Kleines Fazit nach drei Wochen

Wie zuvor in Buenos Aires und in Rosario verlängerte ich meinen Aufenthalt in Puerto Iguazú spontan. Zum Einen finde ich dieses Klima herrlich (wir hatten nicht wirklich viel Sonnenschein, aber es ist wunderbar warm bis heiss und irgendwie einfach gemütlich) und zum Anderen gefällt mir das Hostel (TangoInn Downtown) ausserordentlich gut. Für einmal ziemlich sauber und das 6er-Zimmer ist gross genug, dass man sich nicht auf die Füsse tritt.

Ganz freiwillig war diese Verlängerung allerdings nicht, die Erkältungserscheinungen wurden nämlich einfach von Bauchkrämpfen abgelöst und nach einem zweiten wunderbaren Tag bei den Iguazú-Wasserfällen musste ich einen Ruhetag einlegen. Ursprünglich wollte ich noch die brasilianische Seite besuchen, aber irgendwie fehlte mir die Energie dazu – und die argentinische Seite war bereits so überwältigend, dass ich das zuerst verarbeiten muss. Und: Ich hoffe sehr, dass ich die Cataratas noch ein zweites Mal erleben darf!

Der nächste geplante Abreisemoment war dann der Donnerstag, per Bus 22 Stunden nach Córdoba. Ana bewahrte mich allerdings vor dieser Busfahrt, indem sie mir flybondi.com zeigte. Der Flug (allerdings erst am Freitagabend) kostete mich gut 1000 Pesos weniger – die zusätzliche Nacht bereits einkalkuliert. Trotz CO2-Sünde konnte ich dazu nicht nein sagen. Zwei Stunden im Flugzeug statt 22 im Bus für weniger Geld … die Entscheidung war nicht so schwer. Jetzt sitze ich also hier in der Hostelküche (draussen) und denke darüber nach, was ich in den letzten drei Wochen schon alles so erlebt und gelernt habe. Hier ein kleines Sammelsurium.

Kleine Learnings

  • Hosen- und Jackentaschen sind eine gute Sache. Ich hatte es tatsächlich geschafft zwei (meiner Lieblings-)Jäckchen einzupacken, die keine Taschen haben. Dazu hatte ich auch ein paar Leggings (logischerweise ohne Taschen) und ein paar dünne Stretchjeans (nur mit Gesässtaschen) eingepackt. Das ist nix zum Reisen. Trotz Bauchgürteltasche. So viel passt da nicht rein.
  • Es ist sinnvoll, die Passkopie und den Pass an unterschiedlichen Orten aufzubewahren. (Stellt euch hier ein Facepalm-Emoji vor.)
  • Ordnung halten ist unmöglich. Falls jemand weiss wie: Tipps sind willkommen :o)

Todo estará bien

Bereits vor der Abreise nach Südamerika und auch während meiner ersten Tagen in Buenos Aires war ich besorgt, dass ich drei Monate lang alleine sein werde. Von allen hört man immer, dass sie Freunde gefunden haben und es schwierig ist, alleine zu bleiben auf Reisen. Aber auch wenn ich relativ schnell «auftaue», wenn ich jemanden kennenlerne, habe ich Mühe auf unbekannte Menschen zuzugehen. Meine zweite «Angst» war dann, dass ich – aus Angst alleine zu sein – mich mit Menschen abgebe, die nicht zu mir passen oder die ich anstrengend finde. Und nach den guten Vibes in Buenos Aires war ich schliesslich besorgt, dass der Rest der Reise im Schatten dieser positiven Erfahrung stehen wird. Doch keine dieser Ängste war oder ist berechtigt. Innert dieser drei Wochen, die ich jetzt unterwegs bin, habe ich mühelos tolle Menschen kennengelernt, mit denen der Kontakt natürlich und nicht anstrengend war – und mit denen ich den Kontakt auf jeden Fall weiter halten möchte – und die Zeit in Puerto Iguazú war genauso grossartig, wenn auch total anders, wie die in Buenos Aires. Meiner Weiterreise stehe ich jetzt ganz entspannt gegenüber. Und in diesem Moment geniesse ich die Zeit für mich alleine zu sein, und die Erlebnisse Revue passieren zu lassen.

TangoInn Downtown

Von Dorms und Mitmenschen

Man kann sich an alles gewöhnen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Hostel besser ist, als die, in denen ich bisher war, oder ob ich mich bereits an die Unannehmlichkeiten gewöhnt habe. Es gibt Menschen, denen sind Begriffe wie Sauberkeit und Rücksichtnahme völlig fremd.

In Buenos Aires teilte ich für drei Nächte das Zimmer mit drei Party-Chicas, die um Mitternacht betrunken, nach Rauch stinkend, laut schreiend ins Zimmer kamen, alle Lichter einschalteten und neben meinem Bett Bier schlürften – bevor sie dann wieder gingen und sich das Ganze morgens um vier Uhr wiederholte, als sie die eine Chica zum Schlafen abluden. Der Höhepunkt war allerdings, als morgens um sechs Uhr der Handywecker der Schlafenden losging. Zehn Minuten lang in voller Lautstärke. Die eine Mitbewohnerin und ich schalteten das Licht ein, suchten das Handy. Schüttelten die schnarchende Leiche. NICHTS! Auch das Handy war unauffindbar, sie schien darauf zu schlafen. Erst zehn qualvolle Minuten später schaltete sie den Wecker selber aus. Wir atmeten tief durch und legten uns wieder ins Bett. Fünf Minuten lang. DANN GING DER WECKER WIEDER LOS! Diesmal lag das Handy immerhin so, dass ich das Ding endgültig ausschalten konnte (ohne es aus dem Fenster werfen zu müssen). Welch erholsame Nacht!

Dann gab es da aber auch noch die Argentinierin, die theoretisch nur das Bett über mir belegte, allerdings das ganze Zimmer mit ihren Habseligkeiten füllte und einen Stuhl neben mein Bett stellte (neben die vorhandene Leiter) wodurch ich, um aus dem Bett zukommen, den Stuhl wegstellen musste, und sie umgehend reklamierte, dass der Stuhl zu weit weg stehe vom Bett. Gewisse Leute sind nicht für Dorms gemacht.

Ooooh, oder als ich Duschen wollte (in einer Badewanne mit durchgehendem Duschvorhang) und ich den Badezimmerboden einige Zentimeter unter Wasser stehend vorfand (wie ist das möglich?). Zum Glück nicht verursacht durch die, die morgens um vier Uhr die Haare föhnte. Das hätte tödlich geendet.

Meine (bisherige) Favoritin traf ich allerdings in Puerto Iguazú. Sie hat spontan eine Unterkunft gebucht, kommt mit dem Rezeptionisten ins Zimmer. Es ist nur ein Bett oben frei und Leitern gibt es keine. Das findet sie scheisse. Und es ist so warm, das findet sie auch scheisse. Sie schaut sich das Bad an – das zugegebenermassen aussah, als hätte sich darin jemand trocken geschüttelt (ich wars nicht, imfal) – und findet es scheisse. Sie entscheidet sich trotzdem zu bleiben, nachdem sie einmal über alles gejammert hat. Etwa vier Stunden später (so gegen 11 Uhr abends), ich und zwei andere Mädels waren schon im Bett, weil K.O. vom Tag, kommt besagte junge Dame ins Zimmer, schaltet das Licht ein, kramt in ihren laut raschelnden Plastiksäcken und beginnt neben Anas Bett Kekse zu essen. Ana macht sie darauf aufmerksam, dass es auch ein Nachtlicht gäbe, das nicht das ganze Zimmer fluten würde. Nur zwei Minuten, sagt die andere, und knabbert und raschelt im Partylicht fröhlich weiter.

Es mag vielleicht so klingen, als würde ich mich jetzt auch beschweren, aber ich schreibe das mit einem Grinsen im Gesicht, ich bin dankbar für solche Momente. Denn dann habe ich etwas zu berichten und werde permanent daran erinnert, wie man es nicht machen sollte… Und die Energie, die es brauchen würde, um sich über solche Dinge aufzuregen, brauche ich lieber, um wieder gesund zu werden!

Liebe auf den zweiten Blick

Da ich in den letzten Tagen von der Schule (immerhin 20 Stunden) und dem Nachtleben von Buenos Aires etwas eingenommen war, finde ich erst jetzt die Zeit, etwas mehr über meine Reiseerfahrungen zu berichten.

Nachdem ich mir die ersten paar Tage in Buenos Aires die Füsse wund gelaufen hatte und bereits etwas den Koller hatte, weil die meisten Chicas in meinem Dorm kein Englisch konnten und ich wirklich zu wenig Spanisch, um mich schlau verständigen zu können (auch wenn ich immer mehr verstehe, sprechen kann ich nicht), fühlte ich mich etwas einsam. Ich merkte auch, dass ich unbedingt einen Gang herunter schalten musste, denn im Gegensatz zu sonstigen Reisen, hatte ich ja jetzt drei Monate lang Zeit, und das würde ich nicht überleben, wenn ich jeden Tag stundenlang von A nach B renne und dabei noch versuche, Freunde zu finden.

Und siehe da. Während ich Buenos Aires am Anfang noch mit einer Schnute als «nah, gefällt mir gar nicht» beschrieb, fing es mir langsam an zu gefallen, als ich mein Herz öffnete und das Unbekannte an mich heran liess (hach wie philosophisch).

In der Academia de Buenos Aires lernte ich in 20 Stunden die wichtigsten Fragen und Antworten auf Spanisch und lernte ein paar coole Menschen kennen. Doch das wahre Leben begann am Gründonnerstag. Abends. In meinem Dorm hatte ich tatsächlich eine Kolumbianerin kennengelernt, die Französisch sprach. Somit hatten wir immerhin eine gemeinsame Sprache und verstanden uns auch auf Anhieb. Sie lud mich zum Mate Club de Conversación ein, den sie mit zwei Kolumbianern, die sie ebenfalls im Hostel kennengelernt hatte, besuchen wollte. Im Mate Club kommen Menschen verschiedener Muttersprachen zusammen, um sich in unterschiedlichen Sprachen zu unterhalten und diese so zu üben. Vier bis fünf Nasen pro Tisch, hübsch gemischt, dass man ja nicht mit Bekannten am selben Tisch sitzt und alle 15 Minuten kommen die Organisatoren vorbei und geben die Sprache vor. In diesem Fall waren dies abwechselnd Englisch und Spanisch. Dazu wird Yerba Mate getrunken, wie in Argentinien üblich. Ich weiss nicht, ob es dies in der Schweiz auch gibt, aber dieses «Sprachcafé» ist ein super Format, um sich im Sprechen zu üben. Gerade für Leute wie mich, die zwar lesen können, aber beim Sprechen über jede Silbe stolpern.

Yerba Mate ist ein Tee, den praktisch alle Argentinier trinken. Sehr häufig sieht man Leute mit einem Becher mit Strohhalm in der Hand und einer Thermoskanne unter dem Arm durch die Strassen flanieren – weil sie einfach nicht ohne ihren geliebten Tee aus dem Haus können. In der Academia hatten wir einen kleinen Workshop darüber, wie denn der Mate genau zubereitet wird. Mate (der Becher) bis zu 3/4 mit Yerba Mate füllen, Becher zuhalten und umdrehen, damit die staubigen Partikel nach oben gelangen (der Yerba Mate sollte danach schräg im Mate stehen), das 80° C heisse Wasser auf der niedrigen Seite einfüllen und den Strohhalm ebenfalls auf der niedrigen Seite schräg bis nach unten in den Yerba Mate hineinstecken. Rocket science. Es gibt dazu sicher ein YouTube-Video, wenn ihr euch jetzt rein gar nichts darunter vorstellen könnt. :o)

Dieses Sprachcafé war der Anfang einer fünftägigen Ausgangsserie, die am Donnerstag noch bis morgens um 3 Uhr ging, und am Dienstag dann erst morgens um 8 Uhr zu Ende war. Während wir am Anfang noch zu viert unterwegs waren (drei Kolumbianer und ich), erweiterte sich unsere Gruppe um einen, zwei, drei Brasilianer, einen Peruaner und einen Chilenen. Wir sangen in der Hostellobby, tanzten Samba auf der Strasse und schafften es am Montagabend sogar in eine Karaoke-Bar, die wir erst wieder verliessen als die ersten Läden öffneten und in Buenos Aires langsam das Geschäftsleben erwachte.

Um mich auch mit den Portugiesen unterhalten zu können, lernte ich die wichtigsten Wörter: mais uma (noch eins – Bier natürlich), saideira (das letzte Getränk, bevor man eine Party verlässt – oder das zweitletzte, drittletzte, …) und zu guter Letzt noch ein paar Wörter, die ich hier nicht nennen möchte.

Während ich am Anfang wirklich damit kämpfte, alleine unterwegs zu sein und mich fragte, ob es eine weise Entscheidung gewesen ist, diese Reise anzutreten, wusste ich nach diesen fünf Tagen bestimmt, dass es keine bessere Entscheidung hätte geben können. Ich war ja die einzige Europäerin in der Gruppe und wir hatten nicht alle eine gemeinsame Sprache. Ein Brasilianer sprach nur Portugiesisch, der Chilene nur (sehr schnelles) Spanisch und die Kolumbianerin eher schlechtes Englisch. Und doch konnten wir uns alle irgendwie unterhalten. Mit Händen, Füssen, Google Translate… Und nach den paar Tagen schien es, als würden wir uns schon ewig kennen. Das ging nicht nur mir so, auch den anderen. Etwas kitschig. Sehr vielleicht. Aber einfach wahr…

Andrea, Felipe, ich, Diego, Weisman

Kleine Schritte, lange Wege

Der erste Tag

Mein Hostel liegt im Florida-Quartier, eine Fussgängerzone mit allerlei Läden, Strassenverkäufern und dutzenden «Cambio»-schreienden Geldwechslern. Meine ersten Schritte in dieser ungewohnten Umgebung sind zögerlich, werden immer bestimmter, und führen mich von den Menschenmengen weg in Richtung Naturschutzgebiet und Wasser. Dichtestress – nach vier Jahren im Home-Office muss ich mich wohl zuerst wieder an Menschen gewöhnen.

Wie schon am Flughafen ist das Presslufthammergeräusch auch in der Stadt ein dauernder Begleiter. Statt zielstrebig von A nach B, laufe ich planlose Kreise und Zickzack. Nach ein paar durch Absperrungen verursachten Sackgassen, gelange ich endlich ins Puerto-Madero-Quartier, in dem sich verglaste Hochhäuser aneinanderreihen, was mich sehr an Vancouver erinnert. Der Park Reserva Ecológica Costanera Sur, mein eigentliches Ziel, begrüsst mich dann aber leider mit geschlossenen Toren. Auf dem Schild steht gross: «Öffnungszeiten ab April: Dienstag bis Sonntag, 8 bis 18 Uhr.» Es ist April. 15 Uhr. Donnerstag. So viel zu den Schildern. Oh, da hängt ja noch ein handschriftliches, vielleicht steht da etwas dazu. Jup: «April, Dienstag bis Sonntag, 8 bis 18 Uhr.» Tja, dann nicht.

Ich schlendere also noch ein bisschen planlos umher, besichtige die Messi-Statue, von der bis auf die Füsse nichts mehr steht, und frage mich, was die perfekte Kleidung für dieses Klima wäre: Durch die vom Atlantik her wehenden Winde, ist es vor allem im Schatten sehr frisch, während es in der prallen Sonne fast unerträglich heiss ist. Hoffentlich gewöhne ich mich daran.

Die Füsse von Lionel Messi

Zu Fuss von Florida nach Palermo

An meinem zweiten Tag mache ich mich auf nach Palermo. Wenn es schon möglich ist, zu Fuss von Florida nach Palermo zu gelangen, will ich das auch tun! Unterwegs stolpere ich über ein paar Tourismusmagnete wie den Cementerio de la Recoleta – in einem dessen riesigen Mausoleen auch Eva Perón (besser bekannt als Evita) begraben liegt –, den EcoParque – früher der Zoo, tatsächlich sehe ich eine Giraffe und ein paar Strausse, der Rest ist abgesperrt, da (Überraschung!) im Umbau – sowie den Park um den Lago de Rosedal. Dieser Park ist wunderschön zurechtgemacht, beherbergt einen Poetenweg mit Büsten berühmter Dichter (auch Shakespeare ist dabei, juhuu), einen Rosenweg sowie eine kleine Theaterbühne im See. Hier gefällt es mir. Hier bleibe ich ein bisschen.

Lago de Rosedal

Nach etwas Erholung und insgesamt gut vier Stunden Fussmarsch, erreiche ich den Parque Norte beziehungsweise die dazugehörige Promenade, von der aus ich die Flussmündung des Rio de la Plata begutachten kann. Zuerst habe ich den Fluss gar nicht erkannt, mein verwöhntes Auge hat blaues Wasser erwartet, aber der Rio de la Plata trägt so viel Schlamm mit sich, dass das Wasser effektiv braun ist. Die Anzahl Fischer (unendlich viele) lässt darauf schliessen, dass es immerhin nur Schlamm ist und nichts Schädliches.

Rio de la Plata

Ziemlich kaputt, verschwitzt und hungrig betrete ich ein Restaurant. Der Kellner und ich erschrecken wohl gleichermassen. Es erstaunt mich sehr, dass hier, an diesem «abgelegenen» Ort, nur Menschen in Businessklamotten sitzen und auch die Kellner mit weissem Hemd und Sakko zurechtgemacht sind. Und der Kellner (und die Gäste), finden es wohl nicht prickelnd, wenn sich ein Tourist im Tanktop und Sportschuhen in diese gediegene Atmosphäre verläuft… Nichtsdestotrotz werde ich ganz freundlich bedient und geniesse meine Cerveza in dem hübschen Patio. (Trotz gediegener Atmosphäre, ist es zum Glück durchaus bezahlbar.)

Hin und zurück

Nun bin ich vier Stunden da hinausgewatschelt, nun muss ich auch wieder zurück. Damit sich der Ausflug so richtig lohnt, wähle ich einen Weg dem Fluss entlang. Gemäss maps.me wäre der auch etwas kürzer. Durch die erschwerenden Umstände (Baustellen…) muss ich allerdings einmal mehr in den Zickzack-Marsch verfallen, was dazu führt, dass ich erst beim Eindunkeln wieder in Florida bin. Und hier finde ich den Spirit, den ich bisher etwas vermisst habe. Die Fussgängerzonen sind hübsch beleuchtet, Menschen schlendern durch die Strassen (und rennen nicht) und irgendwie ist es fast schon friedlich. Hier gefällt es mir, hier bleibe ich ein bisschen.

Highlight:

Trotz meines auffälligen Touristenlooks und dem mich als Hostelgast markierenden Papierarmbändchen werde ich zweimal auf Spanisch nach dem Weg gefragt. Einmal kann ich sogar helfen. Mit Händen. Ohne Füsse.

Bienvenida a Buenos Aires

«Warum ausgerechnet Südamerika?», wurde ich die letzten paar Monate öfters gefragt. Einfach ein Bauchgefühl… Ich bin erst seit ein paar Stunden in Buenos Aires und frage mich bereits, ob ich besser aufhören sollte, auf mein Bauchgefühl zu hören. Dass ich nicht aktiv Spanisch spreche, ist mir ja bewusst. Dass ich aber SO SEHR kein Spanisch kann, hat mich doch überrascht. In Spanien selbst schlägt man sich meist relativ gut mit Italienisch oder Englisch durch. Ich dachte auch, dass ich ziemlich viel verstehe, zumindest beim Lesen trifft dies ja auch zu. Aber bei den Menschen in Buenos Aires sind die Englisch-Kenntnisse so bescheiden wie meine Spanisch-Kenntnisse und die Aussprache ist gewöhnungsbedürftig. Da müssen halt Hände und Füsse herhalten. Zumindest die Hände. Und das Lächeln. Ich bin froh startet mein Spanisch-Crash-Kurs am Montag. Nur vier Tage überstehen.

Doch der Reihe nach.

T minus zwei, eins, null

Die letzten zwei Tage vor Abfahrt war ich nervöser als mir lieb war. Obwohl ich ja unbedingt zu diesem Abenteuer aufbrechen wollte, begann mein Unterbewusstsein Fragen zu stellen. Es scheint ein grosser Fan von Plänen zu sein und konnte gar nicht damit umgehen, dass ich keine machen wollte. Eigentlich wollte ich keine Pläne machen, um möglichst stressfrei reisen zu können. Also, um nicht von einem zum nächsten Flug rennen zu müssen, aber irgendwie bescherte mir dieses «stressfrei» Stress.

Natürlich stresste es mich auch, dass ich den Flug ohne Aufgabegepäck gebucht hatte und ich dies online nicht ändern konnte. Nachdem ich endlich alles gepackt hatte und über den Stress hinweggekommen war, dass ich vielleicht etwas vergessen hatte einzupacken (obwohl Buenos Aires ja bei weitem nicht das Ende der Welt ist), erklärte mir die Check-in-Dame, dass das Gepäck sehr wohl mit gebucht sei.

So viel Stress für nichts.

Über den Wolken

Weder der Flug von Zürich nach Barcelona noch der von Barcelona nach Buenos Aires waren voll ausgelastet – so konnte ich meine bescheidenen 1,60 m auf zwei Sitzen verteilen und habe es sogar geschafft, eine ganze Menge Stuss zusammenzuträumen (Notiz an mich selbst: weniger «Chilling Adventures of Sabrina» und «Jane The Virgin» schauen – die Mischung ist zu bizarr).

Da ich mich hier auf einem super billigen Flug befand, waren Essen und Trinken nicht inbegriffen. Die Flugbegleiter machten uns aber darauf aufmerksam, dass wir jederzeit etwas vom Menü bestellen konnten. Als ich am Morgen also DRINGEND Kaffee bauchte, drückte ich den Flugbegleiterrufknopf (das habe ich übrigens noch nie gemacht – ich hielt die Spannung kaum aus). Das Lämpchen leuchtete also. Und leuchtete. Und mindestens drei Flugbegleitpersonen huschten an mir vorbei. Und dann leuchtete das Lämpchen nicht mehr. Und meine Spannung sank zusammen mit dem Koffeinspiegel… Und ich wurde handgreiflich. Nicht wirklich natürlich. Aber ich musste eine Stewardess im Gang abpassen, damit mein Seelenfrieden mit Kaffee wiederhergestellt werden konnte.

Mein einziges Flugfoto… (besser als nichts?)

Buenos Aires

Dank Kaffee schaffte ich es schliesslich auch geduldig durch die Immigration und den Zoll. Danach stellte ich allerdings fest, dass sich der Flughafen sehr stark im Umbau befindet und somit die Schilder momentan eher irreführend als hilfreich sind. Der Pfeil zum ATM zeigte in eine ganz andere Richtung. Dasselbe galt für Busse und Busschilder. Nach ein bisschen umherirren, gönnte mir ein Taxi. Ich musste allerdings 30 Minuten warten und wollte mir in der Zwischenzeit einen Snack im Fastfood-Restaurant (das mit dem goldenen Möwenlogo) gönnen. Ich stellte mich an einen Selbstbedienungsautomaten, wählte die gesunde Kost, führte die Kreditkarte ein… ein RIESIGES Tastaturfeld erschien auf dem Bildschirm: Die letzten vier Ziffern der Kartennummer eingeben. (So weit reicht mein Spanisch noch.) Mache ich. Hoffentlich schaut niemand zu. Aber immerhin sind sie so schlau und wollen nicht den PIN. Ich bestätige. PLOPP: Bitte PIN eingeben. Mit diesen gut 10 cm grossen Zahlen. Um mein Sicherheitsprotokoll nicht schon in der ersten Stunde in Südamerika völlig ausser Acht zu lassen, breche ich die Aktion ab und wage mich zu den bedienten Kassen vor. Hier kann ich mich in Geduld üben, es ist eher Slow-Food. Das macht auch die Bedienung deutlich. «Inhala, exhala.» Ich habe ja keine Eile. Irgendein Taxi wird mich später schon mitnehmen. Und schliesslich hatte ich auch mein muntermachendes Süssgetränk gekriegt, ohne dass der halbe Flughafen meinen Kreditkarten-PIN kennt. Ein erster Erfolg!

Highlights:

  • Die Netflix-fähige Wi-Fi-Verbindung im Flughafen Barcelona
  • Die vier Demonstrationen, an denen die Taxifahrt zum Hostel vorbeiführte (O-Ton Taxifahrer zu den Demos: «gegen Uber», «gegen die Regierung», «andere Unzufriedene»)