«Celebration of Life»

as Tal usually says.

Nun bin ich seit bald zwei Monaten in Brasilien und habe mir schon lange nicht mehr die Zeit genommen, für euch (und nicht einmal für mich) über meine Erfahrungen zu schreiben. Dies, weil ich praktisch nie alleine unterwegs war, und mein Gehirn so völlig mit Lernen und Eindrücken speichern beschäftigt war, dass ich einfach keine Lust hatte, auf meinem Bildschirmgerät zu tippen.

Barra da Lagoa, Florianópolis

Nun denn. Als ich von Lagoa da Conceição nach Barra da Lagoa umzog, befiel mich wie üblich eine gewisse Melancholie. Diese wollte ich mit einem zwölfstündigen Schlaf ersticken. Im Hostel sah ich nur sehr wenige Gäste und ich fühlte mich noch verlassener als sowieso schon (ich armes Kind). Leider hatte ich die Rechnung ohne den Samstagabend gemacht: Weit weg, unten am Strand, war ein Festival, dessen Musik und Geschrei vom Wind immer wieder an meine Ohren getragen wurde. So lag ich zwar gute zwölf Stunden im Bett, schlief davon aber keine sechs.

Sicht vom Hostel (ja, das Hostel ist nur zu Fuss zu erreichen)

Es fiel mir entsprechend schwer, mich am frühen Morgen aufzuraffen und joggen zu gehen – aber joggen am Strand (nicht im roten Badekleid), um 6.30 Uhr – hallo, wie geil ist das denn? (Wirklich jetzt. Ironiebefreit.) Und es lohnte sich tatsächlich, denn als ich zurückkam, fragte mich die Fremde, die in der Küche stand, ob ich das jeden Morgen mache, sie würde gerne mitkommen, sie bräuchte jemand, der sie motivierte. Ich klärte sie auf, dass ich zum ersten Mal seit seeeeeehr langer Zeit joggen gewesen war und ich zwar über eine Stunde weg gewesen war, jedoch nur gute zehn Minuten davon joggend verbracht hatte. Sie meinte, das sei kein Problem, sie sei schon seit Eeeeewigkeiten nicht mehr Joggen gewesen. (Dass sie allerdings seit acht Monaten mit dem Fahrrad durch Südamerika kurvte, verschwieg sie zu diesem Zeitpunkt frech.) Die Fremde heisst übrigens Diana und ist aus Rumänien, wohnt aber seit einiger Zeit in London und hat einen fast perfekten britischen Akzent.

Als ich ein paar Stunden später arbeitsuchend am Laptop sass, lernte ich Tal kennen. Wir unterhielten uns. Zwei Stunden lang. Tal ist aus Israel und Schauspielerin/Tänzerin/Künstlerin und das merkt man, ihre Art Kontakte zu knüpfen, Gespräche zu führen, zu leben, sprüht vor Freude und Energie. Lustigerweise ist auch ihre Wahlheimat seit ein paar Jahren London, einen britischen Akzent hat sie aber definitiv nicht. Und will sie auch nicht haben, denn das ist Teil ihrer Performances.

Etwas später lernte ich noch die drei uruguayanischen Strassenmusiker Gabriel, Luís und Shooki (keine Ahnung, wie man das schreibt) kennen, die eigentlich am Tag zuvor ausgecheckt hatten, dann aber Mitten in der Nacht ins traute Heim zurückgekehrt waren … Und noch etwas später, ich weiss nicht mehr genau, wie dies alles zustande kam, aber, auf jeden Fall: Noch etwas später, «warfen» wir alle mit Lebensmitteln, die wir einzeln eingekauft hatten, um uns. Tal stand in der Küche, kombinierte die Lebensmittel zu einem Essen und ging in ihrer Chefkochrolle völlig auf: «Ja, alle Zwiebeln! Es sind vier? Dann vier! Ja, der ganze Bund Petersilie, wenn du noch einen zweiten findest, den auch!» Gabriel und ich schnipselten Gemüse, was das Zeug hielt – natürlich unter der genauen Aufsicht von Tal, keine Würfeligrösse wurde dem Zufall überlassen – und der Rest unterstützte uns moralisch mit Musik und Gesang oder aufmunternden Zurufen, wenn sich mal wieder ein Messer zu nahe am Hals des Anderen befand …

Ich, Diana, Tal und Juan bei einem unserer ersten Frühstücksgelage

Daraus entstand eine Art Ritual. Da uns die Musiker doch noch verliessen und Richtung Praia do Rosa abreisten, bestand das Koch-/Esskernteam schliesslich aus Tal, Diana, Juan (dem argentinischen Voluntär, der im Hostel arbeitete) und mir. Wir kochten nicht nur zusammen, sondern machten plötzlich fast alles zusammen: Diana und ich gingen morgens nach dem ersten Kaffee joggen, manchmal begleitet von Juan oder Tal, danach machten wir unter Tals Leitung fast eine Stunde Yoga und schliesslich gab es Frühstück: Früchte aller Art, Eierspeisen, IMMER Salat (weil das zu jeder israelischen Mahlzeit gehört), IMMER viel Brot, weil Rumänien ohne Brot nicht überleben kann, und IMMER ganz viel Kaffee, weil sonst meine Adern ausgetrocknet wären. Und manchmal, wenn wir ganz ausgefallen waren, gab es auch Tapioka oder Crepioca (eine Art Omelette, die auf Maniokwurzelstärke basiert). Jedesmal, wenn vereinzelt neue Leute ins Hostel eincheckten und sie per Zufall zur Zeit eines unserer Gelage in der Nähe waren, luden wir sie zum Essen ein. Es gab auch Jam-Sessions, da es im Hostel Gitarren und Trommeln gab, und Diana organisierte sogar eine kleine Bastelstunde. Ich lernte ein paar Ukulele-Akkorde und konnte schon fast ein ganzes Lied spielen, als Leo aus Deutschland uns verliess und seine Ukulele wieder mitnahm … Dann lernten Diana und ich ein bisschen Trommeln, aber auch hier verliess uns Lehrerin Tal vor unserem ersten grossen Erfolg …

Tal, ich und Leo, der mir seine Socken geschenkt hat, damit ich meine übel verbrannten und sich auflösenden Beine verstecken konnte.

Eigentlich wollte ich maximal eine Woche in Barra bleiben. Doch es wurden zwei. Denn Diana und Juan feierten noch Geburtstag und irgendjemand musste ja den Kuchen backen, die Kerzen anzünden und die Flasche Wein zum Frühstück öffnen. Auch für Diana und Tal war es eher ungewöhnlich, so lange an einem Ort zu bleiben. (Vor allem für Diana, die fast jede Nacht im Zelt hinter einer anderen Tankstelle verbrachte.) Aber «The Family» hatte sich so viel zu erzählen und beizubringen, dass es uns schwer fiel, uns zu trennen.

Wir fühlten uns im Hostel langsam so richtig zuhause, als am Donnerstag die Hiobsbotschaft kam: «Wir beginnen am Montag zu malen, ihr dürft natürlich bleiben, aber es wird wahrscheinlich nicht sehr angenehm.» Juan begann schon, uns zu vermissen, bevor wir abgereist waren oder überhaupt wussten, wohin wir reisen sollten, da erreichte uns die nächste Hiobsbotschaft: Das Hostel wollte Juan nicht mehr als Voluntär beschäftigen. Nachdem er in anderen Hostels in Barra keine Arbeit fand, beschlossen wir alle gemeinsam nach Praia do Rosa zu fahren. Fast alle, die ich getroffen hatte, gaben Praia do Rosa als Geheimtipp an: süsses Dörfchen, tolle Strände, Hippie-Community … Unsere drei Musikerfreunde hatten sich in einem Hostel von Freunden einquartiert und boten uns einen guten Preis (RS 35 oder CHF 8.50 pro Nacht) an. Diana pedalte los, während Tal, Juan und ich uns ein Uber teilten. Für RS 40 pro Person uberten wir also 1,5 Stunden in den Süden. Der Bus wäre zwar etwas günstiger gewesen (gute 20 Rappen), hätte uns aber nicht vor die Haustür gebracht, wir gönnten uns also den Luxus.

Praia do Rosa

Wir blieben nur eine Nacht im Hostel unserer Freunde. Dies hatte mehrere Gründe: Zum Einen war uns nicht ganz klar, was da neben Caipirinhas noch so konsumiert wurde, zum Anderen wurden wir am Sonntag um 8 Uhr aus dem Bett geräuchert, weil sie die glorreiche Idee hatten, einen Haufen Blätter zu verbrennen. Vor unserem Zimmer. Mit undichten Fenstern und Türen. Irgendwie fanden wir das nicht so gastfreundlich. Zudem war Diana mit dem Fahrrad angereist und wollte am Strand campen. Die Musiker warnten sie aber davor, alleine am Strand zu campen, da in den letzten Wochen zwei Frauen vergewaltigt worden waren … Was machten wir also? Die vier Freunde campten am Strand neben der Lagoa do Meio und verliessen das «Crack House», wie wir es liebevoll nannten.

Die Strassen sind dazu da, genutzt zu werden. Praia do Rosa.

Juan zeigte uns, wie man einen unterirdischen Herd im Sand machte, Tal bewies, dass sie keine Küche brauchte, um geiles Essen zu zaubern, Diana sprang in der Lagoa herum, in der sie phosphoreszierendes Plankton entdeckt hatte, und Anna (Ha! Das bin ich!) «hackte» mit dem Schweizer Taschenmesser (natürli) Holz für das Feuer klein. Es war ein wunderbar friedlicher Abend.

Lagoa links, Meer geradeaus.

Morgens um extrem früh (so um 5.10 Uhr) hörten wir plötzlich ein «Things are happening» von Tal, die den Sonnenaufgang ankündigte. Es verstand sich von selbst, dass wir danach noch einmal zwei Stunden weiterschliefen, bevor wir uns dem Frühstück widmeten. Wir belagerten den Platz am Strand fast den ganzen Tag, nannten ihn Freeland, wo jeder zur Durchreise willkommen war, aber WEHE DU SETZT DICH HIN!

Sonnenaufgang ❤

Um Geld zu sparen – die Arbeit blieb aus – campierten wir eine weitere Nacht, bevor Diana weiter in den Süden fuhr und Tal, Juan und ich uns eine Cabin leisteten. Das heisst, Juan überzeugte die Vermieter eines kleinen Ferienhäuschens, das normalerweise das Doppelte kosten würde, uns einen Rabatt zu gewähren. Schliesslich waren die vier Nächte in der Cabin für RS 33 pro Nacht und Person die günstigsten bisher (neben dem gratis Campen versteht sich).

Nach den weiteren paar Tagen in unserem kleinen Zuhause, die wir mit Strandbesuchen, kleinen Trails und Caipirinhas in Teekesseln zubrachten, trennte auch ich mich von Juan und Tal. Die beiden wollten direkt weiter nach São Paulo – Juans Arbeitssuche war auch hier im Süden erfolglos geblieben – und ich wollte nochmal nach Floripa, um mich von ein paar Freunden zu verabschieden.

Um möglichst günstig zu reisen, wählte ich BlaBlaCar: Leute, die sowieso irgendwohin fahren und Platz im Auto haben, posten dies online, verlangen einen Zustupf ans Benzin, und man kann sich einen Platz reservieren. Es ist allerdings eine relativ unsichere Variante, weil die Fahrt jederzeit storniert werden kann. Zudem wird man hauptsächlich von Tankstelle zu Tankstelle gebracht. Das hiess für mich: Von der Praia do Rosa irgendwie an eine Tankstelle an der Autobahn zu kommen. Zu Fuss waren das gute 1,5 Stunden. Aber es gab ja noch Autostop … Da Tal sich am Fuss verletzt hatte, hatten wir innerhalb des Dörfchens schon mehrfach erfolgreich gstöpplet und wurden immer von sehr herzlichen Menschen mitgenommen. Das würde sicher auch jetzt klappen. Ich lief also los und streckte allen Autos den Daumen entgegen. Sehr erfolglos, ehrlich gesagt. Zum Einen gab es erstaunlich wenige Autos, die am Samstagmittag (bei brütender Hitze) unterwegs waren, zum Anderen waren die, die es gab, offenbar nicht bereit eine verschwitzte, vollbepackte Gringa einzuladen. Mein Favorit war allerdings der, der anhielt, um mir zu erklären, dass er mich sehr gern mitnehmen würde, aber leider vorne links abbiegen würde und einen Termin hätte und deshalb auch keinen Umweg fahren konnte ….. 50 Minuten spatzierte ich so in der Mittagshitze über staubige Strassen. Bis endlich einer anhielt. Ich war nicht wählerisch und stieg in das kleine, vollbepackte Auto mit der Leiter auf dem Dach ein. Ich vergass seinen Namen. Und auch seine Lebensgeschichte. Ich vergass aber nicht, dass er sich zu Beginn entschuldigte, dass er abwechselnd Spanisch und Portugiesisch sprach, weil er eben schon ein paar Bierchen getrunken hatte. Ich hielt mich fest. (Wie ihr seht, habe ich überlebt. Auch die anschliessende BlaBlaCar-Fahrt für RS 15.)

«Celebration of Friends»

Ich lernte sehr viel von den drei (Über)Lebenskünstlern Diana, Juan und Tal: Kochen, Feilschen, Trommeln, Yoga-en, Salat zum Frühstück essen … Ich merkte, dass sie alle Eigenschaften hatten, die ich gerne hätte, respektive an denen ich arbeiten wollte. In meinen Augen waren sie selbstbewusst, selbstbestimmt und konnten alles. Im Reiseleben trennt man sich an der «Stelle» meistens wieder: Man trifft Leute, macht sich ein Bild, und auch, wenn man über alles redet und eigentlich fast keine Tabus kennt (weil die Freunde, mit denen man sonst Allerlei teilen würde, weit weg sind), trennt man sich wieder, bevor man das Wesen des Anderen richtig verstanden hat. Es überraschte mich entsprechend ziemlich, als Tal – die einfach alles irgendwie hinkriegte, seit Monaten ohne ein Wort Portugiesisch zu sprechen oder zu verstehen durch Brasilien kurvte und die Leute ihr mehr zuhörten als mir, die ich meine hübschesten Wörter und Satzstrukturen bereit legte – mit meinem Nähset anfing, das Loch in ihrer Hose zu stopfen und ich sie darauf aufmerksam machen musste, dass sie dazu den Faden nicht jeweils ganz durch den Stoff durchziehen musste (und die Hose hin und her wenden), sondern es reichte, auf der linken Seite zu nähen. Es schockierte mich, als Diana – die alleine durch Südamerika pedalte und für alles immer eine praktische Lösung hatte – beim Schwimmen im Meer plötzlich eine Panikattacke kriegte, weil der Strom uns abgetrieben hatte, sie mit den Füssen den Boden nicht mehr berühren konnte, und ich sie mit meinem Seepferdchen-Schwimmlevel an den Strand ziehen musste, während der Baywatch-Mann seinem Namen alle Ehre machte und die «bay watchte», ab und zu sein Pfeiffchen trillerte, aber seine Hose um Herrgottswillen nicht nass machen wollte. Und auch Juan – der immer alle vor sich selbst stellte und wirkte, als wäre er genau da, wo er wollte – brauchte ab und zu einfach jemanden, der ihm zuhörte und ihm erklärte, dass er ein guter Mensch sei und seinen Weg gehen würde. Ich weiss für mich auf jeden Fall, dass das drei Menschen sind, die ich unbedingt hatte treffen müssen, die mich ungemein wachsen liessen und mir viel Wissen und Verständnis auf den Weg gegeben haben.

Das, was ich bisher erleben durfte, war genau der Grund, warum ich zu dieser Reise aufbrechen wollte. Ich fühlte mich blockiert und gelangweilt in der Schweiz. Natürlich ist die Schweiz ein wunderbares Land. Natürlich hatte ich ein gutes Leben und ich weiss auch, dass diese Reise wahrscheinlich nicht möglich wäre, wäre ich nicht aus der Schweiz. Aber dennoch fühlte ich mich in dieser kleinen Welt eingeengt. Meine kleine Reisefamilie erinnerte mich daran, jeden noch so kleinen Moment zu geniessen und zu feiern, denn das Leben ist kurz: «Celebration of Salad», «Celebration of Wine», «Celebration of Very Disgusting Brazilian Cheese», «Celebration of Life» … Ebenfalls lernte ich, spontan und erfinderisch zu sein: Es gibt immer eine Möglichkeit, etwas zu machen, zu erreichen … Der Weg zum Ziel ist nicht immer der offensichtlichste und nicht immer der einfachste, aber wenn man die Augen offen hält, wird einem schon eine Lösung einfallen.

Highlights und Firsts

  • Kuchen backen im Hostel
  • (Überraschenderweise sehr gelungenen) Cheesecake machen mit undefinierbaren Zutaten und ohne etwas zu backen, weil kein Backofen zur Verfügung stand
  • Jeden Tag etwas Neues kochen, das nichts mit Spaghetti und Tomatensauce zu tun hat
  • Ukuleleakkorde und Trommelbeats lernen
  • In der Strasse tanzen zur Musik jamender Freunde
  • Campen und einen Herd in den Sand buddeln
  • Um Mitternacht nach dem Schwimmen im Meer in einer Lagune mit biolumineszentem Plankton plantschen
  • Joggen am Strand, barfuss, sechs Kilometer (Riesenleistung für mich)
  • Arbeiten mit Blick aufs Meer
  • Caipirinhas in der Teekanne zubereiten (Not macht erfinderisch)
  • Sonnenschirm? Pfff, wir haben Holzpfähle, Sarongs und Karton
  • Dein Kleid hat keinen Platz mehr im Rucksack? Juan wird es schon irgendwem verkaufen können
  • Schuhe sind überbewertet, Treks können auch barfuss absolviert werden
  • Grammatik? Wörter? Hände und Füsse!
  • Und ein wirklich ernstgemeinter Ratschlag: Yoga nach einer Caipirinha-intensiven Nacht ist nicht zu empfehlen
Ich. Dianas Fahrrad. Praia do Rosa. Abenddämmerung. Tschüss, bis zum nächsten Mal!

Work-Life-Balance

Mundartkonzert auf Portugiesisch

Endlich war es so weit: Das Konzert von Tiago Iorc stand auf dem Plan! Tiago Iorc ist ein brasilianischer Singer-Songwriter, der in Amerika aufgewachsen war und früher auch auf Englisch gesungen hat. Seine portugiesischen Lieder gefielen mir aber von Anfang an schon rein musikalisch besser. Als ich dann noch anfing, die Texte zu verstehen, war es um mich geschehen…

Ich ging mit Diego zum Konzert, ohne den ich wahrscheinlich gar nie etwas von Tiago erfahren hätte. Das Konzert sollte um 21 Uhr starten, um gute Plätze zu ergattern, waren wir schon um 19 Uhr da. Ich war innerlich etwas gestresst, weil ich dachte, dass das schon viel zu spät war – im Hinterkopf hatte ich die in der Schweiz vor Konzerthallen campierenden Fans. Deshalb rechnete ich gar nicht mehr damit, gute Plätze zu kriegen. Aber siehe da: Es stand niemand Schlange. Wir gingen auf die Gallerie hoch, wo wir Stehplätze hatten. Und auch hier: Bis auf ein paar vereinzelte Menschen war eigentlich niemand da und wir ergatterten die bestmöglichen Plätze dieser Kategorie. Wir ketteten uns praktisch ans Geländer und konnten unseren Caipirinha bestellen, ohne die Plätze aufzugeben. Zwei Stunden warteten wir auf den Beginn des Konzerts und beobachteten die reintröpfelnden Menschen. Als das Konzert um 21.20 Uhr begann, waren neben uns vielleicht noch so 30 Leute auf der Gallerie aufgetaucht. Die Sitzplätze in der Saalmitte sahen von oben ziemlich leer aus. Nur an den Seiten tümmelten sich etwas mehr Leute. Irgendwie tat mir Tiago leid, seine anderen Konzerte waren immer voll, und eigentlich hätte auch dieses Konzert ausverkauft sein sollen. Erst später erfuhr ich, dass das Konzert der in Brasilien sehr berühmten Sängerin Ana Carolina, die nach Tiago Iorc auftrat, schon Monate vor Tiagos Konzert feststand. Die beiden Musikstile passten auch absolut nicht zu einander, es waren also praktisch zwei Konzerte an einem Abend mit einem Ticket. Als Ana Carolina auftrat, war der Saal voll, die Tiago Fans hatten einfach nicht mehr genug Tickets gekriegt. Zum Glück hatte das bei uns geklappt!

Das Konzert war wunderschön, die Musik live noch besser als ab Kopfhörern und die paar Fans, die da waren, gaben alles, um eine volle Halle vorzutäuschen. Das Kulturfeeling, das ich mir wünschte, inmitten von BrasilianerInnen ein Mundartkonzert zu besuchen, blieb allerdings etwas auf der Strecke. Vielleicht nächstes Mal.

Caipirinhas im Literglas

Eigentlich wollten wir am nächsten Tag an den Strand gehen, aber das Wetter spielte nicht so richtig mit, also unternahmen wir erst am Abend etwas. Mit Diego und Freunden von ihm besuchte ich eine Bar an der Lagoa da Conceição. Da Caipirinhas im Literglas günstiger waren, gab es genügend Alkohol für alle. Wir hatten massig Spass, denn mit jedem Schluck wurde mein Portugiesisch besser und ihr Englisch auch und wenn man die Wörter nicht kannte, war auch Fuchteln und Grinsen eine herrliche Art zu kommunizieren. Schliesslich bezahlten wir pro Person für Literweise Caipi, genausoviel Bier und eine riesige Portion mit Käse überbackenen Pommes etwa 22 Franken. In der Schweiz hätte das wohl für einen Caipi und etwas Popcorn gereicht. Gefährlich ist es hier!

Lagoa da Conceição

Am nächsten Tag uberte ich mit meinem kleinen Kater vom Hostel wieder nach Lagoa, denn ich hatte hier meine nächste Unterkunft gebucht. Ich wusste, wir hatten am Abend zuvor etwa 30 Reais (8 Franken) für die Fahrt bezahlt, heute zeigte Uber plötzlich das Doppelte an. Allerdings lohnten sich ein paar Minuten Geduld tatsächlich und die Preise sanken wieder. Ich hatte schon von den Preisschwankungen gehört, aber dass sie so extrem waren, war mir nicht bewusst. Gemäss Info auf ihrer Webseite, erhöht Uber die Preise, wenn in einem Gebiet gleichzeitig viele Fahrten angefragt werden. Entweder man bezahlt diesen teureren Preis und erhält dann eine der wenigen zur Verfügung stehenden Fahrten. Oder man wartet ein paar Minuten, bis sich weitere Uber-Fahrer in das hochfrequentierte Gebiet begeben haben und bezahlt dann eben wieder den normalen Preis. Da ich keine Eile hatte, hatte ich zum Glück gewartet. Anders als in Chile übrigens, wo Uber nicht legal ist, und man deshalb vorne sitzen soll und Fahrten zum Flughafen nicht gerne gemacht werden, gehört Uber hier zum Leben wie ein Taxi. In Rio am Flughafen gab es unter dem Taxi-Schild ein offizielles Uber-Schild und am Tiago-Iorc-Konzert gab es vor der Halle ebenfalls eine extra Uber-drop-off- und Pick-up-Zone.

Mein neues Hostel sah gut aus. Das Zimmer war zwar mega klein und hatte kein Fenster, was mir etwas Sorgen bereitete, glücklicherweise waren aber statt zu sechst nur zu dritt und das änderte sich während der Zeit meines Aufenthalts auch nicht gross. Cool war auch der Barbereich, der einen passablen Arbeitsplatz abzugeben schien. Zumindest war ich heute nicht die Einzige, die hier ihren Laptop auspackte, um ein paar nach Arbeit ausschauenden Sachen zu erledigen.

Work it

Der Barbereich war tatsächlich ein super Arbeitsort. Bequem, mit Steckdosen, den Tag über verlassen, herrlich. Da ich während meiner ersten Woche in Lagoa bereits riesig viel Arbeit erhielt (danke!!), lernte ich erst nach ein paar Tagen wirklich Leute kennen. Zum Beispiel Rea aus der Schweiz. Wir erkannten unser Schweizerin sein daran, dass wir uns im Korridor beide händeringend den Vortritt geben wollten, ohne zu wissen, in welcher Sprache. Und Joicly. Joicly arbeitete im Hostel und wir starteten nach ein paar Tagen ein Englisch-Portugiesisch-Tandem. (Nachdem sie dachte, ich sei ultrakomisch, weil ich den ganzen Tag in der Bar vor dem Laptop sass…) Wir begannen den Unterricht mit der Übersetzung von ein paar sexy Liedern und ernteten amüsante Blicke der Portugiesisch- und/oder Englisch-sprechenden Gäste und Mitarbeitenden des Hostels. Wir hatten unseren Spass.

(Auch am Strand kann man lernen, imfall!)

Meine ersten beiden Wochen waren also sehr arbeitsintensiv, ich übersetzte und wenn ich nicht übersetzte, lernte ich. Dennoch gab es ein paar nette Ausflüge an den Strand oder in umliegende Bars. Dank Rea und Joicely kam ich auch sehr schnell von meinen üblichen Spaghetti-mit-Tomatensauce-Mahlzeiten weg, denn zusammen zu kochen macht einfach mehr Spass (vor allem, wenn wenigstens eine Person kochen kann…)

Ich verlängerte meinen Aufenthalt im Hostel in Lagoa drei Mal. Als es dann gegen Mitte November ausgebucht war, und ich gehen musste, fiel mir dies nicht leicht. Meine nächste Station war Barra da Lagoa, ein Hostel auf dem Hügel mit wunderbarer Aussicht über Meer und Strand. Hier gefiel es mir auf Anhieb und ich blieb ein bisschen.

Florianópolis

Für meine ersten paar Nächte hatte ich ein Hostel in Zentrums- und Meernähe gebucht. So ging ich sicher, dass ich, sollte ich dringend etwas benötigen, immer irgendwelche Läden in Reichweite hatte und dabei auch meine üblichen Erkundungsspaziergänge nicht zu kurz kamen.

Ich mochte Floripa, wie es von Insidern genannt wird, von Anfang an. Wirklich. Schon beim Überflug. Auch das Hostel, das ich gebucht hatte, war mehr als in Ordnung. Ordentlich grosse Zimmer, Schliessfächer, Toiletten, bei denen man die Wahl hat, die Tür zu schliessen, oder auf den Toilettensitz zu stehen, Duschen, deren Temperatur man nicht regulieren konnte. Herrlich! Tschuldigung, bin etwas kritisch. Es gefiel mir eigentlich wirklich hier. Und immerhin hatten die Duschen einen super Wasserdruck, sodass man sich 1A das Gesicht verbrennen konnte! (Jaja, ich bin ja schon ruhig.)

Das belebte Zentrum erschlich sich auch schnell einen Platz in meinem Herzen: Bunte Häuser, unterschiedlichste Läden, wahnsinnig viele Menschen. Auf Empfehlung hin war mein erstes Ziel der Vivo-Shop. Hier wollte ich mir eine SIM-Karte kaufen, um auch unterwegs mobil zu sein. Das Angebot: 3 GB pro Woche, gratis WhatsAppen, unlimitierte Anrufe auf andere Vivo-Nummern und innerhalb von Santa Catarina, und das für 15 Reais pro Woche (also etwa 15 Franken pro Monat). Ich wartete einige Zeit, bis der einzige Englisch sprechende Mitarbeiter frei wurde. Sie entschuldigten sich bei mir, dass sonst niemand Englisch sprach, aber ehrlich gesagt, fühlte mich schon seit meiner Ankunft schlecht, weil ich (noch) kein Portugiesisch spreche. Wie beim Spanisch kann ich unterdessen sehr viel verstehen, wenn ich es lese und Einiges, wenn ich es höre. Aber jedesmal, wenn ich einen lange in meinem Gehirn vorbereiteten Satz zum Besten geben wollte, war da nur heisse Luft. Ich bin nun noch entschlossener, Portugiesisch zu lernen, damit ich mir diese himmlisch klingende Sprache völlig einverleiben kann. Nun denn, als Paulilo endlich Zeit für mich hatte, dauerte es exakt eine Stunde, bis ich mit einer aktivierten SIM-Karte aus dem Shop ging. Er hatte effektiv alles für mich gemacht, viel professioneller als in all den anderen südamerikanischen Ländern, von denen ich eine SIM-Karte besitze. Nur das Internet funktionierte noch nicht und er meinte, ich müsse wohl noch so zwei Stunden warten, bis es aktiv sei. Da es allerdings auch am nächsten Tag noch nicht lief, verbrachte ich nochmal eine Stunde im Shop. Paulilo versuchte auf zwei Handys gleichzeitig den Kundendienst zu erreichen. Da wollte jedoch offenbar niemand arbeiten und die Pausenmusik dröhnte fröhlich beidseitig an seine Ohren. Als es nach einer Stunde Daten neu eingeben und Warteschlangenmusik aus unerklärlichen Gründen plötzlich funktionierte, freuten sich alle Mitarbeiter im Shop gleichermassen: «Obrigado Deus». Amen.

Übrigens hatte ich zuvor in einem anderen Blog gelesen, dass nur Claro SIM-Karten ohne CPF (die brasilianische ID-Nummer) verkauft. Offenbar tut dies aber auch Vivo. Natürlich könnte es sein, dass Claro-Mitarbeitende etwas mehr Erfahrung darin haben und es deshalb nicht zwei Stunden dauert… Ich kriegte allerdings, da ich direkt 50 Reais auflud, noch 1 GB pro Woche gratis dazu. Das ist ja auch nicht von schlechten Eltern.

Wieder zurück im Hostel wollte ich ein paar Bürosachen erledigen und bemerkte mit Schrecken, dass das Einzige, was ich nicht überprüft hatte, war, einen Adapter für den Laptop mitzubringen. Nun gut, ich hatte einen Reiseadapter mit sieben Aufsätzen dabei, einer würde ja wohl…

Nein.

Da brachte ich mir halt «Preciso de um adaptador» bei, watschelte wieder ins Zentrum (so zehn Minuten) und suchte nach einem Geschäft, das aussah, als würde es Adapter führen. Das heisst, zuerst hatte ich im Hostel gefragt, wo ich denn so etwas kriegen würde und suchte dann, weil deren Tipp leider nichts war, online nach Elektronikgeschäften. Bevor ich aber beim Herumstreunen eines davon erreichte, sah ich ihn: Taschen, Uhren, Chrüsimüsi… Irgendetwas sagte mir, dass dieser Laden, der in meiner Welt eigentlich absolut gar nichts mit Adaptern oder Elektronik zu tun hatte, einen solchen für mich hatte. Und TADA! Zuerst wollte sie mir einen ganz kleinen andrehen, der aussah, als würde er und mein Laptop innert kürzester Zeit explodieren. Sie hatte zum Glück aber auch einen grösseren mit Sicherung. Nun gut. Ich gönnt mir dieses teure Ding für vier Franken.

Anschliessend spazierte ich die Beira Mar Norte entlang, genoss die Meersicht auf der einen und das Rauschen der Autostrasse (je drei Spuren) auf der anderen Seite.

Etwas später am Abend konversierte ich mit meiner Zimmergenossin. Guilhelmina ist vielleicht so 70 Jahre alt und wohnt in São Paulo. Zu Beginn unterhielten wir uns auf Englisch und Portugiesisch. Als ich ihr meine Geschichte erzählte (so gut es ging), war sie völlig fasziniert. In Brasilien gäbe es Menschen wie mich sicherlich auch, aber es sei eher selten, denn die Familien seien sehr verbunden und es sei unvorstellbar, länger getrennt zu sein. Ihre Mutter sei vor zwei Jahren im Alter von 98 Jahren gestorben und es hätte keinen einzigen Tag gegeben, an dem sie keinen Kontakt gehabt hätten. Ein Grund für die Verbundenheit der Familien sei natürlich auch, dass sich der Staat weniger «einmische», in Europa gäbe es Auffangnetze und staatliche Unterstützung, hier sei man schlicht von der Familie abhängig. Ohne dieses «Netz» würde gar nichts funktionieren. Hier wechselte sie sanft zum Thema Politik und wie sie alle sehr schockiert seien, dass die Linken in Argentinien gewonnen hätten, denn die Linke (unter Präsident Lula) sei Schuld daran, dass es Brasilien so mies ginge, sie hätten alles kaputt gemacht. Sie zählte ein paar Sachen auf, die die Linke eingeführt/gemacht und damit das Land zerstört hatte. Ich konnte mir zwar nicht alles merken, fand es allerdings interessant, dass sie die Einführung der Ehe für Homosexuelle noch vor der zerstörten Wirtschaft nannte. Etwas, das für mich so völlig normal und logisch ist und in dem ich auch keinen negativen Einfluss whatsoever sehen kann, scheint die traditionsbewusste Frau offenbar mehr zu stören, als die hohe Arbeitslosigkeit und die nicht funktionierende Wirtschaft. Für solche Konversationen ist mein Portugiesisch aber leider wirklich zu schlecht. Daran müssen wir arbeiten. Sie ergänzte noch, dass Bolsonaro «loco» sei, aber wenn man die Wahl habe zwischen der Linken und Bolsonaro, dann halt doch lieber Bolsonaro… Den Verrückten gehört die Welt.

Irgendwann fragte sie mich, mit welchen Sprachen ich denn arbeite. Als sie hörte, dass ich Italienisch spreche, teilte sie mir mit, dass ihr Mann Italienier sei und sie deshalb auch etwas Italienisch könne. Zuerst war ich heilfroh, dass ich mich nun in einer Sprache ausdrücken konnte, die ich zu beherrschen glaubte, dann merkte ich, dass mein Gehirn nun den italienischen Wörtern spanische Endungen anhängte und eine portugiesische Aussprache erzwang. Nun gut, dann kann ich jetzt halt drei Sprachen so ein bisschen und keine mehr so wirklich. Wir verstanden uns trotzdem. Kurz vor der Bettgehenszeit gab sie mir noch ihre Adresse, damit ich, wenn ich in São Paulo sei, auch eine Unterkunft hätte. Da sie die Busnummer nicht mehr wusste, videotelefonierte sie kurzerhand mit ihrem Sohn (eines von vier Kindern) in Acre. Den Bruno kenne ich nun also auch.

To sleep or not to sleep…

Meine Erfahrungen in Hostels in Südamerika sind bisher sehr unterschiedlich ausgefallen. Besitzer, Angestellte sowie natürlich die Gäste sind dabei ausschlaggebend, ob positive oder negative Erinnerungen gespeichert werden. Das unbequemste Bett kann durch nette Menschen wettgemacht werden.

Gewisse Hostels sind sehr familiär, man sitzt zusammen an einem Tisch, der Besitzer singt einem Lieder der Toten Hosen vor, man wird umarmt oder mit «mi amor» und «mi niña» angesprochen und kriegt zum Abschied einen Kuss auf die Wange gedrückt, als würde man dazugehören.

Gaston singt «An Tagen wie diesen», Mendoza

Andere sind eher anonym und es ist schwieriger, sich zwischen den vielen unbekannten Menschen zuhause zu fühlen. Dazu kommt, dass sich die Leute unbeobachtet fühlen: Macht ja nichts, wenn man den Teller nicht sauber abwäscht, vielleicht braucht der nächste die Tomatensauce noch. Oder denken nicht mit (absichtlich?): Wenn eine (schlecht ausgerüstete Küche) nur einen Topf hat, dann kann der gekochte Reis natürlich problemlos darin aufbewahrt werden, weil sonst sicher niemand diesen Topf braucht. Oder denken wohl, «es bizzeli» fällt nicht auf, und essen kurzerhand Eier aus den Vorräten eines anderen (namentlich meine Vorräte) weg…

Meine bisher schlimmste Erfahrung machte ich in einem Hostel in Santiago. Hier kamen alle möglichen Faktoren zusammen. Zu Beginn meiner Reise hatte ich Mühe, mich in den Hostels einzuleben, jedesmal passte mir beim ersten Anblick irgendetwas nicht, ich arrangierte mich aber immer sehr schnell. Sogar mit der eingefrorenen Nase in Villazón konnte ich mich anfreunden… Diesmal war alles anders [dramatische Musik]. Ich trat ins Hostel ein – und war begeistert. Es war ein älteres Gebäude mit einem verglasten Atrium. Toiletten und Duschen sahen ziemlich neu aus. Die Räume hatten hohe Decken und sie hatten kleine Holzgalerien eingebaut (anstelle – wie in anderen Hostels gesehen – dreistöckige Etagenbetten zu verwenden). Diese Zwischenböden boten Platz für Einzelbetten, eines davon war meins. Die Küche war geräumig und es hatte eine gemütliche Sofa- und Chillzone, in der ich meinen letzten Blog geschrieben hatte.

Ich übernachtete in diesem Hostel nur eine halbe Nacht, mein Flug zu den Osterinseln ging am Donnerstagmorgen um 6.30 Uhr. Dass ich entsprechend um 3.30 Uhr schon aufstehen muss, hatte ich beim Buchen glücklich ignoriert.

Trotz anfänglicher Begeisterung war dies die bei weitem ungemütlichste Nacht in Südamerika. Kurz vor 10 Uhr lag ich im Bett. Dass da noch nicht in allen Betten geschlafen wird, kann ich nachvollziehen. Das Licht bei den Etagenbetten unten brannte. Ich hörte etwa zwei Stunden lang Musik (mit Kopfhörern natürlich – aber auch das ist eigentlich nicht selbstverständlich…). Das Licht brannte immer noch. Im Bett neben mir wurde laut geschnarcht. Gegen 1 Uhr hörte ich jemanden aufstehen und dachte «Geil, endlich jemand, der das Licht ausschaltet». Die Bretterböden knarrten. Laut. Die Zimmertür wurde mit Schwung geöffnet und zugeknallt. Die Holzkonstruktion vibrierte. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Das Licht aus dem Korridor erhellte das Zimmer noch mehr. Meine Schlafmaske war unauffindbar. Die Oropax bin ich losgeworden, weil ich sie zwei Monate lang nicht benutzt hatte. «DINGDONG!», genau, da war noch die Klingel. Eigentlich müsste die ja nur der Nachtwächter hören, aber es ist sicherlich besser, wenn das ganze Hostel mitkriegt, wenn jemand nachhause kommt. Aber auch ohne Klingel wäre ich wohl jedesmal erwacht, ausser mir waren in dem Hostel nur Elefanten untergebracht. Die Türknallerin hatte übrigens das Licht ausgeschaltet. Danke! «DINGDONG!» Es wurde gestampft und laut gesprochen im Korridor. Die Zimmertür wurde rabiat geöffnet. Es wurde nun im Zimmer laut gesprochen – war ja erst 2 Uhr und es versuchten nur vier Leute zu schlafen. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Als die Neuzugänge endlich ruhig waren, freute ich mich: noch zwei Stunden Schlaf! Und ich freute mich noch mehr: Ich hatte mir nämlich Sorgen gemacht, am Morgen um 3.30 Uhr zu laut zu sein beim Aufstehen. HA! Wäre ich ein Arschloch, hätte ich die Lichter eingeschaltet und ganz laut (wirklich ganz laut) AC/DC angemacht. Leider bin ich kein Arschloch.

Das «DINGDONG!» und Gestampfe ging übrigens bis 3.30 Uhr in netten Abständen weiter, gegen 2.30 Uhr hatte sich noch trommelnder Regen dazu gesellt. Ich war froh, als ich endlich aufstehen konnte! Osterinsel, ich komme!