«Celebration of Life»

as Tal usually says.

Nun bin ich seit bald zwei Monaten in Brasilien und habe mir schon lange nicht mehr die Zeit genommen, für euch (und nicht einmal für mich) über meine Erfahrungen zu schreiben. Dies, weil ich praktisch nie alleine unterwegs war, und mein Gehirn so völlig mit Lernen und Eindrücken speichern beschäftigt war, dass ich einfach keine Lust hatte, auf meinem Bildschirmgerät zu tippen.

Barra da Lagoa, Florianópolis

Nun denn. Als ich von Lagoa da Conceição nach Barra da Lagoa umzog, befiel mich wie üblich eine gewisse Melancholie. Diese wollte ich mit einem zwölfstündigen Schlaf ersticken. Im Hostel sah ich nur sehr wenige Gäste und ich fühlte mich noch verlassener als sowieso schon (ich armes Kind). Leider hatte ich die Rechnung ohne den Samstagabend gemacht: Weit weg, unten am Strand, war ein Festival, dessen Musik und Geschrei vom Wind immer wieder an meine Ohren getragen wurde. So lag ich zwar gute zwölf Stunden im Bett, schlief davon aber keine sechs.

Sicht vom Hostel (ja, das Hostel ist nur zu Fuss zu erreichen)

Es fiel mir entsprechend schwer, mich am frühen Morgen aufzuraffen und joggen zu gehen – aber joggen am Strand (nicht im roten Badekleid), um 6.30 Uhr – hallo, wie geil ist das denn? (Wirklich jetzt. Ironiebefreit.) Und es lohnte sich tatsächlich, denn als ich zurückkam, fragte mich die Fremde, die in der Küche stand, ob ich das jeden Morgen mache, sie würde gerne mitkommen, sie bräuchte jemand, der sie motivierte. Ich klärte sie auf, dass ich zum ersten Mal seit seeeeeehr langer Zeit joggen gewesen war und ich zwar über eine Stunde weg gewesen war, jedoch nur gute zehn Minuten davon joggend verbracht hatte. Sie meinte, das sei kein Problem, sie sei schon seit Eeeeewigkeiten nicht mehr Joggen gewesen. (Dass sie allerdings seit acht Monaten mit dem Fahrrad durch Südamerika kurvte, verschwieg sie zu diesem Zeitpunkt frech.) Die Fremde heisst übrigens Diana und ist aus Rumänien, wohnt aber seit einiger Zeit in London und hat einen fast perfekten britischen Akzent.

Als ich ein paar Stunden später arbeitsuchend am Laptop sass, lernte ich Tal kennen. Wir unterhielten uns. Zwei Stunden lang. Tal ist aus Israel und Schauspielerin/Tänzerin/Künstlerin und das merkt man, ihre Art Kontakte zu knüpfen, Gespräche zu führen, zu leben, sprüht vor Freude und Energie. Lustigerweise ist auch ihre Wahlheimat seit ein paar Jahren London, einen britischen Akzent hat sie aber definitiv nicht. Und will sie auch nicht haben, denn das ist Teil ihrer Performances.

Etwas später lernte ich noch die drei uruguayanischen Strassenmusiker Gabriel, Luís und Shooki (keine Ahnung, wie man das schreibt) kennen, die eigentlich am Tag zuvor ausgecheckt hatten, dann aber Mitten in der Nacht ins traute Heim zurückgekehrt waren … Und noch etwas später, ich weiss nicht mehr genau, wie dies alles zustande kam, aber, auf jeden Fall: Noch etwas später, «warfen» wir alle mit Lebensmitteln, die wir einzeln eingekauft hatten, um uns. Tal stand in der Küche, kombinierte die Lebensmittel zu einem Essen und ging in ihrer Chefkochrolle völlig auf: «Ja, alle Zwiebeln! Es sind vier? Dann vier! Ja, der ganze Bund Petersilie, wenn du noch einen zweiten findest, den auch!» Gabriel und ich schnipselten Gemüse, was das Zeug hielt – natürlich unter der genauen Aufsicht von Tal, keine Würfeligrösse wurde dem Zufall überlassen – und der Rest unterstützte uns moralisch mit Musik und Gesang oder aufmunternden Zurufen, wenn sich mal wieder ein Messer zu nahe am Hals des Anderen befand …

Ich, Diana, Tal und Juan bei einem unserer ersten Frühstücksgelage

Daraus entstand eine Art Ritual. Da uns die Musiker doch noch verliessen und Richtung Praia do Rosa abreisten, bestand das Koch-/Esskernteam schliesslich aus Tal, Diana, Juan (dem argentinischen Voluntär, der im Hostel arbeitete) und mir. Wir kochten nicht nur zusammen, sondern machten plötzlich fast alles zusammen: Diana und ich gingen morgens nach dem ersten Kaffee joggen, manchmal begleitet von Juan oder Tal, danach machten wir unter Tals Leitung fast eine Stunde Yoga und schliesslich gab es Frühstück: Früchte aller Art, Eierspeisen, IMMER Salat (weil das zu jeder israelischen Mahlzeit gehört), IMMER viel Brot, weil Rumänien ohne Brot nicht überleben kann, und IMMER ganz viel Kaffee, weil sonst meine Adern ausgetrocknet wären. Und manchmal, wenn wir ganz ausgefallen waren, gab es auch Tapioka oder Crepioca (eine Art Omelette, die auf Maniokwurzelstärke basiert). Jedesmal, wenn vereinzelt neue Leute ins Hostel eincheckten und sie per Zufall zur Zeit eines unserer Gelage in der Nähe waren, luden wir sie zum Essen ein. Es gab auch Jam-Sessions, da es im Hostel Gitarren und Trommeln gab, und Diana organisierte sogar eine kleine Bastelstunde. Ich lernte ein paar Ukulele-Akkorde und konnte schon fast ein ganzes Lied spielen, als Leo aus Deutschland uns verliess und seine Ukulele wieder mitnahm … Dann lernten Diana und ich ein bisschen Trommeln, aber auch hier verliess uns Lehrerin Tal vor unserem ersten grossen Erfolg …

Tal, ich und Leo, der mir seine Socken geschenkt hat, damit ich meine übel verbrannten und sich auflösenden Beine verstecken konnte.

Eigentlich wollte ich maximal eine Woche in Barra bleiben. Doch es wurden zwei. Denn Diana und Juan feierten noch Geburtstag und irgendjemand musste ja den Kuchen backen, die Kerzen anzünden und die Flasche Wein zum Frühstück öffnen. Auch für Diana und Tal war es eher ungewöhnlich, so lange an einem Ort zu bleiben. (Vor allem für Diana, die fast jede Nacht im Zelt hinter einer anderen Tankstelle verbrachte.) Aber «The Family» hatte sich so viel zu erzählen und beizubringen, dass es uns schwer fiel, uns zu trennen.

Wir fühlten uns im Hostel langsam so richtig zuhause, als am Donnerstag die Hiobsbotschaft kam: «Wir beginnen am Montag zu malen, ihr dürft natürlich bleiben, aber es wird wahrscheinlich nicht sehr angenehm.» Juan begann schon, uns zu vermissen, bevor wir abgereist waren oder überhaupt wussten, wohin wir reisen sollten, da erreichte uns die nächste Hiobsbotschaft: Das Hostel wollte Juan nicht mehr als Voluntär beschäftigen. Nachdem er in anderen Hostels in Barra keine Arbeit fand, beschlossen wir alle gemeinsam nach Praia do Rosa zu fahren. Fast alle, die ich getroffen hatte, gaben Praia do Rosa als Geheimtipp an: süsses Dörfchen, tolle Strände, Hippie-Community … Unsere drei Musikerfreunde hatten sich in einem Hostel von Freunden einquartiert und boten uns einen guten Preis (RS 35 oder CHF 8.50 pro Nacht) an. Diana pedalte los, während Tal, Juan und ich uns ein Uber teilten. Für RS 40 pro Person uberten wir also 1,5 Stunden in den Süden. Der Bus wäre zwar etwas günstiger gewesen (gute 20 Rappen), hätte uns aber nicht vor die Haustür gebracht, wir gönnten uns also den Luxus.

Praia do Rosa

Wir blieben nur eine Nacht im Hostel unserer Freunde. Dies hatte mehrere Gründe: Zum Einen war uns nicht ganz klar, was da neben Caipirinhas noch so konsumiert wurde, zum Anderen wurden wir am Sonntag um 8 Uhr aus dem Bett geräuchert, weil sie die glorreiche Idee hatten, einen Haufen Blätter zu verbrennen. Vor unserem Zimmer. Mit undichten Fenstern und Türen. Irgendwie fanden wir das nicht so gastfreundlich. Zudem war Diana mit dem Fahrrad angereist und wollte am Strand campen. Die Musiker warnten sie aber davor, alleine am Strand zu campen, da in den letzten Wochen zwei Frauen vergewaltigt worden waren … Was machten wir also? Die vier Freunde campten am Strand neben der Lagoa do Meio und verliessen das «Crack House», wie wir es liebevoll nannten.

Die Strassen sind dazu da, genutzt zu werden. Praia do Rosa.

Juan zeigte uns, wie man einen unterirdischen Herd im Sand machte, Tal bewies, dass sie keine Küche brauchte, um geiles Essen zu zaubern, Diana sprang in der Lagoa herum, in der sie phosphoreszierendes Plankton entdeckt hatte, und Anna (Ha! Das bin ich!) «hackte» mit dem Schweizer Taschenmesser (natürli) Holz für das Feuer klein. Es war ein wunderbar friedlicher Abend.

Lagoa links, Meer geradeaus.

Morgens um extrem früh (so um 5.10 Uhr) hörten wir plötzlich ein «Things are happening» von Tal, die den Sonnenaufgang ankündigte. Es verstand sich von selbst, dass wir danach noch einmal zwei Stunden weiterschliefen, bevor wir uns dem Frühstück widmeten. Wir belagerten den Platz am Strand fast den ganzen Tag, nannten ihn Freeland, wo jeder zur Durchreise willkommen war, aber WEHE DU SETZT DICH HIN!

Sonnenaufgang ❤

Um Geld zu sparen – die Arbeit blieb aus – campierten wir eine weitere Nacht, bevor Diana weiter in den Süden fuhr und Tal, Juan und ich uns eine Cabin leisteten. Das heisst, Juan überzeugte die Vermieter eines kleinen Ferienhäuschens, das normalerweise das Doppelte kosten würde, uns einen Rabatt zu gewähren. Schliesslich waren die vier Nächte in der Cabin für RS 33 pro Nacht und Person die günstigsten bisher (neben dem gratis Campen versteht sich).

Nach den weiteren paar Tagen in unserem kleinen Zuhause, die wir mit Strandbesuchen, kleinen Trails und Caipirinhas in Teekesseln zubrachten, trennte auch ich mich von Juan und Tal. Die beiden wollten direkt weiter nach São Paulo – Juans Arbeitssuche war auch hier im Süden erfolglos geblieben – und ich wollte nochmal nach Floripa, um mich von ein paar Freunden zu verabschieden.

Um möglichst günstig zu reisen, wählte ich BlaBlaCar: Leute, die sowieso irgendwohin fahren und Platz im Auto haben, posten dies online, verlangen einen Zustupf ans Benzin, und man kann sich einen Platz reservieren. Es ist allerdings eine relativ unsichere Variante, weil die Fahrt jederzeit storniert werden kann. Zudem wird man hauptsächlich von Tankstelle zu Tankstelle gebracht. Das hiess für mich: Von der Praia do Rosa irgendwie an eine Tankstelle an der Autobahn zu kommen. Zu Fuss waren das gute 1,5 Stunden. Aber es gab ja noch Autostop … Da Tal sich am Fuss verletzt hatte, hatten wir innerhalb des Dörfchens schon mehrfach erfolgreich gstöpplet und wurden immer von sehr herzlichen Menschen mitgenommen. Das würde sicher auch jetzt klappen. Ich lief also los und streckte allen Autos den Daumen entgegen. Sehr erfolglos, ehrlich gesagt. Zum Einen gab es erstaunlich wenige Autos, die am Samstagmittag (bei brütender Hitze) unterwegs waren, zum Anderen waren die, die es gab, offenbar nicht bereit eine verschwitzte, vollbepackte Gringa einzuladen. Mein Favorit war allerdings der, der anhielt, um mir zu erklären, dass er mich sehr gern mitnehmen würde, aber leider vorne links abbiegen würde und einen Termin hätte und deshalb auch keinen Umweg fahren konnte ….. 50 Minuten spatzierte ich so in der Mittagshitze über staubige Strassen. Bis endlich einer anhielt. Ich war nicht wählerisch und stieg in das kleine, vollbepackte Auto mit der Leiter auf dem Dach ein. Ich vergass seinen Namen. Und auch seine Lebensgeschichte. Ich vergass aber nicht, dass er sich zu Beginn entschuldigte, dass er abwechselnd Spanisch und Portugiesisch sprach, weil er eben schon ein paar Bierchen getrunken hatte. Ich hielt mich fest. (Wie ihr seht, habe ich überlebt. Auch die anschliessende BlaBlaCar-Fahrt für RS 15.)

«Celebration of Friends»

Ich lernte sehr viel von den drei (Über)Lebenskünstlern Diana, Juan und Tal: Kochen, Feilschen, Trommeln, Yoga-en, Salat zum Frühstück essen … Ich merkte, dass sie alle Eigenschaften hatten, die ich gerne hätte, respektive an denen ich arbeiten wollte. In meinen Augen waren sie selbstbewusst, selbstbestimmt und konnten alles. Im Reiseleben trennt man sich an der «Stelle» meistens wieder: Man trifft Leute, macht sich ein Bild, und auch, wenn man über alles redet und eigentlich fast keine Tabus kennt (weil die Freunde, mit denen man sonst Allerlei teilen würde, weit weg sind), trennt man sich wieder, bevor man das Wesen des Anderen richtig verstanden hat. Es überraschte mich entsprechend ziemlich, als Tal – die einfach alles irgendwie hinkriegte, seit Monaten ohne ein Wort Portugiesisch zu sprechen oder zu verstehen durch Brasilien kurvte und die Leute ihr mehr zuhörten als mir, die ich meine hübschesten Wörter und Satzstrukturen bereit legte – mit meinem Nähset anfing, das Loch in ihrer Hose zu stopfen und ich sie darauf aufmerksam machen musste, dass sie dazu den Faden nicht jeweils ganz durch den Stoff durchziehen musste (und die Hose hin und her wenden), sondern es reichte, auf der linken Seite zu nähen. Es schockierte mich, als Diana – die alleine durch Südamerika pedalte und für alles immer eine praktische Lösung hatte – beim Schwimmen im Meer plötzlich eine Panikattacke kriegte, weil der Strom uns abgetrieben hatte, sie mit den Füssen den Boden nicht mehr berühren konnte, und ich sie mit meinem Seepferdchen-Schwimmlevel an den Strand ziehen musste, während der Baywatch-Mann seinem Namen alle Ehre machte und die «bay watchte», ab und zu sein Pfeiffchen trillerte, aber seine Hose um Herrgottswillen nicht nass machen wollte. Und auch Juan – der immer alle vor sich selbst stellte und wirkte, als wäre er genau da, wo er wollte – brauchte ab und zu einfach jemanden, der ihm zuhörte und ihm erklärte, dass er ein guter Mensch sei und seinen Weg gehen würde. Ich weiss für mich auf jeden Fall, dass das drei Menschen sind, die ich unbedingt hatte treffen müssen, die mich ungemein wachsen liessen und mir viel Wissen und Verständnis auf den Weg gegeben haben.

Das, was ich bisher erleben durfte, war genau der Grund, warum ich zu dieser Reise aufbrechen wollte. Ich fühlte mich blockiert und gelangweilt in der Schweiz. Natürlich ist die Schweiz ein wunderbares Land. Natürlich hatte ich ein gutes Leben und ich weiss auch, dass diese Reise wahrscheinlich nicht möglich wäre, wäre ich nicht aus der Schweiz. Aber dennoch fühlte ich mich in dieser kleinen Welt eingeengt. Meine kleine Reisefamilie erinnerte mich daran, jeden noch so kleinen Moment zu geniessen und zu feiern, denn das Leben ist kurz: «Celebration of Salad», «Celebration of Wine», «Celebration of Very Disgusting Brazilian Cheese», «Celebration of Life» … Ebenfalls lernte ich, spontan und erfinderisch zu sein: Es gibt immer eine Möglichkeit, etwas zu machen, zu erreichen … Der Weg zum Ziel ist nicht immer der offensichtlichste und nicht immer der einfachste, aber wenn man die Augen offen hält, wird einem schon eine Lösung einfallen.

Highlights und Firsts

  • Kuchen backen im Hostel
  • (Überraschenderweise sehr gelungenen) Cheesecake machen mit undefinierbaren Zutaten und ohne etwas zu backen, weil kein Backofen zur Verfügung stand
  • Jeden Tag etwas Neues kochen, das nichts mit Spaghetti und Tomatensauce zu tun hat
  • Ukuleleakkorde und Trommelbeats lernen
  • In der Strasse tanzen zur Musik jamender Freunde
  • Campen und einen Herd in den Sand buddeln
  • Um Mitternacht nach dem Schwimmen im Meer in einer Lagune mit biolumineszentem Plankton plantschen
  • Joggen am Strand, barfuss, sechs Kilometer (Riesenleistung für mich)
  • Arbeiten mit Blick aufs Meer
  • Caipirinhas in der Teekanne zubereiten (Not macht erfinderisch)
  • Sonnenschirm? Pfff, wir haben Holzpfähle, Sarongs und Karton
  • Dein Kleid hat keinen Platz mehr im Rucksack? Juan wird es schon irgendwem verkaufen können
  • Schuhe sind überbewertet, Treks können auch barfuss absolviert werden
  • Grammatik? Wörter? Hände und Füsse!
  • Und ein wirklich ernstgemeinter Ratschlag: Yoga nach einer Caipirinha-intensiven Nacht ist nicht zu empfehlen
Ich. Dianas Fahrrad. Praia do Rosa. Abenddämmerung. Tschüss, bis zum nächsten Mal!

Rapa Nui

Meine Vorfreude auf Rapa Nui war riesig. Santiago war ja wettermässig etwas kalt und nass ausgefallen, also hoffte ich, auf der Osterinsel Sonne zu tanken und packte den Bikini zuoberst in den Rucksack. Am Morgen um 4 Uhr, nach der fast schlaflosen Nacht, stieg ich im strömenden Regen in mein Uber ein. Die erste Fahrt mit Uber, die ich über meine eigene App gebucht hatte. Huiuiui. Da die App meine Kreditkarte nicht akzeptieren wollte, musste ich bar bezahlen, was den Fahrer dazu veranlasste, sehr undezent die Augen zu verdrehen. Aufgrund der Polizei war es offenbar nicht möglich, erst am Flughafen zu bezahlen, so bezahlte ich den vorab geschätzten Preis während der Fahrt. Ich habe nicht herausgefunden, ob Uber in Chile illegal ist, oder einfach nicht gern gesehen…

Am Flughafen angekommen lief dann – vorerst – alles reibungslos. Ich gab mein Gepäck auf, füllte das Formular für die Einreise nach Rapa Nui aus, ging beim PDI vorbei, die einen Stempel in meinen Pass knallten und das Formular einsackten. Kaufte Kaffee (auf dessen Becher «Good Luck» geschrieben wurde – die Ironie wurde mir erst später bewusst) und wartete beim Gate. Bis fast die letzten eingestiegen waren. Dann ging ich vor. Ob ich denn keinen Zettel hätte, fragte mich die Bordkartenkontrolleurin. «Zettel? Ja, den hier», und ich klaubte den PDI-Einreisezettel (sieht aus wie ein Kassenbon) für Chile hervor. Nein, nicht den, der sei von der Polizei. Der andere. Ob ich denn das Formular nicht ausgefüllt hätte? Doch, natürlich, aber das habe die Frau am PDI-Schalter behalten. Die Kontrolleurin wedelte mit meinem Pass herum und meinte, ich müsse nochmal zurück (und dieses «zurück» war weit weg, sehr weit). Ob ich denn den Flug noch erwischen werde? Das wisse sie nicht… Zum Glück war ich nicht die Einzige. Zwei Amis mussten auch nochmal zurück, sie hatten aber offenbar gar nie ein Formular ausgefüllt… Am PDI-Schalter angekommen, versuchte ich der Dame, die mich vorher abgefertigt hatte, auf Englisch zu erklären, was mein Problem war, und, dass ich offenbar dieses Formular, das da lag, haben müsse. Sie begutachtete ihre Nägel und reagierte nicht. Der Kollege in der Box neben ihr schien offenbar mehr Englisch zu verstehen: «Wir haben keine Formulare. Nur diese.» Und wedelt mit eben diesen Formularen, die ich zu brauchen meinte, vor meiner Nase herum. Nachdem ich genug mit den Händen gewedelt hatte und kurzzeitig in Panik ausgebrochen war, liess meine Freundin den Blick von ihren Nägeln ab, blätterte meinen Pass durch und zeigte mir auf Passseite 20 den Zettel, der immer da gewesen war und den ich offenbar benötigte. Sah genauso aus wie der PDI-Einreisezettel und hatte in dem Sinne nichts mit dem Formular zu tun… Spannend, dass das der Kontrolleurin am Gate nicht eingefallen war. Und mir auch nicht. Allerdings dachte ich auch, wir suchen ein A5-grosses Formular und nicht einen Kassenbon. Ich sage euch, lernt Spanisch! Nun denn, noch einmal durch die Sicherheitskontrolle und dann losrennen. Ausser Atem und bizzeli verschwitzt kam ich beim Gate an, das Flugzeug war noch da. Puh! Keuchend setzte ich mich auf meinen Platz. 20 Minuten später die Durchsage «Boarding complete» – zum Glück bin ich gerannt! Noch selten war ich morgens um 6 Uhr so wach!

Da ich einen Sitz in der Mitte des Flugzeugs hatte, kriegte ich von der Landung praktisch gar nichts mit, umso begeisterter war ich, als ich aus dem Flugzeug ausstieg, die Sonne auf mein Haupt schien und das Meer in der nicht so weiten Ferne blau leuchtete.

Praktisch alle Hotels bieten gratis Transfers an. So wartete auch auf mich jemand mit dem Schild «Anna Stock» [sic!] und einer Blumenkette. Dann ging es los auf eine kleine Tour durch das Städtchen: Minimärkte da und dort, da drüben muss das Nationalparkticket gekauft werden und da hinten gibt es den Bankomaten, an dieser Strasse sind die Touranbieter und an der nächsten die guten Restaurants.

Kaum im Hotel angekommen, machte ich mich auf zum Meer, erkundete die Stadt, die Strände, dachte darüber nach, ob ich meine vier Tage auf Rapa Nui alleine verbringen werden würde – zack, hatte ich einen Hund. Mal wieder. Gut eine Stunde lang begleitete er mich am Meer entlang, sprang um mich herum, wollte spielen, gestreichelt werden, Futter kriegen – alles musste ich ihm verwehren. Der Hund, nennen wir ihn Struppi, kratzte sich so dermassen häufig, dass ich ihn gerne (sehr) weit von mir halten wollte. Trotz Hundeblick.

In der Agentur-Strasse buchte ich etwas später eine Tour für den nächsten Tag (Freitag), Ost- und Südteil der Insel. Es windete und regnete aber so dermassen am Freitag, dass ich mich nicht aus dem Bett erheben konnte. Eigentlich wollte ich den ganzen Tag im Hostel bleiben, irgendwie war meine Stimmung etwas gedrückt. Erst nachdem mein Sandkastengspändli Jonathan mir auf meine genervte «Es regnet, alles ist Scheisse»-Nachricht mit «Take your chance» antwortete, konnte ich mich aufraffen. Ich schlüpfte in Regenjacke und -hose (die ich schon mehrmals entsorgen wollte, weil ich daran zweifelte, sie wirklich zu brauchen), umarmte den Regen und machte mich auf, die Insel und die Moais von einer anderen Seite kennenzulernen. Nicht alles ist eitel Sonnenschein. Und immerhin herrschten trotz Regen und Wind angenehme 25° C.

Ich spazierte also am Meer entlang Richtung Norden, da wo die Höhlen waren. Diese wären allerdings geschlossen, hatte man mir im Hostel gesagt, bei Regen sei es da viel zu rutschig. Aber der Weg dahin bot ein paar andere Sehenswürdigkeiten. Zum Beispiel ein Auto, das in der schlammigen Strasse stecken geblieben war. Hilfe war schon da – und drei Hunde… meine neuen Freunde natürlich. Vier Stunden lang begleiteten sie mich, zwei davon trugen Halsbänder, was sie als Nicht-Streuner kennzeichnete, sie aber nicht von einem friedlichen Spaziergang im Regen abhielt. Sehr vorteilhaft: Sie kannten den Weg. Ich wollte den Trekkingpfad entlanggehen, der noch schlammiger war als die ungepflasterte Strasse (natürlich), aber auch näher am Ufer und somit viel die bessere Aussicht (wunderschön, auch bei Regen!) bot. Der Pfad war teilweise etwas versteckt, die Hunde führten mich aber sicher über Stock und Stein (und durch Wasserlachen), warteten auf mich, wenn ich Fotos schoss, und hielten mir eine Gruppe anderer streunender (und verrückt bellender) Hunde vom Leib.

Theoretisch hatte ich ja jetzt eine Tour verpasst und rechnete schon damit, viel Geld in den Wind geschossen zu haben, nur weil ich regenscheu gewesen war. Allerdings erfuhr ich, dass die Tour sowieso nicht stattgefunden hatte, weil gewisse Sehenswürdigkeiten geschlossen waren und baden am Anakena-Strand bei Regen nicht so sexy war – und kriegte sogar das Geld zurückerstattet. Wie erfreulich! Ich buchte daraufhin eine andere Tour, die am nächsten Tag trotz Regen stattfinden würde. Mae, die Tourleiterin (so in meinem Alter), holte mich am Samstag um 9 Uhr ab. Mit einem 8-Personen-Minibus und der Info, dass ich die Einzige war, die dem Regen trotzen wollte. Der erste Stop war der Vulkan Rana Raraku, Geburtsstätte der Moai, denn hier wurden damals (1450–1650) die Menschenfiguren aus Stein gehauen. Ich hatte Glück: Eigentlich war die Stätte wegen Regen geschlossen (vor kurzem hatte sich offenbar ein Tourist einen Arm gebrochen, weil er auf den regennassen Steinen ausgerutscht war), da ich allerdings in Begleitung von Mae war, durften wir zumindest den Steinbruch besichtigen – den Vulkankrater nicht, so lebensmüde waren wir nicht. Mae erzählte mir die ganze Geschichte der Moai: Diese wurden hier aus dem Vulkangestein gehauen, weil es die richtige Dichte und Härte hatte. Der Transport gestaltete sich allerdings ziemlich schwierig und es gibt diverse Theorien, wie die Moai von dem Vulkan zu den unterschiedlichen Ahu (Zeremonialplattform) rund um die Insel herum gekommen waren – eine Theorie besagt, dass sie selbständig dahin spaziert waren… Im Steinbruch gibt es Moais in allen Stadien der Fertigstellung: Gewisse sind einseitig noch mit dem Vulkan verbunden, andere stehen – wie bestellt und nicht abgeholt (tatsächlich) –, wieder andere liegen zerbrochen herum. Die Moai – Abbilder verstorbener Häuptlinge und Beschützer der Inselbewohner – kriegen allerdings erst Leben eingehaucht, wenn ihnen die Augen eingesetzt werden, was jeweils erst geschah, wenn sie an ihrer endgültigen Stätte angekommen waren. Entsprechend war es auch nicht weiter schlimm, wenn ein Moai unterwegs zerbrach, da ihm zu dieser Zeit noch keine Seele innewohnte. (Allerdings stelle ich es mir sehr frustrierend vor für den Meistersteinmetz. Es ist nicht bekannt, wie lange an einem Moai gearbeitet wurde, aber es muss mit mehreren Monaten oder sogar Jahren pro Figur gerechnet werden.) Der grösste Moai der Insel ist 21 Meter hoch. Allerdings liegt er noch im Steinbruch und wurde auch nie vollständig vom Vulkan gelöst. Auch hier gibt es unterschiedliche Theorien: Entweder, die Steinmetze stellten fest, dass er schlicht zu schwer war, um jemals transportiert zu werden, oder er wurde nur für Marketingzwecke gemeisselt («Schaut, wenn ihr genug Geld habt, machen wir euch einen riesigen Moai»), oder…

Rano Raraku

Von Wind und Regen gepeitscht fuhren wir weiter zum Ahu Tongariki, dem Ahu mit den meisten Moai (15), die 1960 durch einen Tsunami alle bis zu 100 Meter ins Landesinnere geschleudert worden waren, und dessen Restaurierung nur mit der finanziellen Unterstützung aus Japan möglich gewesen war. Wir besuchten auch Vaihu, wo die Moai noch kopfüber im Schlamm liegen. Dieser Ahu war nicht restauriert worden und zeigt die Zeit um das 18. Jahrhundert, als aufgrund von Differenzen der verschiedenen Clans und Glaubensrichtungen auf der Insel alle Moais von den Ahus gestürzt wurden.

Das beste an meiner Privattour mit Mae war, dass ich nicht nur alles über die Geschichte der Osterinsel erfuhr (und teilweise leider schon wieder vergessen habe), sondern auch ganz viel aus Maes Leben und über das aktuelle Rapa Nui. Zum Beispiel gibt es kein College auf Rapa Nui, weshalb die Schüler nach Valparaíso dürfen für ihre weiterführende Schulbildung – Kost und Logis gratis. In Maes Klasse waren damals 20 Schüler, nur fünf entschieden sich für das College. Einigen war es zu weit weg, für andere war bereits klar, dass sie das Familienbusiness (Minimarkt, Restaurant, …) weiterführen würden. Auch sonst laufe Vieles mit Vitamin B: Wenn der Vater im Elektrizitätswerk der Insel arbeite, sei es eigentlich nur eine Formsache, dass der Sohn da auch Arbeit finden würde.

Auch spannend: 1973 gab es auf der Insel nur drei Autos und die gehörten alle der Polizei, der Rest bewegte sich zu Pferd fort. Heute haben nur schon die Rent-a-car-Firmen 200 Autos registriert. Je. 1973 gab es aber auch nur 2000 Einwohner. Heute sind es 4000 Rapa Nui und etwa 6000 «Fremde», hauptsächlich Festlandchilenen. Deshalb gelte nun ein Einreiseverbot bis die Studie darüber, wie viele Einwohner die Insel verträgt, abgeschlossen sei. Interessanterweise werden vor allem Chilenen deshalb beim Besuch auf der Insel ganz genau beobachtet, damit sie auch ja wieder abreisen.

Ich plante auch wieder abzureisen, aber erst am Montag. Am Sonntag machte ich noch einen Abstecher zu Orongo, einer Kultstätte des Birdman-Glaubens, und dem Rano-Kau-Vulkan. Vier Stunden wanderte ich im wunderschönen Wetter zum Krater und zurück, begutachtete die Orongo-Kultstätte, die man trotz Parkticket, genauso wie die Rano-Raraku-Steinbruch, nur einmal in zehn Tagen besuchen durfte (danach würde man ein neues Ticket für 85 Dollar brauchen). Danach gönnte ich mir in einem hübschen Seaside-Restaurant mit Blick auf die Surfer einen Caipirinha und erfreute mich zum Abschluss an der Begeisterung des Barkeepers, der wohl damit gerechnet hatte, dass ich ein gratis Wasser bestellen wollte. Prost!

Rano Kau

Salt-Flats-Tour

Erster Halt in Bolivien: Tupiza. Hier wollte ich eine viertägige Tour buchen, die mich durch die Wüstenlandschaft im westlichen Bolivien, über die Salt Flats von Uyuni, und dann auch direkt nach San Pedro de Atacama in Chile bringen würde. Natürlich hatte ich die Rechnung ohne die Nebensaison gemacht. Mit Peter und Sandrine, einer Belgierin, die wir im Hostel kennengelernt hatten, klapperte ich die Agenturen ab. (Wir waren auch noch auf der Suche nach Ausritten zu Pferd.) Alle erklärten mir dasselbe: Die Nachfrage nach Touren, die in San Pedro enden, ist zu gering, ABER wir können dir diese Tour (15 Minuten Erklärung) mit Ende in Uyuni empfehlen, von Uyuni gibt es dann einen Bus (oder ein doppelt so teures Shuttle), der dich über die Grenze bringt. Mit einem flauen Gefühl im Bauch, buchte ich die Tour über unser Hostel (nachdem ich mir den – immer gleichen – Tourbeschrieb von vier unterschiedlichen Agenturen geduldig angehört hatte). Normalerweise wäre dies alles kein Problem gewesen und unter normalen Umständen wäre ich danach wahrscheinlich in Bolivien geblieben und rumgereist, aber ich hatte vor ein paar Wochen zugesagt, mich in Santiago mit Diego (aus Brasilien) und José (aus Santiago) zu treffen, die ich in Buenos Aires kennengelernt hatte. Damals klang das noch völlig harmlos, stellte mich aber jetzt tatsächlich vor das Problem, dass ich zeitlich eingeschränkt war. Und das wiederum brachte mich etwas aus der Ruhe.

Um auf andere Gedanken zu kommen, gönnten wir uns am Nachmittag einen dreistündigen Ausritt zu Pferd. Es war herrlich! Ich fühlte mich wie in einem Western. Wir ritten vorbei an der Puerta del Diablo (ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Puertas und Gargantas del Diablo es in Südamerika gibt) bis hin zum Cañon del Inca, der gemäss unserem Tourguide eigentlich einfach ein Canyon war, bis ihm jemand einen netten Namen für die Touristen gab.

Puerta del Diablo
Ziegen im Inca-Canyon
Gaucho Peter

Am nächsten Morgen (es war Mittwoch, wenn ich mich richtig erinnere) ging die Salt-Flats-Tour für mich schon um 7 Uhr los. Oder um 7.30 Uhr. Eigentlich noch später. Mir wurde am Abend davor nämlich gesagt, die Tour starte um 7 Uhr und wir würden in den Bergen frühstücken. Am Morgen hiess es dann aber, dass wir im Hostel frühstücken (trockenes Brot und Milch mit Kaffeearoma) und dann um 7.30 Uhr losfahren würden. (Oder dann, wann auch immer das Auto kommen würde.) Meine ursprüngliche Besorgtheit, dass diese Tour vielleicht nur ältere Menschen machten, löste sich schnell in Luft auf, als ich meine vier Mittourer kennenlernte: Mit sechs Jahren Abstand war ich die Älteste der Truppe… Zeit, sich alt zu fühlen.

Die vier Tage vergingen wie im Flug! Die Nächte nicht unbedingt. Meine erste Nacht auf über 4000 Metern und bei etwa –12° C gestaltete sich als eher schwierig. Ich schlief keine zwei Stunden. Aber was will ich mich beklagen. Der Tag davor und die Tage danach waren herrlich: Wir fuhren durch traumhafte Landschaften, hatten einen begnadeten Fahrer, der sich Mühe gab, als Erster an den Aussichtspunkten anzukommen (oder sogar etwas abseits hielt, damit wir nicht dauernd andere Touristen im Blick hatten…), assen an spektakulären Orten zu Mittag, badeten in natürlichen Thermen, machten mysteriöse Fotos von und vor Geysiren, spielten Karten, tranken Wein (sehr grässlichen Wein, dennoch ein herzliches Dankeschön an die drei Jungs auf der Tour, dass ihr uns mit Schokolade und Alkohol versorgt habt) und trotzten Wind und Kälte, um auf dem Salar de Uyuni Sonnenunter- und Sonnenaufgang sowie den unbeschreiblich klaren Sternenhimmel zu sehen.

Laguna Colorado
Mittagessen in der Ciudad del Encanto
Copa del Mundo (von hinten 🤷🏻‍♀️)
Salar de Uyuni

Die Tour war wirklich ein Erfolg, und wenn ihr die Möglichkeit habt, eine solche Tour zu machen, tut es. Am besten von Tupiza aus, das gibt einen Tag mehr herrliche Landschaft… Der «Umweg» hatte sich für mich wirklich mehr als gelohnt!

In Uyuni angekommen, suchte sich jeder ein Ticket nach wohin auch immer er oder sie gehen wollte. Ich entschied mich, nach Calama in Chile zu fahren und dann dort einen Bus zu suchen, der mich direkt weiter nach Antofagasta bringen würde, wo ich drei Tage bleiben wollte. San Pedro de Atacama wäre ein zu grosser Umweg (von Calama aus nochmal drei Stunden und dann wieder zurück, zudem müsste man hier noch einmal ein paar Tage Touren einplanen) und ich hatte genug von der kalten Wüste gesehen. (Auch Antofagasta liegt in der Wüste, aber da gibt es auch Meer. Und Wärme. Juhuu!) See you there!

Von Geburtstagen und Freudensprüngen

Am Freitag war mein Geburtstag. Da ich nun sozusagen bis am Sonntag warten musste, bis die Franzosen von ihrem Roadtrip in den Süden zurück waren, wollte ich natürlich noch etwas erleben und nicht nur rumsitzen. Und so schenkte ich mir einen niedlichen 40-Meter-Bungee-Sprung von einer Brücke, die über den Dique Cabra Corral führt, einen riesigen künstlichen See.

Cabra Corral

Gemäss den Organisatoren gab es von Salta aus pro Tag drei direkte Busse zur Brücke (Fahrdauer wahrscheinlich so zwei Stunden) – ich entschied mich für den um 9 Uhr. Nach ein paar Schwierigkeiten die Bushaltestelle zu finden, stellte ich mich pünktlich in die Schlange. Gemäss meiner bisherigen Erfahrungen wartet man in Argentinien zwar stundenlange aufs Essen, die Busse sind aber immer pünktlich. Nun, ich wartete bis 9.30 Uhr und entschied mich dann, dass ein guter Kaffee und etwas Wärme (es windete sehr unangenehm bei etwa 12° C) jetzt eigentlich ganz nett wären und später ja auch noch ein Bus fahren würde. So setzte ich mich für zwei Stunden in ein Café und ging dann – statt zurück zur Bushaltestelle – direkt ins Hostel. Samstag war ja auch noch ein Tag zum Bungee Jumpen.

Am Abend traf ich im Hostel auf Peter, ein Australier, der Südamerika mit dem Auto durchquerte und sich am Sonntag wahrscheinlich unserem Roadtrip anschliessen würde, und verabredete mich zum Essen – dabei gabelten wir noch Willem aus Belgien auf, der zwar sehr unentschlossen war, sich uns dann aber doch anschloss. Beim Pre-Dinner-Bier (um 20 Uhr ist noch keine Küche geöffnet…) diskutierten wir über unser Alter und die verschiedenen Reisetypen. Wobei natürlich auf meinen Geburtstag angestossen wurde und das Staunen gross war, denn Peters Geburtstag war am Samstag… Beim Abendessen im Restaurant La Cuisine, liessen wir dann unseren Kellner (der sogar Deutsch sprach) ganz nebenbei (oder eher sehr direkt) wissen, dass wir zwei Geburtstage feierten. Der Kuchen ging aufs Haus. YAY!

Beim Abendessen überzeugte ich die beiden, am Samstag mit mir Bungee Jumpen zu gehen. Peter wollte zwar nicht springen (das hatte er schon einmal gemacht), wollte uns aber hinfahren – schliesslich hatte er sonst nichts zu tun… Ich fragte mich einmal mehr, wie man so viel Glück haben kann? Nachdem ich mich am Freitag genervt hatte, dass ich eigentlich nichts auf die Reihe gekriegt hatte, hat es sich wie von selbst viel besser ergeben. Nicht auf einen Bus, der nie kommt, angewiesen zu sein, und auch nicht alleine zu springen. Herrlich!

Auf der Fahrt nach Cabra Corral fragte mich Peter dauernd, ob ich denn schon nervös sei. Doch die Nervosität stellte sich tatsächlich erst sehr spät ein. Nämlich dann, als ich auf der Schwelle stand und das superschwere Bungee-Seil an meinen Knöcheln zog. Auch wenn es absolut nicht hoch war (wir zweifeln an den angegebenen 40 Metern), wehrte sich mein Körper dagegen, sich einfach so in den Abgrund zu stürzen. Um nicht irgendwie verkrümelt zu fliegen, versuchte ich mich zu strecken, doch alles in meinem Körper wollte diesen zu einem kleinen Häufchen Elend zusammenkrümmen. Nachdem ich den Instruktor mit meinem Paniktalk genug genervt hatte, liess ich mich endlich fallen, wusch die Haare im See und dann wars auch schon vorbei. War ganz geil. Und ich war froh, hatte ich einen kleinen Sprung gemacht. So bin ich bei den 220 Metern vom Valle Verzasca k,,,,,,,,,,,,,,mj (tschuldigung, das war die Katze) darauf vorbereitet, dass mein Körper sich vielleicht dagegen wehrt, sich in den Abgrund zu stürzen.

Besser wäre es, nicht runter zu schauen 🤷🏻‍♀️
Sehr schlechte Qualität, aber ich glaube, der panische Ausdruck ist sichtbar.

Da meine kreative Energie momentan von erfrorenen Fingern blockiert ist (ich sitze in Tilcara im Hostel und, obwohl es gute 24° C sein sollte, windet es so stark, dass eine Jacke nicht reicht), lasse ich diesen kurzen Blog hier so stehen, freue mich darüber, ein graues, haariges Wärmekissen zu haben und erzähle euch später von dem Roadtrip.

Kurz vor der Tat

Kleine Schritte, lange Wege

Der erste Tag

Mein Hostel liegt im Florida-Quartier, eine Fussgängerzone mit allerlei Läden, Strassenverkäufern und dutzenden «Cambio»-schreienden Geldwechslern. Meine ersten Schritte in dieser ungewohnten Umgebung sind zögerlich, werden immer bestimmter, und führen mich von den Menschenmengen weg in Richtung Naturschutzgebiet und Wasser. Dichtestress – nach vier Jahren im Home-Office muss ich mich wohl zuerst wieder an Menschen gewöhnen.

Wie schon am Flughafen ist das Presslufthammergeräusch auch in der Stadt ein dauernder Begleiter. Statt zielstrebig von A nach B, laufe ich planlose Kreise und Zickzack. Nach ein paar durch Absperrungen verursachten Sackgassen, gelange ich endlich ins Puerto-Madero-Quartier, in dem sich verglaste Hochhäuser aneinanderreihen, was mich sehr an Vancouver erinnert. Der Park Reserva Ecológica Costanera Sur, mein eigentliches Ziel, begrüsst mich dann aber leider mit geschlossenen Toren. Auf dem Schild steht gross: «Öffnungszeiten ab April: Dienstag bis Sonntag, 8 bis 18 Uhr.» Es ist April. 15 Uhr. Donnerstag. So viel zu den Schildern. Oh, da hängt ja noch ein handschriftliches, vielleicht steht da etwas dazu. Jup: «April, Dienstag bis Sonntag, 8 bis 18 Uhr.» Tja, dann nicht.

Ich schlendere also noch ein bisschen planlos umher, besichtige die Messi-Statue, von der bis auf die Füsse nichts mehr steht, und frage mich, was die perfekte Kleidung für dieses Klima wäre: Durch die vom Atlantik her wehenden Winde, ist es vor allem im Schatten sehr frisch, während es in der prallen Sonne fast unerträglich heiss ist. Hoffentlich gewöhne ich mich daran.

Die Füsse von Lionel Messi

Zu Fuss von Florida nach Palermo

An meinem zweiten Tag mache ich mich auf nach Palermo. Wenn es schon möglich ist, zu Fuss von Florida nach Palermo zu gelangen, will ich das auch tun! Unterwegs stolpere ich über ein paar Tourismusmagnete wie den Cementerio de la Recoleta – in einem dessen riesigen Mausoleen auch Eva Perón (besser bekannt als Evita) begraben liegt –, den EcoParque – früher der Zoo, tatsächlich sehe ich eine Giraffe und ein paar Strausse, der Rest ist abgesperrt, da (Überraschung!) im Umbau – sowie den Park um den Lago de Rosedal. Dieser Park ist wunderschön zurechtgemacht, beherbergt einen Poetenweg mit Büsten berühmter Dichter (auch Shakespeare ist dabei, juhuu), einen Rosenweg sowie eine kleine Theaterbühne im See. Hier gefällt es mir. Hier bleibe ich ein bisschen.

Lago de Rosedal

Nach etwas Erholung und insgesamt gut vier Stunden Fussmarsch, erreiche ich den Parque Norte beziehungsweise die dazugehörige Promenade, von der aus ich die Flussmündung des Rio de la Plata begutachten kann. Zuerst habe ich den Fluss gar nicht erkannt, mein verwöhntes Auge hat blaues Wasser erwartet, aber der Rio de la Plata trägt so viel Schlamm mit sich, dass das Wasser effektiv braun ist. Die Anzahl Fischer (unendlich viele) lässt darauf schliessen, dass es immerhin nur Schlamm ist und nichts Schädliches.

Rio de la Plata

Ziemlich kaputt, verschwitzt und hungrig betrete ich ein Restaurant. Der Kellner und ich erschrecken wohl gleichermassen. Es erstaunt mich sehr, dass hier, an diesem «abgelegenen» Ort, nur Menschen in Businessklamotten sitzen und auch die Kellner mit weissem Hemd und Sakko zurechtgemacht sind. Und der Kellner (und die Gäste), finden es wohl nicht prickelnd, wenn sich ein Tourist im Tanktop und Sportschuhen in diese gediegene Atmosphäre verläuft… Nichtsdestotrotz werde ich ganz freundlich bedient und geniesse meine Cerveza in dem hübschen Patio. (Trotz gediegener Atmosphäre, ist es zum Glück durchaus bezahlbar.)

Hin und zurück

Nun bin ich vier Stunden da hinausgewatschelt, nun muss ich auch wieder zurück. Damit sich der Ausflug so richtig lohnt, wähle ich einen Weg dem Fluss entlang. Gemäss maps.me wäre der auch etwas kürzer. Durch die erschwerenden Umstände (Baustellen…) muss ich allerdings einmal mehr in den Zickzack-Marsch verfallen, was dazu führt, dass ich erst beim Eindunkeln wieder in Florida bin. Und hier finde ich den Spirit, den ich bisher etwas vermisst habe. Die Fussgängerzonen sind hübsch beleuchtet, Menschen schlendern durch die Strassen (und rennen nicht) und irgendwie ist es fast schon friedlich. Hier gefällt es mir, hier bleibe ich ein bisschen.

Highlight:

Trotz meines auffälligen Touristenlooks und dem mich als Hostelgast markierenden Papierarmbändchen werde ich zweimal auf Spanisch nach dem Weg gefragt. Einmal kann ich sogar helfen. Mit Händen. Ohne Füsse.

Bienvenida a Buenos Aires

«Warum ausgerechnet Südamerika?», wurde ich die letzten paar Monate öfters gefragt. Einfach ein Bauchgefühl… Ich bin erst seit ein paar Stunden in Buenos Aires und frage mich bereits, ob ich besser aufhören sollte, auf mein Bauchgefühl zu hören. Dass ich nicht aktiv Spanisch spreche, ist mir ja bewusst. Dass ich aber SO SEHR kein Spanisch kann, hat mich doch überrascht. In Spanien selbst schlägt man sich meist relativ gut mit Italienisch oder Englisch durch. Ich dachte auch, dass ich ziemlich viel verstehe, zumindest beim Lesen trifft dies ja auch zu. Aber bei den Menschen in Buenos Aires sind die Englisch-Kenntnisse so bescheiden wie meine Spanisch-Kenntnisse und die Aussprache ist gewöhnungsbedürftig. Da müssen halt Hände und Füsse herhalten. Zumindest die Hände. Und das Lächeln. Ich bin froh startet mein Spanisch-Crash-Kurs am Montag. Nur vier Tage überstehen.

Doch der Reihe nach.

T minus zwei, eins, null

Die letzten zwei Tage vor Abfahrt war ich nervöser als mir lieb war. Obwohl ich ja unbedingt zu diesem Abenteuer aufbrechen wollte, begann mein Unterbewusstsein Fragen zu stellen. Es scheint ein grosser Fan von Plänen zu sein und konnte gar nicht damit umgehen, dass ich keine machen wollte. Eigentlich wollte ich keine Pläne machen, um möglichst stressfrei reisen zu können. Also, um nicht von einem zum nächsten Flug rennen zu müssen, aber irgendwie bescherte mir dieses «stressfrei» Stress.

Natürlich stresste es mich auch, dass ich den Flug ohne Aufgabegepäck gebucht hatte und ich dies online nicht ändern konnte. Nachdem ich endlich alles gepackt hatte und über den Stress hinweggekommen war, dass ich vielleicht etwas vergessen hatte einzupacken (obwohl Buenos Aires ja bei weitem nicht das Ende der Welt ist), erklärte mir die Check-in-Dame, dass das Gepäck sehr wohl mit gebucht sei.

So viel Stress für nichts.

Über den Wolken

Weder der Flug von Zürich nach Barcelona noch der von Barcelona nach Buenos Aires waren voll ausgelastet – so konnte ich meine bescheidenen 1,60 m auf zwei Sitzen verteilen und habe es sogar geschafft, eine ganze Menge Stuss zusammenzuträumen (Notiz an mich selbst: weniger «Chilling Adventures of Sabrina» und «Jane The Virgin» schauen – die Mischung ist zu bizarr).

Da ich mich hier auf einem super billigen Flug befand, waren Essen und Trinken nicht inbegriffen. Die Flugbegleiter machten uns aber darauf aufmerksam, dass wir jederzeit etwas vom Menü bestellen konnten. Als ich am Morgen also DRINGEND Kaffee bauchte, drückte ich den Flugbegleiterrufknopf (das habe ich übrigens noch nie gemacht – ich hielt die Spannung kaum aus). Das Lämpchen leuchtete also. Und leuchtete. Und mindestens drei Flugbegleitpersonen huschten an mir vorbei. Und dann leuchtete das Lämpchen nicht mehr. Und meine Spannung sank zusammen mit dem Koffeinspiegel… Und ich wurde handgreiflich. Nicht wirklich natürlich. Aber ich musste eine Stewardess im Gang abpassen, damit mein Seelenfrieden mit Kaffee wiederhergestellt werden konnte.

Mein einziges Flugfoto… (besser als nichts?)

Buenos Aires

Dank Kaffee schaffte ich es schliesslich auch geduldig durch die Immigration und den Zoll. Danach stellte ich allerdings fest, dass sich der Flughafen sehr stark im Umbau befindet und somit die Schilder momentan eher irreführend als hilfreich sind. Der Pfeil zum ATM zeigte in eine ganz andere Richtung. Dasselbe galt für Busse und Busschilder. Nach ein bisschen umherirren, gönnte mir ein Taxi. Ich musste allerdings 30 Minuten warten und wollte mir in der Zwischenzeit einen Snack im Fastfood-Restaurant (das mit dem goldenen Möwenlogo) gönnen. Ich stellte mich an einen Selbstbedienungsautomaten, wählte die gesunde Kost, führte die Kreditkarte ein… ein RIESIGES Tastaturfeld erschien auf dem Bildschirm: Die letzten vier Ziffern der Kartennummer eingeben. (So weit reicht mein Spanisch noch.) Mache ich. Hoffentlich schaut niemand zu. Aber immerhin sind sie so schlau und wollen nicht den PIN. Ich bestätige. PLOPP: Bitte PIN eingeben. Mit diesen gut 10 cm grossen Zahlen. Um mein Sicherheitsprotokoll nicht schon in der ersten Stunde in Südamerika völlig ausser Acht zu lassen, breche ich die Aktion ab und wage mich zu den bedienten Kassen vor. Hier kann ich mich in Geduld üben, es ist eher Slow-Food. Das macht auch die Bedienung deutlich. «Inhala, exhala.» Ich habe ja keine Eile. Irgendein Taxi wird mich später schon mitnehmen. Und schliesslich hatte ich auch mein muntermachendes Süssgetränk gekriegt, ohne dass der halbe Flughafen meinen Kreditkarten-PIN kennt. Ein erster Erfolg!

Highlights:

  • Die Netflix-fähige Wi-Fi-Verbindung im Flughafen Barcelona
  • Die vier Demonstrationen, an denen die Taxifahrt zum Hostel vorbeiführte (O-Ton Taxifahrer zu den Demos: «gegen Uber», «gegen die Regierung», «andere Unzufriedene»)