Bienvenida a Buenos Aires

«Warum ausgerechnet Südamerika?», wurde ich die letzten paar Monate öfters gefragt. Einfach ein Bauchgefühl… Ich bin erst seit ein paar Stunden in Buenos Aires und frage mich bereits, ob ich besser aufhören sollte, auf mein Bauchgefühl zu hören. Dass ich nicht aktiv Spanisch spreche, ist mir ja bewusst. Dass ich aber SO SEHR kein Spanisch kann, hat mich doch überrascht. In Spanien selbst schlägt man sich meist relativ gut mit Italienisch oder Englisch durch. Ich dachte auch, dass ich ziemlich viel verstehe, zumindest beim Lesen trifft dies ja auch zu. Aber bei den Menschen in Buenos Aires sind die Englisch-Kenntnisse so bescheiden wie meine Spanisch-Kenntnisse und die Aussprache ist gewöhnungsbedürftig. Da müssen halt Hände und Füsse herhalten. Zumindest die Hände. Und das Lächeln. Ich bin froh startet mein Spanisch-Crash-Kurs am Montag. Nur vier Tage überstehen.

Doch der Reihe nach.

T minus zwei, eins, null

Die letzten zwei Tage vor Abfahrt war ich nervöser als mir lieb war. Obwohl ich ja unbedingt zu diesem Abenteuer aufbrechen wollte, begann mein Unterbewusstsein Fragen zu stellen. Es scheint ein grosser Fan von Plänen zu sein und konnte gar nicht damit umgehen, dass ich keine machen wollte. Eigentlich wollte ich keine Pläne machen, um möglichst stressfrei reisen zu können. Also, um nicht von einem zum nächsten Flug rennen zu müssen, aber irgendwie bescherte mir dieses «stressfrei» Stress.

Natürlich stresste es mich auch, dass ich den Flug ohne Aufgabegepäck gebucht hatte und ich dies online nicht ändern konnte. Nachdem ich endlich alles gepackt hatte und über den Stress hinweggekommen war, dass ich vielleicht etwas vergessen hatte einzupacken (obwohl Buenos Aires ja bei weitem nicht das Ende der Welt ist), erklärte mir die Check-in-Dame, dass das Gepäck sehr wohl mit gebucht sei.

So viel Stress für nichts.

Über den Wolken

Weder der Flug von Zürich nach Barcelona noch der von Barcelona nach Buenos Aires waren voll ausgelastet – so konnte ich meine bescheidenen 1,60 m auf zwei Sitzen verteilen und habe es sogar geschafft, eine ganze Menge Stuss zusammenzuträumen (Notiz an mich selbst: weniger «Chilling Adventures of Sabrina» und «Jane The Virgin» schauen – die Mischung ist zu bizarr).

Da ich mich hier auf einem super billigen Flug befand, waren Essen und Trinken nicht inbegriffen. Die Flugbegleiter machten uns aber darauf aufmerksam, dass wir jederzeit etwas vom Menü bestellen konnten. Als ich am Morgen also DRINGEND Kaffee bauchte, drückte ich den Flugbegleiterrufknopf (das habe ich übrigens noch nie gemacht – ich hielt die Spannung kaum aus). Das Lämpchen leuchtete also. Und leuchtete. Und mindestens drei Flugbegleitpersonen huschten an mir vorbei. Und dann leuchtete das Lämpchen nicht mehr. Und meine Spannung sank zusammen mit dem Koffeinspiegel… Und ich wurde handgreiflich. Nicht wirklich natürlich. Aber ich musste eine Stewardess im Gang abpassen, damit mein Seelenfrieden mit Kaffee wiederhergestellt werden konnte.

Mein einziges Flugfoto… (besser als nichts?)

Buenos Aires

Dank Kaffee schaffte ich es schliesslich auch geduldig durch die Immigration und den Zoll. Danach stellte ich allerdings fest, dass sich der Flughafen sehr stark im Umbau befindet und somit die Schilder momentan eher irreführend als hilfreich sind. Der Pfeil zum ATM zeigte in eine ganz andere Richtung. Dasselbe galt für Busse und Busschilder. Nach ein bisschen umherirren, gönnte mir ein Taxi. Ich musste allerdings 30 Minuten warten und wollte mir in der Zwischenzeit einen Snack im Fastfood-Restaurant (das mit dem goldenen Möwenlogo) gönnen. Ich stellte mich an einen Selbstbedienungsautomaten, wählte die gesunde Kost, führte die Kreditkarte ein… ein RIESIGES Tastaturfeld erschien auf dem Bildschirm: Die letzten vier Ziffern der Kartennummer eingeben. (So weit reicht mein Spanisch noch.) Mache ich. Hoffentlich schaut niemand zu. Aber immerhin sind sie so schlau und wollen nicht den PIN. Ich bestätige. PLOPP: Bitte PIN eingeben. Mit diesen gut 10 cm grossen Zahlen. Um mein Sicherheitsprotokoll nicht schon in der ersten Stunde in Südamerika völlig ausser Acht zu lassen, breche ich die Aktion ab und wage mich zu den bedienten Kassen vor. Hier kann ich mich in Geduld üben, es ist eher Slow-Food. Das macht auch die Bedienung deutlich. «Inhala, exhala.» Ich habe ja keine Eile. Irgendein Taxi wird mich später schon mitnehmen. Und schliesslich hatte ich auch mein muntermachendes Süssgetränk gekriegt, ohne dass der halbe Flughafen meinen Kreditkarten-PIN kennt. Ein erster Erfolg!

Highlights:

  • Die Netflix-fähige Wi-Fi-Verbindung im Flughafen Barcelona
  • Die vier Demonstrationen, an denen die Taxifahrt zum Hostel vorbeiführte (O-Ton Taxifahrer zu den Demos: «gegen Uber», «gegen die Regierung», «andere Unzufriedene»)

Reisevorbereitungen à la Anna

Ich bin die Königin der Pokastri…Prokastri… ihr wisst schon… Die Vorfreude ist gross, die Träume noch grösser, die Zeit (wird immer) knapp(er), der Umsetzungswille hält sich in Grenzen.

Seit vier Monaten weiss ich nun schon, dass meine Tage ab Ende März 2019 nicht mehr mit bezahlter Arbeit ausgelastet sein werden, und ich im April mit dem Rucksack die Welt – oder zumindest Südamerika – bereisen möchte… Und dennoch hatte ich bis Ende März praktisch nichts geplant. Nun gut, ich hatte mich impfen lassen gegen alle möglichen Krankheiten – was etwas kompliziert war, da ich ja noch nicht wusste, wohin ich genau gehen werde –, ebenso hatte ich bereits einen Flug nach Buenos Aires, ein Hostelbett für zehn Tage und einen Sprachkurs für sage und schreibe fünf Vormittage gebucht. Auch wenn spontanes Reisen durchaus mein Plan ist, wäre es doch gut, mich noch etwas schlau zu machen über die Länder, die ich unter die Lupe nehmen möchte: Topografie, Wetter, die Möglichkeiten von A nach B zu gelangen oder auch herrschende Gefahren, die ich als behütet aufgewachsene Schweizerin meist zu verdrängen weiss.

Bereits im Februar hatte ich den «Atlas Obscura», ein Weihnachtsgeschenk meines Bruders, zur Hand genommen und mir ein paar spannende Orte notiert. In einem meiner zehn Notizbücher. So wusste ich immerhin schon, dass es Argentinien, Chile und Peru sein werden, die ich besuchen möchte. Aktuell suche ich jedoch wieder nach dem richtigen Notizbuch und den Seiten, die meine damaligen Gedanken sammeln.

Als ich am 29. März den ersten Tag meiner neu gewonnenen Freiheit genoss, wollte ich mich direkt in die Vorbereitungen stürzen. Schliesslich besass ich weder einen guten Reiserucksack, noch die richtigen Schuhe. Eigentlich nichts, das wirklich für längere Reisen gedacht ist. Ich hatte nicht einmal gegoogelt, was denn eine gute Ausrüstung sein könnte. Gegen Mittag rief mich meine beste Freundin an, um sich zu erkunden, was ich so treibe. Geputzt hatte ich. Den Müll weggebracht. Meinen Bürotisch aufgeräumt. «Versuchst du, dich vor der Planung zu drücken?», fragte sie mich knallhart. «Nein, natürlich nicht. Das sind alles Dinge, die auch gemacht werden müssen», war meine aufrichtig gemeinte Antwort, die keine Minute später mit «Argh, du hast recht. Ja. Südamerika ist zu gross. Ich weiss nicht, wo ich anfangen soll», ergänzt wurde.

T minus zwölf. Und ich hatte immer noch nichts gemacht. Zudem musste ich mich ja auch darum kümmern, dass ich bald nicht mehr versichert war und arbeitslos und und und. Aber ich hatte ja noch zwölf Tage. Das reicht schon. Wer wird denn da schon nervös werden? Naja… mein Freund. Mein Freund wurde nervös. Zum Einen möchte er mich natürlich nicht gehen lassen (er hat auch schon nachgefragt, ob ich mit einem gebrochenen Bein denn zuhause bleiben würde), zum Anderen hätte er schon lange einen 20-seitigen Reiseplan geschrieben und seit zwei Monaten die Koffer gepackt. Auch das mit Versicherungen usw. hätte er schon lange geregelt und könnte so die letzten paar Tage einfach auf dem Sofa verbringen und warten bis die Reise losgeht. Was ich bei der Arbeit konnte, kann ich im Privatleben aber irgendwie nicht. Ich schreibe brav Listen, die immer länger werden und erledige die Sachen der Liste dann um fünf vor zwölf. Oder um zwei vor.

Es ist jetzt Dienstag. Ich habe einen 60-Liter-Reiserucksack gekauft, ein RFID-Portemonnaie gegen böses Kopieren meiner Kreditkarten und einen sexy Bauchgürtel (in Seide, der aussieht wie eine überdimensionierte Schlafmaske) in dem ich meinen Pass unter dem T-Shirt verstecken kann. Ich fühle mich paranoid. Und pleite. Ich bin froh, habe ich den Flug schon gebucht, sonst müsste ich wohl doch zuhause bleiben.

T minus acht.