Salt-Flats-Tour

Erster Halt in Bolivien: Tupiza. Hier wollte ich eine viertägige Tour buchen, die mich durch die Wüstenlandschaft im westlichen Bolivien, über die Salt Flats von Uyuni, und dann auch direkt nach San Pedro de Atacama in Chile bringen würde. Natürlich hatte ich die Rechnung ohne die Nebensaison gemacht. Mit Peter und Sandrine, einer Belgierin, die wir im Hostel kennengelernt hatten, klapperte ich die Agenturen ab. (Wir waren auch noch auf der Suche nach Ausritten zu Pferd.) Alle erklärten mir dasselbe: Die Nachfrage nach Touren, die in San Pedro enden, ist zu gering, ABER wir können dir diese Tour (15 Minuten Erklärung) mit Ende in Uyuni empfehlen, von Uyuni gibt es dann einen Bus (oder ein doppelt so teures Shuttle), der dich über die Grenze bringt. Mit einem flauen Gefühl im Bauch, buchte ich die Tour über unser Hostel (nachdem ich mir den – immer gleichen – Tourbeschrieb von vier unterschiedlichen Agenturen geduldig angehört hatte). Normalerweise wäre dies alles kein Problem gewesen und unter normalen Umständen wäre ich danach wahrscheinlich in Bolivien geblieben und rumgereist, aber ich hatte vor ein paar Wochen zugesagt, mich in Santiago mit Diego (aus Brasilien) und José (aus Santiago) zu treffen, die ich in Buenos Aires kennengelernt hatte. Damals klang das noch völlig harmlos, stellte mich aber jetzt tatsächlich vor das Problem, dass ich zeitlich eingeschränkt war. Und das wiederum brachte mich etwas aus der Ruhe.

Um auf andere Gedanken zu kommen, gönnten wir uns am Nachmittag einen dreistündigen Ausritt zu Pferd. Es war herrlich! Ich fühlte mich wie in einem Western. Wir ritten vorbei an der Puerta del Diablo (ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Puertas und Gargantas del Diablo es in Südamerika gibt) bis hin zum Cañon del Inca, der gemäss unserem Tourguide eigentlich einfach ein Canyon war, bis ihm jemand einen netten Namen für die Touristen gab.

Puerta del Diablo
Ziegen im Inca-Canyon
Gaucho Peter

Am nächsten Morgen (es war Mittwoch, wenn ich mich richtig erinnere) ging die Salt-Flats-Tour für mich schon um 7 Uhr los. Oder um 7.30 Uhr. Eigentlich noch später. Mir wurde am Abend davor nämlich gesagt, die Tour starte um 7 Uhr und wir würden in den Bergen frühstücken. Am Morgen hiess es dann aber, dass wir im Hostel frühstücken (trockenes Brot und Milch mit Kaffeearoma) und dann um 7.30 Uhr losfahren würden. (Oder dann, wann auch immer das Auto kommen würde.) Meine ursprüngliche Besorgtheit, dass diese Tour vielleicht nur ältere Menschen machten, löste sich schnell in Luft auf, als ich meine vier Mittourer kennenlernte: Mit sechs Jahren Abstand war ich die Älteste der Truppe… Zeit, sich alt zu fühlen.

Die vier Tage vergingen wie im Flug! Die Nächte nicht unbedingt. Meine erste Nacht auf über 4000 Metern und bei etwa –12° C gestaltete sich als eher schwierig. Ich schlief keine zwei Stunden. Aber was will ich mich beklagen. Der Tag davor und die Tage danach waren herrlich: Wir fuhren durch traumhafte Landschaften, hatten einen begnadeten Fahrer, der sich Mühe gab, als Erster an den Aussichtspunkten anzukommen (oder sogar etwas abseits hielt, damit wir nicht dauernd andere Touristen im Blick hatten…), assen an spektakulären Orten zu Mittag, badeten in natürlichen Thermen, machten mysteriöse Fotos von und vor Geysiren, spielten Karten, tranken Wein (sehr grässlichen Wein, dennoch ein herzliches Dankeschön an die drei Jungs auf der Tour, dass ihr uns mit Schokolade und Alkohol versorgt habt) und trotzten Wind und Kälte, um auf dem Salar de Uyuni Sonnenunter- und Sonnenaufgang sowie den unbeschreiblich klaren Sternenhimmel zu sehen.

Laguna Colorado
Mittagessen in der Ciudad del Encanto
Copa del Mundo (von hinten 🤷🏻‍♀️)
Salar de Uyuni

Die Tour war wirklich ein Erfolg, und wenn ihr die Möglichkeit habt, eine solche Tour zu machen, tut es. Am besten von Tupiza aus, das gibt einen Tag mehr herrliche Landschaft… Der «Umweg» hatte sich für mich wirklich mehr als gelohnt!

In Uyuni angekommen, suchte sich jeder ein Ticket nach wohin auch immer er oder sie gehen wollte. Ich entschied mich, nach Calama in Chile zu fahren und dann dort einen Bus zu suchen, der mich direkt weiter nach Antofagasta bringen würde, wo ich drei Tage bleiben wollte. San Pedro de Atacama wäre ein zu grosser Umweg (von Calama aus nochmal drei Stunden und dann wieder zurück, zudem müsste man hier noch einmal ein paar Tage Touren einplanen) und ich hatte genug von der kalten Wüste gesehen. (Auch Antofagasta liegt in der Wüste, aber da gibt es auch Meer. Und Wärme. Juhuu!) See you there!

Auf nach Bolivien!

Als wir am Samstagmorgen nach Tupiza aufbrachen, bemerkten wir, dass das Geräusch im rechten Vorderrad lauter geworden war. Beunruhigend laut. Wir entschieden uns also, einen Mechaniker aufzusuchen. Die beiden Männer, die wir im Geschäft des Mechanikers antrafen, waren aber irgendwie beide nicht der Mechaniker selbst. Netterweise eskortierte uns einer davon aber zu einem anderen Mechaniker, weil der eigentliche Mechaniker unauffindbar war. Das heisst, wir fanden schliesslich drei (andere) Mechaniker vor, die zwischen drei Autos hin und her wechselten – jeder schaute und hämmerte ein bisschen. Mitten auf der staubigen Strasse. Sie schauten sich auch unser Rad an und machten eine Probefahrt. Nach etwa 20 Minuten warten und ganz knapp bevor sie das Rad abschrauben wollten, flüchteten wir fuhren wir aber weiter. Peter war es nicht geheuer, dass sein Auto hier in der Seitengasse ein Rad verlieren könnte, das vielleicht nie mehr montiert werden würde… Direkt nach der Grenze in Bolivien wollte er sowieso neue Pneus kaufen, und hoffte, dass ihm da auch mit einem neuen Radlager geholfen werden könnte. Die Fahrt war – zumindest für Peter – alles andere als entspannend. Die Angst, dass unterwegs etwas passieren könnte, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich hingegen genoss die Aussicht – ich konnte ja nichts an der Situation ändern…

Vertrauenswürdiges Ersatzteillager

Nach einer knappen Stunde Fahrt hielten wir in Abra Pampa, der einzigen etwas grösseren Stadt zwischen Humahuaca und der Grenze. Da uns langsam die Pesos ausgingen, kauften wir uns Brot und Aufschnitt in einem herzigen Lädeli. Eine der Verkäuferinnen strahlte übers ganze Gesicht, als sie uns sagte, dass sie ein bisschen Englisch spricht. Es schienen nicht viele Touristen in diesem Städtchen zu halten.

Picknick in Abra Pampa

Dann ging es weiter zur Grenze. Wir waren uns zuerst nicht sicher, ob wir direkt nach Bolivien sollten oder noch einen Tag warten. Unterwegs hatten wir nämlich festgestellt, dass die Mechaniker am Samstagnachmittag nicht arbeiteten und wir sowieso ziemlich sicher bis am Montag an der Grenze festsitzen würden… Online liest man zudem, die argentinische Seite sei die hübschere, um festzusitzen. Nach 30 Sekunden Beratung entschieden wir uns nach Bolivien zu fahren. Es war nicht ganz klar, ob alle nötigen Dokumente für das Auto vorhanden waren, um die Grenze zu überqueren… Also würden wir es besser mal versuchen, damit wir notfalls einen zweiten Anlauf am Sonntag wagen konnten.

Willkommen bei meiner ersten Grenzüberschreitung per Landweg in Südamerika. Wie man sich das vorstellt, war es alles andere als eindeutig, wo wir uns anstellen mussten. Schilder fehlten und (glücklicherweise, eigentlich) auch Autos, denen wir nachfahren konnten. Wir fuhren also einfach an ein paar geparkten Bussen vorbei und wurden von Zollbeamten zu einem Fenster auf der rechten Seite verwiesen: Migration. Da war natürlich niemand. Geduld ist eine Tugend.

Nach ein paar Minuten schlenderte ein Beamter zum Fenster, musterte uns und unsere Pässe ausgiebig, drückte uns einen Zettel mit Stempel in die Hand (kein Stempel im Pass, sniff), und schickte uns über die Strasse zum Zoll. Da wurden die Autodokumente studiert und mit einen Stempel verschönert. Dann wurden wir wieder auf die andere Seite geschickt, zu einem weiteren Schalter. Hier wurden nochmals die Autounterlagen gesichtet und tatsächlich schien etwas zu fehlen. Der Beamte versuchte uns zu erklären, was fehlte. Er wollte uns wegschicken, denn es sei nicht erlaubt, das Auto nach Bolivien zu überführen. Dank unserem schlechten Spanisch gab er seine Erklärungsversuche aber nach ein paar Minuten auf, wurschtelte irgendetwas am Computer, drückte uns einen gestempelten Zettel in die Hand, sagte: «It’s okay. Go.», und wedelte Richtung Bolivien. Puh! Besser gehen, bevor er es sich anders überlegt!

Wir checkten in Villazón ins günstigste Hotel ein und erkundeten die Stadt. Im Park sahen wir die Flaggen von Bolivien und Argentinien gehisst, darunter standen ein paar uniformierte Menschen. Die argentinische Hymne wurde gesungen. Sowohl von den uniformierten wie auch anderen Anwesenden. Alle standen still. Auch wir. Aber erst, nachdem wir von einem älteren Popcorn-Verkäufer darauf aufmerksam gemacht wurden, dass wir die Hymne respektieren und ebenfalls still stehen müssen. Natürlich, es war der 25. Mai, der Nationalfeiertag Argentiniens. Offenbar wird dieser auch an der Grenze in Bolivien gefeiert.

Villazón ist eine Stadt voller Märkte. Überall werden Waren angeboten und wahrscheinlich hauptsächlich an shoppingwütige Argentinier verkauft. Es ist mir ein Rätsel, wie die hundert Verkäufer von Thermoshirts und die zweihundert Verkäuferinnen von Toilettenartikeln überleben… Es fiel mir auch auf, dass zwar viele Touristen durch Villazón fuhren, aber nicht viele hielten. Auf den Märkten waren wir eine Seltenheit. So wurden wir von einem Unbekannten auf Englisch angesprochen. Einfach nur, weil es ihn interessiert, woher wir kamen – oder eher, weil er sein Englisch vorführen wollte. Ich wurde auch ganz selbstlos von einer kleinen Verkäuferin umarmt, deren Tochter danach um Geld bettelte; und ein junger Mann versuchte bei Peter seinen Freund gegen mich einzutauschen. (Hat nicht funktioniert, imfal.)

Muttertagskuchen

Am Montag starteten wir dann schon um 7 Uhr unsere Mechanikertour. Peter wollte unbedingt der Erste sein. (Wir hatten am Sonntagabend noch zwei Deutsche kennengelernt, die ihren Van flicken lassen mussten…) Eine gute Stunde sassen wir im Auto und warteten auf den Mechaniker… bis Peter entschied, etwas in der Weltgeschichte herumzufahren und wir per Zufall einen Mechaniker fanden, der eine echte Garage hatte (und nicht nur eine staubige Seitenstrasse). Drei Stunden verbrachte Peter mit dem Mechaniker, der die ganze Stadt abklapperte, um Ersatzteile zu finden. Ich vertrieb mir bisweilen die Zeit in meinem Lieblingscafé. Nachdem der Mechaniker alle Ersatzteile aufgetrieben hatte, ging es weitere vier Stunden (Siesta eingerechnet) bis wir das Auto zurückkriegten. Wir hielten es nicht für möglich, aber um 15 Uhr waren wir startklar und fuhren weiter nach Tupiza! Juhu!

(Der grösste Teil dieses Blogs schrieb ich am 26. Mai in Villazón, unterdessen ist aber das Tablet abgelegen und ich versuche auf dem Handy zu bloggen – the struggle is real!)