seien aber alle sicher (ausser man steigt natürlich zu irgendeinem Fremden in ein unbeschriftetes Auto ein – aber dann ist man auch einfach ein bisschen doof). Also fuhr ich mit Juan zu meinem Hostel. Obwohl ich ihm erklärte, dass ich nicht viel Spanisch spreche, machte er Konversation, zeigte mir spannende Orte, erklärte mir, welches Hotel ich in Salta, wenn ich denn da sei, unbedingt nehmen müsse, drückte mir einen Stadtplan in die Hand und zeigte mir beim Hostel auch noch in welche Richtung die Hauptattraktionen seien. Total aufgestellt von der netten Taxifahrt (und immer noch aufgedreht vom tollen Flug) betrat ich das Hostel und flog dem Rezeptionisten – immer noch breit grinsend – fast in die Arme. Ein «Achtung Stufe»-Schild wäre hier auf jeden Fall (haha) eine gute Investition.

Der Rezeptionist grinste genauso doof wie ich. Anfänglich dachte ich, er macht sich über mich lustig – soll er doch –, dann erklärte er mir, dass dies sein erster Arbeitstag sei. Entsprechend verliefen wir uns auf dem Weg zu meinem Zimmer auch zweimal. Angekommen, stellte sich heraus, dass sie mich spontan (und ohne Aufpreis) in einen 6er- statt 8er-Schlag umgebucht hatten, damit ich mir nicht das Schnarchen von sieben Männern anhören musste. In diesem Zimmer war bisher nur eine Frau untergebracht, die aber keine der drei Nächte in ihrem Bett verbrachte. (Sondern wahrscheinlich irgendwo bei ein paar «Saideiras».) Wir unterhielten uns nicht. Sie seufzte jedesmal so verzweifelt, wenn sie mich sah, dass ich ihr nicht zu nahe treten wollte.

Zwei meiner drei Tage in Córdoba regnete und nieselte es. Ich stürmte von Laden zu Laden, suchte ein interessantes Museum (das, das mich am meisten interessierte, hatte natürlich erst ab Dienstag geöffnet – also keine Geschichte Córdobas für mich), und versuchte die Schönheit der Stadt auch bei Regen zu entdecken, so wie dies in Rosario der Fall war… aber die Funken wollten nicht fliegen.

In einer Regenpause suchte ich den Parque Sarmiento auf, der einen See besass, auf dem man bei gutem Wetter Pedalo fahren kann. Nun gut, ein Seechen, das schon fast voll war mit versunkenen Booten. Drei Jungs versuchten tatsächlich noch ein Pedalo zu manövrieren (das liegt jetzt wahrscheinlich auch auf Grund). Der Park wirkte, als wäre seit Jahren niemand mehr hier gewesen. Ja, diese Endzeitstimmung gefiel mir irgendwie… aber ganz ehrlich: In dieses Wasser möchte ich nicht fallen. Und so hielt ich mich von den Booten fern.

Am Sonntagabend wagte ich mich dann an den Handwerkermarkt, der nur am Samstag und am Sonntag von 16 bis 22 Uhr stattfindet. Ich war gegen 21 Uhr da, nachdem mir die Rezeptionistin versichert hatte, dass es nicht gefährlich sei, ich könne auch mit dem Handy in der Hand rumspazieren, «nothing will happen». Und sie hatte recht. Das einzige, das passierte, war, dass ich das hippe Güemes-Quartier kennenlernte, das mit schönen Bars und modernen Restaurants aufwartete und die Studenten Córdobas versammelte. Hier steckte er also, der Charme von Córdoba.

Am Montag (also heute) schien dann endlich überraschenderweise die Sonne. Da mein Bus nach Mendoza erst um 22 Uhr fahren würde, streunte ich den Tag etwas durch die Stadt. Ich schlenderte den Alvear-Kanal entlang (der wirklich hübsch ist mit den schönen Steinmauern und den vielen krummen Bäumen) und fand auf dem Paseo Sobremonte eine kleine Oase mit schönem Blick auf den Palacio de Justicia.

Und dennoch: Córdoba ist wohl mein Paris Argentiniens. Denn auch in Paris war ich dreimal und – trotz schöner Flecken – hat die Stadt mich nie in ihren Bann gezogen.

Liebeslied an Mutter Natur

Ich bin überwältigt. Permanent. Nach zwei wunderschön ruhigen und entspannenden Tagen am Hostelpool, machte ich mich heute auf, um nach Córdoba zu fliegen. Nur dank Ana hatte ich ja überhaupt in Erwägung gezogen, zu fliegen. Ich hatte mir sogar noch überlegt, ob der Bus nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, weil ich mir die schöne Landschaft anschauen könnte… Doch am Flughafen angekommen, vergass ich diesen Gedanken wieder. Die Sonne reiste bereits langsam dem Horizont entgegen, die Stimmung war einmal mehr unglaublich. Sanft. Friedlich.

Ich hatte für den knapp zweistündigen Flug vorgängig keinen spezifischen Sitzplatz ausgewählt, um Kosten zu sparen, und dachte, wenn es das Leben so gut mit mir meint wie bisher, dann werde ich beim Check-in gratis einen Fensterplatz kriegen. Und siehe da: Fensterplatz, links, hinter dem Flügel. Hätte ich einen Platz auswählen müssen, wäre es ziemlich sicher genau der gewesen. Ich hatte sogar zwei Fenster, nicht nur eins. Wie dekadent!

Noch am Boden hörte ich eine Version von «Remember me» (aus dem Animationsfilm «Coco») und durch die Regentropfen am Fenster sah ich die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwinden. Ich fühlte mich wie in einem kitschig-traurigen Film.

Als wir starteten, erstreckte sich unter mir der Dschungel und sogar den Iguazú-Fluss konnte ich sehen. Doch was mich viel mehr in den Bann zog, waren die Wolkenfelder. Verschiedenste Wolken in unterschiedlichen Sättigungen («50 Shades of Grey» vielleicht) und unterschiedlichen Formen zogen in allen möglichen Geschwindigkeiten an uns vorbei (oder wir an ihnen?). Egal, ob ich in die Ferne oder in die Tiefe schaute, es sah aus wie 2D-Kartonbühnenbilder mit Tiefenwirkung. Wie Fenster in verschiedene Welten… Magisch!

Der Sonnenuntergang spielte sich zwar auf der anderen Seite des Flugzeugs ab, dafür hatte ich die bunten Wolken … und die Blitze. DIE BLITZE! Nach all der natürlichen Kraft, die wir schon bei den Cataratas erlebt hatten, setzte Mutter Natur hier noch einen drauf und liess mich vom Logenplatz aus erleben, wie sie ihre angestaute Energie freisetzt. So viel Kraft! So viel natürliche Schönheit! Meine Emotionen fuhren Achterbahn.

Unterdessen war meine Playlist bei John Legends «All of me» angekommen. Und irgendwie fand ich im Refrain das perfekte Liebeslied an die Natur wieder…

’Cause all of me loves all of you

Love your curves and all your edges

All your perfect imperfections

Give your all to me

I’ll give my all to you

You’re my end and my beginning

Even when I lose I’m winning

Bin ich Nahe am Wasser gebaut? Nein. Ich bin ein Hausboot.

Cataratas del Iguazú

Eigentlich möchte ich hier gar nichts schreiben ausser: Fahrt da hin, schaut es euch auch, seid überwältigt! (Und macht unbedingt eine Speedboatfahrt unter die Wasserfälle, am besten in Badesachen und nicht in Jeans.)

… aber irgendwie gibt es dennoch so viel zu erzählen.

Von Rosario nach Puerto Iguazú fuhr ich mit einem Langstreckenbus der Gesellschaft Crucero del Norte. Weil ich relativ spontan buchte und am Samstag reisen wollte, gab es nur einen Bus, der nur über Semicama-Plätze verfügte (Sitze, die man maximal 160° neigen kann). Ich hatte entsprechend keine Wahl und erst im Bus wurde mir bewusst, dass diese Fahrt sogar länger sein würde als mein Flug nach Buenos Aires und ich irgendwie absolut nicht bereit dafür war. Netterweise hatte ich moralische Unterstützung und chattete die halbe Fahrt lang mit Brasilien. Diese moralische Unterstützung half aber nicht über den Gestank im Bus hinweg, auch nicht über die zig lebendigen und toten Schaben und noch weniger über die richtig eklige Toilette… Ich hatte vorgängig viel über Busfahrten in Südamerika gelesen, grundsätzlich seien die wirklich gut, ich glaube, ich hatte einfach ein unglückliches Händchen. Was allerdings auch bedeutet, dass jede zukünftige Busfahrt nur besser werden kann.

Die letzten fünf Stunden im Bus war das WC unbenutzbar – in Puerto Iguazú angekommen, war ich extrem dankbar, dass ich immerhin die Weisheit besessen hatte, ein Hostel vis-à-vis des Busterminals zu buchen. Ich rannte also mit meinem Gepäck über die Strasse, schmiss es in die Rezeption, fragte nach einem WC (der Check-in war erst ein paar Stunden später) und stand 15 Minuten vor einer verschlossenen WC-Tür. Erst ganz kurz vor der Explosion, öffnete sich die Tür und ein total glücklicher, frisch geduschter Asiate kam heraus. Er war ziemlich erstaunt, als ich ihn leicht rabiat aus dem Weg schaufelte…

Nun gut. Anschliessend sass ich ein paar Stunden im Städtchen rum, bevor ich einen Bus zum Park Güirá Oga nahm, der irgendwie spannend aussah (der Park, nicht der Bus). Zu den Wasserfällen wollte ich erst am Montag fahren, dafür braucht man mindestens einen Tag. Beim Park angekommen, stellte ich allerdings fest, dass sie im Dschungel verständlicherweise kein WiFi hatten für Kreditkartenzahlungen und ich zu wenig Bargeld dabei hatte. (Nach knappen drei Stunden Schlaf im Bus, sei mir verziehen, dass ich daran nicht gedacht hatte.) Ich machte mich also zu Fuss auf den Rückweg zum Hostel (gut 1,5 Stunden), kam an der Casa de las Botellas vorbei (ein Haus komplett aus Plastikflaschen, bei dem der Eintritt aber leider auch zu teuer war für mein Cash-Budget) und schliesslich zum Park La Aripuca, der mit 150 Pesos (knapp CHF 3.50) der günstigste war bisher. Ich sparte dann sogar noch 10 Pesos, weil der Kassierer Mitleid mit mir hatte, als ich mein Bargeld zusammenkratzte. La Aripuca (der Name einer Falle, mit der Tiere gefangen wurden, ohne sie zu verletzen) beinhaltet unter anderem eine solche «Aripuca» in Wohnhausgrösse, gebaut aus unterschiedlichen Bäumen aus dem Regenwald der Region Misiones. Ziemlich beeindruckend! Da können unsere (natürlich trotzdem sehr geliebten) Schweizer Bäumchen einpacken. Hier sah ich zudem eine Yerba-Mate-Pflanze, die Pflanze, aus der der Mate der Argentinier hergestellt wird.

La Aripuca

Anschliessend kraxelte ich ins Hostel. Da es in den Zimmern keinen WLAN-Empfang gibt, setzte ich mich in die Rezeption, wo ich einen Argentinier aus Rosario kennenlernte, der hier im Urlaub war. Er erzählte mir, dass er eine Spanierin kennengelernt hatte, die am Montag ebenfalls zu den Cataratas, den Wasserfällen, fahren wollte, sie und ich könnten uns ja zusammentun. Ich dachte mir nichts weiter dabei – wir wollen hier ja keine Zwangsfreundschaften erarbeiten.

Beim Frühstück am nächsten Morgen lernte ich die Spanierin dann allerdings kennen. Ana heisst sie. Es war Liebe auf den ersten Blick. Bereits bei den Leuten, die ich in Buenos Aires getroffen hatte, konnte ich den «Vibe» fühlen. Und mit Ana war es genauso. Wir unterhielten uns, als würden wir uns schon ewig kennen und natürlich fuhren wir zusammen zu den Wasserfällen.

Im Park angekommen, entschieden wir uns eine Speedboattour zu machen. Das ist mit 2000 Pesos im Vergleich zwar ziemlich teuer, aber Leute, es ist es Wert!

Zuerst machten wir allerdings einen Trail, weil die Tour erst eine Stunde später losging. Es gibt mehrere Trails, die alle sehr gut befestigt sind und mit denen auch die Flipflop-Träger kein Problem haben. Und während wir uns zu Beginn noch lautstark unterhalten hatten, waren wir plötzlich still und staunten wie kleine Kinder. Es ist wirklich unbeschreiblich schön. UNBESCHREIBLICH! Deshalb müsst ihr dorthin!

Vor lauter Staunen vertrödelten wir dann fast die Bootsfahrt und mussten rennen, um den Truck zu erwischen, der uns zum Anlegeplatz bringen würde. 30 Minuten dauerte die Fahrt durch den Dschungel, wobei uns Pflanzen und Tiere gezeigt wurden, die uns unterwegs begegneten. Für die Bootsfahrt kriegt man eine wasserdichte Tasche für den Rucksack und die Schuhe, weil man wird ja nass. Und dann ging es los. Nicht einfach geradeaus zu den Wasserfällen, sondern kreuz und quer über den Fluss, über Stock und Stein, eher wie eine Achterbahn- als eine Bootsfahrt. Genau nach meinem Geschmack! Und ja, wir wurden ein bisschen nass. Es wurde sogar einige Zeit für Fotostops eingeplant, damit jeder ein Foto von sich vorne auf dem Boot machen konnte. Und dann ging es erst so richtig los. Der Kapitän navigierte mehrere Male unter die Wasserfälle. Und wir wurden nicht nur ein bisschen nass. Sondern so richtig. Bis das Boot mit Wasser vollgelaufen war. Hätten wir doch zu Beginn wenigstens Hosen und T-Shirts ausgezogen… Aber nun gut… Spass gemacht hat es trotzdem. Und wie!

Nachdem wir uns mit den anderen unvorbereiteten Bootsfahrern im Dschungel ausgezogen und die Kleider ausgewrungen hatten, fuhren wir mit dem parkeigenen Zug zum grössten Wasserfall Garganta del Diablo. Die Sonne sank schon langsam und die Atmosphäre war atemberaubend. Wir liefen einige Minuten über die Stege, die über den sehr ruhigen, friedlichen Fluss führten, dessen Fläche sich bis in den Horizont erstreckt, bevor sich das sanfte Wasser rundherum in unzähligen Wasserfällen tosend in den Abgrund stürzt. Es gibt wirklich keine Worte für dieses Spektakel. Wir standen da. Schüttelten die Köpfe über dieses surreale Bild, das sich uns bot, und genossen die Kraft und Energie, die sich um uns herum entluden.

Mit immer noch nassen Kleidern, sprachlos und unendlich glücklich fuhren wir zurück ins Hostel. Was für ein perfekter Tag!