«Celebration of Life»

as Tal usually says.

Nun bin ich seit bald zwei Monaten in Brasilien und habe mir schon lange nicht mehr die Zeit genommen, für euch (und nicht einmal für mich) über meine Erfahrungen zu schreiben. Dies, weil ich praktisch nie alleine unterwegs war, und mein Gehirn so völlig mit Lernen und Eindrücken speichern beschäftigt war, dass ich einfach keine Lust hatte, auf meinem Bildschirmgerät zu tippen.

Barra da Lagoa, Florianópolis

Nun denn. Als ich von Lagoa da Conceição nach Barra da Lagoa umzog, befiel mich wie üblich eine gewisse Melancholie. Diese wollte ich mit einem zwölfstündigen Schlaf ersticken. Im Hostel sah ich nur sehr wenige Gäste und ich fühlte mich noch verlassener als sowieso schon (ich armes Kind). Leider hatte ich die Rechnung ohne den Samstagabend gemacht: Weit weg, unten am Strand, war ein Festival, dessen Musik und Geschrei vom Wind immer wieder an meine Ohren getragen wurde. So lag ich zwar gute zwölf Stunden im Bett, schlief davon aber keine sechs.

Sicht vom Hostel (ja, das Hostel ist nur zu Fuss zu erreichen)

Es fiel mir entsprechend schwer, mich am frühen Morgen aufzuraffen und joggen zu gehen – aber joggen am Strand (nicht im roten Badekleid), um 6.30 Uhr – hallo, wie geil ist das denn? (Wirklich jetzt. Ironiebefreit.) Und es lohnte sich tatsächlich, denn als ich zurückkam, fragte mich die Fremde, die in der Küche stand, ob ich das jeden Morgen mache, sie würde gerne mitkommen, sie bräuchte jemand, der sie motivierte. Ich klärte sie auf, dass ich zum ersten Mal seit seeeeeehr langer Zeit joggen gewesen war und ich zwar über eine Stunde weg gewesen war, jedoch nur gute zehn Minuten davon joggend verbracht hatte. Sie meinte, das sei kein Problem, sie sei schon seit Eeeeewigkeiten nicht mehr Joggen gewesen. (Dass sie allerdings seit acht Monaten mit dem Fahrrad durch Südamerika kurvte, verschwieg sie zu diesem Zeitpunkt frech.) Die Fremde heisst übrigens Diana und ist aus Rumänien, wohnt aber seit einiger Zeit in London und hat einen fast perfekten britischen Akzent.

Als ich ein paar Stunden später arbeitsuchend am Laptop sass, lernte ich Tal kennen. Wir unterhielten uns. Zwei Stunden lang. Tal ist aus Israel und Schauspielerin/Tänzerin/Künstlerin und das merkt man, ihre Art Kontakte zu knüpfen, Gespräche zu führen, zu leben, sprüht vor Freude und Energie. Lustigerweise ist auch ihre Wahlheimat seit ein paar Jahren London, einen britischen Akzent hat sie aber definitiv nicht. Und will sie auch nicht haben, denn das ist Teil ihrer Performances.

Etwas später lernte ich noch die drei uruguayanischen Strassenmusiker Gabriel, Luís und Shooki (keine Ahnung, wie man das schreibt) kennen, die eigentlich am Tag zuvor ausgecheckt hatten, dann aber Mitten in der Nacht ins traute Heim zurückgekehrt waren … Und noch etwas später, ich weiss nicht mehr genau, wie dies alles zustande kam, aber, auf jeden Fall: Noch etwas später, «warfen» wir alle mit Lebensmitteln, die wir einzeln eingekauft hatten, um uns. Tal stand in der Küche, kombinierte die Lebensmittel zu einem Essen und ging in ihrer Chefkochrolle völlig auf: «Ja, alle Zwiebeln! Es sind vier? Dann vier! Ja, der ganze Bund Petersilie, wenn du noch einen zweiten findest, den auch!» Gabriel und ich schnipselten Gemüse, was das Zeug hielt – natürlich unter der genauen Aufsicht von Tal, keine Würfeligrösse wurde dem Zufall überlassen – und der Rest unterstützte uns moralisch mit Musik und Gesang oder aufmunternden Zurufen, wenn sich mal wieder ein Messer zu nahe am Hals des Anderen befand …

Ich, Diana, Tal und Juan bei einem unserer ersten Frühstücksgelage

Daraus entstand eine Art Ritual. Da uns die Musiker doch noch verliessen und Richtung Praia do Rosa abreisten, bestand das Koch-/Esskernteam schliesslich aus Tal, Diana, Juan (dem argentinischen Voluntär, der im Hostel arbeitete) und mir. Wir kochten nicht nur zusammen, sondern machten plötzlich fast alles zusammen: Diana und ich gingen morgens nach dem ersten Kaffee joggen, manchmal begleitet von Juan oder Tal, danach machten wir unter Tals Leitung fast eine Stunde Yoga und schliesslich gab es Frühstück: Früchte aller Art, Eierspeisen, IMMER Salat (weil das zu jeder israelischen Mahlzeit gehört), IMMER viel Brot, weil Rumänien ohne Brot nicht überleben kann, und IMMER ganz viel Kaffee, weil sonst meine Adern ausgetrocknet wären. Und manchmal, wenn wir ganz ausgefallen waren, gab es auch Tapioka oder Crepioca (eine Art Omelette, die auf Maniokwurzelstärke basiert). Jedesmal, wenn vereinzelt neue Leute ins Hostel eincheckten und sie per Zufall zur Zeit eines unserer Gelage in der Nähe waren, luden wir sie zum Essen ein. Es gab auch Jam-Sessions, da es im Hostel Gitarren und Trommeln gab, und Diana organisierte sogar eine kleine Bastelstunde. Ich lernte ein paar Ukulele-Akkorde und konnte schon fast ein ganzes Lied spielen, als Leo aus Deutschland uns verliess und seine Ukulele wieder mitnahm … Dann lernten Diana und ich ein bisschen Trommeln, aber auch hier verliess uns Lehrerin Tal vor unserem ersten grossen Erfolg …

Tal, ich und Leo, der mir seine Socken geschenkt hat, damit ich meine übel verbrannten und sich auflösenden Beine verstecken konnte.

Eigentlich wollte ich maximal eine Woche in Barra bleiben. Doch es wurden zwei. Denn Diana und Juan feierten noch Geburtstag und irgendjemand musste ja den Kuchen backen, die Kerzen anzünden und die Flasche Wein zum Frühstück öffnen. Auch für Diana und Tal war es eher ungewöhnlich, so lange an einem Ort zu bleiben. (Vor allem für Diana, die fast jede Nacht im Zelt hinter einer anderen Tankstelle verbrachte.) Aber «The Family» hatte sich so viel zu erzählen und beizubringen, dass es uns schwer fiel, uns zu trennen.

Wir fühlten uns im Hostel langsam so richtig zuhause, als am Donnerstag die Hiobsbotschaft kam: «Wir beginnen am Montag zu malen, ihr dürft natürlich bleiben, aber es wird wahrscheinlich nicht sehr angenehm.» Juan begann schon, uns zu vermissen, bevor wir abgereist waren oder überhaupt wussten, wohin wir reisen sollten, da erreichte uns die nächste Hiobsbotschaft: Das Hostel wollte Juan nicht mehr als Voluntär beschäftigen. Nachdem er in anderen Hostels in Barra keine Arbeit fand, beschlossen wir alle gemeinsam nach Praia do Rosa zu fahren. Fast alle, die ich getroffen hatte, gaben Praia do Rosa als Geheimtipp an: süsses Dörfchen, tolle Strände, Hippie-Community … Unsere drei Musikerfreunde hatten sich in einem Hostel von Freunden einquartiert und boten uns einen guten Preis (RS 35 oder CHF 8.50 pro Nacht) an. Diana pedalte los, während Tal, Juan und ich uns ein Uber teilten. Für RS 40 pro Person uberten wir also 1,5 Stunden in den Süden. Der Bus wäre zwar etwas günstiger gewesen (gute 20 Rappen), hätte uns aber nicht vor die Haustür gebracht, wir gönnten uns also den Luxus.

Praia do Rosa

Wir blieben nur eine Nacht im Hostel unserer Freunde. Dies hatte mehrere Gründe: Zum Einen war uns nicht ganz klar, was da neben Caipirinhas noch so konsumiert wurde, zum Anderen wurden wir am Sonntag um 8 Uhr aus dem Bett geräuchert, weil sie die glorreiche Idee hatten, einen Haufen Blätter zu verbrennen. Vor unserem Zimmer. Mit undichten Fenstern und Türen. Irgendwie fanden wir das nicht so gastfreundlich. Zudem war Diana mit dem Fahrrad angereist und wollte am Strand campen. Die Musiker warnten sie aber davor, alleine am Strand zu campen, da in den letzten Wochen zwei Frauen vergewaltigt worden waren … Was machten wir also? Die vier Freunde campten am Strand neben der Lagoa do Meio und verliessen das «Crack House», wie wir es liebevoll nannten.

Die Strassen sind dazu da, genutzt zu werden. Praia do Rosa.

Juan zeigte uns, wie man einen unterirdischen Herd im Sand machte, Tal bewies, dass sie keine Küche brauchte, um geiles Essen zu zaubern, Diana sprang in der Lagoa herum, in der sie phosphoreszierendes Plankton entdeckt hatte, und Anna (Ha! Das bin ich!) «hackte» mit dem Schweizer Taschenmesser (natürli) Holz für das Feuer klein. Es war ein wunderbar friedlicher Abend.

Lagoa links, Meer geradeaus.

Morgens um extrem früh (so um 5.10 Uhr) hörten wir plötzlich ein «Things are happening» von Tal, die den Sonnenaufgang ankündigte. Es verstand sich von selbst, dass wir danach noch einmal zwei Stunden weiterschliefen, bevor wir uns dem Frühstück widmeten. Wir belagerten den Platz am Strand fast den ganzen Tag, nannten ihn Freeland, wo jeder zur Durchreise willkommen war, aber WEHE DU SETZT DICH HIN!

Sonnenaufgang ❤

Um Geld zu sparen – die Arbeit blieb aus – campierten wir eine weitere Nacht, bevor Diana weiter in den Süden fuhr und Tal, Juan und ich uns eine Cabin leisteten. Das heisst, Juan überzeugte die Vermieter eines kleinen Ferienhäuschens, das normalerweise das Doppelte kosten würde, uns einen Rabatt zu gewähren. Schliesslich waren die vier Nächte in der Cabin für RS 33 pro Nacht und Person die günstigsten bisher (neben dem gratis Campen versteht sich).

Nach den weiteren paar Tagen in unserem kleinen Zuhause, die wir mit Strandbesuchen, kleinen Trails und Caipirinhas in Teekesseln zubrachten, trennte auch ich mich von Juan und Tal. Die beiden wollten direkt weiter nach São Paulo – Juans Arbeitssuche war auch hier im Süden erfolglos geblieben – und ich wollte nochmal nach Floripa, um mich von ein paar Freunden zu verabschieden.

Um möglichst günstig zu reisen, wählte ich BlaBlaCar: Leute, die sowieso irgendwohin fahren und Platz im Auto haben, posten dies online, verlangen einen Zustupf ans Benzin, und man kann sich einen Platz reservieren. Es ist allerdings eine relativ unsichere Variante, weil die Fahrt jederzeit storniert werden kann. Zudem wird man hauptsächlich von Tankstelle zu Tankstelle gebracht. Das hiess für mich: Von der Praia do Rosa irgendwie an eine Tankstelle an der Autobahn zu kommen. Zu Fuss waren das gute 1,5 Stunden. Aber es gab ja noch Autostop … Da Tal sich am Fuss verletzt hatte, hatten wir innerhalb des Dörfchens schon mehrfach erfolgreich gstöpplet und wurden immer von sehr herzlichen Menschen mitgenommen. Das würde sicher auch jetzt klappen. Ich lief also los und streckte allen Autos den Daumen entgegen. Sehr erfolglos, ehrlich gesagt. Zum Einen gab es erstaunlich wenige Autos, die am Samstagmittag (bei brütender Hitze) unterwegs waren, zum Anderen waren die, die es gab, offenbar nicht bereit eine verschwitzte, vollbepackte Gringa einzuladen. Mein Favorit war allerdings der, der anhielt, um mir zu erklären, dass er mich sehr gern mitnehmen würde, aber leider vorne links abbiegen würde und einen Termin hätte und deshalb auch keinen Umweg fahren konnte ….. 50 Minuten spatzierte ich so in der Mittagshitze über staubige Strassen. Bis endlich einer anhielt. Ich war nicht wählerisch und stieg in das kleine, vollbepackte Auto mit der Leiter auf dem Dach ein. Ich vergass seinen Namen. Und auch seine Lebensgeschichte. Ich vergass aber nicht, dass er sich zu Beginn entschuldigte, dass er abwechselnd Spanisch und Portugiesisch sprach, weil er eben schon ein paar Bierchen getrunken hatte. Ich hielt mich fest. (Wie ihr seht, habe ich überlebt. Auch die anschliessende BlaBlaCar-Fahrt für RS 15.)

«Celebration of Friends»

Ich lernte sehr viel von den drei (Über)Lebenskünstlern Diana, Juan und Tal: Kochen, Feilschen, Trommeln, Yoga-en, Salat zum Frühstück essen … Ich merkte, dass sie alle Eigenschaften hatten, die ich gerne hätte, respektive an denen ich arbeiten wollte. In meinen Augen waren sie selbstbewusst, selbstbestimmt und konnten alles. Im Reiseleben trennt man sich an der «Stelle» meistens wieder: Man trifft Leute, macht sich ein Bild, und auch, wenn man über alles redet und eigentlich fast keine Tabus kennt (weil die Freunde, mit denen man sonst Allerlei teilen würde, weit weg sind), trennt man sich wieder, bevor man das Wesen des Anderen richtig verstanden hat. Es überraschte mich entsprechend ziemlich, als Tal – die einfach alles irgendwie hinkriegte, seit Monaten ohne ein Wort Portugiesisch zu sprechen oder zu verstehen durch Brasilien kurvte und die Leute ihr mehr zuhörten als mir, die ich meine hübschesten Wörter und Satzstrukturen bereit legte – mit meinem Nähset anfing, das Loch in ihrer Hose zu stopfen und ich sie darauf aufmerksam machen musste, dass sie dazu den Faden nicht jeweils ganz durch den Stoff durchziehen musste (und die Hose hin und her wenden), sondern es reichte, auf der linken Seite zu nähen. Es schockierte mich, als Diana – die alleine durch Südamerika pedalte und für alles immer eine praktische Lösung hatte – beim Schwimmen im Meer plötzlich eine Panikattacke kriegte, weil der Strom uns abgetrieben hatte, sie mit den Füssen den Boden nicht mehr berühren konnte, und ich sie mit meinem Seepferdchen-Schwimmlevel an den Strand ziehen musste, während der Baywatch-Mann seinem Namen alle Ehre machte und die «bay watchte», ab und zu sein Pfeiffchen trillerte, aber seine Hose um Herrgottswillen nicht nass machen wollte. Und auch Juan – der immer alle vor sich selbst stellte und wirkte, als wäre er genau da, wo er wollte – brauchte ab und zu einfach jemanden, der ihm zuhörte und ihm erklärte, dass er ein guter Mensch sei und seinen Weg gehen würde. Ich weiss für mich auf jeden Fall, dass das drei Menschen sind, die ich unbedingt hatte treffen müssen, die mich ungemein wachsen liessen und mir viel Wissen und Verständnis auf den Weg gegeben haben.

Das, was ich bisher erleben durfte, war genau der Grund, warum ich zu dieser Reise aufbrechen wollte. Ich fühlte mich blockiert und gelangweilt in der Schweiz. Natürlich ist die Schweiz ein wunderbares Land. Natürlich hatte ich ein gutes Leben und ich weiss auch, dass diese Reise wahrscheinlich nicht möglich wäre, wäre ich nicht aus der Schweiz. Aber dennoch fühlte ich mich in dieser kleinen Welt eingeengt. Meine kleine Reisefamilie erinnerte mich daran, jeden noch so kleinen Moment zu geniessen und zu feiern, denn das Leben ist kurz: «Celebration of Salad», «Celebration of Wine», «Celebration of Very Disgusting Brazilian Cheese», «Celebration of Life» … Ebenfalls lernte ich, spontan und erfinderisch zu sein: Es gibt immer eine Möglichkeit, etwas zu machen, zu erreichen … Der Weg zum Ziel ist nicht immer der offensichtlichste und nicht immer der einfachste, aber wenn man die Augen offen hält, wird einem schon eine Lösung einfallen.

Highlights und Firsts

  • Kuchen backen im Hostel
  • (Überraschenderweise sehr gelungenen) Cheesecake machen mit undefinierbaren Zutaten und ohne etwas zu backen, weil kein Backofen zur Verfügung stand
  • Jeden Tag etwas Neues kochen, das nichts mit Spaghetti und Tomatensauce zu tun hat
  • Ukuleleakkorde und Trommelbeats lernen
  • In der Strasse tanzen zur Musik jamender Freunde
  • Campen und einen Herd in den Sand buddeln
  • Um Mitternacht nach dem Schwimmen im Meer in einer Lagune mit biolumineszentem Plankton plantschen
  • Joggen am Strand, barfuss, sechs Kilometer (Riesenleistung für mich)
  • Arbeiten mit Blick aufs Meer
  • Caipirinhas in der Teekanne zubereiten (Not macht erfinderisch)
  • Sonnenschirm? Pfff, wir haben Holzpfähle, Sarongs und Karton
  • Dein Kleid hat keinen Platz mehr im Rucksack? Juan wird es schon irgendwem verkaufen können
  • Schuhe sind überbewertet, Treks können auch barfuss absolviert werden
  • Grammatik? Wörter? Hände und Füsse!
  • Und ein wirklich ernstgemeinter Ratschlag: Yoga nach einer Caipirinha-intensiven Nacht ist nicht zu empfehlen
Ich. Dianas Fahrrad. Praia do Rosa. Abenddämmerung. Tschüss, bis zum nächsten Mal!

Work-Life-Balance

Mundartkonzert auf Portugiesisch

Endlich war es so weit: Das Konzert von Tiago Iorc stand auf dem Plan! Tiago Iorc ist ein brasilianischer Singer-Songwriter, der in Amerika aufgewachsen war und früher auch auf Englisch gesungen hat. Seine portugiesischen Lieder gefielen mir aber von Anfang an schon rein musikalisch besser. Als ich dann noch anfing, die Texte zu verstehen, war es um mich geschehen…

Ich ging mit Diego zum Konzert, ohne den ich wahrscheinlich gar nie etwas von Tiago erfahren hätte. Das Konzert sollte um 21 Uhr starten, um gute Plätze zu ergattern, waren wir schon um 19 Uhr da. Ich war innerlich etwas gestresst, weil ich dachte, dass das schon viel zu spät war – im Hinterkopf hatte ich die in der Schweiz vor Konzerthallen campierenden Fans. Deshalb rechnete ich gar nicht mehr damit, gute Plätze zu kriegen. Aber siehe da: Es stand niemand Schlange. Wir gingen auf die Gallerie hoch, wo wir Stehplätze hatten. Und auch hier: Bis auf ein paar vereinzelte Menschen war eigentlich niemand da und wir ergatterten die bestmöglichen Plätze dieser Kategorie. Wir ketteten uns praktisch ans Geländer und konnten unseren Caipirinha bestellen, ohne die Plätze aufzugeben. Zwei Stunden warteten wir auf den Beginn des Konzerts und beobachteten die reintröpfelnden Menschen. Als das Konzert um 21.20 Uhr begann, waren neben uns vielleicht noch so 30 Leute auf der Gallerie aufgetaucht. Die Sitzplätze in der Saalmitte sahen von oben ziemlich leer aus. Nur an den Seiten tümmelten sich etwas mehr Leute. Irgendwie tat mir Tiago leid, seine anderen Konzerte waren immer voll, und eigentlich hätte auch dieses Konzert ausverkauft sein sollen. Erst später erfuhr ich, dass das Konzert der in Brasilien sehr berühmten Sängerin Ana Carolina, die nach Tiago Iorc auftrat, schon Monate vor Tiagos Konzert feststand. Die beiden Musikstile passten auch absolut nicht zu einander, es waren also praktisch zwei Konzerte an einem Abend mit einem Ticket. Als Ana Carolina auftrat, war der Saal voll, die Tiago Fans hatten einfach nicht mehr genug Tickets gekriegt. Zum Glück hatte das bei uns geklappt!

Das Konzert war wunderschön, die Musik live noch besser als ab Kopfhörern und die paar Fans, die da waren, gaben alles, um eine volle Halle vorzutäuschen. Das Kulturfeeling, das ich mir wünschte, inmitten von BrasilianerInnen ein Mundartkonzert zu besuchen, blieb allerdings etwas auf der Strecke. Vielleicht nächstes Mal.

Caipirinhas im Literglas

Eigentlich wollten wir am nächsten Tag an den Strand gehen, aber das Wetter spielte nicht so richtig mit, also unternahmen wir erst am Abend etwas. Mit Diego und Freunden von ihm besuchte ich eine Bar an der Lagoa da Conceição. Da Caipirinhas im Literglas günstiger waren, gab es genügend Alkohol für alle. Wir hatten massig Spass, denn mit jedem Schluck wurde mein Portugiesisch besser und ihr Englisch auch und wenn man die Wörter nicht kannte, war auch Fuchteln und Grinsen eine herrliche Art zu kommunizieren. Schliesslich bezahlten wir pro Person für Literweise Caipi, genausoviel Bier und eine riesige Portion mit Käse überbackenen Pommes etwa 22 Franken. In der Schweiz hätte das wohl für einen Caipi und etwas Popcorn gereicht. Gefährlich ist es hier!

Lagoa da Conceição

Am nächsten Tag uberte ich mit meinem kleinen Kater vom Hostel wieder nach Lagoa, denn ich hatte hier meine nächste Unterkunft gebucht. Ich wusste, wir hatten am Abend zuvor etwa 30 Reais (8 Franken) für die Fahrt bezahlt, heute zeigte Uber plötzlich das Doppelte an. Allerdings lohnten sich ein paar Minuten Geduld tatsächlich und die Preise sanken wieder. Ich hatte schon von den Preisschwankungen gehört, aber dass sie so extrem waren, war mir nicht bewusst. Gemäss Info auf ihrer Webseite, erhöht Uber die Preise, wenn in einem Gebiet gleichzeitig viele Fahrten angefragt werden. Entweder man bezahlt diesen teureren Preis und erhält dann eine der wenigen zur Verfügung stehenden Fahrten. Oder man wartet ein paar Minuten, bis sich weitere Uber-Fahrer in das hochfrequentierte Gebiet begeben haben und bezahlt dann eben wieder den normalen Preis. Da ich keine Eile hatte, hatte ich zum Glück gewartet. Anders als in Chile übrigens, wo Uber nicht legal ist, und man deshalb vorne sitzen soll und Fahrten zum Flughafen nicht gerne gemacht werden, gehört Uber hier zum Leben wie ein Taxi. In Rio am Flughafen gab es unter dem Taxi-Schild ein offizielles Uber-Schild und am Tiago-Iorc-Konzert gab es vor der Halle ebenfalls eine extra Uber-drop-off- und Pick-up-Zone.

Mein neues Hostel sah gut aus. Das Zimmer war zwar mega klein und hatte kein Fenster, was mir etwas Sorgen bereitete, glücklicherweise waren aber statt zu sechst nur zu dritt und das änderte sich während der Zeit meines Aufenthalts auch nicht gross. Cool war auch der Barbereich, der einen passablen Arbeitsplatz abzugeben schien. Zumindest war ich heute nicht die Einzige, die hier ihren Laptop auspackte, um ein paar nach Arbeit ausschauenden Sachen zu erledigen.

Work it

Der Barbereich war tatsächlich ein super Arbeitsort. Bequem, mit Steckdosen, den Tag über verlassen, herrlich. Da ich während meiner ersten Woche in Lagoa bereits riesig viel Arbeit erhielt (danke!!), lernte ich erst nach ein paar Tagen wirklich Leute kennen. Zum Beispiel Rea aus der Schweiz. Wir erkannten unser Schweizerin sein daran, dass wir uns im Korridor beide händeringend den Vortritt geben wollten, ohne zu wissen, in welcher Sprache. Und Joicly. Joicly arbeitete im Hostel und wir starteten nach ein paar Tagen ein Englisch-Portugiesisch-Tandem. (Nachdem sie dachte, ich sei ultrakomisch, weil ich den ganzen Tag in der Bar vor dem Laptop sass…) Wir begannen den Unterricht mit der Übersetzung von ein paar sexy Liedern und ernteten amüsante Blicke der Portugiesisch- und/oder Englisch-sprechenden Gäste und Mitarbeitenden des Hostels. Wir hatten unseren Spass.

(Auch am Strand kann man lernen, imfall!)

Meine ersten beiden Wochen waren also sehr arbeitsintensiv, ich übersetzte und wenn ich nicht übersetzte, lernte ich. Dennoch gab es ein paar nette Ausflüge an den Strand oder in umliegende Bars. Dank Rea und Joicely kam ich auch sehr schnell von meinen üblichen Spaghetti-mit-Tomatensauce-Mahlzeiten weg, denn zusammen zu kochen macht einfach mehr Spass (vor allem, wenn wenigstens eine Person kochen kann…)

Ich verlängerte meinen Aufenthalt im Hostel in Lagoa drei Mal. Als es dann gegen Mitte November ausgebucht war, und ich gehen musste, fiel mir dies nicht leicht. Meine nächste Station war Barra da Lagoa, ein Hostel auf dem Hügel mit wunderbarer Aussicht über Meer und Strand. Hier gefiel es mir auf Anhieb und ich blieb ein bisschen.

Santiago, die zweite

Die meisten haben es unterdessen mitgekriegt: Ich bin bereits seit einigen Wochen wieder zuhause. Wer zudem meinen Instagram-Account kennt, weiss, dass ich nach Rapa Nui eine weitere Woche in Santiago verbracht hatte und – nach meiner Rückkehr – die Beine nicht still halten konnte und in Europa herumgestolpert bin.

Gerade habe ich in meinem Tagebuch geblättert, um die Santiago-Seiten zu finden, musste dabei feststellen, dass ich gegen Ende etwas schreibfaul geworden war und nur Stichworte notiert hatte. Ich bin genauso gespannt wie ihr (falls…), was ich daraus in den folgenden Abschnitten basteln kann.

Nun denn: Nach den ruhigen Tagen auf der Osterinsel war ich im Partymodus. Buchte mich in Santiago also in einem Hostel im Bellavista-Quartier ein – da, wo die Clubs sind. Irgendwann gegen Mitternacht tauchte ich im Hostel auf, legte mich todmüde ins Bett (soviel zum Thema Partymodus) und wartete auf den Schlaf. Dieser wurde alle 0,5 Sekunden vom hämmernden Bass des Clubs nebenan verscheucht – und alle 30 Minuten zusätzlich von den beiden brasilianischen Teenagern (Licht ein – SEHR laute Unterhaltung – Koffer verrücken – Licht aus – Tür zuschlagen). Nachdem die beiden dann gegen 4 Uhr endlich im Bett lagen, hoffte ich, Schlaf zu finden. Genau 1,5 Stunden später klingelte unter mir jedoch bereits wieder der Wecker und die Brasilianerinnen fingen an sich anzuschreien. Mein Portugiesisch ist unterdessen so gut, dass ich heraushörte, dass sie heute die Valle-Nevado-Tour machen würden und sich offenbar anschreien mussten, weil sie sonst wieder eingeschlafen wären… Danke dafür!

Den nächsten Tag verbrachte ich grösstenteils mit Chrissy aus London, die mir erklärte, dass die beiden brasilianischen Chicas diesen Lebensstil schon seit drei Tagen verfolgten, und besuchte mit ihr den Cerro San Cristóbal. Ich war ja vor ein paar Tagen schon einmal da, musste nun aber feststellen, dass der Berg eine ungeahnte Dimension hatte und sich noch einige (Kilo-)Meter in den Nordosten erstreckte. Der perfekte Ort also, um einen Spaziergang oberhalb des Smogs einzulegen. Ich war fast die Einzige, die sich zu Fuss um den Hügel wagte. Trotz angenehmer Temperaturen versteckten sich wohl die meisten in ihren vier Wänden – oder fuhren Seilbahn, wie Chrissy. Da Seilbahnen für mich ich als Schweizerin eher zu den normalen Fortbewegungsmitteln gehören, verbrannte ich lieber ein paar Kalorien als Pesos.

Cerro San Cristóbal

Aufgrund des Schlafmangels und weil mir bewusst wurde, dass meine Zeit in Südamerika bald vorbei war, war meine Partylaune irgendwie doch schon wieder verflogen… Zurück im Hostel entdeckte ich allerdings ein Schild, das auf Barbetrieb und gratis Drinks ab 23 Uhr hinwies… Nun ja, wenn ich mich nicht zum Hostel raus bewegen musste, dann konnte man sich ja einen Gratisdrink gönnen. Ein paar Stunden später war die Frustration dann doch relativ gross, als Ionut aus Rumänien, der die gleiche Strategie wie ich verfolgte, und ich kurz vor 23 Uhr von Joaquin, einem Schweizer mit argentinischen Wurzeln, aufgeklärt wurden, dass die Partypeople sich um 23 Uhr beim Empfang treffen und dann zusammen ausgehen würden – nix mit Inhouse-Barbetrieb. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Es war fünf vor elf. Ich trug definitiv keine Clubkleidung und war auch viel zu faul, um irgendwohin zu fahren. Wir kauften uns also Bier beim Empfang und veranstalteten im Innenhof des Hostels eine kleine Privatparty, die damit endete, dass ich mich verpflichtete am nächsten Tag mit Joaquin eine Städtetour zu besuchen. Ich gebe zu, es beunruhigte meine südamerikanische Seele ziemlich, dass ich bereits um 9.30 Uhr bereit sein musste. Ich fühlte mich schon seit Wochen nicht mehr bereit vor 10 Uhr zu frühstücken…

Tatsächlich schaffte ich es am nächsten Morgen pünktlich aus der Heia (und es hatte sich gelohnt). Wir nahmen an der gratis Städtetour Tours4Tips teil, die von als Waldo verkleideten Personen durchgeführt wurden. (Ihr wisst schon, der mit dem rot-weiss-gestreiften Pullover, den man nie findet.) Es erstaunte mich selbst, dass ich es in den drei Monaten in Südamerika kein einziges Mal geschafft hatte, eine solche Tour mitzumachen.

Zu Beginn wurden uns die wichtigsten Fakten über Chile näher gebracht. Zum Beispiel, dass es in Chile pro Tag im Schnitt zehn Erdbeben gibt.
– Was macht man, wenn man ein Erdbeben spürt?
– Unter Tische kriechen oder sich in Türrahmen stellen.
– Alles korrekt. Aber was ist noch viel wichtiger? Richtig! Darauf achten, was die Chilenen machen. Schliesslich sind diese sich an Erdbeben gewöhnt. Und was machen die Chilenen? Meistens nichts. Ausser den Wein und den Fernseher festhalten. Der Landesname kommt schliesslich von «chill». Nach dem Erdbeben gibt es dann Alkohol. Und zwar den Terremoto-Drink, der auf jeder Cocktail-Karte zu finden ist. («Terremoto» heisst Erdbeben.)
Bereits während den Nachbeben würden die Chilenen Terremotos trinken und das vergangene Erdbeben feiern – so erzählte man uns. Ob es der Wahrheit entspricht?

Beim Fischmarkt (Mercado Central) lernten wir, dass das grosse pavillonartige Gebäude bestehend aus Eisenverstrebungen und kleinen Fensterchen in Glasgow angefertigt und dann nach Santiago transportiert worden war – und dies noch bevor es Strom gab; die Lampen wurden erst nachträglich angebracht. Wir kriegten ein paar Restaurant- und Lebenstipps: Für einen Heiratsantrag sei es besonders beliebt, eine wahnsinnig teure antarktische Königskrabbe zu bestellen und den Ring an ein Bein zu stecken (Wahrheitsgehalt auch hier nicht überprüfbar).

Mercado Central

Weiter ging es zu den La-Vega-Märkten, dafür mussten wir den Mapocho-Fluss überqueren. Unser Waldo kontrollierte, ob wir bereit waren für die Flussüberquerung. Alle, die den Rucksack noch auf dem Rücken trugen, waren offenbar nicht bereit. Denn während es auf der Westseite des Flusses relativ europäisch zu und her ging, war auf der Ostseite ein Gedränge und Einiges an Kleinkriminalität zu erwarten. Bis auf mich überlebten den Besuch in den einheimischen Markthallen alle gut. Allerdings wurde ich nicht Opfer der Kleinkriminalität sondern schlicht meiner Tollpatschigkeit: Da war dieser halbhohe Pfosten. Unsichtbar zwischen all den Menschenbeinen. Den traf ich. Mit erstaunlicher Genauigkeit. Der 15 × 15 Zentimeter grosse blaue Fleck (und die entsprechenden Schmerzen), den ich mir dabei zufügte, wurde ich erst vor ein paar Tagen gänzlich wieder los… Eine schöne Erinnerung…

Unser letzter Stop war der Cementerio Generale de Chile. Auf einer Fläche von 86 Hektaren (oder in Südamerikanisch: 212 Fussballfelder) ruhen gut zwei Millionen Menschen, inklusive die meisten Präsidenten Chiles und einige berühmte Künstler. Ein Grab, das besonders viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist dasjenige von Carmencita. Es ist rundherum geschmückt mit kleinen Wunsch- und Dankestafeln sowie Plüschtieren, Kunstblumen und anderen Geschenken. Carmens Grab ist eine «animita», eine heilige Gedenkstätte, die von Menschen, die glauben, dass Carmens Seele ihnen hilft, verehrt wird. Es gibt hunderte solcher Gedenkstätten, doch Carmencita hat eine besondere Geschichte, respektive zwei. Die eine besagt, dass Carmen ein 9-jähriges-Mädchen gewesen sein soll, das vergewaltigt und ermordet wurde. Die zweite – offenbar die wahre – Geschichte sei allerdings, dass Carmen eine junge (nicht so unschuldige) Frau war, die sich auf dem Friedhof, auf der Stelle ihres Grabes, umgebracht hatte, nachdem ihre Eltern ihr die Liebschaft mit einem Jungen verboten hatten. Gemäss unserem Waldo würde diese zweite Geschichte ab und zu auch auf einem Zettel an ihrem Grab hängen, doch die Carmencita-Anhänger würden diesen jeweils wieder entfernen. Und wieder ein Abschnitt, der damit endet, dass wir nicht wissen, welche der Geschichten der Wahrheit entspricht. Vielleicht keine?

Carmencita

Zum Abschluss der Tour ging ich mit Joaquin und Delicia, die wir auf der Tour kennengelernt hatten, in ein Restaurant im Fischmarkt. Wir teilten uns eine Spezialität (leider weiss ich den spanischen Namen nicht mehr): Hummerfleisch mit Käse. Also eigentlich eine Art Fondue (allerdings sehr fettiges und nicht so cremig) mit Hummerstückchen. Zum Glück hatten wir dies nur geteilt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man so ein Gericht alleine verspeisen kann, sogar als laktosetoleranter Mensch muss man davon Krämpfe kriegen.

Meine restlichen Tage in Santiago sind leider nicht weiter erzählenswert, bis auf den Besuch im Museum der Erinnerung und der Menschenrechte. Mit einem Audioguide kann man hier gut einen halben Tag verbringen. Die ganze Geschichte Chiles wird detailliert dargestellt und auch ein Einblick in die weltweiten Menschenrechtsverletzungen gegeben. Wer wie ich sehr gerechtigkeitsliebend ist, hat einen schweren Stand, das Museum zu besuchen ohne ein paar Tränen zu verdrücken.

Der Heimflug verlief problemlos. Zumindest nachdem ich mein Handy nach zwei Stunden panischem Suchen zwischen den Füssen eines Mitfliegers zwei Reihen weiter hinten wieder fand… Was mich ein bisschen quälte, war, dass ich meiner besten Freundin Michèle erzählt hatte, dass ich erst am 5. Juli wieder Schweizer Boden berühren würde und ihr somit vom 23. Juni bis zu meinem Überraschungsbesuch an ihrem Geburtstag am 27. Juni aus dem Weg gehen musste… Sie war allerdings so mit der Angst alt zu werden beschäftigt, dass sie tatsächlich keine Ahnung davon hatte, dass ich bereits gelandet war. Gut für mich. So reichte meine unscharfe Warnung «Ich bin ein paar Tage in den Bergen und habe wahrscheinlich keinen Empfang» und ich musste mir keine genaueren Pläne ausdenken…

Normal.

Willkommen zuhause, Anna… ;o)

P.-S.: Auch wenn der Blog etwas seltener gefüttert wird als bisher, werde ich versuchen, ab und zu ein paar Posts zu veröffentlichen.

Ahora… oder später…

Es ist Zeit, euch von meinen ersten Tagen (6. bis 13. Juni) in Santiago zu berichten – das war noch vor der unausstehlichen Nacht im Hostel und der Reise nach Rapa Nui.

Diese Tage verbrachte ich grösstenteils mit Diego aus Brasilien, der einen Teil seiner Ferien in Santiago verbrachte. Am ersten Tag spazierten wir einfach ein bisschen durch die Stadt, wie ich das üblicherweise mache. Diego fand, dass ich im Reisen geübt sei und er deshalb einfach das mitmachen würde, was ich machen wollte. (Mit anderen Menschen reisen ist ja nicht immer problembefreit, aber das machte mir das Leben natürlich sehr einfach. Er beklagte sich auch nie. Sehr pflegeleicht.) Dieser Spaziergang führte uns durch ein eher langweiliges Zentrum (das zwar aussah wie Florída in Buenos Aires, aber weitaus ruhiger war) bis hin zum Cerro San Cristóbal. Noch bevor wir uns entschieden hatten, ob wir hochgehen oder die Standseilbahn nehmen sollten, wurden wir auf portugiesisch angesprochen. Das war schon in Buenos Aires der Fall gewesen. Es müssen die perfekt gestylten Augenbrauen sein, die die Brasilianer verraten, oder ich weiss es nicht… (In dem Moment hatten wir uns nicht unterhalten, es konnte also auch nicht am Akzent gelegen haben.) Wie dem auch sei. Der Brasilianer gehörte zu einer Agentur, die unterschiedliche Touren anbot, unter anderem Besuche mit oder ohne Skifahren im Valle Nevado. Für mich war das eher lächerlich – eine Tour zu einem verschneiten Berg –, ich gebe es zu, und ich dachte nicht, dass das wirklich «a thing» sein konnte… Ich merkte aber bald, dass ich steinreich geworden wäre, hätte ich für jedes Mal einen Peso gekriegt, wenn ich einen Brasilianer in Santiago «Valle Nevado» sagen hörte. Es schien als wäre ganz Brasilien in Santiago, um Schnee zu sehen.

Wir fuhren dann übrigens mit der Standseilbahn den Cerro hoch und genossen die Aussicht über Santiago und die viel zu sichtbare Luftverschmutzung.

«Hay un poco de contaminación», schrieb José dazu

Am Abend hatten wir uns mit José (den wir auch in Buenos Aires kennengelernt hatten) zum Karaoke verabredet. Auch Moritz (der Schweizer, den ich in Mendoza getroffen hatte, und der diesen Cameo-Auftritt sicher sehr zu schätzen weiss) wollten wir zum Abendessen und Karaoke «mitnehmen». Wir hatten noch keine feste Zeit abgemacht, José informierte uns irgendwann, er sei noch bis um 9 Uhr im Büro. Gegen 10 Uhr wollten Diego und ich uns dann endlich mit dem halb verhungerten Moritz treffen (zugegebenermassen hatten auch wir langsam Hunger) und sagten José, dass wir los gehen würden. Postwendend kam die Antwort, wir sollten bleiben, wo wir waren und ihm den Standort schicken, er komme dahin. Das machten wir. Zweimal. Denn nach den ersten 15 Minuten irgendwo auf der Strasse in der Kälte mussten wir uns bewegen. Am Ende warteten wir eine geschlagene Stunde draussen an einer Strassenecke. Wenn wir nachfragten, wo er den bliebe, kam jeweils zurück «Ich komme gerade an», das für uns so eine Zeitspanne von 5 Minuten bedeutete oder «Jetzt», das, naja, was soll es denn schon heissen ausser «jetzt»? 20 Minuten sind es. «Ahora» sind 20 Minuten! Merkt euch das für zukünftige Reisen nach Südamerika. (Es beruhigte – und erstaunte – mich, dass Diego auch eher ein Schweizer Verständnis von Zeit hatte…) Moritz war unterdessen alleine essen gegangen. Nachdem José endlich angekommen war – mit seiner Vespa und einem Freund –, entschied sich Moritz das Karaoke ausfallen zu lassen, denn, wie er richtig bemerkte, könnte es noch Jahre dauern, bis wir ein geeignetes Lokal finden würden. Zwei weitere Stunden dauerte es, um genau zu sein. Eigentlich wollten wir ein Uber nehmen bis zum Bellavista-Quartier. Irgendwo zwischen «Ich bestelle uns ein Uber» und «Lass uns da rüber gehen, da ist es besser» befanden wir uns aber auf einer Tour durch die Innenstadt, während der mir bewusst wurde, dass wir die 40 Minuten zum Bellavista-Quartier zu Fuss gehen würden (was Diego und ich ja auch schon vor gut 1,5 Stunden hätten machen können). In Bellavista angekommen, schaute sich José um und meinte «Oh, ich war schon lange nicht mehr hier». Zwei seiner angestrebten Ziele gab es entsprechend auch nicht mehr. Die Situation war so abstrus, dass ich das Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht kriegte. Gegen 1 Uhr sassen wir in einer eher schäbigen Karaokebar. Gute zwei Stunden hielten wir es da aus, bis wir uns wieder auf den Nachhauseweg machten. Immerhin war der Abend günstig. Zwei Bier und all die in der Kälte verbrannten Kalorien…

Diego, José, yours truly, Gonzalo

Am nächsten Tag der Schock für mich: Während ich das Valle Nevado bereits wieder verdrängt hatte, wollte Diego unbedingt in die Berge. Ich wollte ihm zum Einen den Spass nicht verderben, zum Anderen wollte ich auch sein Gesicht sehen, wenn er mit 31 Jahren das erste Mal Schnee sieht – ein für uns Schweizer so normales Phänomen. Für den Montag planten wir also diese Tour ein. Um Ski zu fahren hatte es «leider» zu wenig Schnee. Um 7 Uhr standen wir beim Tourbüro, wurden mit Winterstiefeln (und falls gewünscht mit Skijacke, -hose, -brille) ausgerüstet. Dann ging es los. Beim ersten Fotostop wurde mir klar, dass ich nicht nur die einzige Schweizerin, sondern die einzige Nicht-Brasilianerin auf dieser Tour und auf dem ganzen Berg war. Alle haltenden Kleinbusse waren mit Brasilianern gefüllt. Das Schneevorkommen war eher dürftig. In Fallerones gab uns der Fahrer 15 Minuten, «weil ihr seht, es gibt hier nichts zu sehen». Normalerweise gab es Buckelpisten und andere lässige Schneesportarten zu bewundern, aber ohne Schnee war es eher schwierig… Auch vom Valle «Nevado» war ich zart enttäuscht. Aber was will man machen? Wir stolperten durch den dürftigen Schnee, keuchten wegen der Höhe und schwitzten (wirklich!) in der Sonne. Ich vermisste Diegos kindliche Freude über den Schnee etwas, aber ich kompensierte sie spielend mit ein paar Schneebällen…

Die restlichen Tage schlenderten wir durch den Barrio Italia, assen dann doch noch mit Moritz zu Abend (und auch mit Georgia aus England – ihr erinnert euch?), fanden den Parque Borja, in und um den herum alle tanzten. Wirklich. Es war faszinierend. Hier wurde Freestyle getanzt, aber auch Gruppenchoreos – teilweise mit richtigen Gang-Outfits. Ich hätte ja mitgemacht, aber… ahm… fuhren im strömenden Regen nach Valparaíso, wo wir die speziellen Lifte testeten, die fast auseinanderfielen, und uns relativ schnell nach der Wärme (so 16° statt 14°) Santiagos sehnten.

Valparaíso Lift

Valparaíso dünkte uns übrigens nicht so paradiesisch. Zum Einen sollte man die Hafenstadt, die vor allem für ihre bunte Streetart bekannt und beliebt ist, zu Fuss erkunden, was in dem strömenden Regen nicht gerade angenehm war, zum Anderen fanden wir es teilweise etwas zwielichtig und fühlten uns nicht sicher. (Eine Woche nach unserem Besuch in Valparaíso wurde ein Kanadier erstochen, weil er sich weigerte, seinen Rucksack an Diebe abzugeben… Unsere Intuition hatte uns also nicht getäuscht.)

Da Chile ja eher teuer ist, erweiterte ich in dieser Woche in Santiago meine Kochkünste: Neben Spaghetti mit Tomatensauce gab es auch mal Omelettes mit Käse oder Schinkentoast. Ich bin schon fast ein bisschen stolz. Not.

Und ein kulinarischer Tipp zum Schluss: Wenn ihr mit Südamerikanern unterwegs seid, vergesst ja nicht die Ketchupflasche und den Kilosack Zucker griffbereit zu haben… Erhält den Frieden.

To sleep or not to sleep…

Meine Erfahrungen in Hostels in Südamerika sind bisher sehr unterschiedlich ausgefallen. Besitzer, Angestellte sowie natürlich die Gäste sind dabei ausschlaggebend, ob positive oder negative Erinnerungen gespeichert werden. Das unbequemste Bett kann durch nette Menschen wettgemacht werden.

Gewisse Hostels sind sehr familiär, man sitzt zusammen an einem Tisch, der Besitzer singt einem Lieder der Toten Hosen vor, man wird umarmt oder mit «mi amor» und «mi niña» angesprochen und kriegt zum Abschied einen Kuss auf die Wange gedrückt, als würde man dazugehören.

Gaston singt «An Tagen wie diesen», Mendoza

Andere sind eher anonym und es ist schwieriger, sich zwischen den vielen unbekannten Menschen zuhause zu fühlen. Dazu kommt, dass sich die Leute unbeobachtet fühlen: Macht ja nichts, wenn man den Teller nicht sauber abwäscht, vielleicht braucht der nächste die Tomatensauce noch. Oder denken nicht mit (absichtlich?): Wenn eine (schlecht ausgerüstete Küche) nur einen Topf hat, dann kann der gekochte Reis natürlich problemlos darin aufbewahrt werden, weil sonst sicher niemand diesen Topf braucht. Oder denken wohl, «es bizzeli» fällt nicht auf, und essen kurzerhand Eier aus den Vorräten eines anderen (namentlich meine Vorräte) weg…

Meine bisher schlimmste Erfahrung machte ich in einem Hostel in Santiago. Hier kamen alle möglichen Faktoren zusammen. Zu Beginn meiner Reise hatte ich Mühe, mich in den Hostels einzuleben, jedesmal passte mir beim ersten Anblick irgendetwas nicht, ich arrangierte mich aber immer sehr schnell. Sogar mit der eingefrorenen Nase in Villazón konnte ich mich anfreunden… Diesmal war alles anders [dramatische Musik]. Ich trat ins Hostel ein – und war begeistert. Es war ein älteres Gebäude mit einem verglasten Atrium. Toiletten und Duschen sahen ziemlich neu aus. Die Räume hatten hohe Decken und sie hatten kleine Holzgalerien eingebaut (anstelle – wie in anderen Hostels gesehen – dreistöckige Etagenbetten zu verwenden). Diese Zwischenböden boten Platz für Einzelbetten, eines davon war meins. Die Küche war geräumig und es hatte eine gemütliche Sofa- und Chillzone, in der ich meinen letzten Blog geschrieben hatte.

Ich übernachtete in diesem Hostel nur eine halbe Nacht, mein Flug zu den Osterinseln ging am Donnerstagmorgen um 6.30 Uhr. Dass ich entsprechend um 3.30 Uhr schon aufstehen muss, hatte ich beim Buchen glücklich ignoriert.

Trotz anfänglicher Begeisterung war dies die bei weitem ungemütlichste Nacht in Südamerika. Kurz vor 10 Uhr lag ich im Bett. Dass da noch nicht in allen Betten geschlafen wird, kann ich nachvollziehen. Das Licht bei den Etagenbetten unten brannte. Ich hörte etwa zwei Stunden lang Musik (mit Kopfhörern natürlich – aber auch das ist eigentlich nicht selbstverständlich…). Das Licht brannte immer noch. Im Bett neben mir wurde laut geschnarcht. Gegen 1 Uhr hörte ich jemanden aufstehen und dachte «Geil, endlich jemand, der das Licht ausschaltet». Die Bretterböden knarrten. Laut. Die Zimmertür wurde mit Schwung geöffnet und zugeknallt. Die Holzkonstruktion vibrierte. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Das Licht aus dem Korridor erhellte das Zimmer noch mehr. Meine Schlafmaske war unauffindbar. Die Oropax bin ich losgeworden, weil ich sie zwei Monate lang nicht benutzt hatte. «DINGDONG!», genau, da war noch die Klingel. Eigentlich müsste die ja nur der Nachtwächter hören, aber es ist sicherlich besser, wenn das ganze Hostel mitkriegt, wenn jemand nachhause kommt. Aber auch ohne Klingel wäre ich wohl jedesmal erwacht, ausser mir waren in dem Hostel nur Elefanten untergebracht. Die Türknallerin hatte übrigens das Licht ausgeschaltet. Danke! «DINGDONG!» Es wurde gestampft und laut gesprochen im Korridor. Die Zimmertür wurde rabiat geöffnet. Es wurde nun im Zimmer laut gesprochen – war ja erst 2 Uhr und es versuchten nur vier Leute zu schlafen. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Als die Neuzugänge endlich ruhig waren, freute ich mich: noch zwei Stunden Schlaf! Und ich freute mich noch mehr: Ich hatte mir nämlich Sorgen gemacht, am Morgen um 3.30 Uhr zu laut zu sein beim Aufstehen. HA! Wäre ich ein Arschloch, hätte ich die Lichter eingeschaltet und ganz laut (wirklich ganz laut) AC/DC angemacht. Leider bin ich kein Arschloch.

Das «DINGDONG!» und Gestampfe ging übrigens bis 3.30 Uhr in netten Abständen weiter, gegen 2.30 Uhr hatte sich noch trommelnder Regen dazu gesellt. Ich war froh, als ich endlich aufstehen konnte! Osterinsel, ich komme!

Roadtripping

Tag 1, Roadtrip nach Purmamarca

Am Sonntag ging es schon früh los. Das heisst, so ungefähr um 10.30 Uhr. Schliesslich mussten wir zuerst alle noch erwachen und frühstücken und die Roadtrip-Teilnehmer wurden neu gemischt. Das heisst: Peter fuhr definitiv mit seinem Auto mit, Willem wollte auch mitkommen, und da das Mietauto der Franzosen relativ klein war, gönnte ich mir den Luxus, bei Peter mitzufahren (was zu guter Letzt auch einiges günstiger ausfiel, da er nur eine Beteiligung an den Benzinkosten wünschte und ich mir somit die Miete sparte). Den Franzosen war das auch recht. Als wir endlich alle ready to go bei den Autos standen – es sind nicht die Frauen, die lange brauchen, um fertig zu werden –, fiel ihnen allerdings ein, dass sie ja Franzosen waren und deshalb noch Croissants brauchten, ansonsten würden sie die knapp dreistündige Fahrt nach Purmamarca nicht überstehen. Oh. Und Geld. Lasst uns doch mal einen ATM suchen… Nach ein paar Wochen in Argentinien bin ich schon sehr viel geduldiger geworden, meine Toleranz beschränkt sich allerdings auf Südamerikaner, auf Europäer warte ich immer noch nicht gerne.

Die Fahrt nach Purmamarca führte uns vorbei an Quebradas, Überresten von Flüssen und wunderschönen Hügeln. Die Franzosen, die vor uns fuhren, fuhren dann einmal direkt an Purmamarca vorbei. Nach einem U-Turn auf der leeren Strasse, fanden wir aber den Weg ins Städtchen. Das ist richtig niedlich: viele Marktstände, Restaurants und sogar WCs für Touristen – aber sonst ziemlich ruhig. Wir konnten uns nur vorstellen, wie es hier in der Hochsaison von Touristen wimmeln musste. Wir unternehman nur eine kleine, knapp einstündige Wanderung (obwohl man das noch nicht einmal Wanderung nennen kann) rund um Purmamarca und zum Cerro de los Siete Colores (Berg der sieben Farben).

Purmamarca

Purmamarca befindet sich auf ungefähr 2300 m. ü. M. Unterdessen hatte ich mich an diese Höhe gewöhnt, aber sobald es extrem steil wurde auf dem kleinen Rundgang, merkte man uns allen an, dass wir doch noch mit der Höhe kämpften. Es war zudem ziemlich heiss und gleichzeitig windig, was nicht gerade half.

On the road

Nach dem Rundgang mit herrlicher Aussicht fuhren die Franzosen und Willem weiter nach Tilcara, wo wir unser Lager für die Nacht aufschlagen wollten. Der ursprüngliche Plan war, dass wir weiter zu den Salinas Grandes fahren wollten – die Franzosen erklärten uns allerdings erst nach dem gemütlichen Aufenthalt in Purmamarca, dass sie diese schon bei ihrer Fahrt nach Argentinien gesehen hatten und, da sie sowieso die Salt Flats in Bolivien besuchen wollten, nicht wirklich Interesse hatten da hin zu fahren. Peter und ich entschieden uns, dass wir die Fahrt trotzdem machen wollten, es schien nicht zu weit weg zu sein und wir hatten noch Kapazität für mehr Naturspektakel.

Was wir allerdings nicht berücksichtigt hatten, war, dass die Strecke zu den Salinas nicht einfach geradeaus ging: Zuerst mussten wir auf einer steinigen Landstrasse auf 4170 Meter steigen. Oben angekommen, sahen wir die Salinas in der Ferne. Und entschieden uns nach einigem Hin und Her, umzukehren, denn zum Einen war diese Höhe langsam echt anstrengend, vor allem auch für Peter, der fuhr, zum Anderen hatte die steile Strasse den Tank ziemlich geleert und wir waren uns nicht sicher, ob wir die Steigung von den Salinas hoch wieder schaffen würden.

Da, in der Ferne, sind die Salinas Grandes

Unterdessen hätten wir von den Franzosen eine Nachricht erhalten sollen, in welchem Hostel sie eingecheckt hatten. Ich musste sie allerdings alle einzeln anschreiben, bis ich eine Antwort erhielt. Als wir im Hostel ankamen, schaute mich Seb, der mir versprochen hatte, mich zu informieren, völlig entgeistert an: Er habe keine argentinische SIM-Karte und wollte sich nicht mit dem WiFi verbinden… (Stellt euch hier einen völlig entgeisterten Gesichtsausdruck meinerseits vor.)

Am Abend gingen wir essen (wie die Argentinier erst nach 10 Uhr) und setzten uns danach (ohne Peter) in eine Bar mit Live-Musik. Bis 4 Uhr morgens. Für mich war das People-Watching auf höchstem Niveau, schliesslich war ich mit vier Jungs (alle um die 25) aus, die mit ihrem fast nicht existenten Spanisch versuchten Südamerikanerinnen aufzureissen. Nachdem die Live-Band zusammengepackt hatte, sassen statt uns fünf, plötzlich 15 Leute an unserem Tisch – inklusive Matthias, einem älteren Einheimischen, von dem wir vermuteten, dass er der Besitzer des Lokals war.

Der erfolgloseste Aufreisser war der eine Franzose, der relativ gut Spanisch konnte, sich – scheinbar erfolgreich – mit zwei Mädels unterhielt und uns am Ende des Abends mitteilte, dass beide vergeben waren. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Der erfolgreichste war Seb – zwar nicht bei den Frauen – aber er schaffte es, uns mit einer schrecklichen Gesangseinlage und einem versuchten Strip gratis Bier von Matthias einzusacken. Matthias versuchte uns zwar zu erklären, dass ihm das Lokal nicht gehörte, und er uns eigentlich nichts ausgeben konnte – aber der Gesang war so schrecklich, dass er auch keine andere Möglichkeit mehr sah, als uns ein Bier auszugeben (abgesehen davon gab es sonst niemanden mehr in der Bar, bei dem wir für das Bier hätten bezahlen können). Erst zwei Abende später fanden wir übrigens heraus, was genau Matthias’ Aufgabe in der Bar war. Dazu aber in einem anderen Blog.

Tag 2, Roadtrip nach Humahuaca/Hornocal

Nach der langen Nacht brachen wir so gegen 11 Uhr auf zu unserem Roadtrip-Tag 2. Gemäss Routenplaner sollten wir in 1,5 Stunden bei dem Cerro de los 14 Colores (Hornocal) ankommen. Auch hier war aber die Dirtroad nicht eingerechnet. Während die Franzosen in einem ziemlichen Tempo vorausfuhren, genossen wir die Aussicht und schonten das Auto, schliesslich gehörte das Auto Peter und war kein Mietauto – und er war seit einigen Tagen auf der Suche nach einem Ersatzrad, also wäre eine Panne ziemlich ungünstig…

(Habe ich schon erwähnt, dass die Franzosen sich auch in Humahuca verfuhren und statt die Brücke nach Hornocal zu nehmen, daran vorbei fuhren und uns fast in ein trockenes Flussbett fuhren? Nein? Tja dann.)

Auf 3500 m. ü. M. angekommen, raubte uns die Aussicht einmal mehr den Atem (schon wieder wortwörtlich)! Es war noch viel besser als Purmamarca. Wir spazierten etwa 20 Minuten auf die Hügelkette zu, bis wir zu einem Aussichtspunkt kamen. Es war unglaublich. Kein Foto kann dieser Sicht gerecht werden. Wir sassen eine zeitlang einfach da, eingemummelt, weil es doch sehr windig und kalt war, und starrten die Berge an.

Keine Chance, die Schönheit dieser Bergkette in einem Bild festzuhalten
2 Franzosen, 1 Burrito, 1 Australier und 1 Belgier

Zurück in unserem superfancy Hostel (Hostel Los Molles in Tilcara), schmiedeten wir Pläne für die weiteren Tage. Seb fuhr das Mietauto zurück nach Salta, seine Reisezeit war nach zwölf Monaten bald zu Ende. Die beiden anderen Franzosen, die seit sechs Wochen zusammen unterwegs waren, wollten dringend nach Bolivien – ohne einen Tag zu verlieren. Ursprünglich hätten sie mit Peter fahren sollen, doch der wollte nicht so Hals über Kopf aufbrechen. Zudem hatten wir eine Londonerin kennengelernt, die uns von Iruya erzählte, einem extrem abgeschiedenen Bergdörfchen, das im Sommer offenbar ein pulsierender Touristenort sein muss. Mein Plan war ursprünglich noch etwas in Tilcara zu bleiben, da es hier ein paar nette Cafés und Bars gab – Bars mit Jenga sind meine Favoriten, alle in Südamerika spielen Jenga. Einfach ein netter Ort zum Erkunden und Ausruhen. Danach wollte ich nach San Pedro de Atacama in Chile, um die Wüste zu erkunden.

Doch es sollte alles anders kommen…

Katzenbild für die Klicks 🤔😉 (mein Wärmekissen in Tilcara)

Mendoza (und der Wein)

Habe ich schon von dem gratis Wein berichtet? Anstatt der geplanten drei Nächte, blieb ich sieben. Aber nicht nur wegen des Weins – denke ich. Ich hatte schon von Anfang an vermutet, dass ich länger in Mendoza bleiben würde, halte mir beim Buchen aber gerne die Möglichkeit offen, das Hostel zu wechseln und buche deshalb lieber etwas weniger Nächte im Voraus. Da hier Herbst ist, und somit Nebensaison, ist das auch absolut kein Problem.

Am Donnerstag regnete und gewitterte es. Da ich schlauer Fuchs meine Schuhe draussen auslüften liess, hatte ich am Nachmittag zwei durchtränkte Schuhpaare und schloss mich somit für den Rest des Tages mit den Flipflops im Hostel ein. Wirklich schlimm war dies an diesem trüben Tag aber nicht – und die Schuhe trockneten auch brav bis zum nächsten Morgen. Am Abend sassen Moritz, der Berner, und ich mit einem jungen argentinischen Pärchen bei Cerveza (es kann nicht immer Wein sein) und Mitternachtspasta zusammen. Gabriel sprach ein bisschen Englisch, Julieta gar nicht, Moritz spricht besser Spanisch als ich – meine Fähigkeiten kennt ihr ja bereits… Mit Bier geht aber bekanntlich alles leichter: Wir sassen gut fünf Stunden zusammen und unterhielten uns so gut wie eben möglich. Unser Vorteil: Julieta studiert Audiophonologie und arbeitet mit Kindern zusammen, um ihnen beim Sprechen lernen zu helfen. So eine saubere Betonung werden wir wahrscheinlich nie mehr zu hören kriegen.

Ich schaffte es dann noch zwei weitere Tage praktisch nichts zu machen. Am Freitag besuchte ich mit Fem und Ben, einem Pärchen aus Holland/Südafrika, die ich zusammen mit Moritz beim Frühstücken im Hostel kennengelernt hatte (und die hier einen super Blog unterhalten: www.2sillyllamas.com), das Museo del Área Fundacional, das die Artefakte und archäologische Überreste von vor dem Erdbeben, das Mendoza 1861 völlig zerstörte, zeigt. Und am Samstag – nach einem weiteren Abend mit (zu) viel Wein – spazierte ich durch die Stadt und legte mich im Parque General San Martin in die Sonne.

Trotz leichtem Kater am Sonntag, floh ich mit Moritz in die Berge. Unter Tränen und Schweiss (eigentlich nur Schweiss, dafür viel davon) kämpften wir uns in der Mittagssonne auf den Cerro Arco. Der Hausberg Mendozas ist mit dem Bus in 40 Minuten (oder schneller) zu erreichen. Der Gipfel liegt 1670 Meter über Meer, der Aufstieg beträgt 580 Meter in 4,5 Kilometern (sagt das Internet) und führt über einen steinigen Feldweg, auf dem ab und zu auch Offroader vorbei stauben. Technisch schwierig ist der Weg entsprechend nicht, ich würde allerdings empfehlen, nicht in der brütenden Mittagssonne wandern zu gehen, denn Bäume gibt es auf der Strecke keine.

Oben angekommen, fanden wir einen hübschen Gratweg, den man ein gutes Stück bewandern konnte, um dann einen anderen Weg zurück ins Tal zu nehmen. Während der Aufstieg eher enttäuschend war und mehr Kampf als Wanderung, fühlten wir uns auf dem Gratweg zuhause. Die Aussicht war atemberaubend. Der Abstieg dann aber ziemlich steil und rutschig. Die Knie zitterten als wir die Kletterei endlich überstanden hatten. Trotzdem war zumindest ich froh, dass wir nicht denselben Weg nach unten gewandert sind.

Zurück im Hostel gab es… ihr wisst schon… und ein «Asado», ein typisches argentinisches Barbecue. Nach gut zehn Jahren ohne Fleisch und davon einigen ganz ohne tierische Produkte, griff ich trotzdem zu – zum Reisen gehört schliesslich auch Traditionen und Kulinarik kennenzulernen. Argentinisches Steak heisst «well done». Tagelang kann man so auf diesem Stück Fleisch rumkauen und spart entsprechend einiges an Essenskosten. Danke liebes Rind, dass wir dich essen durften. Was den Abend allerdings so wirklich perfekt machte, waren der Gastgeber Gaston und seine Frau Nati, die mir «Tage wie diese» vorsangen – wer hätte gedacht, dass es in Südamerika Fans der Toten Hosen gibt. (Nun gut, Die Toten Hosen wussten es. Sie spielten nämlich 2018 ein Konzert in Mendoza, an dem Nati mit Campino singen durfte. HERRLICH! Mein Fangirl-Herz kreischt!)

Unterdessen bin ich übrigens schon nach Salta weitergereist – es ist das WiFi, nicht der Wein, der mich zu einer solch langsamen Bloggerin macht – und zwar wieder mit dem Flugzeug. Das kostete fast genauso viel wie die 17-stündige Busfahrt – entsprechend fiel meine Entscheidung einmal mehr gegen das Klima und für den Komfort aus.

Salta

Free Wine in Mendoza

Mendoza

Am Mittwoch um 7 Uhr in der Früh gelangte ich nach einer gemütlichen zehnstündigen Busfahrt nach Mendoza. Wie üblich (schliesslich schon das zweite Mal) nach langen Busfahrten, bestand meine erste Amtshandlung darin, die Toilette aufzusuchen. Als ich meine Hände trocknen wollte, wurde ich von einem kleinen Mädchen angegrinst. Es dauerte einige Sekunden, bis ich aus dem Tiefschlaf erwachte und merkte, dass, während sie die Hände wirklich unter einen Trockner hielt, ich meine nur unter einen leeren Papierspender hielt… Nach dieser Blamage spazierte ich im Sonnenaufgang 40 Minuten lang durch Mendoza zum Hostel. Bereits nach zehn Minuten fragte ich mich, wie es Menschen möglich ist, mit einem Reiserucksack (der keine zwölf Kilo schwer ist) längere Strecken zu gehen. Der Gurt drückte unglaublich in meine Eingeweide. Bis ich merkte, dass dies nicht der Gurt sondern mein Pass im Bauchgürtel war, den ich intelligenterweise unter dem Rucksackgurt platziert hatte, vergingen schmerzhafte Minuten. Offenbar war ich doch noch nicht ganz so wach.

Im Hostel angekommen durfte ich mein Zimmer überraschenderweise direkt beziehen – in aller Stille, denn in drei Betten schlummerten noch Mädels. Dann erkundete ich mich am Empfang, was ich denn so machen könnte. Gaston, der Besitzer, gab fröhlich Auskunft über alles – sogar Reitausflüge und Weintouren konnte man direkt im Hostel buchen. Das merkte ich mir für später.

Für den Anfang schlenderte ich, wie immer, etwas planlos durch die Stadt. Das Zentrum ist nicht sonderlich gross, umfasst aber ein paar schöne Parks. Die Städte hier sind alle wunderbar symmetrisch aufgebaut, alles ist in hübsche «cuadros» aufgeteilt. Man könnte meinen, dass das Orientieren hier ein Kinderspiel ist. Während ich mich aber in Europa sehr selten verlaufe, kriegte ich es bisher schon öfter hin in die falsche Richtung zu gehen, weil durch die symmetrische Anordnung einfach alles gleich aussieht. Irgendwie.

Mendoza gefiel mir auf Anhieb. Die Häuser sind niedriger, die Luft besser, die Parks grüner. Ich freute mich schon darauf, die umliegenden Landschaften zu besichtigen.

Nach einer Siesta (obwohl die Busfahrt sehr viel besser war als die letzte, hatte ich nicht mehr als etwa drei Stunden geschlafen) machte ich mich auf zum riesigen Parque General San Martin mit künstlichem See und dem Cerro de la Gloria – von diesem Hügel aus habe man einen wunderbaren Panoramablick auf Stadt und Berge rundherum, hatte mir Gaston erzählt.

Nach einer knappen Stunde Fussmarsch erreichte ich den Park. Obwohl er relativ leer war, war er weitaus weniger verwahrlost als der in Córdoba. Auf dem See(chen) tummelten sich sogar ein paar Ruderer. Natürlich war das Wetter auch besser – aber das Wetter ist keine Entschuldigung für die versunkenen Pedalos… Ich setzte mich etwas an die Sonne und genoss die Aussicht. Danach machte ich mich auf zum Cerro de la Gloria. Dummerweise landete ich auf der falschen Seite des Hügels: Der Fussgängeraufstieg befand sich noch einmal 30 Minuten auf der anderen Seite des Hügels… Nun gut, es war ja erst 16 Uhr, da hatte ich noch massig Zeit. Der Umweg hatte allerdings auch seine Vorteile: Unterwegs galoppierte ein Gaucho an mir vorbei, mit einem Fohlen und einem Hund im Schlepptau. Ich sah ihnen nach und genoss das Westernfeeling.

Der Aufstieg zum Cerro de la Gloria war steil, dauerte aber nur etwa 15 Minuten. Und schon während dem Aufstieg hatte man einen wunderbaren Blick auf die umliegenden Berge und Dörfer. Herrlich. Ich bin wirklich ein Natur- und kein Stadtmensch. Hier gefällt es mir. Hier bleibe ich ein bisschen.

Dance the night away

Am Abend hatte ich grosse Lust mich einfach in mein Bett zu verkriechen, entschied mich aber, mich fürs Abendessen in die Küche zu wagen. Hier sassen bereits einige Leute zusammen, die sich – wie ich bald merkte – auch noch nicht länger als ein paar Tage, Stunden oder Minuten kannten. Der Abend begann also bei gemütlichen Kennenlerngesprächen – bis um 21.30 Uhr der Besitzer mit gratis Wein auftauchte. Es dauerte keine Stunde, da wurde die Hintergrundmusik zu Tanzmusik und die Gespräche zu Tanzbattles. Bis morgens um 3. Es tanzten Frankreich, England und die Schweiz gegen Kolumbien und Argentinien. ;o)

Mein erster Eindruck des Hostels war übrigens nicht unbedingt ein positiver: Die Duschen sind die ältesten, die ich bisher gesehen habe und offenbar hatten einige Zimmer Bettwanzen. Aber der Gratis-Wein-Trick gibt Extrapunkte. Mein ursprünglicher Wunsch das Hostel zu wechseln, verflüchtigte sich nämlich ziemlich schnell im Alkohol.

Noch mehr Wein

Tag Nummer zwei verbrachte ich mit Tuesday (die wirklich so heisst und die ich natürlich an einem Dienstag kennengelernt hatte). Wir wollten ein paar Weingüter in Chacras de Coria besuchen (rund um Mendoza befinden sich über 1200 Weingüter!), ein Städtchen direkt ausserhalb von Mendoza, mit dem Bus in einer Stunde zu erreichen.

Wir gingen erst gegen Mittag los, fühlten uns beide aber noch ziemlich betrunken. Ursprünglich wollten wir noch etwas essen, bevor wir uns in einer Bodega zum Wein degustieren meldeten, da wir unterwegs aber kein Restaurant und keinen Supermarkt antrafen und uns die 1200 Pesos für ein 3-Gang-Menü in der Bodega zu teuer waren (auch wenn es umgerechnet nur CHF 27 sind…), übersprangen wir das Essen und machten da weiter, wo wir aufgehört hatten: beim Wein. (Der natürlich einige Stufen besser war, als der Gratiswein im Hostel.)

Nach der Degustation und einer Führung (eines sehr begeisterten Guides) durch den kleinen Betrieb Clos de Chacras, marschierten wir fast eine Stunde zu einer entlegeneren Bodega. Diese bot leider keine Führung an und so sassen wir bei mehr Wein – und immer noch ohne Mittagessen – im wunderschönen Garten rum, genossen die Aussicht auf die Olivenbäume und die herbstlichen Reben. Falls man hier wohnen kann, würde ich das durchaus in Betracht ziehen.

Free Wine (again)

Übrigens: Am Abend gab es im Hostel wieder gratis Wein. Und Abendessen. ENDLICH was zu knabbern! Diesmal wurde nicht getanzt, aber getrunken. Und Reisetipps ausgetauscht. Und ich lernte den ersten Schweizer kennen – aus Bern. Nach einem Monat reisen, war es schön etwas erzählen zu können, ohne nach Worten ringen zu müssen!

Und jetzt? Jetzt wird ausgenüchtert.

Kleines Fazit nach drei Wochen

Wie zuvor in Buenos Aires und in Rosario verlängerte ich meinen Aufenthalt in Puerto Iguazú spontan. Zum Einen finde ich dieses Klima herrlich (wir hatten nicht wirklich viel Sonnenschein, aber es ist wunderbar warm bis heiss und irgendwie einfach gemütlich) und zum Anderen gefällt mir das Hostel (TangoInn Downtown) ausserordentlich gut. Für einmal ziemlich sauber und das 6er-Zimmer ist gross genug, dass man sich nicht auf die Füsse tritt.

Ganz freiwillig war diese Verlängerung allerdings nicht, die Erkältungserscheinungen wurden nämlich einfach von Bauchkrämpfen abgelöst und nach einem zweiten wunderbaren Tag bei den Iguazú-Wasserfällen musste ich einen Ruhetag einlegen. Ursprünglich wollte ich noch die brasilianische Seite besuchen, aber irgendwie fehlte mir die Energie dazu – und die argentinische Seite war bereits so überwältigend, dass ich das zuerst verarbeiten muss. Und: Ich hoffe sehr, dass ich die Cataratas noch ein zweites Mal erleben darf!

Der nächste geplante Abreisemoment war dann der Donnerstag, per Bus 22 Stunden nach Córdoba. Ana bewahrte mich allerdings vor dieser Busfahrt, indem sie mir flybondi.com zeigte. Der Flug (allerdings erst am Freitagabend) kostete mich gut 1000 Pesos weniger – die zusätzliche Nacht bereits einkalkuliert. Trotz CO2-Sünde konnte ich dazu nicht nein sagen. Zwei Stunden im Flugzeug statt 22 im Bus für weniger Geld … die Entscheidung war nicht so schwer. Jetzt sitze ich also hier in der Hostelküche (draussen) und denke darüber nach, was ich in den letzten drei Wochen schon alles so erlebt und gelernt habe. Hier ein kleines Sammelsurium.

Kleine Learnings

  • Hosen- und Jackentaschen sind eine gute Sache. Ich hatte es tatsächlich geschafft zwei (meiner Lieblings-)Jäckchen einzupacken, die keine Taschen haben. Dazu hatte ich auch ein paar Leggings (logischerweise ohne Taschen) und ein paar dünne Stretchjeans (nur mit Gesässtaschen) eingepackt. Das ist nix zum Reisen. Trotz Bauchgürteltasche. So viel passt da nicht rein.
  • Es ist sinnvoll, die Passkopie und den Pass an unterschiedlichen Orten aufzubewahren. (Stellt euch hier ein Facepalm-Emoji vor.)
  • Ordnung halten ist unmöglich. Falls jemand weiss wie: Tipps sind willkommen :o)

Todo estará bien

Bereits vor der Abreise nach Südamerika und auch während meiner ersten Tagen in Buenos Aires war ich besorgt, dass ich drei Monate lang alleine sein werde. Von allen hört man immer, dass sie Freunde gefunden haben und es schwierig ist, alleine zu bleiben auf Reisen. Aber auch wenn ich relativ schnell «auftaue», wenn ich jemanden kennenlerne, habe ich Mühe auf unbekannte Menschen zuzugehen. Meine zweite «Angst» war dann, dass ich – aus Angst alleine zu sein – mich mit Menschen abgebe, die nicht zu mir passen oder die ich anstrengend finde. Und nach den guten Vibes in Buenos Aires war ich schliesslich besorgt, dass der Rest der Reise im Schatten dieser positiven Erfahrung stehen wird. Doch keine dieser Ängste war oder ist berechtigt. Innert dieser drei Wochen, die ich jetzt unterwegs bin, habe ich mühelos tolle Menschen kennengelernt, mit denen der Kontakt natürlich und nicht anstrengend war – und mit denen ich den Kontakt auf jeden Fall weiter halten möchte – und die Zeit in Puerto Iguazú war genauso grossartig, wenn auch total anders, wie die in Buenos Aires. Meiner Weiterreise stehe ich jetzt ganz entspannt gegenüber. Und in diesem Moment geniesse ich die Zeit für mich alleine zu sein, und die Erlebnisse Revue passieren zu lassen.

TangoInn Downtown

Von Dorms und Mitmenschen

Man kann sich an alles gewöhnen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Hostel besser ist, als die, in denen ich bisher war, oder ob ich mich bereits an die Unannehmlichkeiten gewöhnt habe. Es gibt Menschen, denen sind Begriffe wie Sauberkeit und Rücksichtnahme völlig fremd.

In Buenos Aires teilte ich für drei Nächte das Zimmer mit drei Party-Chicas, die um Mitternacht betrunken, nach Rauch stinkend, laut schreiend ins Zimmer kamen, alle Lichter einschalteten und neben meinem Bett Bier schlürften – bevor sie dann wieder gingen und sich das Ganze morgens um vier Uhr wiederholte, als sie die eine Chica zum Schlafen abluden. Der Höhepunkt war allerdings, als morgens um sechs Uhr der Handywecker der Schlafenden losging. Zehn Minuten lang in voller Lautstärke. Die eine Mitbewohnerin und ich schalteten das Licht ein, suchten das Handy. Schüttelten die schnarchende Leiche. NICHTS! Auch das Handy war unauffindbar, sie schien darauf zu schlafen. Erst zehn qualvolle Minuten später schaltete sie den Wecker selber aus. Wir atmeten tief durch und legten uns wieder ins Bett. Fünf Minuten lang. DANN GING DER WECKER WIEDER LOS! Diesmal lag das Handy immerhin so, dass ich das Ding endgültig ausschalten konnte (ohne es aus dem Fenster werfen zu müssen). Welch erholsame Nacht!

Dann gab es da aber auch noch die Argentinierin, die theoretisch nur das Bett über mir belegte, allerdings das ganze Zimmer mit ihren Habseligkeiten füllte und einen Stuhl neben mein Bett stellte (neben die vorhandene Leiter) wodurch ich, um aus dem Bett zukommen, den Stuhl wegstellen musste, und sie umgehend reklamierte, dass der Stuhl zu weit weg stehe vom Bett. Gewisse Leute sind nicht für Dorms gemacht.

Ooooh, oder als ich Duschen wollte (in einer Badewanne mit durchgehendem Duschvorhang) und ich den Badezimmerboden einige Zentimeter unter Wasser stehend vorfand (wie ist das möglich?). Zum Glück nicht verursacht durch die, die morgens um vier Uhr die Haare föhnte. Das hätte tödlich geendet.

Meine (bisherige) Favoritin traf ich allerdings in Puerto Iguazú. Sie hat spontan eine Unterkunft gebucht, kommt mit dem Rezeptionisten ins Zimmer. Es ist nur ein Bett oben frei und Leitern gibt es keine. Das findet sie scheisse. Und es ist so warm, das findet sie auch scheisse. Sie schaut sich das Bad an – das zugegebenermassen aussah, als hätte sich darin jemand trocken geschüttelt (ich wars nicht, imfal) – und findet es scheisse. Sie entscheidet sich trotzdem zu bleiben, nachdem sie einmal über alles gejammert hat. Etwa vier Stunden später (so gegen 11 Uhr abends), ich und zwei andere Mädels waren schon im Bett, weil K.O. vom Tag, kommt besagte junge Dame ins Zimmer, schaltet das Licht ein, kramt in ihren laut raschelnden Plastiksäcken und beginnt neben Anas Bett Kekse zu essen. Ana macht sie darauf aufmerksam, dass es auch ein Nachtlicht gäbe, das nicht das ganze Zimmer fluten würde. Nur zwei Minuten, sagt die andere, und knabbert und raschelt im Partylicht fröhlich weiter.

Es mag vielleicht so klingen, als würde ich mich jetzt auch beschweren, aber ich schreibe das mit einem Grinsen im Gesicht, ich bin dankbar für solche Momente. Denn dann habe ich etwas zu berichten und werde permanent daran erinnert, wie man es nicht machen sollte… Und die Energie, die es brauchen würde, um sich über solche Dinge aufzuregen, brauche ich lieber, um wieder gesund zu werden!

Liebe auf den zweiten Blick

Da ich in den letzten Tagen von der Schule (immerhin 20 Stunden) und dem Nachtleben von Buenos Aires etwas eingenommen war, finde ich erst jetzt die Zeit, etwas mehr über meine Reiseerfahrungen zu berichten.

Nachdem ich mir die ersten paar Tage in Buenos Aires die Füsse wund gelaufen hatte und bereits etwas den Koller hatte, weil die meisten Chicas in meinem Dorm kein Englisch konnten und ich wirklich zu wenig Spanisch, um mich schlau verständigen zu können (auch wenn ich immer mehr verstehe, sprechen kann ich nicht), fühlte ich mich etwas einsam. Ich merkte auch, dass ich unbedingt einen Gang herunter schalten musste, denn im Gegensatz zu sonstigen Reisen, hatte ich ja jetzt drei Monate lang Zeit, und das würde ich nicht überleben, wenn ich jeden Tag stundenlang von A nach B renne und dabei noch versuche, Freunde zu finden.

Und siehe da. Während ich Buenos Aires am Anfang noch mit einer Schnute als «nah, gefällt mir gar nicht» beschrieb, fing es mir langsam an zu gefallen, als ich mein Herz öffnete und das Unbekannte an mich heran liess (hach wie philosophisch).

In der Academia de Buenos Aires lernte ich in 20 Stunden die wichtigsten Fragen und Antworten auf Spanisch und lernte ein paar coole Menschen kennen. Doch das wahre Leben begann am Gründonnerstag. Abends. In meinem Dorm hatte ich tatsächlich eine Kolumbianerin kennengelernt, die Französisch sprach. Somit hatten wir immerhin eine gemeinsame Sprache und verstanden uns auch auf Anhieb. Sie lud mich zum Mate Club de Conversación ein, den sie mit zwei Kolumbianern, die sie ebenfalls im Hostel kennengelernt hatte, besuchen wollte. Im Mate Club kommen Menschen verschiedener Muttersprachen zusammen, um sich in unterschiedlichen Sprachen zu unterhalten und diese so zu üben. Vier bis fünf Nasen pro Tisch, hübsch gemischt, dass man ja nicht mit Bekannten am selben Tisch sitzt und alle 15 Minuten kommen die Organisatoren vorbei und geben die Sprache vor. In diesem Fall waren dies abwechselnd Englisch und Spanisch. Dazu wird Yerba Mate getrunken, wie in Argentinien üblich. Ich weiss nicht, ob es dies in der Schweiz auch gibt, aber dieses «Sprachcafé» ist ein super Format, um sich im Sprechen zu üben. Gerade für Leute wie mich, die zwar lesen können, aber beim Sprechen über jede Silbe stolpern.

Yerba Mate ist ein Tee, den praktisch alle Argentinier trinken. Sehr häufig sieht man Leute mit einem Becher mit Strohhalm in der Hand und einer Thermoskanne unter dem Arm durch die Strassen flanieren – weil sie einfach nicht ohne ihren geliebten Tee aus dem Haus können. In der Academia hatten wir einen kleinen Workshop darüber, wie denn der Mate genau zubereitet wird. Mate (der Becher) bis zu 3/4 mit Yerba Mate füllen, Becher zuhalten und umdrehen, damit die staubigen Partikel nach oben gelangen (der Yerba Mate sollte danach schräg im Mate stehen), das 80° C heisse Wasser auf der niedrigen Seite einfüllen und den Strohhalm ebenfalls auf der niedrigen Seite schräg bis nach unten in den Yerba Mate hineinstecken. Rocket science. Es gibt dazu sicher ein YouTube-Video, wenn ihr euch jetzt rein gar nichts darunter vorstellen könnt. :o)

Dieses Sprachcafé war der Anfang einer fünftägigen Ausgangsserie, die am Donnerstag noch bis morgens um 3 Uhr ging, und am Dienstag dann erst morgens um 8 Uhr zu Ende war. Während wir am Anfang noch zu viert unterwegs waren (drei Kolumbianer und ich), erweiterte sich unsere Gruppe um einen, zwei, drei Brasilianer, einen Peruaner und einen Chilenen. Wir sangen in der Hostellobby, tanzten Samba auf der Strasse und schafften es am Montagabend sogar in eine Karaoke-Bar, die wir erst wieder verliessen als die ersten Läden öffneten und in Buenos Aires langsam das Geschäftsleben erwachte.

Um mich auch mit den Portugiesen unterhalten zu können, lernte ich die wichtigsten Wörter: mais uma (noch eins – Bier natürlich), saideira (das letzte Getränk, bevor man eine Party verlässt – oder das zweitletzte, drittletzte, …) und zu guter Letzt noch ein paar Wörter, die ich hier nicht nennen möchte.

Während ich am Anfang wirklich damit kämpfte, alleine unterwegs zu sein und mich fragte, ob es eine weise Entscheidung gewesen ist, diese Reise anzutreten, wusste ich nach diesen fünf Tagen bestimmt, dass es keine bessere Entscheidung hätte geben können. Ich war ja die einzige Europäerin in der Gruppe und wir hatten nicht alle eine gemeinsame Sprache. Ein Brasilianer sprach nur Portugiesisch, der Chilene nur (sehr schnelles) Spanisch und die Kolumbianerin eher schlechtes Englisch. Und doch konnten wir uns alle irgendwie unterhalten. Mit Händen, Füssen, Google Translate… Und nach den paar Tagen schien es, als würden wir uns schon ewig kennen. Das ging nicht nur mir so, auch den anderen. Etwas kitschig. Sehr vielleicht. Aber einfach wahr…

Andrea, Felipe, ich, Diego, Weisman