Santiago, die zweite

Die meisten haben es unterdessen mitgekriegt: Ich bin bereits seit einigen Wochen wieder zuhause. Wer zudem meinen Instagram-Account kennt, weiss, dass ich nach Rapa Nui eine weitere Woche in Santiago verbracht hatte und – nach meiner Rückkehr – die Beine nicht still halten konnte und in Europa herumgestolpert bin.

Gerade habe ich in meinem Tagebuch geblättert, um die Santiago-Seiten zu finden, musste dabei feststellen, dass ich gegen Ende etwas schreibfaul geworden war und nur Stichworte notiert hatte. Ich bin genauso gespannt wie ihr (falls…), was ich daraus in den folgenden Abschnitten basteln kann.

Nun denn: Nach den ruhigen Tagen auf der Osterinsel war ich im Partymodus. Buchte mich in Santiago also in einem Hostel im Bellavista-Quartier ein – da, wo die Clubs sind. Irgendwann gegen Mitternacht tauchte ich im Hostel auf, legte mich todmüde ins Bett (soviel zum Thema Partymodus) und wartete auf den Schlaf. Dieser wurde alle 0,5 Sekunden vom hämmernden Bass des Clubs nebenan verscheucht – und alle 30 Minuten zusätzlich von den beiden brasilianischen Teenagern (Licht ein – SEHR laute Unterhaltung – Koffer verrücken – Licht aus – Tür zuschlagen). Nachdem die beiden dann gegen 4 Uhr endlich im Bett lagen, hoffte ich, Schlaf zu finden. Genau 1,5 Stunden später klingelte unter mir jedoch bereits wieder der Wecker und die Brasilianerinnen fingen an sich anzuschreien. Mein Portugiesisch ist unterdessen so gut, dass ich heraushörte, dass sie heute die Valle-Nevado-Tour machen würden und sich offenbar anschreien mussten, weil sie sonst wieder eingeschlafen wären… Danke dafür!

Den nächsten Tag verbrachte ich grösstenteils mit Chrissy aus London, die mir erklärte, dass die beiden brasilianischen Chicas diesen Lebensstil schon seit drei Tagen verfolgten, und besuchte mit ihr den Cerro San Cristóbal. Ich war ja vor ein paar Tagen schon einmal da, musste nun aber feststellen, dass der Berg eine ungeahnte Dimension hatte und sich noch einige (Kilo-)Meter in den Nordosten erstreckte. Der perfekte Ort also, um einen Spaziergang oberhalb des Smogs einzulegen. Ich war fast die Einzige, die sich zu Fuss um den Hügel wagte. Trotz angenehmer Temperaturen versteckten sich wohl die meisten in ihren vier Wänden – oder fuhren Seilbahn, wie Chrissy. Da Seilbahnen für mich ich als Schweizerin eher zu den normalen Fortbewegungsmitteln gehören, verbrannte ich lieber ein paar Kalorien als Pesos.

Cerro San Cristóbal

Aufgrund des Schlafmangels und weil mir bewusst wurde, dass meine Zeit in Südamerika bald vorbei war, war meine Partylaune irgendwie doch schon wieder verflogen… Zurück im Hostel entdeckte ich allerdings ein Schild, das auf Barbetrieb und gratis Drinks ab 23 Uhr hinwies… Nun ja, wenn ich mich nicht zum Hostel raus bewegen musste, dann konnte man sich ja einen Gratisdrink gönnen. Ein paar Stunden später war die Frustration dann doch relativ gross, als Ionut aus Rumänien, der die gleiche Strategie wie ich verfolgte, und ich kurz vor 23 Uhr von Joaquin, einem Schweizer mit argentinischen Wurzeln, aufgeklärt wurden, dass die Partypeople sich um 23 Uhr beim Empfang treffen und dann zusammen ausgehen würden – nix mit Inhouse-Barbetrieb. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Es war fünf vor elf. Ich trug definitiv keine Clubkleidung und war auch viel zu faul, um irgendwohin zu fahren. Wir kauften uns also Bier beim Empfang und veranstalteten im Innenhof des Hostels eine kleine Privatparty, die damit endete, dass ich mich verpflichtete am nächsten Tag mit Joaquin eine Städtetour zu besuchen. Ich gebe zu, es beunruhigte meine südamerikanische Seele ziemlich, dass ich bereits um 9.30 Uhr bereit sein musste. Ich fühlte mich schon seit Wochen nicht mehr bereit vor 10 Uhr zu frühstücken…

Tatsächlich schaffte ich es am nächsten Morgen pünktlich aus der Heia (und es hatte sich gelohnt). Wir nahmen an der gratis Städtetour Tours4Tips teil, die von als Waldo verkleideten Personen durchgeführt wurden. (Ihr wisst schon, der mit dem rot-weiss-gestreiften Pullover, den man nie findet.) Es erstaunte mich selbst, dass ich es in den drei Monaten in Südamerika kein einziges Mal geschafft hatte, eine solche Tour mitzumachen.

Zu Beginn wurden uns die wichtigsten Fakten über Chile näher gebracht. Zum Beispiel, dass es in Chile pro Tag im Schnitt zehn Erdbeben gibt.
– Was macht man, wenn man ein Erdbeben spürt?
– Unter Tische kriechen oder sich in Türrahmen stellen.
– Alles korrekt. Aber was ist noch viel wichtiger? Richtig! Darauf achten, was die Chilenen machen. Schliesslich sind diese sich an Erdbeben gewöhnt. Und was machen die Chilenen? Meistens nichts. Ausser den Wein und den Fernseher festhalten. Der Landesname kommt schliesslich von «chill». Nach dem Erdbeben gibt es dann Alkohol. Und zwar den Terremoto-Drink, der auf jeder Cocktail-Karte zu finden ist. («Terremoto» heisst Erdbeben.)
Bereits während den Nachbeben würden die Chilenen Terremotos trinken und das vergangene Erdbeben feiern – so erzählte man uns. Ob es der Wahrheit entspricht?

Beim Fischmarkt (Mercado Central) lernten wir, dass das grosse pavillonartige Gebäude bestehend aus Eisenverstrebungen und kleinen Fensterchen in Glasgow angefertigt und dann nach Santiago transportiert worden war – und dies noch bevor es Strom gab; die Lampen wurden erst nachträglich angebracht. Wir kriegten ein paar Restaurant- und Lebenstipps: Für einen Heiratsantrag sei es besonders beliebt, eine wahnsinnig teure antarktische Königskrabbe zu bestellen und den Ring an ein Bein zu stecken (Wahrheitsgehalt auch hier nicht überprüfbar).

Mercado Central

Weiter ging es zu den La-Vega-Märkten, dafür mussten wir den Mapocho-Fluss überqueren. Unser Waldo kontrollierte, ob wir bereit waren für die Flussüberquerung. Alle, die den Rucksack noch auf dem Rücken trugen, waren offenbar nicht bereit. Denn während es auf der Westseite des Flusses relativ europäisch zu und her ging, war auf der Ostseite ein Gedränge und Einiges an Kleinkriminalität zu erwarten. Bis auf mich überlebten den Besuch in den einheimischen Markthallen alle gut. Allerdings wurde ich nicht Opfer der Kleinkriminalität sondern schlicht meiner Tollpatschigkeit: Da war dieser halbhohe Pfosten. Unsichtbar zwischen all den Menschenbeinen. Den traf ich. Mit erstaunlicher Genauigkeit. Der 15 × 15 Zentimeter grosse blaue Fleck (und die entsprechenden Schmerzen), den ich mir dabei zufügte, wurde ich erst vor ein paar Tagen gänzlich wieder los… Eine schöne Erinnerung…

Unser letzter Stop war der Cementerio Generale de Chile. Auf einer Fläche von 86 Hektaren (oder in Südamerikanisch: 212 Fussballfelder) ruhen gut zwei Millionen Menschen, inklusive die meisten Präsidenten Chiles und einige berühmte Künstler. Ein Grab, das besonders viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist dasjenige von Carmencita. Es ist rundherum geschmückt mit kleinen Wunsch- und Dankestafeln sowie Plüschtieren, Kunstblumen und anderen Geschenken. Carmens Grab ist eine «animita», eine heilige Gedenkstätte, die von Menschen, die glauben, dass Carmens Seele ihnen hilft, verehrt wird. Es gibt hunderte solcher Gedenkstätten, doch Carmencita hat eine besondere Geschichte, respektive zwei. Die eine besagt, dass Carmen ein 9-jähriges-Mädchen gewesen sein soll, das vergewaltigt und ermordet wurde. Die zweite – offenbar die wahre – Geschichte sei allerdings, dass Carmen eine junge (nicht so unschuldige) Frau war, die sich auf dem Friedhof, auf der Stelle ihres Grabes, umgebracht hatte, nachdem ihre Eltern ihr die Liebschaft mit einem Jungen verboten hatten. Gemäss unserem Waldo würde diese zweite Geschichte ab und zu auch auf einem Zettel an ihrem Grab hängen, doch die Carmencita-Anhänger würden diesen jeweils wieder entfernen. Und wieder ein Abschnitt, der damit endet, dass wir nicht wissen, welche der Geschichten der Wahrheit entspricht. Vielleicht keine?

Carmencita

Zum Abschluss der Tour ging ich mit Joaquin und Delicia, die wir auf der Tour kennengelernt hatten, in ein Restaurant im Fischmarkt. Wir teilten uns eine Spezialität (leider weiss ich den spanischen Namen nicht mehr): Hummerfleisch mit Käse. Also eigentlich eine Art Fondue (allerdings sehr fettiges und nicht so cremig) mit Hummerstückchen. Zum Glück hatten wir dies nur geteilt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man so ein Gericht alleine verspeisen kann, sogar als laktosetoleranter Mensch muss man davon Krämpfe kriegen.

Meine restlichen Tage in Santiago sind leider nicht weiter erzählenswert, bis auf den Besuch im Museum der Erinnerung und der Menschenrechte. Mit einem Audioguide kann man hier gut einen halben Tag verbringen. Die ganze Geschichte Chiles wird detailliert dargestellt und auch ein Einblick in die weltweiten Menschenrechtsverletzungen gegeben. Wer wie ich sehr gerechtigkeitsliebend ist, hat einen schweren Stand, das Museum zu besuchen ohne ein paar Tränen zu verdrücken.

Der Heimflug verlief problemlos. Zumindest nachdem ich mein Handy nach zwei Stunden panischem Suchen zwischen den Füssen eines Mitfliegers zwei Reihen weiter hinten wieder fand… Was mich ein bisschen quälte, war, dass ich meiner besten Freundin Michèle erzählt hatte, dass ich erst am 5. Juli wieder Schweizer Boden berühren würde und ihr somit vom 23. Juni bis zu meinem Überraschungsbesuch an ihrem Geburtstag am 27. Juni aus dem Weg gehen musste… Sie war allerdings so mit der Angst alt zu werden beschäftigt, dass sie tatsächlich keine Ahnung davon hatte, dass ich bereits gelandet war. Gut für mich. So reichte meine unscharfe Warnung «Ich bin ein paar Tage in den Bergen und habe wahrscheinlich keinen Empfang» und ich musste mir keine genaueren Pläne ausdenken…

Normal.

Willkommen zuhause, Anna… ;o)

P.-S.: Auch wenn der Blog etwas seltener gefüttert wird als bisher, werde ich versuchen, ab und zu ein paar Posts zu veröffentlichen.

Rapa Nui

Meine Vorfreude auf Rapa Nui war riesig. Santiago war ja wettermässig etwas kalt und nass ausgefallen, also hoffte ich, auf der Osterinsel Sonne zu tanken und packte den Bikini zuoberst in den Rucksack. Am Morgen um 4 Uhr, nach der fast schlaflosen Nacht, stieg ich im strömenden Regen in mein Uber ein. Die erste Fahrt mit Uber, die ich über meine eigene App gebucht hatte. Huiuiui. Da die App meine Kreditkarte nicht akzeptieren wollte, musste ich bar bezahlen, was den Fahrer dazu veranlasste, sehr undezent die Augen zu verdrehen. Aufgrund der Polizei war es offenbar nicht möglich, erst am Flughafen zu bezahlen, so bezahlte ich den vorab geschätzten Preis während der Fahrt. Ich habe nicht herausgefunden, ob Uber in Chile illegal ist, oder einfach nicht gern gesehen…

Am Flughafen angekommen lief dann – vorerst – alles reibungslos. Ich gab mein Gepäck auf, füllte das Formular für die Einreise nach Rapa Nui aus, ging beim PDI vorbei, die einen Stempel in meinen Pass knallten und das Formular einsackten. Kaufte Kaffee (auf dessen Becher «Good Luck» geschrieben wurde – die Ironie wurde mir erst später bewusst) und wartete beim Gate. Bis fast die letzten eingestiegen waren. Dann ging ich vor. Ob ich denn keinen Zettel hätte, fragte mich die Bordkartenkontrolleurin. «Zettel? Ja, den hier», und ich klaubte den PDI-Einreisezettel (sieht aus wie ein Kassenbon) für Chile hervor. Nein, nicht den, der sei von der Polizei. Der andere. Ob ich denn das Formular nicht ausgefüllt hätte? Doch, natürlich, aber das habe die Frau am PDI-Schalter behalten. Die Kontrolleurin wedelte mit meinem Pass herum und meinte, ich müsse nochmal zurück (und dieses «zurück» war weit weg, sehr weit). Ob ich denn den Flug noch erwischen werde? Das wisse sie nicht… Zum Glück war ich nicht die Einzige. Zwei Amis mussten auch nochmal zurück, sie hatten aber offenbar gar nie ein Formular ausgefüllt… Am PDI-Schalter angekommen, versuchte ich der Dame, die mich vorher abgefertigt hatte, auf Englisch zu erklären, was mein Problem war, und, dass ich offenbar dieses Formular, das da lag, haben müsse. Sie begutachtete ihre Nägel und reagierte nicht. Der Kollege in der Box neben ihr schien offenbar mehr Englisch zu verstehen: «Wir haben keine Formulare. Nur diese.» Und wedelt mit eben diesen Formularen, die ich zu brauchen meinte, vor meiner Nase herum. Nachdem ich genug mit den Händen gewedelt hatte und kurzzeitig in Panik ausgebrochen war, liess meine Freundin den Blick von ihren Nägeln ab, blätterte meinen Pass durch und zeigte mir auf Passseite 20 den Zettel, der immer da gewesen war und den ich offenbar benötigte. Sah genauso aus wie der PDI-Einreisezettel und hatte in dem Sinne nichts mit dem Formular zu tun… Spannend, dass das der Kontrolleurin am Gate nicht eingefallen war. Und mir auch nicht. Allerdings dachte ich auch, wir suchen ein A5-grosses Formular und nicht einen Kassenbon. Ich sage euch, lernt Spanisch! Nun denn, noch einmal durch die Sicherheitskontrolle und dann losrennen. Ausser Atem und bizzeli verschwitzt kam ich beim Gate an, das Flugzeug war noch da. Puh! Keuchend setzte ich mich auf meinen Platz. 20 Minuten später die Durchsage «Boarding complete» – zum Glück bin ich gerannt! Noch selten war ich morgens um 6 Uhr so wach!

Da ich einen Sitz in der Mitte des Flugzeugs hatte, kriegte ich von der Landung praktisch gar nichts mit, umso begeisterter war ich, als ich aus dem Flugzeug ausstieg, die Sonne auf mein Haupt schien und das Meer in der nicht so weiten Ferne blau leuchtete.

Praktisch alle Hotels bieten gratis Transfers an. So wartete auch auf mich jemand mit dem Schild «Anna Stock» [sic!] und einer Blumenkette. Dann ging es los auf eine kleine Tour durch das Städtchen: Minimärkte da und dort, da drüben muss das Nationalparkticket gekauft werden und da hinten gibt es den Bankomaten, an dieser Strasse sind die Touranbieter und an der nächsten die guten Restaurants.

Kaum im Hotel angekommen, machte ich mich auf zum Meer, erkundete die Stadt, die Strände, dachte darüber nach, ob ich meine vier Tage auf Rapa Nui alleine verbringen werden würde – zack, hatte ich einen Hund. Mal wieder. Gut eine Stunde lang begleitete er mich am Meer entlang, sprang um mich herum, wollte spielen, gestreichelt werden, Futter kriegen – alles musste ich ihm verwehren. Der Hund, nennen wir ihn Struppi, kratzte sich so dermassen häufig, dass ich ihn gerne (sehr) weit von mir halten wollte. Trotz Hundeblick.

In der Agentur-Strasse buchte ich etwas später eine Tour für den nächsten Tag (Freitag), Ost- und Südteil der Insel. Es windete und regnete aber so dermassen am Freitag, dass ich mich nicht aus dem Bett erheben konnte. Eigentlich wollte ich den ganzen Tag im Hostel bleiben, irgendwie war meine Stimmung etwas gedrückt. Erst nachdem mein Sandkastengspändli Jonathan mir auf meine genervte «Es regnet, alles ist Scheisse»-Nachricht mit «Take your chance» antwortete, konnte ich mich aufraffen. Ich schlüpfte in Regenjacke und -hose (die ich schon mehrmals entsorgen wollte, weil ich daran zweifelte, sie wirklich zu brauchen), umarmte den Regen und machte mich auf, die Insel und die Moais von einer anderen Seite kennenzulernen. Nicht alles ist eitel Sonnenschein. Und immerhin herrschten trotz Regen und Wind angenehme 25° C.

Ich spazierte also am Meer entlang Richtung Norden, da wo die Höhlen waren. Diese wären allerdings geschlossen, hatte man mir im Hostel gesagt, bei Regen sei es da viel zu rutschig. Aber der Weg dahin bot ein paar andere Sehenswürdigkeiten. Zum Beispiel ein Auto, das in der schlammigen Strasse stecken geblieben war. Hilfe war schon da – und drei Hunde… meine neuen Freunde natürlich. Vier Stunden lang begleiteten sie mich, zwei davon trugen Halsbänder, was sie als Nicht-Streuner kennzeichnete, sie aber nicht von einem friedlichen Spaziergang im Regen abhielt. Sehr vorteilhaft: Sie kannten den Weg. Ich wollte den Trekkingpfad entlanggehen, der noch schlammiger war als die ungepflasterte Strasse (natürlich), aber auch näher am Ufer und somit viel die bessere Aussicht (wunderschön, auch bei Regen!) bot. Der Pfad war teilweise etwas versteckt, die Hunde führten mich aber sicher über Stock und Stein (und durch Wasserlachen), warteten auf mich, wenn ich Fotos schoss, und hielten mir eine Gruppe anderer streunender (und verrückt bellender) Hunde vom Leib.

Theoretisch hatte ich ja jetzt eine Tour verpasst und rechnete schon damit, viel Geld in den Wind geschossen zu haben, nur weil ich regenscheu gewesen war. Allerdings erfuhr ich, dass die Tour sowieso nicht stattgefunden hatte, weil gewisse Sehenswürdigkeiten geschlossen waren und baden am Anakena-Strand bei Regen nicht so sexy war – und kriegte sogar das Geld zurückerstattet. Wie erfreulich! Ich buchte daraufhin eine andere Tour, die am nächsten Tag trotz Regen stattfinden würde. Mae, die Tourleiterin (so in meinem Alter), holte mich am Samstag um 9 Uhr ab. Mit einem 8-Personen-Minibus und der Info, dass ich die Einzige war, die dem Regen trotzen wollte. Der erste Stop war der Vulkan Rana Raraku, Geburtsstätte der Moai, denn hier wurden damals (1450–1650) die Menschenfiguren aus Stein gehauen. Ich hatte Glück: Eigentlich war die Stätte wegen Regen geschlossen (vor kurzem hatte sich offenbar ein Tourist einen Arm gebrochen, weil er auf den regennassen Steinen ausgerutscht war), da ich allerdings in Begleitung von Mae war, durften wir zumindest den Steinbruch besichtigen – den Vulkankrater nicht, so lebensmüde waren wir nicht. Mae erzählte mir die ganze Geschichte der Moai: Diese wurden hier aus dem Vulkangestein gehauen, weil es die richtige Dichte und Härte hatte. Der Transport gestaltete sich allerdings ziemlich schwierig und es gibt diverse Theorien, wie die Moai von dem Vulkan zu den unterschiedlichen Ahu (Zeremonialplattform) rund um die Insel herum gekommen waren – eine Theorie besagt, dass sie selbständig dahin spaziert waren… Im Steinbruch gibt es Moais in allen Stadien der Fertigstellung: Gewisse sind einseitig noch mit dem Vulkan verbunden, andere stehen – wie bestellt und nicht abgeholt (tatsächlich) –, wieder andere liegen zerbrochen herum. Die Moai – Abbilder verstorbener Häuptlinge und Beschützer der Inselbewohner – kriegen allerdings erst Leben eingehaucht, wenn ihnen die Augen eingesetzt werden, was jeweils erst geschah, wenn sie an ihrer endgültigen Stätte angekommen waren. Entsprechend war es auch nicht weiter schlimm, wenn ein Moai unterwegs zerbrach, da ihm zu dieser Zeit noch keine Seele innewohnte. (Allerdings stelle ich es mir sehr frustrierend vor für den Meistersteinmetz. Es ist nicht bekannt, wie lange an einem Moai gearbeitet wurde, aber es muss mit mehreren Monaten oder sogar Jahren pro Figur gerechnet werden.) Der grösste Moai der Insel ist 21 Meter hoch. Allerdings liegt er noch im Steinbruch und wurde auch nie vollständig vom Vulkan gelöst. Auch hier gibt es unterschiedliche Theorien: Entweder, die Steinmetze stellten fest, dass er schlicht zu schwer war, um jemals transportiert zu werden, oder er wurde nur für Marketingzwecke gemeisselt («Schaut, wenn ihr genug Geld habt, machen wir euch einen riesigen Moai»), oder…

Rano Raraku

Von Wind und Regen gepeitscht fuhren wir weiter zum Ahu Tongariki, dem Ahu mit den meisten Moai (15), die 1960 durch einen Tsunami alle bis zu 100 Meter ins Landesinnere geschleudert worden waren, und dessen Restaurierung nur mit der finanziellen Unterstützung aus Japan möglich gewesen war. Wir besuchten auch Vaihu, wo die Moai noch kopfüber im Schlamm liegen. Dieser Ahu war nicht restauriert worden und zeigt die Zeit um das 18. Jahrhundert, als aufgrund von Differenzen der verschiedenen Clans und Glaubensrichtungen auf der Insel alle Moais von den Ahus gestürzt wurden.

Das beste an meiner Privattour mit Mae war, dass ich nicht nur alles über die Geschichte der Osterinsel erfuhr (und teilweise leider schon wieder vergessen habe), sondern auch ganz viel aus Maes Leben und über das aktuelle Rapa Nui. Zum Beispiel gibt es kein College auf Rapa Nui, weshalb die Schüler nach Valparaíso dürfen für ihre weiterführende Schulbildung – Kost und Logis gratis. In Maes Klasse waren damals 20 Schüler, nur fünf entschieden sich für das College. Einigen war es zu weit weg, für andere war bereits klar, dass sie das Familienbusiness (Minimarkt, Restaurant, …) weiterführen würden. Auch sonst laufe Vieles mit Vitamin B: Wenn der Vater im Elektrizitätswerk der Insel arbeite, sei es eigentlich nur eine Formsache, dass der Sohn da auch Arbeit finden würde.

Auch spannend: 1973 gab es auf der Insel nur drei Autos und die gehörten alle der Polizei, der Rest bewegte sich zu Pferd fort. Heute haben nur schon die Rent-a-car-Firmen 200 Autos registriert. Je. 1973 gab es aber auch nur 2000 Einwohner. Heute sind es 4000 Rapa Nui und etwa 6000 «Fremde», hauptsächlich Festlandchilenen. Deshalb gelte nun ein Einreiseverbot bis die Studie darüber, wie viele Einwohner die Insel verträgt, abgeschlossen sei. Interessanterweise werden vor allem Chilenen deshalb beim Besuch auf der Insel ganz genau beobachtet, damit sie auch ja wieder abreisen.

Ich plante auch wieder abzureisen, aber erst am Montag. Am Sonntag machte ich noch einen Abstecher zu Orongo, einer Kultstätte des Birdman-Glaubens, und dem Rano-Kau-Vulkan. Vier Stunden wanderte ich im wunderschönen Wetter zum Krater und zurück, begutachtete die Orongo-Kultstätte, die man trotz Parkticket, genauso wie die Rano-Raraku-Steinbruch, nur einmal in zehn Tagen besuchen durfte (danach würde man ein neues Ticket für 85 Dollar brauchen). Danach gönnte ich mir in einem hübschen Seaside-Restaurant mit Blick auf die Surfer einen Caipirinha und erfreute mich zum Abschluss an der Begeisterung des Barkeepers, der wohl damit gerechnet hatte, dass ich ein gratis Wasser bestellen wollte. Prost!

Rano Kau

Ahora… oder später…

Es ist Zeit, euch von meinen ersten Tagen (6. bis 13. Juni) in Santiago zu berichten – das war noch vor der unausstehlichen Nacht im Hostel und der Reise nach Rapa Nui.

Diese Tage verbrachte ich grösstenteils mit Diego aus Brasilien, der einen Teil seiner Ferien in Santiago verbrachte. Am ersten Tag spazierten wir einfach ein bisschen durch die Stadt, wie ich das üblicherweise mache. Diego fand, dass ich im Reisen geübt sei und er deshalb einfach das mitmachen würde, was ich machen wollte. (Mit anderen Menschen reisen ist ja nicht immer problembefreit, aber das machte mir das Leben natürlich sehr einfach. Er beklagte sich auch nie. Sehr pflegeleicht.) Dieser Spaziergang führte uns durch ein eher langweiliges Zentrum (das zwar aussah wie Florída in Buenos Aires, aber weitaus ruhiger war) bis hin zum Cerro San Cristóbal. Noch bevor wir uns entschieden hatten, ob wir hochgehen oder die Standseilbahn nehmen sollten, wurden wir auf portugiesisch angesprochen. Das war schon in Buenos Aires der Fall gewesen. Es müssen die perfekt gestylten Augenbrauen sein, die die Brasilianer verraten, oder ich weiss es nicht… (In dem Moment hatten wir uns nicht unterhalten, es konnte also auch nicht am Akzent gelegen haben.) Wie dem auch sei. Der Brasilianer gehörte zu einer Agentur, die unterschiedliche Touren anbot, unter anderem Besuche mit oder ohne Skifahren im Valle Nevado. Für mich war das eher lächerlich – eine Tour zu einem verschneiten Berg –, ich gebe es zu, und ich dachte nicht, dass das wirklich «a thing» sein konnte… Ich merkte aber bald, dass ich steinreich geworden wäre, hätte ich für jedes Mal einen Peso gekriegt, wenn ich einen Brasilianer in Santiago «Valle Nevado» sagen hörte. Es schien als wäre ganz Brasilien in Santiago, um Schnee zu sehen.

Wir fuhren dann übrigens mit der Standseilbahn den Cerro hoch und genossen die Aussicht über Santiago und die viel zu sichtbare Luftverschmutzung.

«Hay un poco de contaminación», schrieb José dazu

Am Abend hatten wir uns mit José (den wir auch in Buenos Aires kennengelernt hatten) zum Karaoke verabredet. Auch Moritz (der Schweizer, den ich in Mendoza getroffen hatte, und der diesen Cameo-Auftritt sicher sehr zu schätzen weiss) wollten wir zum Abendessen und Karaoke «mitnehmen». Wir hatten noch keine feste Zeit abgemacht, José informierte uns irgendwann, er sei noch bis um 9 Uhr im Büro. Gegen 10 Uhr wollten Diego und ich uns dann endlich mit dem halb verhungerten Moritz treffen (zugegebenermassen hatten auch wir langsam Hunger) und sagten José, dass wir los gehen würden. Postwendend kam die Antwort, wir sollten bleiben, wo wir waren und ihm den Standort schicken, er komme dahin. Das machten wir. Zweimal. Denn nach den ersten 15 Minuten irgendwo auf der Strasse in der Kälte mussten wir uns bewegen. Am Ende warteten wir eine geschlagene Stunde draussen an einer Strassenecke. Wenn wir nachfragten, wo er den bliebe, kam jeweils zurück «Ich komme gerade an», das für uns so eine Zeitspanne von 5 Minuten bedeutete oder «Jetzt», das, naja, was soll es denn schon heissen ausser «jetzt»? 20 Minuten sind es. «Ahora» sind 20 Minuten! Merkt euch das für zukünftige Reisen nach Südamerika. (Es beruhigte – und erstaunte – mich, dass Diego auch eher ein Schweizer Verständnis von Zeit hatte…) Moritz war unterdessen alleine essen gegangen. Nachdem José endlich angekommen war – mit seiner Vespa und einem Freund –, entschied sich Moritz das Karaoke ausfallen zu lassen, denn, wie er richtig bemerkte, könnte es noch Jahre dauern, bis wir ein geeignetes Lokal finden würden. Zwei weitere Stunden dauerte es, um genau zu sein. Eigentlich wollten wir ein Uber nehmen bis zum Bellavista-Quartier. Irgendwo zwischen «Ich bestelle uns ein Uber» und «Lass uns da rüber gehen, da ist es besser» befanden wir uns aber auf einer Tour durch die Innenstadt, während der mir bewusst wurde, dass wir die 40 Minuten zum Bellavista-Quartier zu Fuss gehen würden (was Diego und ich ja auch schon vor gut 1,5 Stunden hätten machen können). In Bellavista angekommen, schaute sich José um und meinte «Oh, ich war schon lange nicht mehr hier». Zwei seiner angestrebten Ziele gab es entsprechend auch nicht mehr. Die Situation war so abstrus, dass ich das Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht kriegte. Gegen 1 Uhr sassen wir in einer eher schäbigen Karaokebar. Gute zwei Stunden hielten wir es da aus, bis wir uns wieder auf den Nachhauseweg machten. Immerhin war der Abend günstig. Zwei Bier und all die in der Kälte verbrannten Kalorien…

Diego, José, yours truly, Gonzalo

Am nächsten Tag der Schock für mich: Während ich das Valle Nevado bereits wieder verdrängt hatte, wollte Diego unbedingt in die Berge. Ich wollte ihm zum Einen den Spass nicht verderben, zum Anderen wollte ich auch sein Gesicht sehen, wenn er mit 31 Jahren das erste Mal Schnee sieht – ein für uns Schweizer so normales Phänomen. Für den Montag planten wir also diese Tour ein. Um Ski zu fahren hatte es «leider» zu wenig Schnee. Um 7 Uhr standen wir beim Tourbüro, wurden mit Winterstiefeln (und falls gewünscht mit Skijacke, -hose, -brille) ausgerüstet. Dann ging es los. Beim ersten Fotostop wurde mir klar, dass ich nicht nur die einzige Schweizerin, sondern die einzige Nicht-Brasilianerin auf dieser Tour und auf dem ganzen Berg war. Alle haltenden Kleinbusse waren mit Brasilianern gefüllt. Das Schneevorkommen war eher dürftig. In Fallerones gab uns der Fahrer 15 Minuten, «weil ihr seht, es gibt hier nichts zu sehen». Normalerweise gab es Buckelpisten und andere lässige Schneesportarten zu bewundern, aber ohne Schnee war es eher schwierig… Auch vom Valle «Nevado» war ich zart enttäuscht. Aber was will man machen? Wir stolperten durch den dürftigen Schnee, keuchten wegen der Höhe und schwitzten (wirklich!) in der Sonne. Ich vermisste Diegos kindliche Freude über den Schnee etwas, aber ich kompensierte sie spielend mit ein paar Schneebällen…

Die restlichen Tage schlenderten wir durch den Barrio Italia, assen dann doch noch mit Moritz zu Abend (und auch mit Georgia aus England – ihr erinnert euch?), fanden den Parque Borja, in und um den herum alle tanzten. Wirklich. Es war faszinierend. Hier wurde Freestyle getanzt, aber auch Gruppenchoreos – teilweise mit richtigen Gang-Outfits. Ich hätte ja mitgemacht, aber… ahm… fuhren im strömenden Regen nach Valparaíso, wo wir die speziellen Lifte testeten, die fast auseinanderfielen, und uns relativ schnell nach der Wärme (so 16° statt 14°) Santiagos sehnten.

Valparaíso Lift

Valparaíso dünkte uns übrigens nicht so paradiesisch. Zum Einen sollte man die Hafenstadt, die vor allem für ihre bunte Streetart bekannt und beliebt ist, zu Fuss erkunden, was in dem strömenden Regen nicht gerade angenehm war, zum Anderen fanden wir es teilweise etwas zwielichtig und fühlten uns nicht sicher. (Eine Woche nach unserem Besuch in Valparaíso wurde ein Kanadier erstochen, weil er sich weigerte, seinen Rucksack an Diebe abzugeben… Unsere Intuition hatte uns also nicht getäuscht.)

Da Chile ja eher teuer ist, erweiterte ich in dieser Woche in Santiago meine Kochkünste: Neben Spaghetti mit Tomatensauce gab es auch mal Omelettes mit Käse oder Schinkentoast. Ich bin schon fast ein bisschen stolz. Not.

Und ein kulinarischer Tipp zum Schluss: Wenn ihr mit Südamerikanern unterwegs seid, vergesst ja nicht die Ketchupflasche und den Kilosack Zucker griffbereit zu haben… Erhält den Frieden.

To sleep or not to sleep…

Meine Erfahrungen in Hostels in Südamerika sind bisher sehr unterschiedlich ausgefallen. Besitzer, Angestellte sowie natürlich die Gäste sind dabei ausschlaggebend, ob positive oder negative Erinnerungen gespeichert werden. Das unbequemste Bett kann durch nette Menschen wettgemacht werden.

Gewisse Hostels sind sehr familiär, man sitzt zusammen an einem Tisch, der Besitzer singt einem Lieder der Toten Hosen vor, man wird umarmt oder mit «mi amor» und «mi niña» angesprochen und kriegt zum Abschied einen Kuss auf die Wange gedrückt, als würde man dazugehören.

Gaston singt «An Tagen wie diesen», Mendoza

Andere sind eher anonym und es ist schwieriger, sich zwischen den vielen unbekannten Menschen zuhause zu fühlen. Dazu kommt, dass sich die Leute unbeobachtet fühlen: Macht ja nichts, wenn man den Teller nicht sauber abwäscht, vielleicht braucht der nächste die Tomatensauce noch. Oder denken nicht mit (absichtlich?): Wenn eine (schlecht ausgerüstete Küche) nur einen Topf hat, dann kann der gekochte Reis natürlich problemlos darin aufbewahrt werden, weil sonst sicher niemand diesen Topf braucht. Oder denken wohl, «es bizzeli» fällt nicht auf, und essen kurzerhand Eier aus den Vorräten eines anderen (namentlich meine Vorräte) weg…

Meine bisher schlimmste Erfahrung machte ich in einem Hostel in Santiago. Hier kamen alle möglichen Faktoren zusammen. Zu Beginn meiner Reise hatte ich Mühe, mich in den Hostels einzuleben, jedesmal passte mir beim ersten Anblick irgendetwas nicht, ich arrangierte mich aber immer sehr schnell. Sogar mit der eingefrorenen Nase in Villazón konnte ich mich anfreunden… Diesmal war alles anders [dramatische Musik]. Ich trat ins Hostel ein – und war begeistert. Es war ein älteres Gebäude mit einem verglasten Atrium. Toiletten und Duschen sahen ziemlich neu aus. Die Räume hatten hohe Decken und sie hatten kleine Holzgalerien eingebaut (anstelle – wie in anderen Hostels gesehen – dreistöckige Etagenbetten zu verwenden). Diese Zwischenböden boten Platz für Einzelbetten, eines davon war meins. Die Küche war geräumig und es hatte eine gemütliche Sofa- und Chillzone, in der ich meinen letzten Blog geschrieben hatte.

Ich übernachtete in diesem Hostel nur eine halbe Nacht, mein Flug zu den Osterinseln ging am Donnerstagmorgen um 6.30 Uhr. Dass ich entsprechend um 3.30 Uhr schon aufstehen muss, hatte ich beim Buchen glücklich ignoriert.

Trotz anfänglicher Begeisterung war dies die bei weitem ungemütlichste Nacht in Südamerika. Kurz vor 10 Uhr lag ich im Bett. Dass da noch nicht in allen Betten geschlafen wird, kann ich nachvollziehen. Das Licht bei den Etagenbetten unten brannte. Ich hörte etwa zwei Stunden lang Musik (mit Kopfhörern natürlich – aber auch das ist eigentlich nicht selbstverständlich…). Das Licht brannte immer noch. Im Bett neben mir wurde laut geschnarcht. Gegen 1 Uhr hörte ich jemanden aufstehen und dachte «Geil, endlich jemand, der das Licht ausschaltet». Die Bretterböden knarrten. Laut. Die Zimmertür wurde mit Schwung geöffnet und zugeknallt. Die Holzkonstruktion vibrierte. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Das Licht aus dem Korridor erhellte das Zimmer noch mehr. Meine Schlafmaske war unauffindbar. Die Oropax bin ich losgeworden, weil ich sie zwei Monate lang nicht benutzt hatte. «DINGDONG!», genau, da war noch die Klingel. Eigentlich müsste die ja nur der Nachtwächter hören, aber es ist sicherlich besser, wenn das ganze Hostel mitkriegt, wenn jemand nachhause kommt. Aber auch ohne Klingel wäre ich wohl jedesmal erwacht, ausser mir waren in dem Hostel nur Elefanten untergebracht. Die Türknallerin hatte übrigens das Licht ausgeschaltet. Danke! «DINGDONG!» Es wurde gestampft und laut gesprochen im Korridor. Die Zimmertür wurde rabiat geöffnet. Es wurde nun im Zimmer laut gesprochen – war ja erst 2 Uhr und es versuchten nur vier Leute zu schlafen. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Als die Neuzugänge endlich ruhig waren, freute ich mich: noch zwei Stunden Schlaf! Und ich freute mich noch mehr: Ich hatte mir nämlich Sorgen gemacht, am Morgen um 3.30 Uhr zu laut zu sein beim Aufstehen. HA! Wäre ich ein Arschloch, hätte ich die Lichter eingeschaltet und ganz laut (wirklich ganz laut) AC/DC angemacht. Leider bin ich kein Arschloch.

Das «DINGDONG!» und Gestampfe ging übrigens bis 3.30 Uhr in netten Abständen weiter, gegen 2.30 Uhr hatte sich noch trommelnder Regen dazu gesellt. Ich war froh, als ich endlich aufstehen konnte! Osterinsel, ich komme!

Auch Tomb Raider kann sich mal irren

«See you there» war wohl ein etwas vorschnelles Ende des letzten Blogs, schliesslich gab es da noch den Nachmittag und Abend, den unsere «Reisegruppe» in einem gemütlichen Café verbringen wollte, bis die jeweiligen Busse fuhren (ausser mir konnten alle am selben Abend weiterreisen, mein Bus fuhr erst morgens um 5.30 Uhr), und die Grenzüberquerung und Calama…

Nun denn, nachdem wir in diesem Café unsere Bestellungen aufgegeben hatten, mussten wir es Hals über Kopf verlassen, weil der TV nur Kindersendungen zeigte und die Jungs doch eigentlich Champions-League-Finale schauen wollten. Zum Glück fanden wir ein Lokal, das den richtigen Sender hatte und verbrachten da gut fünf Stunden… Danach nächtigte ich in einem günstigen Hostel nahe dem «Busbahnhof». Auch dies, eine ganz andere Welt als Argentinien: Während in Argentinien die Busbahnhöfe grosse Gebäude mit Abfahrtsperrons und Schaltern waren, gab es in Uyuni einfach eine (oder zwei) Strasse(n) voller kleiner Läden, die Busfahrten verkauften. Die Busse fuhren vor oder in der Nähe dieser Shops. Reiste man am selben Tag, konnte man sogar den Rucksack deponieren – das traf für mich zwar sowieso nicht zu, dieses Vertrauen hätte ich wohl aber auch nicht aufgebracht…

Ziemlich verschlafen stolperte ich noch vor 5 Uhr aus dem Hostel (weckte den auf dem Sofa schlafenden Nachtwächter etwas unsanft) und machte mich mit erstaunlich vielen Menschen – aber ohne Kaffee – auf den Weg nach Chile. An der Grenze – irgendwo mitten in der Wüste – war es schon offensichtlich, dass in Chile wieder eine ganz andere Welt auf mich warten würde. Nach einer Fahrt auf unbefestigten Landstrassen, standen wir in Bolivien Schlange vor einem schlecht einbetonierten Container. (Es dauerte zudem ein wenig bis wir Gringos wussten, wohin wir genau mussten.)

Noch in Bolivien (auch hinter dem irreführenden Zaun ist noch Bolivien)

Kaum unter dem blauen Bogen hindurchgefahren, befanden wir uns auf geteerten, gut signalisierten Strassen und landeten in echten Gebäuden. Wir wurden mit Hilfe der Busfahrer, die unsere Zollscheine kontrollierten, durch die Passkontrolle geschleust, mussten dann in einem fast fluchtsicheren Unterstand unser Gepäck ausladen und warten, dass der Zollbeamte unsere Zettel kontrollierte, der Hund – nach gutem Zureden – unser Gepäck beschnüffelte, und danach unser Gepäck noch – eher pro forma – von Menschen «durchsucht» wurde. Ehrlich gesagt, ich fühlte mich ein bisschen wie ein Schwerverbrecher.

Ich hoffe, dies zu fotografieren, war kein Verbrechen

Niemand wurde zurückgelassen. Nun ging es weitere drei Stunden durch die Wüste nach Calama. In dieser Zeit ging mir das kurze Gespräch durch den Kopf, das ich an der bolivianischen Grenze mit dem Pakistani, der hinter mir sass, geführt hatte. Ich hätte ihm vielleicht sagen sollen, dass er sich glücklich schätzen müsse, dass er reisen könne – aber wer bin ich denn? Seine negative Einstellung Bolivien gegenüber und seine generell genervte Art veranlasste mich auf jeden Fall, das Gespräch kurz zu halten. Er sei nur zwei Tage in Bolivien gewesen, der Dreck wäre nicht auszuhalten, schrecklich. Zudem hätte sein Hotel seine Membership-Reservation nicht ausgeführt und er hätte ein Vermögen bezahlen müssen… Ich habe ja auch schlechte Tage, aber ich posaune die nur ungerne fremden Menschen ins Gesicht, und nach ein paar Tagen in der Kälte, freute ich mich einfach nur, dass ich bald in wärmere Gegenden kommen würde.

Calama, der erste Halt in Chile, überraschte mich ziemlich. Ich hatte eine Wüstenstadt wie Uyuni in Bolivien erwartet, doch dieser Ort war voller hübscher, umzäunter Häuser und die Innenstadt hatte eine süsse Fussgängerzone. Zumindest im Zentrum war das Wüstenfeeling inexistent. Ich blieb allerdings nur drei Stunden da, bevor mein Bus nach Antofagasta fuhr. (Ich hatte übrigens gut zwei Wochen, bis ich mir diesen Namen merken konnte, es gibt zu viele gut klingenden Möglichkeiten: Antafogasta, Antafogosto, Antofogasta…)

In Antofagasta checkte ich in das günstigste Hostel ein, das zu Fuss nur zehn Minuten vom Busterminal weg war. Ich fragte Marcela, die Besitzerin, wie weit es denn zu Fuss ins Zentrum sei. «15 Minuten, mi niña» – ja, das klang besser als erwartet, ich buchte direkt drei Nächte. Und wurde im Zimmer von einem Mitbewohner darauf aufmerksam gemacht, dass es eher so 50 Minuten waren. Aber Marcela konnte das ja kaum wissen, sie war ja 24/7 im Hostel. Haja. (Und nein, das «Missverständnis» war nicht auf mein schlechtes Spanisch zurückzuführen.) Immerhin konnte man am Meer entlang spazieren bis ins Zentrum, das war schonmal etwas. Und es war günstig. Juhu!

Abgesehen von ganz kurzen Standardgesprächen mit meinen zwei wirklich sehr netten Mitbewohnern, versuchte ich mich zurückzuhalten. Während ich am Anfang der Reise ja noch Angst hatte, niemanden zu treffen, brauchte ich nun dringend etwas Zeit für mich alleine und wollte wirklich mit niemandem etwas unternehmen, auch wenn sowohl Ruben von Santiago wie auch Délphine aus Frankreich mehrfach sagten «Ich geh da hin, möchtest du mitkommen?». «Nein, merci.» «Danke, eher nicht.» «Mein Kopf ist gerade unter dem Kissen, ich kann dich leider nicht hören.»

Ich genoss Antofagasta richtig, endlich wieder etwas Wärme! Durch den Küstenwind war es ab und zu zwar trotzdem kalt, aber nur, weil ich statt der üblichen drei bis fünf Kleidungsschichten nur noch zwei trug. Ich spazierte viel an der Küste entlang, schaute den riesigen, kraftvollen Wellen zu, die an den Steinen brachen, shoppte Jeans (weil ich ja immer noch einen Riss in meiner Lieblingshose hatte und Mama gesagt hatte, dass die irreparabel wären. Danke Mama! – Die Hose habe ich unterdessen natürlich entsorgt, ohne dabei zu vergessen, ein paar Minuten darüber nachzudenken, ob ich den Stoff vielleicht für etwas anderes verwenden könnte…), und gönnte mir ein Wachsbad für 13 Franken… Man muss etwas für seine Reiseschönheit machen, imfal.

Nur eines der 1000 Wellenfotos…
… und ein paar Muscheln

Obwohl ich mich von sozialen Kontakten fernzuhalten versuchte, nahm ich die Tipps von Ruben, was es in Antofagasta zu tun gibt, gerne an, und spazierte zwei Stunden zu den Huanchaca-Ruinen. Als ich sie erreichte, war ich völlig überwältigt. Fühlte mich wie Tomb Raider. Fragte mich, wie alt die den waren. Dachte noch «Sieht seltsam aus. Modern. Wahnsinn!» Ich stolperte durch das Museum, das mit unzähligen Tafeln die Geschichte von Bergbau und Salzabbau Chiles erzählte. Schön gemacht. Aber wer schon einmal eine schlechte Power-Point-Präsentation gesehen hat, weiss, weniger ist mehr. Entsprechend gibt es hier keine Details, weil ich alles wieder vergessen habe. Zudem, wunderte ich mich, warum dieses Museum hier stand und was denn dies genau mit den Ruinen zu tun hatte… Erst am Schluss, in einem super gemachten Kurzfilm, wurde mir klar, dass dies die Ruinen einer Salzverarbeitungsstätte waren. Von 1888. Zwar alt, aber mein Tomb-Raider-Herz fühlte sich betrogen, und ich mich ein bisschen dumm. (Aber zu meiner Verteidigung: Der Name klingt echt alt…)

Ruinas de Huanchaca