To sleep or not to sleep…

Meine Erfahrungen in Hostels in Südamerika sind bisher sehr unterschiedlich ausgefallen. Besitzer, Angestellte sowie natürlich die Gäste sind dabei ausschlaggebend, ob positive oder negative Erinnerungen gespeichert werden. Das unbequemste Bett kann durch nette Menschen wettgemacht werden.

Gewisse Hostels sind sehr familiär, man sitzt zusammen an einem Tisch, der Besitzer singt einem Lieder der Toten Hosen vor, man wird umarmt oder mit «mi amor» und «mi niña» angesprochen und kriegt zum Abschied einen Kuss auf die Wange gedrückt, als würde man dazugehören.

Gaston singt «An Tagen wie diesen», Mendoza

Andere sind eher anonym und es ist schwieriger, sich zwischen den vielen unbekannten Menschen zuhause zu fühlen. Dazu kommt, dass sich die Leute unbeobachtet fühlen: Macht ja nichts, wenn man den Teller nicht sauber abwäscht, vielleicht braucht der nächste die Tomatensauce noch. Oder denken nicht mit (absichtlich?): Wenn eine (schlecht ausgerüstete Küche) nur einen Topf hat, dann kann der gekochte Reis natürlich problemlos darin aufbewahrt werden, weil sonst sicher niemand diesen Topf braucht. Oder denken wohl, «es bizzeli» fällt nicht auf, und essen kurzerhand Eier aus den Vorräten eines anderen (namentlich meine Vorräte) weg…

Meine bisher schlimmste Erfahrung machte ich in einem Hostel in Santiago. Hier kamen alle möglichen Faktoren zusammen. Zu Beginn meiner Reise hatte ich Mühe, mich in den Hostels einzuleben, jedesmal passte mir beim ersten Anblick irgendetwas nicht, ich arrangierte mich aber immer sehr schnell. Sogar mit der eingefrorenen Nase in Villazón konnte ich mich anfreunden… Diesmal war alles anders [dramatische Musik]. Ich trat ins Hostel ein – und war begeistert. Es war ein älteres Gebäude mit einem verglasten Atrium. Toiletten und Duschen sahen ziemlich neu aus. Die Räume hatten hohe Decken und sie hatten kleine Holzgalerien eingebaut (anstelle – wie in anderen Hostels gesehen – dreistöckige Etagenbetten zu verwenden). Diese Zwischenböden boten Platz für Einzelbetten, eines davon war meins. Die Küche war geräumig und es hatte eine gemütliche Sofa- und Chillzone, in der ich meinen letzten Blog geschrieben hatte.

Ich übernachtete in diesem Hostel nur eine halbe Nacht, mein Flug zu den Osterinseln ging am Donnerstagmorgen um 6.30 Uhr. Dass ich entsprechend um 3.30 Uhr schon aufstehen muss, hatte ich beim Buchen glücklich ignoriert.

Trotz anfänglicher Begeisterung war dies die bei weitem ungemütlichste Nacht in Südamerika. Kurz vor 10 Uhr lag ich im Bett. Dass da noch nicht in allen Betten geschlafen wird, kann ich nachvollziehen. Das Licht bei den Etagenbetten unten brannte. Ich hörte etwa zwei Stunden lang Musik (mit Kopfhörern natürlich – aber auch das ist eigentlich nicht selbstverständlich…). Das Licht brannte immer noch. Im Bett neben mir wurde laut geschnarcht. Gegen 1 Uhr hörte ich jemanden aufstehen und dachte «Geil, endlich jemand, der das Licht ausschaltet». Die Bretterböden knarrten. Laut. Die Zimmertür wurde mit Schwung geöffnet und zugeknallt. Die Holzkonstruktion vibrierte. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Das Licht aus dem Korridor erhellte das Zimmer noch mehr. Meine Schlafmaske war unauffindbar. Die Oropax bin ich losgeworden, weil ich sie zwei Monate lang nicht benutzt hatte. «DINGDONG!», genau, da war noch die Klingel. Eigentlich müsste die ja nur der Nachtwächter hören, aber es ist sicherlich besser, wenn das ganze Hostel mitkriegt, wenn jemand nachhause kommt. Aber auch ohne Klingel wäre ich wohl jedesmal erwacht, ausser mir waren in dem Hostel nur Elefanten untergebracht. Die Türknallerin hatte übrigens das Licht ausgeschaltet. Danke! «DINGDONG!» Es wurde gestampft und laut gesprochen im Korridor. Die Zimmertür wurde rabiat geöffnet. Es wurde nun im Zimmer laut gesprochen – war ja erst 2 Uhr und es versuchten nur vier Leute zu schlafen. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Als die Neuzugänge endlich ruhig waren, freute ich mich: noch zwei Stunden Schlaf! Und ich freute mich noch mehr: Ich hatte mir nämlich Sorgen gemacht, am Morgen um 3.30 Uhr zu laut zu sein beim Aufstehen. HA! Wäre ich ein Arschloch, hätte ich die Lichter eingeschaltet und ganz laut (wirklich ganz laut) AC/DC angemacht. Leider bin ich kein Arschloch.

Das «DINGDONG!» und Gestampfe ging übrigens bis 3.30 Uhr in netten Abständen weiter, gegen 2.30 Uhr hatte sich noch trommelnder Regen dazu gesellt. Ich war froh, als ich endlich aufstehen konnte! Osterinsel, ich komme!

«See you there» war wohl ein etwas vorschnelles Ende des letzten Blogs, schliesslich gab es da noch den Nachmittag und Abend, den unsere «Reisegruppe» in einem gemütlichen Café verbringen wollte, bis die jeweiligen Busse fuhren (ausser mir konnten alle am selben Abend weiterreisen, mein Bus fuhr erst morgens um 5.30 Uhr), und die Grenzüberquerung und Calama…

Nun denn, nachdem wir in diesem Café unsere Bestellungen aufgegeben hatten, mussten wir es Hals über Kopf verlassen, weil der TV nur Kindersendungen zeigte und die Jungs doch eigentlich Champions-League-Finale schauen wollten. Zum Glück fanden wir ein Lokal, das den richtigen Sender hatte und verbrachten da gut fünf Stunden… Danach nächtigte ich in einem günstigen Hostel nahe dem «Busbahnhof». Auch dies, eine ganz andere Welt als Argentinien: Während in Argentinien die Busbahnhöfe grosse Gebäude mit Abfahrtsperrons und Schaltern waren, gab es in Uyuni einfach eine (oder zwei) Strasse(n) voller kleiner Läden, die Busfahrten verkauften. Die Busse fuhren vor oder in der Nähe dieser Shops. Reiste man am selben Tag, konnte man sogar den Rucksack deponieren – das traf für mich zwar sowieso nicht zu, dieses Vertrauen hätte ich wohl aber auch nicht aufgebracht…

Ziemlich verschlafen stolperte ich noch vor 5 Uhr aus dem Hostel (weckte den auf dem Sofa schlafenden Nachtwächter etwas unsanft) und machte mich mit erstaunlich vielen Menschen – aber ohne Kaffee – auf den Weg nach Chile. An der Grenze – irgendwo mitten in der Wüste – war es schon offensichtlich, dass in Chile wieder eine ganz andere Welt auf mich warten würde. Nach einer Fahrt auf unbefestigten Landstrassen, standen wir in Bolivien Schlange vor einem schlecht einbetonierten Container. (Es dauerte zudem ein wenig bis wir Gringos wussten, wohin wir genau mussten.)

Noch in Bolivien (auch hinter dem irreführenden Zaun ist noch Bolivien)

Kaum unter dem blauen Bogen hindurchgefahren, befanden wir uns auf geteerten, gut signalisierten Strassen und landeten in echten Gebäuden. Wir wurden mit Hilfe der Busfahrer, die unsere Zollscheine kontrollierten, durch die Passkontrolle geschleust, mussten dann in einem fast fluchtsicheren Unterstand unser Gepäck ausladen und warten, dass der Zollbeamte unsere Zettel kontrollierte, der Hund – nach gutem Zureden – unser Gepäck beschnüffelte, und danach unser Gepäck noch – eher pro forma – von Menschen «durchsucht» wurde. Ehrlich gesagt, ich fühlte mich ein bisschen wie ein Schwerverbrecher.

Ich hoffe, dies zu fotografieren, war kein Verbrechen

Niemand wurde zurückgelassen. Nun ging es weitere drei Stunden durch die Wüste nach Calama. In dieser Zeit ging mir das kurze Gespräch durch den Kopf, das ich an der bolivianischen Grenze mit dem Pakistani, der hinter mir sass, geführt hatte. Ich hätte ihm vielleicht sagen sollen, dass er sich glücklich schätzen müsse, dass er reisen könne – aber wer bin ich denn? Seine negative Einstellung Bolivien gegenüber und seine generell genervte Art veranlasste mich auf jeden Fall, das Gespräch kurz zu halten. Er sei nur zwei Tage in Bolivien gewesen, der Dreck wäre nicht auszuhalten, schrecklich. Zudem hätte sein Hotel seine Membership-Reservation nicht ausgeführt und er hätte ein Vermögen bezahlen müssen… Ich habe ja auch schlechte Tage, aber ich posaune die nur ungerne fremden Menschen ins Gesicht, und nach ein paar Tagen in der Kälte, freute ich mich einfach nur, dass ich bald in wärmere Gegenden kommen würde.

Calama, der erste Halt in Chile, überraschte mich ziemlich. Ich hatte eine Wüstenstadt wie Uyuni in Bolivien erwartet, doch dieser Ort war voller hübscher, umzäunter Häuser und die Innenstadt hatte eine süsse Fussgängerzone. Zumindest im Zentrum war das Wüstenfeeling inexistent. Ich blieb allerdings nur drei Stunden da, bevor mein Bus nach Antofagasta fuhr. (Ich hatte übrigens gut zwei Wochen, bis ich mir diesen Namen merken konnte, es gibt zu viele gut klingenden Möglichkeiten: Antafogasta, Antafogosto, Antofogasta…)

In Antofagasta checkte ich in das günstigste Hostel ein, das zu Fuss nur zehn Minuten vom Busterminal weg war. Ich fragte Marcela, die Besitzerin, wie weit es denn zu Fuss ins Zentrum sei. «15 Minuten, mi niña» – ja, das klang besser als erwartet, ich buchte direkt drei Nächte. Und wurde im Zimmer von einem Mitbewohner darauf aufmerksam gemacht, dass es eher so 50 Minuten waren. Aber Marcela konnte das ja kaum wissen, sie war ja 24/7 im Hostel. Haja. (Und nein, das «Missverständnis» war nicht auf mein schlechtes Spanisch zurückzuführen.) Immerhin konnte man am Meer entlang spazieren bis ins Zentrum, das war schonmal etwas. Und es war günstig. Juhu!

Abgesehen von ganz kurzen Standardgesprächen mit meinen zwei wirklich sehr netten Mitbewohnern, versuchte ich mich zurückzuhalten. Während ich am Anfang der Reise ja noch Angst hatte, niemanden zu treffen, brauchte ich nun dringend etwas Zeit für mich alleine und wollte wirklich mit niemandem etwas unternehmen, auch wenn sowohl Ruben von Santiago wie auch Délphine aus Frankreich mehrfach sagten «Ich geh da hin, möchtest du mitkommen?». «Nein, merci.» «Danke, eher nicht.» «Mein Kopf ist gerade unter dem Kissen, ich kann dich leider nicht hören.»

Ich genoss Antofagasta richtig, endlich wieder etwas Wärme! Durch den Küstenwind war es ab und zu zwar trotzdem kalt, aber nur, weil ich statt der üblichen drei bis fünf Kleidungsschichten nur noch zwei trug. Ich spazierte viel an der Küste entlang, schaute den riesigen, kraftvollen Wellen zu, die an den Steinen brachen, shoppte Jeans (weil ich ja immer noch einen Riss in meiner Lieblingshose hatte und Mama gesagt hatte, dass die irreparabel wären. Danke Mama! – Die Hose habe ich unterdessen natürlich entsorgt, ohne dabei zu vergessen, ein paar Minuten darüber nachzudenken, ob ich den Stoff vielleicht für etwas anderes verwenden könnte…), und gönnte mir ein Wachsbad für 13 Franken… Man muss etwas für seine Reiseschönheit machen, imfal.

Nur eines der 1000 Wellenfotos…
… und ein paar Muscheln

Obwohl ich mich von sozialen Kontakten fernzuhalten versuchte, nahm ich die Tipps von Ruben, was es in Antofagasta zu tun gibt, gerne an, und spazierte zwei Stunden zu den Huanchaca-Ruinen. Als ich sie erreichte, war ich völlig überwältigt. Fühlte mich wie Tomb Raider. Fragte mich, wie alt die den waren. Dachte noch «Sieht seltsam aus. Modern. Wahnsinn!» Ich stolperte durch das Museum, das mit unzähligen Tafeln die Geschichte von Bergbau und Salzabbau Chiles erzählte. Schön gemacht. Aber wer schon einmal eine schlechte Power-Point-Präsentation gesehen hat, weiss, weniger ist mehr. Entsprechend gibt es hier keine Details, weil ich alles wieder vergessen habe. Zudem, wunderte ich mich, warum dieses Museum hier stand und was denn dies genau mit den Ruinen zu tun hatte… Erst am Schluss, in einem super gemachten Kurzfilm, wurde mir klar, dass dies die Ruinen einer Salzverarbeitungsstätte waren. Von 1888. Zwar alt, aber mein Tomb-Raider-Herz fühlte sich betrogen, und ich mich ein bisschen dumm. (Aber zu meiner Verteidigung: Der Name klingt echt alt…)

Ruinas de Huanchaca

Salt-Flats-Tour

Erster Halt in Bolivien: Tupiza. Hier wollte ich eine viertägige Tour buchen, die mich durch die Wüstenlandschaft im westlichen Bolivien, über die Salt Flats von Uyuni, und dann auch direkt nach San Pedro de Atacama in Chile bringen würde. Natürlich hatte ich die Rechnung ohne die Nebensaison gemacht. Mit Peter und Sandrine, einer Belgierin, die wir im Hostel kennengelernt hatten, klapperte ich die Agenturen ab. (Wir waren auch noch auf der Suche nach Ausritten zu Pferd.) Alle erklärten mir dasselbe: Die Nachfrage nach Touren, die in San Pedro enden, ist zu gering, ABER wir können dir diese Tour (15 Minuten Erklärung) mit Ende in Uyuni empfehlen, von Uyuni gibt es dann einen Bus (oder ein doppelt so teures Shuttle), der dich über die Grenze bringt. Mit einem flauen Gefühl im Bauch, buchte ich die Tour über unser Hostel (nachdem ich mir den – immer gleichen – Tourbeschrieb von vier unterschiedlichen Agenturen geduldig angehört hatte). Normalerweise wäre dies alles kein Problem gewesen und unter normalen Umständen wäre ich danach wahrscheinlich in Bolivien geblieben und rumgereist, aber ich hatte vor ein paar Wochen zugesagt, mich in Santiago mit Diego (aus Brasilien) und José (aus Santiago) zu treffen, die ich in Buenos Aires kennengelernt hatte. Damals klang das noch völlig harmlos, stellte mich aber jetzt tatsächlich vor das Problem, dass ich zeitlich eingeschränkt war. Und das wiederum brachte mich etwas aus der Ruhe.

Um auf andere Gedanken zu kommen, gönnten wir uns am Nachmittag einen dreistündigen Ausritt zu Pferd. Es war herrlich! Ich fühlte mich wie in einem Western. Wir ritten vorbei an der Puerta del Diablo (ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Puertas und Gargantas del Diablo es in Südamerika gibt) bis hin zum Cañon del Inca, der gemäss unserem Tourguide eigentlich einfach ein Canyon war, bis ihm jemand einen netten Namen für die Touristen gab.

Puerta del Diablo
Ziegen im Inca-Canyon
Gaucho Peter

Am nächsten Morgen (es war Mittwoch, wenn ich mich richtig erinnere) ging die Salt-Flats-Tour für mich schon um 7 Uhr los. Oder um 7.30 Uhr. Eigentlich noch später. Mir wurde am Abend davor nämlich gesagt, die Tour starte um 7 Uhr und wir würden in den Bergen frühstücken. Am Morgen hiess es dann aber, dass wir im Hostel frühstücken (trockenes Brot und Milch mit Kaffeearoma) und dann um 7.30 Uhr losfahren würden. (Oder dann, wann auch immer das Auto kommen würde.) Meine ursprüngliche Besorgtheit, dass diese Tour vielleicht nur ältere Menschen machten, löste sich schnell in Luft auf, als ich meine vier Mittourer kennenlernte: Mit sechs Jahren Abstand war ich die Älteste der Truppe… Zeit, sich alt zu fühlen.

Die vier Tage vergingen wie im Flug! Die Nächte nicht unbedingt. Meine erste Nacht auf über 4000 Metern und bei etwa –12° C gestaltete sich als eher schwierig. Ich schlief keine zwei Stunden. Aber was will ich mich beklagen. Der Tag davor und die Tage danach waren herrlich: Wir fuhren durch traumhafte Landschaften, hatten einen begnadeten Fahrer, der sich Mühe gab, als Erster an den Aussichtspunkten anzukommen (oder sogar etwas abseits hielt, damit wir nicht dauernd andere Touristen im Blick hatten…), assen an spektakulären Orten zu Mittag, badeten in natürlichen Thermen, machten mysteriöse Fotos von und vor Geysiren, spielten Karten, tranken Wein (sehr grässlichen Wein, dennoch ein herzliches Dankeschön an die drei Jungs auf der Tour, dass ihr uns mit Schokolade und Alkohol versorgt habt) und trotzten Wind und Kälte, um auf dem Salar de Uyuni Sonnenunter- und Sonnenaufgang sowie den unbeschreiblich klaren Sternenhimmel zu sehen.

Laguna Colorado
Mittagessen in der Ciudad del Encanto
Copa del Mundo (von hinten 🤷🏻‍♀️)
Salar de Uyuni

Die Tour war wirklich ein Erfolg, und wenn ihr die Möglichkeit habt, eine solche Tour zu machen, tut es. Am besten von Tupiza aus, das gibt einen Tag mehr herrliche Landschaft… Der «Umweg» hatte sich für mich wirklich mehr als gelohnt!

In Uyuni angekommen, suchte sich jeder ein Ticket nach wohin auch immer er oder sie gehen wollte. Ich entschied mich, nach Calama in Chile zu fahren und dann dort einen Bus zu suchen, der mich direkt weiter nach Antofagasta bringen würde, wo ich drei Tage bleiben wollte. San Pedro de Atacama wäre ein zu grosser Umweg (von Calama aus nochmal drei Stunden und dann wieder zurück, zudem müsste man hier noch einmal ein paar Tage Touren einplanen) und ich hatte genug von der kalten Wüste gesehen. (Auch Antofagasta liegt in der Wüste, aber da gibt es auch Meer. Und Wärme. Juhuu!) See you there!

Auf nach Bolivien!

Als wir am Samstagmorgen nach Tupiza aufbrachen, bemerkten wir, dass das Geräusch im rechten Vorderrad lauter geworden war. Beunruhigend laut. Wir entschieden uns also, einen Mechaniker aufzusuchen. Die beiden Männer, die wir im Geschäft des Mechanikers antrafen, waren aber irgendwie beide nicht der Mechaniker selbst. Netterweise eskortierte uns einer davon aber zu einem anderen Mechaniker, weil der eigentliche Mechaniker unauffindbar war. Das heisst, wir fanden schliesslich drei (andere) Mechaniker vor, die zwischen drei Autos hin und her wechselten – jeder schaute und hämmerte ein bisschen. Mitten auf der staubigen Strasse. Sie schauten sich auch unser Rad an und machten eine Probefahrt. Nach etwa 20 Minuten warten und ganz knapp bevor sie das Rad abschrauben wollten, flüchteten wir fuhren wir aber weiter. Peter war es nicht geheuer, dass sein Auto hier in der Seitengasse ein Rad verlieren könnte, das vielleicht nie mehr montiert werden würde… Direkt nach der Grenze in Bolivien wollte er sowieso neue Pneus kaufen, und hoffte, dass ihm da auch mit einem neuen Radlager geholfen werden könnte. Die Fahrt war – zumindest für Peter – alles andere als entspannend. Die Angst, dass unterwegs etwas passieren könnte, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich hingegen genoss die Aussicht – ich konnte ja nichts an der Situation ändern…

Vertrauenswürdiges Ersatzteillager

Nach einer knappen Stunde Fahrt hielten wir in Abra Pampa, der einzigen etwas grösseren Stadt zwischen Humahuaca und der Grenze. Da uns langsam die Pesos ausgingen, kauften wir uns Brot und Aufschnitt in einem herzigen Lädeli. Eine der Verkäuferinnen strahlte übers ganze Gesicht, als sie uns sagte, dass sie ein bisschen Englisch spricht. Es schienen nicht viele Touristen in diesem Städtchen zu halten.

Picknick in Abra Pampa

Dann ging es weiter zur Grenze. Wir waren uns zuerst nicht sicher, ob wir direkt nach Bolivien sollten oder noch einen Tag warten. Unterwegs hatten wir nämlich festgestellt, dass die Mechaniker am Samstagnachmittag nicht arbeiteten und wir sowieso ziemlich sicher bis am Montag an der Grenze festsitzen würden… Online liest man zudem, die argentinische Seite sei die hübschere, um festzusitzen. Nach 30 Sekunden Beratung entschieden wir uns nach Bolivien zu fahren. Es war nicht ganz klar, ob alle nötigen Dokumente für das Auto vorhanden waren, um die Grenze zu überqueren… Also würden wir es besser mal versuchen, damit wir notfalls einen zweiten Anlauf am Sonntag wagen konnten.

Willkommen bei meiner ersten Grenzüberschreitung per Landweg in Südamerika. Wie man sich das vorstellt, war es alles andere als eindeutig, wo wir uns anstellen mussten. Schilder fehlten und (glücklicherweise, eigentlich) auch Autos, denen wir nachfahren konnten. Wir fuhren also einfach an ein paar geparkten Bussen vorbei und wurden von Zollbeamten zu einem Fenster auf der rechten Seite verwiesen: Migration. Da war natürlich niemand. Geduld ist eine Tugend.

Nach ein paar Minuten schlenderte ein Beamter zum Fenster, musterte uns und unsere Pässe ausgiebig, drückte uns einen Zettel mit Stempel in die Hand (kein Stempel im Pass, sniff), und schickte uns über die Strasse zum Zoll. Da wurden die Autodokumente studiert und mit einen Stempel verschönert. Dann wurden wir wieder auf die andere Seite geschickt, zu einem weiteren Schalter. Hier wurden nochmals die Autounterlagen gesichtet und tatsächlich schien etwas zu fehlen. Der Beamte versuchte uns zu erklären, was fehlte. Er wollte uns wegschicken, denn es sei nicht erlaubt, das Auto nach Bolivien zu überführen. Dank unserem schlechten Spanisch gab er seine Erklärungsversuche aber nach ein paar Minuten auf, wurschtelte irgendetwas am Computer, drückte uns einen gestempelten Zettel in die Hand, sagte: «It’s okay. Go.», und wedelte Richtung Bolivien. Puh! Besser gehen, bevor er es sich anders überlegt!

Wir checkten in Villazón ins günstigste Hotel ein und erkundeten die Stadt. Im Park sahen wir die Flaggen von Bolivien und Argentinien gehisst, darunter standen ein paar uniformierte Menschen. Die argentinische Hymne wurde gesungen. Sowohl von den uniformierten wie auch anderen Anwesenden. Alle standen still. Auch wir. Aber erst, nachdem wir von einem älteren Popcorn-Verkäufer darauf aufmerksam gemacht wurden, dass wir die Hymne respektieren und ebenfalls still stehen müssen. Natürlich, es war der 25. Mai, der Nationalfeiertag Argentiniens. Offenbar wird dieser auch an der Grenze in Bolivien gefeiert.

Villazón ist eine Stadt voller Märkte. Überall werden Waren angeboten und wahrscheinlich hauptsächlich an shoppingwütige Argentinier verkauft. Es ist mir ein Rätsel, wie die hundert Verkäufer von Thermoshirts und die zweihundert Verkäuferinnen von Toilettenartikeln überleben… Es fiel mir auch auf, dass zwar viele Touristen durch Villazón fuhren, aber nicht viele hielten. Auf den Märkten waren wir eine Seltenheit. So wurden wir von einem Unbekannten auf Englisch angesprochen. Einfach nur, weil es ihn interessiert, woher wir kamen – oder eher, weil er sein Englisch vorführen wollte. Ich wurde auch ganz selbstlos von einer kleinen Verkäuferin umarmt, deren Tochter danach um Geld bettelte; und ein junger Mann versuchte bei Peter seinen Freund gegen mich einzutauschen. (Hat nicht funktioniert, imfal.)

Muttertagskuchen

Am Montag starteten wir dann schon um 7 Uhr unsere Mechanikertour. Peter wollte unbedingt der Erste sein. (Wir hatten am Sonntagabend noch zwei Deutsche kennengelernt, die ihren Van flicken lassen mussten…) Eine gute Stunde sassen wir im Auto und warteten auf den Mechaniker… bis Peter entschied, etwas in der Weltgeschichte herumzufahren und wir per Zufall einen Mechaniker fanden, der eine echte Garage hatte (und nicht nur eine staubige Seitenstrasse). Drei Stunden verbrachte Peter mit dem Mechaniker, der die ganze Stadt abklapperte, um Ersatzteile zu finden. Ich vertrieb mir bisweilen die Zeit in meinem Lieblingscafé. Nachdem der Mechaniker alle Ersatzteile aufgetrieben hatte, ging es weitere vier Stunden (Siesta eingerechnet) bis wir das Auto zurückkriegten. Wir hielten es nicht für möglich, aber um 15 Uhr waren wir startklar und fuhren weiter nach Tupiza! Juhu!

(Der grösste Teil dieses Blogs schrieb ich am 26. Mai in Villazón, unterdessen ist aber das Tablet abgelegen und ich versuche auf dem Handy zu bloggen – the struggle is real!)

Das mehr oder weniger planlose Reisen gefällt mir wunderbar. Man geht einfach mit dem Flow. Anstatt alles schon gebucht zu haben, kann man mitten im Tag seine Meinung und die Route ändern.

Georgia, aus London, hatte uns beim Jenga von Iruya erzählt, diesem Bergdörfchen, das sie unbedingt besuchen wollte. Peter biss an und fand, da würde er auch gerne hinfahren. Ich könne auch mit, wenn ich denn wolle. So sicher war ich mir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber ich könne mich auch am nächsten Morgen entscheiden.

Nach dem Jenga in der einen Bar (ich verlor drei von sechs Runden, durfte den Titel als Jenga-Queen aber behalten), besuchten wir noch die Bar vom grossen Matthias. Diesmal etwas früher und somit zum richtigen Zeitpunkt: Wir erlebten Matthias in Aktion. Er war zuständig, den Besuchern die einheimische Kultur näher zu bringen. So zeigte er traditionelle Kleidung und spielte diverse Instrumente. Er erklärte uns, dass dies ein Familienbetrieb war und er sein Zimmer nur eine Tür weiter hatte.

Matthias

Nun gut, am nächsten Morgen war ich die Faulheit in Person. Ich war eigentlich schon fest entschlossen noch mindestens einen Tag in Tilcara zu bleiben und meine Jeans zu flicken, die ich ungünstiger Weise zerrissen hatte, stundenlang im hübschen Café mit dem guten Apfelkuchen zu sitzen… da überzeugte mich Georgia, dass ich doch mitkommen soll. Unbedingt. Es ist nicht schwierig, mich zu einem Abenteuer zu überreden, und so packte ich meine Jeans weg, zog meine Wanderhose an, verlor direkt die Hälfte eines Hosenbeins, weil der Reissverschluss kaputt ging, fluchte, zog Strumpfhosen mit Jeansshorts an und war ready to go. Zwei kaputte Hosen in einem Tag? Damit kann ich umgehen. Vor allem bei den eiskalten Temperaturen, die momentan aufgrund des starken Windes herrschten. Kein Problem.

Wir liessen also die Katzen zurück und brachen auf zu Roadtrip-Tag 3. Wir wurden direkt belohnt: Die Szenerie war der Hammer! Die Zeitangaben der Routenplaner war einmal mehr nicht zutreffend, diesmal hielten wir allerdings auch exzessiv häufig für Fotos. Der Weg war nach Iruya war definitiv ein sehr grosser Teil des Ziels!

Der Höhepunkt? Die farbigen Berge, die völlig unerwartet in der Ferne auftauchten und von denen nie jemand spricht (vielleicht die Rückseite von Hornocal?) – und alles, was danach passierte. Auch hier mussten wir wieder eine ziemliche Höhendifferenz auf einer Landstrasse zurücklegen und als wir fast auf dem Gipfel angekommen waren, hielten wir und wanderten über steinige Felder in Richtung der bunten Berge. Zwischen uns und den Bergen lag ein weites Tal. Plötzlich tauchten Hunde auf der Höhe auf. Und Schafe. Und dann sichteten wir sie: eine Hirtin in traditionellen Kleidern. Während die Hunde bellend auf uns zu rasten, wahrte sie Distanz. Wir warteten und näherten uns dann langsam. Georgia studiert Spanisch und spricht wahnsinnig gut, sie begann sich mit der Frau zu unterhalten, die uns erklärte, dass sie gerade ihre Steinschleuder bereitgemacht hatte. Sie mag es nicht, fotografiert zu werden – schon gar nicht ungefragt – und schreckt mit der Schleuder Touristen ab. Da wir aber alle unsere Handys eingesteckt gelassen hatten, sprach sie nun gerne mit uns. Sie erklärte, dass sie mit den Schafen jeden Tag von dem Dorf hinter dem kleinen Hügel über diese Berge wanderte. (Ich bin echt schlecht im Distanzen abschätzen, aber es sah sehr weit weg aus…) Sie lebte schon ihr Leben lang in dieser abgeschiedenen Region, früher hatten sie kein Licht, bis heute verwenden sie das Wasser aus den Bergflüssen und die Kinder reiten zur Schule. Einmal im Monat fahren sie nach Humahuaca mit dem Bus, um die nötigsten Besorgungen zu machen, ab und zu fahren jedoch auch Transporter in die Städtchen. Alles, was nicht Kartoffeln oder Fleisch ist, müssen sie kaufen – auf dieser Höhe und so abgeschieden wächst praktisch nichts. Die Hirtin begleitete uns zurück zum Auto. Peter und ich waren unglaublich froh, dass wir Georgia dabei hatten, ansonsten wäre uns dieser Austausch mit der fröhlichen Einheimischen entgangen.

Iruya ist ein wahnsinnig pittoreskes Dörfchen, eingequetscht in ein schmales Tal, umgeben von zauberhaften Bergen. Wir erreichten es etwa um 16.30 Uhr und mussten mit Schrecken feststellen, dass fast alles geschlossen hatte. Und zwar nicht nur bis 17 Uhr wie in Salta, sondern bis 19 oder sogar 20 Uhr. Gut hatten wir seit dem Frühstück um 9 Uhr nichts mehr gegessen…

Wir spazierten also ein bisschen herum, fanden einen Kiosk mit Bananen und Bier sowie einen Spiel- und Trainingsplatz, der meines Erachtens auf die falsche Seite ausgerichtet worden war: statt mit Sicht auf die Berge, mit Sicht auf die Häuserfassaden. Wer tut so etwas? Wahrscheinlich sahen die Geräte deshalb so heruntergekommen aus, weil niemand ausser ich sie benutzt.

Gutes tun für den Körper

Wir blieben eine Nacht in Iruya, die Landschaft war so eindrücklich, dass wir alle völlig erschöpft waren und uns eine teure Nacht gönnten.

Am nächsten Morgen – wir wollten eigentlich den trockenen Fluss hinunter fahren – liefen wir auf dem Hauptplatz in eine Versammlung. Das heisst: Flaggen wurden gehisst, Schüler lasen Geschichten vor und dann wurde auch tänzerisch etwas dargeboten, von allen Altersklassen.

Nach zwei Stunden Tanz und Gesang, entschieden wir uns gegen die Flussfahrt. Die Rückfahrt von Iruya nach Humahuaca war dann deutlich schneller als die Hinfahrt, wir (und unsere durchgeschüttelten Eingeweide) feierten die Einfahrt auf die Teerstrasse.

Georgias Plan war am Freitag Hornocal zu besuchen und ich hatte mich irgendwo auf der Dirtroad entschieden, am Samstag mit Peter nach Bolivien zu fahren und dann von Tupiza aus eine viertägige Tour mit Ende in San Pedro de Atacama zu machen. Wir waren bereits so nahe an der bolivianischen Grenze, dass es sich irgendwie falsch anfühlte, nach San Pedro (in Chile) zu fahren und von dort aus eine Rundtour zu machen (die durch Bolivien führen würde). Peter war zudem froh, jemanden mitzunehmen, der wenigstens (möglicherweise) verstand, was sie an der Grenze wollten, und ich war und bin auch froh, wenn ich keine Grenzen in einem Nachtbus überqueren muss.

Und. Hallo? Noch kurz einen ungeplanten Abstecher nach Bolivien? Warum nicht…

Auf jeden Fall trafen wir in Humahuaca ein und stolperten in einige Hostels, um nach Vakanzen und Preisen zu fragen. Die Vakanzen waren kein Problem, die meisten gaben zu, dass sie momentan nur ein oder zwei Gäste hatten. Wir schlugen allerdings erst bei einem Hostel zu, dass uns für 250 Pesos pro Nacht inklusive Frühstück unterbringen wollte. Wir kriegten sogar ein Privatzimmer, denn ausser zwei Argentinierinnen war niemand hier…

Am Freitag wollte ich einen Pausentag einlegen, um Wäsche zu waschen und – tatsächlich – zu bloggen. Ich blogge nämlich nicht nur für euch, sondern auch für mich, damit ich das Geschehene Revue passieren lassen kann. Ich glaube, mein Gehirn würde explodieren, wenn ich wie unsere französischen Freunde von Ort zu Ort rennen würde, ohne ab und zu einfach zu ruhen und darüber nachzudenken, was ich alles erlebt hatte.

Und somit sind wir alle wieder up-to-date: Es ist Freitagabend, morgen geht es nach Bolivien, wo ich wahrscheinlich ein paar Tage ohne Internet auskommen muss… Wir hören uns in Chile!

(PS: Peter bat mich, uns auch von seiner tollen Fahrweise und seiner unglaublichen Stärke zu berichten. 500 Push-ups, 250 davon einarmig. Er hat das Auto auch über den Fluss getragen. Entspricht alles der Wahrheit. Ich schwöre!)

Roadtripping

Tag 1, Roadtrip nach Purmamarca

Am Sonntag ging es schon früh los. Das heisst, so ungefähr um 10.30 Uhr. Schliesslich mussten wir zuerst alle noch erwachen und frühstücken und die Roadtrip-Teilnehmer wurden neu gemischt. Das heisst: Peter fuhr definitiv mit seinem Auto mit, Willem wollte auch mitkommen, und da das Mietauto der Franzosen relativ klein war, gönnte ich mir den Luxus, bei Peter mitzufahren (was zu guter Letzt auch einiges günstiger ausfiel, da er nur eine Beteiligung an den Benzinkosten wünschte und ich mir somit die Miete sparte). Den Franzosen war das auch recht. Als wir endlich alle ready to go bei den Autos standen – es sind nicht die Frauen, die lange brauchen, um fertig zu werden –, fiel ihnen allerdings ein, dass sie ja Franzosen waren und deshalb noch Croissants brauchten, ansonsten würden sie die knapp dreistündige Fahrt nach Purmamarca nicht überstehen. Oh. Und Geld. Lasst uns doch mal einen ATM suchen… Nach ein paar Wochen in Argentinien bin ich schon sehr viel geduldiger geworden, meine Toleranz beschränkt sich allerdings auf Südamerikaner, auf Europäer warte ich immer noch nicht gerne.

Die Fahrt nach Purmamarca führte uns vorbei an Quebradas, Überresten von Flüssen und wunderschönen Hügeln. Die Franzosen, die vor uns fuhren, fuhren dann einmal direkt an Purmamarca vorbei. Nach einem U-Turn auf der leeren Strasse, fanden wir aber den Weg ins Städtchen. Das ist richtig niedlich: viele Marktstände, Restaurants und sogar WCs für Touristen – aber sonst ziemlich ruhig. Wir konnten uns nur vorstellen, wie es hier in der Hochsaison von Touristen wimmeln musste. Wir unternehman nur eine kleine, knapp einstündige Wanderung (obwohl man das noch nicht einmal Wanderung nennen kann) rund um Purmamarca und zum Cerro de los Siete Colores (Berg der sieben Farben).

Purmamarca

Purmamarca befindet sich auf ungefähr 2300 m. ü. M. Unterdessen hatte ich mich an diese Höhe gewöhnt, aber sobald es extrem steil wurde auf dem kleinen Rundgang, merkte man uns allen an, dass wir doch noch mit der Höhe kämpften. Es war zudem ziemlich heiss und gleichzeitig windig, was nicht gerade half.

On the road

Nach dem Rundgang mit herrlicher Aussicht fuhren die Franzosen und Willem weiter nach Tilcara, wo wir unser Lager für die Nacht aufschlagen wollten. Der ursprüngliche Plan war, dass wir weiter zu den Salinas Grandes fahren wollten – die Franzosen erklärten uns allerdings erst nach dem gemütlichen Aufenthalt in Purmamarca, dass sie diese schon bei ihrer Fahrt nach Argentinien gesehen hatten und, da sie sowieso die Salt Flats in Bolivien besuchen wollten, nicht wirklich Interesse hatten da hin zu fahren. Peter und ich entschieden uns, dass wir die Fahrt trotzdem machen wollten, es schien nicht zu weit weg zu sein und wir hatten noch Kapazität für mehr Naturspektakel.

Was wir allerdings nicht berücksichtigt hatten, war, dass die Strecke zu den Salinas nicht einfach geradeaus ging: Zuerst mussten wir auf einer steinigen Landstrasse auf 4170 Meter steigen. Oben angekommen, sahen wir die Salinas in der Ferne. Und entschieden uns nach einigem Hin und Her, umzukehren, denn zum Einen war diese Höhe langsam echt anstrengend, vor allem auch für Peter, der fuhr, zum Anderen hatte die steile Strasse den Tank ziemlich geleert und wir waren uns nicht sicher, ob wir die Steigung von den Salinas hoch wieder schaffen würden.

Da, in der Ferne, sind die Salinas Grandes

Unterdessen hätten wir von den Franzosen eine Nachricht erhalten sollen, in welchem Hostel sie eingecheckt hatten. Ich musste sie allerdings alle einzeln anschreiben, bis ich eine Antwort erhielt. Als wir im Hostel ankamen, schaute mich Seb, der mir versprochen hatte, mich zu informieren, völlig entgeistert an: Er habe keine argentinische SIM-Karte und wollte sich nicht mit dem WiFi verbinden… (Stellt euch hier einen völlig entgeisterten Gesichtsausdruck meinerseits vor.)

Am Abend gingen wir essen (wie die Argentinier erst nach 10 Uhr) und setzten uns danach (ohne Peter) in eine Bar mit Live-Musik. Bis 4 Uhr morgens. Für mich war das People-Watching auf höchstem Niveau, schliesslich war ich mit vier Jungs (alle um die 25) aus, die mit ihrem fast nicht existenten Spanisch versuchten Südamerikanerinnen aufzureissen. Nachdem die Live-Band zusammengepackt hatte, sassen statt uns fünf, plötzlich 15 Leute an unserem Tisch – inklusive Matthias, einem älteren Einheimischen, von dem wir vermuteten, dass er der Besitzer des Lokals war.

Der erfolgloseste Aufreisser war der eine Franzose, der relativ gut Spanisch konnte, sich – scheinbar erfolgreich – mit zwei Mädels unterhielt und uns am Ende des Abends mitteilte, dass beide vergeben waren. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Der erfolgreichste war Seb – zwar nicht bei den Frauen – aber er schaffte es, uns mit einer schrecklichen Gesangseinlage und einem versuchten Strip gratis Bier von Matthias einzusacken. Matthias versuchte uns zwar zu erklären, dass ihm das Lokal nicht gehörte, und er uns eigentlich nichts ausgeben konnte – aber der Gesang war so schrecklich, dass er auch keine andere Möglichkeit mehr sah, als uns ein Bier auszugeben (abgesehen davon gab es sonst niemanden mehr in der Bar, bei dem wir für das Bier hätten bezahlen können). Erst zwei Abende später fanden wir übrigens heraus, was genau Matthias’ Aufgabe in der Bar war. Dazu aber in einem anderen Blog.

Tag 2, Roadtrip nach Humahuaca/Hornocal

Nach der langen Nacht brachen wir so gegen 11 Uhr auf zu unserem Roadtrip-Tag 2. Gemäss Routenplaner sollten wir in 1,5 Stunden bei dem Cerro de los 14 Colores (Hornocal) ankommen. Auch hier war aber die Dirtroad nicht eingerechnet. Während die Franzosen in einem ziemlichen Tempo vorausfuhren, genossen wir die Aussicht und schonten das Auto, schliesslich gehörte das Auto Peter und war kein Mietauto – und er war seit einigen Tagen auf der Suche nach einem Ersatzrad, also wäre eine Panne ziemlich ungünstig…

(Habe ich schon erwähnt, dass die Franzosen sich auch in Humahuca verfuhren und statt die Brücke nach Hornocal zu nehmen, daran vorbei fuhren und uns fast in ein trockenes Flussbett fuhren? Nein? Tja dann.)

Auf 3500 m. ü. M. angekommen, raubte uns die Aussicht einmal mehr den Atem (schon wieder wortwörtlich)! Es war noch viel besser als Purmamarca. Wir spazierten etwa 20 Minuten auf die Hügelkette zu, bis wir zu einem Aussichtspunkt kamen. Es war unglaublich. Kein Foto kann dieser Sicht gerecht werden. Wir sassen eine zeitlang einfach da, eingemummelt, weil es doch sehr windig und kalt war, und starrten die Berge an.

Keine Chance, die Schönheit dieser Bergkette in einem Bild festzuhalten
2 Franzosen, 1 Burrito, 1 Australier und 1 Belgier

Zurück in unserem superfancy Hostel (Hostel Los Molles in Tilcara), schmiedeten wir Pläne für die weiteren Tage. Seb fuhr das Mietauto zurück nach Salta, seine Reisezeit war nach zwölf Monaten bald zu Ende. Die beiden anderen Franzosen, die seit sechs Wochen zusammen unterwegs waren, wollten dringend nach Bolivien – ohne einen Tag zu verlieren. Ursprünglich hätten sie mit Peter fahren sollen, doch der wollte nicht so Hals über Kopf aufbrechen. Zudem hatten wir eine Londonerin kennengelernt, die uns von Iruya erzählte, einem extrem abgeschiedenen Bergdörfchen, das im Sommer offenbar ein pulsierender Touristenort sein muss. Mein Plan war ursprünglich noch etwas in Tilcara zu bleiben, da es hier ein paar nette Cafés und Bars gab – Bars mit Jenga sind meine Favoriten, alle in Südamerika spielen Jenga. Einfach ein netter Ort zum Erkunden und Ausruhen. Danach wollte ich nach San Pedro de Atacama in Chile, um die Wüste zu erkunden.

Doch es sollte alles anders kommen…

Katzenbild für die Klicks 🤔😉 (mein Wärmekissen in Tilcara)

Von Geburtstagen und Freudensprüngen

Am Freitag war mein Geburtstag. Da ich nun sozusagen bis am Sonntag warten musste, bis die Franzosen von ihrem Roadtrip in den Süden zurück waren, wollte ich natürlich noch etwas erleben und nicht nur rumsitzen. Und so schenkte ich mir einen niedlichen 40-Meter-Bungee-Sprung von einer Brücke, die über den Dique Cabra Corral führt, einen riesigen künstlichen See.

Cabra Corral

Gemäss den Organisatoren gab es von Salta aus pro Tag drei direkte Busse zur Brücke (Fahrdauer wahrscheinlich so zwei Stunden) – ich entschied mich für den um 9 Uhr. Nach ein paar Schwierigkeiten die Bushaltestelle zu finden, stellte ich mich pünktlich in die Schlange. Gemäss meiner bisherigen Erfahrungen wartet man in Argentinien zwar stundenlange aufs Essen, die Busse sind aber immer pünktlich. Nun, ich wartete bis 9.30 Uhr und entschied mich dann, dass ein guter Kaffee und etwas Wärme (es windete sehr unangenehm bei etwa 12° C) jetzt eigentlich ganz nett wären und später ja auch noch ein Bus fahren würde. So setzte ich mich für zwei Stunden in ein Café und ging dann – statt zurück zur Bushaltestelle – direkt ins Hostel. Samstag war ja auch noch ein Tag zum Bungee Jumpen.

Am Abend traf ich im Hostel auf Peter, ein Australier, der Südamerika mit dem Auto durchquerte und sich am Sonntag wahrscheinlich unserem Roadtrip anschliessen würde, und verabredete mich zum Essen – dabei gabelten wir noch Willem aus Belgien auf, der zwar sehr unentschlossen war, sich uns dann aber doch anschloss. Beim Pre-Dinner-Bier (um 20 Uhr ist noch keine Küche geöffnet…) diskutierten wir über unser Alter und die verschiedenen Reisetypen. Wobei natürlich auf meinen Geburtstag angestossen wurde und das Staunen gross war, denn Peters Geburtstag war am Samstag… Beim Abendessen im Restaurant La Cuisine, liessen wir dann unseren Kellner (der sogar Deutsch sprach) ganz nebenbei (oder eher sehr direkt) wissen, dass wir zwei Geburtstage feierten. Der Kuchen ging aufs Haus. YAY!

Beim Abendessen überzeugte ich die beiden, am Samstag mit mir Bungee Jumpen zu gehen. Peter wollte zwar nicht springen (das hatte er schon einmal gemacht), wollte uns aber hinfahren – schliesslich hatte er sonst nichts zu tun… Ich fragte mich einmal mehr, wie man so viel Glück haben kann? Nachdem ich mich am Freitag genervt hatte, dass ich eigentlich nichts auf die Reihe gekriegt hatte, hat es sich wie von selbst viel besser ergeben. Nicht auf einen Bus, der nie kommt, angewiesen zu sein, und auch nicht alleine zu springen. Herrlich!

Auf der Fahrt nach Cabra Corral fragte mich Peter dauernd, ob ich denn schon nervös sei. Doch die Nervosität stellte sich tatsächlich erst sehr spät ein. Nämlich dann, als ich auf der Schwelle stand und das superschwere Bungee-Seil an meinen Knöcheln zog. Auch wenn es absolut nicht hoch war (wir zweifeln an den angegebenen 40 Metern), wehrte sich mein Körper dagegen, sich einfach so in den Abgrund zu stürzen. Um nicht irgendwie verkrümelt zu fliegen, versuchte ich mich zu strecken, doch alles in meinem Körper wollte diesen zu einem kleinen Häufchen Elend zusammenkrümmen. Nachdem ich den Instruktor mit meinem Paniktalk genug genervt hatte, liess ich mich endlich fallen, wusch die Haare im See und dann wars auch schon vorbei. War ganz geil. Und ich war froh, hatte ich einen kleinen Sprung gemacht. So bin ich bei den 220 Metern vom Valle Verzasca k,,,,,,,,,,,,,,mj (tschuldigung, das war die Katze) darauf vorbereitet, dass mein Körper sich vielleicht dagegen wehrt, sich in den Abgrund zu stürzen.

Besser wäre es, nicht runter zu schauen 🤷🏻‍♀️
Sehr schlechte Qualität, aber ich glaube, der panische Ausdruck ist sichtbar.

Da meine kreative Energie momentan von erfrorenen Fingern blockiert ist (ich sitze in Tilcara im Hostel und, obwohl es gute 24° C sein sollte, windet es so stark, dass eine Jacke nicht reicht), lasse ich diesen kurzen Blog hier so stehen, freue mich darüber, ein graues, haariges Wärmekissen zu haben und erzähle euch später von dem Roadtrip.

Kurz vor der Tat

Salta La Linda

Ich wollte meinen Aufenthalt in Salta gemütlich beginnen, soll heissen, am Flughafen etwas essen und dann ganz gemütlich herausfinden, wie ich zum Hostel komme. Aus dem Flieger ausgestiegen, das Gepäck geschnappt, stand ich allerdings praktisch schon VOR dem Flughafen. Ziemlich schnell stellte ich fest, dass es hier keine Busse gab, dafür Shuttles zu den Hostels für 120 Pesos (etwa 2.50 CHF). Dann machen wir das natürlich so. (Es gab natürlich auch Taxis, die Hälfte davon aber mit rostigen Türen oder eingedrückten Nasen…)

Im Hostel angekommen, war der erste Eindruck einmal mehr nicht überzeugend. Aber daran gewöhnte ich mich auch schon. Ich brauchte einfach ein paar Minuten (Stunden, Tage) bis ich mich an einem neuen Ort wohl fühlte. Das 4er-Zimmer war ziemlich klein und bei voller Belegung trat man sich sicher gerne auf die Füsse. Dafür war es mit 200 Pesos pro Nacht das bisher günstigste. Als es sich Host Pablo dann zur Aufgabe machte, mir Spanisch beizubringen, und ich eine herrliche Dusche vorfand, war ich doch froh dieses Hostel, das etwa 20 Gehminuten vom Zentrum entfernt liegt, gewählt zu haben.

Salta zog mich direkt in seinen Bann. Sie nennen es nicht für nichts «Salta La Linda» (die Schöne). Es ist ruhig, besteht praktisch nur aus ein- und zweistöckigen Häusern, die Sonne scheint, die Wolken sind wunderschön und zu meiner Überraschung gibt es im Zentrum einige fancy Cafés und Restaurants – während die Fassaden seit Jahren (vielleicht sogar Jahrzehnten?) nicht mehr renoviert worden sind, sind die Interieurs teilweise supermodern.

An meinem zweiten Tag in Salta besuchte ich das wirklich faszinierende MAAM, Museo de Arqueología de Alta Montaña, welches die Geschichte der Inkas in der Region erzählt und die Mumien der Kinder von Llullaillaco ausstellt. Diese wurden in einem religiösen Ritual ungefähr um 1500 geopfert. Offenbar wurden sie unter Drogen gesetzt und zum Sterben (Erfrieren) auf dem 6739 Meter hohen Lullaillaco zurückgelassen, wo sie 1999 von Johan Reinhard gefunden wurden. Gruselig? Sehr!

Am Nachmittag gegen 15 Uhr wollte ich eigentlich den San Bernardo besteigen, der Hausberg, von dem aus man eine Panoramasicht auf Salta und Umgebung hat. Da ich allerdings – typisch argentinisch – erst um Mittag das Hostel verliess, stand ich erst gegen 16 Uhr am Fuss des Berges (in der Hitze) und entschied mich, die Gondelbahn nach oben zu nehmen. Für 200 Pesos (ein Weg) eine eher teure Fahrt, die Aussicht war aber tatsächlich wunderschön. Allerdings sind die Aktivitäten auf dem Gipfel ziemlich beschränkt, und da ich kein Bargeld mehr hatte und mich nicht in ein Café mit Aussicht setzen konnte, machte ich mich ziemlich bald an den Abstieg, der aus unzähligen Treppenstufen bestand. Immerhin war der Weg im Schatten und somit ziemlich gemütlich. (Nach unten zumindest, das Keuchen derjenigen, die den Weg nach oben machten, erzählte eine andere Geschichte.)

Im Hostel traf ich bisher nur ältere Argentinier(innen) an, was mir gerade recht war. Ich brauchte etwas «Me Time», um mich von den Strapazen des Weintrinkens in Mendoza zu erholen. Zudem hatte ich für Donnerstag eine Gruppentour nach Cafayate gebucht. Meine erste Gruppentour (vielleicht auch die letzte?). Um die Natur rund um Salta zu geniessen, ist es am besten, ein Auto zu mieten und einen Roadtrip zu machen – da das alleine etwas schwierig ist, entschied ich mich für die Gruppentour. Was allerdings bedeutete, dass ich am Donnerstag zwischen 7 und 8 Uhr abgeholt werden würde, was bei meinem aktuellen Lebensstil nicht nur früh, sondern mitten in der Nacht bedeutete.

Am Donnerstag war ich also typisch schweizerisch um Punkt 7 Uhr abholbereit. Und wartete bis 7.55 Uhr. Offenbar sind alle vor mir abgeholt worden. Ich hatte den grossen Wunsch, im Bus zu schlafen, allerdings war die Idee dieses Ausflugs ja, die Natur zu sehen. Also musste ich wohl oder übel die Augen offen halten. Aus der Stadt raus, war dies aber auch nicht schwierig. Schon rund um Salta herum erstrecken sich wunderschöne Landschaften, die weiten Felder und grünen Berge im Hintergrund in der Nähe Saltas, wandeln sich zu roten, grünen, weissen kargen Trocken- und Wüstenlandschaften und -bergen. EIN TRAUM!

Der erste Stop war ein WC-Stop. Oder für mich ein Kaffee-hol-Stop. Denn wie man sich das so vorstellt, fahren pro Tag mehrere Touribusse dieselbe Route. Wir hatten 15 Minuten Zeit. Die Schlange zur Toilette war endlos. Die Schlange zum Kaffee etwas kürzer. Also entschied ich mich für Kaffee.

Während wir so durch die Quebrada de las Conchas («quebrada» ist ein Tal mit einem Fluss, der in der Trockenzeit kein Wasser führt) fuhren, dachte ich mir noch, dass es mit dem eigenen Auto sicherlich etwas cooler wäre, weil man dann HIER – mitten im Nirgendwo – anhalten könnte, um ein Foto zu schiessen, während der Bus einfach nur die bekannten Sehenswürdigkeiten anfährt. Keine zwei Minuten später erklärte uns Maria, unser Guide, dass wir super im Zeitplan lagen und deshalb in der nächsten Kurve einen Extrastop für Fotos einlegen würden. Kann sie Gedanken lesen?

Im Bus hatte es mehrere ältere Pärchen und Familien mit Kindern (insgesamt waren wir etwa 18 Leute) und bei diesem Stop wurde ich von einigen gefragt, wie es denn so sei, alleine zu reisen. Ich packte mein bestes Spanisch aus und war begeistert von der Liebenswürdigkeit und dem Interesse der Argentinier. Ebenso gab es ein deutsches Pärchen im Bus, mit denen ich dann erst ein paar Stops weiter ins Gespräch kam und mit denen ich ein paar Reisetips austauschte, denn sie reisten ungefähr die umgekehrte Route wie ich.

Zurück zur Landschaft (die Fotos werden dem Anblick nicht gerecht, es ist gigantisch):

Garganta del Diablo (die Touristen verstecken sich zum Glück)
Anfiteatro
Aussichtspunkt Tres Croces

Auf dem Heimweg legten wir nur noch einen Lama-Stop ein:

Das Lama ist rechts

Und dann einen WC-Stop. Bei dem ich bemerkte, dass ich im Bus gut eine Stunde geschlafen hatte. Ich war ziemlich überrascht, als ich die Augen öffnete und statt der roten kargen Berge plötzlich wieder grün sah.

Etwa um 19 Uhr wurde ich im Hostel abgeladen, wo ich direkt in drei Franzosen stolperte. (Wörtlich, denn als ich die Eingangstür öffnete, standen sie direkt dahinter.) Keine Stunde später hatte ich einen Roadtrip-Deal: Sie wollten für vier Tage ein Auto mieten, zwei Tage in den Süden (die Tour, die ich gerade gemacht hatte und ein bisschen mehr) und dann zwei Tage in den Norden (die Tour, die ich ab Sonntag für eine unbestimmte Anzahl Tage machen wollte, aber mir noch nicht ganz klar war, wie das ohne Auto funktionieren sollte). Und ich war fasziniert (das heisst, ich bin es immer noch), denn ich hatte mich gefragt, wie es denn andere Reisende schafften, einen Roadtrip zu organisieren und fand es bereits etwas schade, dass ich nicht auf den Geschmack eines solchen kommen würde. Und dann, so einfach: «Hallo. Wer bist du, woher kommst du, wie lange reist du, wir mieten ein Auto, hast du Lust mitzukommen?» Ich habe zwar gelernt, dass man nicht zu Unbekannten ins Auto steigen sollte. Aber ich denke, hier machen wir eine Ausnahme. (Für alle, die Angst haben, dass ich jemanden zu Tode fahre: Ich habe meinen Führerschein nicht mitgenommen und werde deshalb kein Strassenrisiko darstellen.)

Mendoza (und der Wein)

Habe ich schon von dem gratis Wein berichtet? Anstatt der geplanten drei Nächte, blieb ich sieben. Aber nicht nur wegen des Weins – denke ich. Ich hatte schon von Anfang an vermutet, dass ich länger in Mendoza bleiben würde, halte mir beim Buchen aber gerne die Möglichkeit offen, das Hostel zu wechseln und buche deshalb lieber etwas weniger Nächte im Voraus. Da hier Herbst ist, und somit Nebensaison, ist das auch absolut kein Problem.

Am Donnerstag regnete und gewitterte es. Da ich schlauer Fuchs meine Schuhe draussen auslüften liess, hatte ich am Nachmittag zwei durchtränkte Schuhpaare und schloss mich somit für den Rest des Tages mit den Flipflops im Hostel ein. Wirklich schlimm war dies an diesem trüben Tag aber nicht – und die Schuhe trockneten auch brav bis zum nächsten Morgen. Am Abend sassen Moritz, der Berner, und ich mit einem jungen argentinischen Pärchen bei Cerveza (es kann nicht immer Wein sein) und Mitternachtspasta zusammen. Gabriel sprach ein bisschen Englisch, Julieta gar nicht, Moritz spricht besser Spanisch als ich – meine Fähigkeiten kennt ihr ja bereits… Mit Bier geht aber bekanntlich alles leichter: Wir sassen gut fünf Stunden zusammen und unterhielten uns so gut wie eben möglich. Unser Vorteil: Julieta studiert Audiophonologie und arbeitet mit Kindern zusammen, um ihnen beim Sprechen lernen zu helfen. So eine saubere Betonung werden wir wahrscheinlich nie mehr zu hören kriegen.

Ich schaffte es dann noch zwei weitere Tage praktisch nichts zu machen. Am Freitag besuchte ich mit Fem und Ben, einem Pärchen aus Holland/Südafrika, die ich zusammen mit Moritz beim Frühstücken im Hostel kennengelernt hatte (und die hier einen super Blog unterhalten: www.2sillyllamas.com), das Museo del Área Fundacional, das die Artefakte und archäologische Überreste von vor dem Erdbeben, das Mendoza 1861 völlig zerstörte, zeigt. Und am Samstag – nach einem weiteren Abend mit (zu) viel Wein – spazierte ich durch die Stadt und legte mich im Parque General San Martin in die Sonne.

Trotz leichtem Kater am Sonntag, floh ich mit Moritz in die Berge. Unter Tränen und Schweiss (eigentlich nur Schweiss, dafür viel davon) kämpften wir uns in der Mittagssonne auf den Cerro Arco. Der Hausberg Mendozas ist mit dem Bus in 40 Minuten (oder schneller) zu erreichen. Der Gipfel liegt 1670 Meter über Meer, der Aufstieg beträgt 580 Meter in 4,5 Kilometern (sagt das Internet) und führt über einen steinigen Feldweg, auf dem ab und zu auch Offroader vorbei stauben. Technisch schwierig ist der Weg entsprechend nicht, ich würde allerdings empfehlen, nicht in der brütenden Mittagssonne wandern zu gehen, denn Bäume gibt es auf der Strecke keine.

Oben angekommen, fanden wir einen hübschen Gratweg, den man ein gutes Stück bewandern konnte, um dann einen anderen Weg zurück ins Tal zu nehmen. Während der Aufstieg eher enttäuschend war und mehr Kampf als Wanderung, fühlten wir uns auf dem Gratweg zuhause. Die Aussicht war atemberaubend. Der Abstieg dann aber ziemlich steil und rutschig. Die Knie zitterten als wir die Kletterei endlich überstanden hatten. Trotzdem war zumindest ich froh, dass wir nicht denselben Weg nach unten gewandert sind.

Zurück im Hostel gab es… ihr wisst schon… und ein «Asado», ein typisches argentinisches Barbecue. Nach gut zehn Jahren ohne Fleisch und davon einigen ganz ohne tierische Produkte, griff ich trotzdem zu – zum Reisen gehört schliesslich auch Traditionen und Kulinarik kennenzulernen. Argentinisches Steak heisst «well done». Tagelang kann man so auf diesem Stück Fleisch rumkauen und spart entsprechend einiges an Essenskosten. Danke liebes Rind, dass wir dich essen durften. Was den Abend allerdings so wirklich perfekt machte, waren der Gastgeber Gaston und seine Frau Nati, die mir «Tage wie diese» vorsangen – wer hätte gedacht, dass es in Südamerika Fans der Toten Hosen gibt. (Nun gut, Die Toten Hosen wussten es. Sie spielten nämlich 2018 ein Konzert in Mendoza, an dem Nati mit Campino singen durfte. HERRLICH! Mein Fangirl-Herz kreischt!)

Unterdessen bin ich übrigens schon nach Salta weitergereist – es ist das WiFi, nicht der Wein, der mich zu einer solch langsamen Bloggerin macht – und zwar wieder mit dem Flugzeug. Das kostete fast genauso viel wie die 17-stündige Busfahrt – entsprechend fiel meine Entscheidung einmal mehr gegen das Klima und für den Komfort aus.

Salta

Free Wine in Mendoza

Mendoza

Am Mittwoch um 7 Uhr in der Früh gelangte ich nach einer gemütlichen zehnstündigen Busfahrt nach Mendoza. Wie üblich (schliesslich schon das zweite Mal) nach langen Busfahrten, bestand meine erste Amtshandlung darin, die Toilette aufzusuchen. Als ich meine Hände trocknen wollte, wurde ich von einem kleinen Mädchen angegrinst. Es dauerte einige Sekunden, bis ich aus dem Tiefschlaf erwachte und merkte, dass, während sie die Hände wirklich unter einen Trockner hielt, ich meine nur unter einen leeren Papierspender hielt… Nach dieser Blamage spazierte ich im Sonnenaufgang 40 Minuten lang durch Mendoza zum Hostel. Bereits nach zehn Minuten fragte ich mich, wie es Menschen möglich ist, mit einem Reiserucksack (der keine zwölf Kilo schwer ist) längere Strecken zu gehen. Der Gurt drückte unglaublich in meine Eingeweide. Bis ich merkte, dass dies nicht der Gurt sondern mein Pass im Bauchgürtel war, den ich intelligenterweise unter dem Rucksackgurt platziert hatte, vergingen schmerzhafte Minuten. Offenbar war ich doch noch nicht ganz so wach.

Im Hostel angekommen durfte ich mein Zimmer überraschenderweise direkt beziehen – in aller Stille, denn in drei Betten schlummerten noch Mädels. Dann erkundete ich mich am Empfang, was ich denn so machen könnte. Gaston, der Besitzer, gab fröhlich Auskunft über alles – sogar Reitausflüge und Weintouren konnte man direkt im Hostel buchen. Das merkte ich mir für später.

Für den Anfang schlenderte ich, wie immer, etwas planlos durch die Stadt. Das Zentrum ist nicht sonderlich gross, umfasst aber ein paar schöne Parks. Die Städte hier sind alle wunderbar symmetrisch aufgebaut, alles ist in hübsche «cuadros» aufgeteilt. Man könnte meinen, dass das Orientieren hier ein Kinderspiel ist. Während ich mich aber in Europa sehr selten verlaufe, kriegte ich es bisher schon öfter hin in die falsche Richtung zu gehen, weil durch die symmetrische Anordnung einfach alles gleich aussieht. Irgendwie.

Mendoza gefiel mir auf Anhieb. Die Häuser sind niedriger, die Luft besser, die Parks grüner. Ich freute mich schon darauf, die umliegenden Landschaften zu besichtigen.

Nach einer Siesta (obwohl die Busfahrt sehr viel besser war als die letzte, hatte ich nicht mehr als etwa drei Stunden geschlafen) machte ich mich auf zum riesigen Parque General San Martin mit künstlichem See und dem Cerro de la Gloria – von diesem Hügel aus habe man einen wunderbaren Panoramablick auf Stadt und Berge rundherum, hatte mir Gaston erzählt.

Nach einer knappen Stunde Fussmarsch erreichte ich den Park. Obwohl er relativ leer war, war er weitaus weniger verwahrlost als der in Córdoba. Auf dem See(chen) tummelten sich sogar ein paar Ruderer. Natürlich war das Wetter auch besser – aber das Wetter ist keine Entschuldigung für die versunkenen Pedalos… Ich setzte mich etwas an die Sonne und genoss die Aussicht. Danach machte ich mich auf zum Cerro de la Gloria. Dummerweise landete ich auf der falschen Seite des Hügels: Der Fussgängeraufstieg befand sich noch einmal 30 Minuten auf der anderen Seite des Hügels… Nun gut, es war ja erst 16 Uhr, da hatte ich noch massig Zeit. Der Umweg hatte allerdings auch seine Vorteile: Unterwegs galoppierte ein Gaucho an mir vorbei, mit einem Fohlen und einem Hund im Schlepptau. Ich sah ihnen nach und genoss das Westernfeeling.

Der Aufstieg zum Cerro de la Gloria war steil, dauerte aber nur etwa 15 Minuten. Und schon während dem Aufstieg hatte man einen wunderbaren Blick auf die umliegenden Berge und Dörfer. Herrlich. Ich bin wirklich ein Natur- und kein Stadtmensch. Hier gefällt es mir. Hier bleibe ich ein bisschen.

Dance the night away

Am Abend hatte ich grosse Lust mich einfach in mein Bett zu verkriechen, entschied mich aber, mich fürs Abendessen in die Küche zu wagen. Hier sassen bereits einige Leute zusammen, die sich – wie ich bald merkte – auch noch nicht länger als ein paar Tage, Stunden oder Minuten kannten. Der Abend begann also bei gemütlichen Kennenlerngesprächen – bis um 21.30 Uhr der Besitzer mit gratis Wein auftauchte. Es dauerte keine Stunde, da wurde die Hintergrundmusik zu Tanzmusik und die Gespräche zu Tanzbattles. Bis morgens um 3. Es tanzten Frankreich, England und die Schweiz gegen Kolumbien und Argentinien. ;o)

Mein erster Eindruck des Hostels war übrigens nicht unbedingt ein positiver: Die Duschen sind die ältesten, die ich bisher gesehen habe und offenbar hatten einige Zimmer Bettwanzen. Aber der Gratis-Wein-Trick gibt Extrapunkte. Mein ursprünglicher Wunsch das Hostel zu wechseln, verflüchtigte sich nämlich ziemlich schnell im Alkohol.

Noch mehr Wein

Tag Nummer zwei verbrachte ich mit Tuesday (die wirklich so heisst und die ich natürlich an einem Dienstag kennengelernt hatte). Wir wollten ein paar Weingüter in Chacras de Coria besuchen (rund um Mendoza befinden sich über 1200 Weingüter!), ein Städtchen direkt ausserhalb von Mendoza, mit dem Bus in einer Stunde zu erreichen.

Wir gingen erst gegen Mittag los, fühlten uns beide aber noch ziemlich betrunken. Ursprünglich wollten wir noch etwas essen, bevor wir uns in einer Bodega zum Wein degustieren meldeten, da wir unterwegs aber kein Restaurant und keinen Supermarkt antrafen und uns die 1200 Pesos für ein 3-Gang-Menü in der Bodega zu teuer waren (auch wenn es umgerechnet nur CHF 27 sind…), übersprangen wir das Essen und machten da weiter, wo wir aufgehört hatten: beim Wein. (Der natürlich einige Stufen besser war, als der Gratiswein im Hostel.)

Nach der Degustation und einer Führung (eines sehr begeisterten Guides) durch den kleinen Betrieb Clos de Chacras, marschierten wir fast eine Stunde zu einer entlegeneren Bodega. Diese bot leider keine Führung an und so sassen wir bei mehr Wein – und immer noch ohne Mittagessen – im wunderschönen Garten rum, genossen die Aussicht auf die Olivenbäume und die herbstlichen Reben. Falls man hier wohnen kann, würde ich das durchaus in Betracht ziehen.

Free Wine (again)

Übrigens: Am Abend gab es im Hostel wieder gratis Wein. Und Abendessen. ENDLICH was zu knabbern! Diesmal wurde nicht getanzt, aber getrunken. Und Reisetipps ausgetauscht. Und ich lernte den ersten Schweizer kennen – aus Bern. Nach einem Monat reisen, war es schön etwas erzählen zu können, ohne nach Worten ringen zu müssen!

Und jetzt? Jetzt wird ausgenüchtert.