Ein Brief nach Europa

Die Aufgabe war einfach: Sende Dokumente in die Schweiz.

Der Prozess schien genauso einfach:

  1. Jemanden überreden, dir die Dokumente auszudrucken.
  2. Dokumente unterschreiben.
  3. Ein Couvert finden.
  4. Briefmarken kaufen.
  5. Brief einwerfen.
  6. Ein Bier trinken.

Schritt 1 und 2 hatte ich ganz gut im Griff. Schon bei Schritt 3 haperte es allerdings etwas, denn mein Go-to-Supermarkt verkauft tatsächlich ALLES ausser Schreibwaren (und Pferde). Dennoch fand ich natürlich ein Couvert im entsprechenden Couvert-Laden (einer Apotheke).

Das anschliessende Kaufen einer Briefmarke stellte ich mir vor wie ein Tourist, der eine Postkarte versenden möchte: In einen Mini-Market (auch «chino» genannt) spazieren. Fertig. (Nach Briefmarke fragen, bezahlen, herausspazieren versteht sich von selbst.) Nein. Der Chino verkauft keine Briefmarken. Na dann versuchen wir es also in diesem seltsamen Geschäft, das alles macht – Bestellungen in Webshops, Webdesign, Annahme von Paketen für dich usw. Aber Versenden von Dingens? Fehlanzeige.

Wo ich denn Briefmarken bekäme. Bei der Banco General. [Stirnrunzeln meinerseits] Unter anderen Umständen, hätte ich gedacht, er hätte mich und mein Spanisch nicht richtig verstanden, denn um Himmels Willen warum sollte die Banco General Briefmarken verkaufen – aber Luis hatte gefragt und dessen Spanisch ist meist einwandfrei.

Weil weder Luis noch ich der Antwort trauten, fragte ich seine Mutter. Die riet mir «Estafeta de Correo» zu googeln und in einer der Filialen vorbeizuschauen. Ich googelte. Öffnungszeiten: 7–17 Uhr. Es dauerte schliesslich über eine Woche, bis ich es dahin schaffte, denn auch ich arbeite tatsächlich an den meisten Tagen von 7 bis 17 Uhr.

Ich betrete also den Correo-Laden. Ich sehe acht Menschen mit grosszügig Abstand, die aussehen als hätten Sie schon alles, was sie brauchten. Ich sehe vier Schalter – zwei tragen die Aufschrift «Caja» und die anderen sonst etwas Blaues. Nur ein Caja-Schalter ist besetzt und da wird auch gearbeitet. Ich warte. Und warte. Und warte. Ein zweiter Caja-Schalter wird besetzt und ein Herr, der vor mir schon da war, stürmt darauf zu. Ich warte. Und warte. Da wird einer der anderen Schalter besetzt. Ich wage mich mal hin und frage, was ich dafür tun muss, um diesen kleinen, feinen Brief nach Europa zu senden. «Ach, da musst du zu einem Caja-Schalter, mami.» Okay, danke, mami.

Ich stelle mich wieder in meine Ecke und warte. Und warte. Und … ach der erste Caja-Schalter wird frei. Ich gucke mich um, nein, niemand will dahin. «Hallo, ich würde gerne diesen Brief nach Europa schicken.» – «Ahja, da musst du zu meiner Kollegin am anderen Caja-Schalter.» Ich runzle mal wieder die Stirn. Nicht zu fest, weil man sieht vor lauter Maske ja langsam nur noch die Stirn(runzeln).

Ich stelle mich wieder in meine Ecke. Und warte. Und warte. Und da wird der zweite Caja-Schalter frei. Den peilen jedoch schon zwei Damen an, die schon vor mir hier waren und dabei gewesen waren, einen Fötzel auszufüllen. (Ihr wisst was jetzt kommt.) Ich warte. Allerdings nicht sehr lange, denn die Dame am Caja-Schalter Nr. 2 schickt die beiden Damen weg, weil da auf ihrem Formular noch was fehlte, und ruft mich zu sich.

«Hallo. [Brief-nach-Europa-schicken-Frage einfügen].» – «Nach Europa? Ay, mami, nach Europa schicken wir gar nichts. Da müsstest du zu DHL.»

Reisevorbereitungen à la Anna

Ich bin die Königin der Pokastri…Prokastri… ihr wisst schon… Die Vorfreude ist gross, die Träume noch grösser, die Zeit (wird immer) knapp(er), der Umsetzungswille hält sich in Grenzen.

Seit vier Monaten weiss ich nun schon, dass meine Tage ab Ende März 2019 nicht mehr mit bezahlter Arbeit ausgelastet sein werden, und ich im April mit dem Rucksack die Welt – oder zumindest Südamerika – bereisen möchte… Und dennoch hatte ich bis Ende März praktisch nichts geplant. Nun gut, ich hatte mich impfen lassen gegen alle möglichen Krankheiten – was etwas kompliziert war, da ich ja noch nicht wusste, wohin ich genau gehen werde –, ebenso hatte ich bereits einen Flug nach Buenos Aires, ein Hostelbett für zehn Tage und einen Sprachkurs für sage und schreibe fünf Vormittage gebucht. Auch wenn spontanes Reisen durchaus mein Plan ist, wäre es doch gut, mich noch etwas schlau zu machen über die Länder, die ich unter die Lupe nehmen möchte: Topografie, Wetter, die Möglichkeiten von A nach B zu gelangen oder auch herrschende Gefahren, die ich als behütet aufgewachsene Schweizerin meist zu verdrängen weiss.

Bereits im Februar hatte ich den «Atlas Obscura», ein Weihnachtsgeschenk meines Bruders, zur Hand genommen und mir ein paar spannende Orte notiert. In einem meiner zehn Notizbücher. So wusste ich immerhin schon, dass es Argentinien, Chile und Peru sein werden, die ich besuchen möchte. Aktuell suche ich jedoch wieder nach dem richtigen Notizbuch und den Seiten, die meine damaligen Gedanken sammeln.

Als ich am 29. März den ersten Tag meiner neu gewonnenen Freiheit genoss, wollte ich mich direkt in die Vorbereitungen stürzen. Schliesslich besass ich weder einen guten Reiserucksack, noch die richtigen Schuhe. Eigentlich nichts, das wirklich für längere Reisen gedacht ist. Ich hatte nicht einmal gegoogelt, was denn eine gute Ausrüstung sein könnte. Gegen Mittag rief mich meine beste Freundin an, um sich zu erkunden, was ich so treibe. Geputzt hatte ich. Den Müll weggebracht. Meinen Bürotisch aufgeräumt. «Versuchst du, dich vor der Planung zu drücken?», fragte sie mich knallhart. «Nein, natürlich nicht. Das sind alles Dinge, die auch gemacht werden müssen», war meine aufrichtig gemeinte Antwort, die keine Minute später mit «Argh, du hast recht. Ja. Südamerika ist zu gross. Ich weiss nicht, wo ich anfangen soll», ergänzt wurde.

T minus zwölf. Und ich hatte immer noch nichts gemacht. Zudem musste ich mich ja auch darum kümmern, dass ich bald nicht mehr versichert war und arbeitslos und und und. Aber ich hatte ja noch zwölf Tage. Das reicht schon. Wer wird denn da schon nervös werden? Naja… mein Freund. Mein Freund wurde nervös. Zum Einen möchte er mich natürlich nicht gehen lassen (er hat auch schon nachgefragt, ob ich mit einem gebrochenen Bein denn zuhause bleiben würde), zum Anderen hätte er schon lange einen 20-seitigen Reiseplan geschrieben und seit zwei Monaten die Koffer gepackt. Auch das mit Versicherungen usw. hätte er schon lange geregelt und könnte so die letzten paar Tage einfach auf dem Sofa verbringen und warten bis die Reise losgeht. Was ich bei der Arbeit konnte, kann ich im Privatleben aber irgendwie nicht. Ich schreibe brav Listen, die immer länger werden und erledige die Sachen der Liste dann um fünf vor zwölf. Oder um zwei vor.

Es ist jetzt Dienstag. Ich habe einen 60-Liter-Reiserucksack gekauft, ein RFID-Portemonnaie gegen böses Kopieren meiner Kreditkarten und einen sexy Bauchgürtel (in Seide, der aussieht wie eine überdimensionierte Schlafmaske) in dem ich meinen Pass unter dem T-Shirt verstecken kann. Ich fühle mich paranoid. Und pleite. Ich bin froh, habe ich den Flug schon gebucht, sonst müsste ich wohl doch zuhause bleiben.

T minus acht.