Angriff der Killerbienen

Edit, 07.10.2020. Kleine Vorwarnung: Die Geschichte und die Fotos sind nichts für zarte Gemüter.

Es war Sonntag, 1. März 2020. Wir machten uns auf zu einem Kletterabenteuer in Altos de Campana, einem Naturschutzgebiet eine Stunde südwestlich von Panama Stadt. Zu sechst und mit Hund reisten wir zum «Acid Rock». Ich freute mich, hatte ich doch erst zwei Wochen vorher einen Felsen erklommen und mich ein bisschen in die Sportart verliebt.

Bevor wir uns auf den etwa halbstündigen, sehr schmalen und unwirtlichen Weg durch den Dschungel machten, erfuhr ich noch, dass ein paar Wochen zuvor an genau diesem Felsen eine Gruppe Kletterer von Bienen angegriffen worden sei … Naja, mein Wissensstand bezüglich Bienen: Wer sie in Ruhe lässt und nicht provoziert, wird auch nicht gestochen – das sollte also kein Problem werden.

An der Kletterstelle angekommen, befestigten wir eine Reisehängematte im Baum und die besseren Kletterer unter uns (also ich nicht), machten sich auf an die Wand. Schon nach wenigen Minuten fand der sonst so sanfte Hund ein paar Bienen – wer wen attackierte, war unklar. Vereinzelt kamen einige der Insekten verdächtig nahe zu uns, ich stand so still wie möglich, fuchtelte nicht, hoffte, sie würden sich wieder verziehen.

Ein perfekter Klettertag

Derly hatte schon ein oder zwei Routen erklommen, Luis fing gerade an, eine Route im Vorstieg zu klettern als die Bienen immer zahlreicher wurden. Aus dem Nichts heraus stach mich eine in die Stirn. Das war der Anfang vom Ende. Ich solle mich doch in die Hängematte legen und zudecken, rief man mir von der Wand zu, als sich immer mehr Bienen um mich versammelten. Eingemummelt in der Hängematte hörte ich das Summen der Bienen aber immer noch ganz nahe und hörte auch, wie Derly und Lorgio ihre sieben Sachen packten und fanden, sie würden an einer anderen Stelle weiter unten klettern gehen. Daraufhin schlich auch ich mich langsam aus der Hängematte und stand in einem Schwarm Bienen. Ich packte die Hängematte zusammen, rannte an den zwei anderen Mädels, Aalia und Joritzel, vorbei, sowie an David, der Luis sicherte, der seinerseits noch im Berg «hing». Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch das Gefühl, ich sei die Einzige, die von Bienen verfolgt wurde und, dass, wenn ich mich nur genug schnell von der Gruppe entfernte und die Bienen «ablenkte», die anderen mehr oder weniger heil davon kommen würden. Ich stolperte über Stock und Stein, bis ich nicht mehr weiter kam: Entweder zurück durch die stacheligen Büsche, wo ich aber auch keinen Weg erspähen konnte oder geradeaus über zwei Meter senkrecht an einem glatten Fels entlang in die Tiefe, in der Hoffnung, der schmale von Blättern bedeckte (und vielleicht mit Skorpionen übersäte) Weg würde mich auffangen. Ich fühlte mich in einer Falle, das Summen wurde immer lauter, unzählige Bienen schwirrten um meinen Kopf und ich wedelte wie wild, damit sie sich nicht auf Nase und Mund setzen konnten – was sie zweifellos anstrebten. Ich versuchte mich erfolglos mit der Hängematte zu schützen, als das nicht gelang, brach ich in Panik aus. Ich schrie «Ayuda», obwohl mir absolut bewusst war, dass – auch wenn mir jemand zu Hilfe eilen würde – das absolut nichts an der Situation ändern würde. Ich fühlte mich wie im Film. Irgendwie dachte ich noch, «das passiert doch gar nicht wirklich», aber es passierte eben doch. Ich riss mich zusammen und sprang, rutschte, fiel den Felsen hinunter, landete auf dem Weg und verlor die Balance. Mein Sturz wurde von einem dünnen lianenartigen Pflanzenwesen gebremst, das sich mir um den Hals legte. (Den Schnitt und die blauen Flecken, die die Natur da an meinem Hals hinterliess, konnte man später ganz deutlich erkennen.) Die Bienen waren immer noch da. Ich befreite mich von der Pflanze, kletterte dem «offiziellen» Weg entlang wieder etwas nach oben, rannte schreiend an Derly und Lorgio vorbei, die von den Bienen grösstenteils verschont geblieben waren und mir die Richtung zum Auto zeigten. Endlich aus dem Dschungel raus, rannte ich über die struppige Steppe und legte mich in den winzigen Schatten hinter dem Auto. Ich hatte Durst, Angst, und es war abartig heiss. Wenige Minuten später tauchten die anderen Mädels auf, Aalia war auch ziemlich verstochen, zudem war sie offenbar allergisch – zum Glück passierte ihr aber nichts Schlimmes! Joritzel erzählte, dass sie auch vom Weg abgekommen und in einem Gebüsch gelandet war, wohin sie die Bienen offenbar nicht verfolgten. Derly und Lorgio kamen angerannt. Dann kam David – schrie über die Steppe, er bräuchte Hilfe, Luis aus dem Dschungel zu tragen.

Wir versuchten unterdessen eine Ambulanz zu erreichen und ein Auto zu stoppen. («Unser» Autoschlüssel lag noch in Luis’ Rucksack oben am Berg.) Es war eine nicht sehr befahrene Strecke und wir hatten Glück im Unglück: Eine Ambulanz wollten sie uns nicht schicken, sie hätten gerade keine und offenbar zählten wir nicht zu den Rettungswürdigen, jedoch hielt ein kleiner Lieferwagen an.

In der Zwischenzeit schleppten David und Lorgio Luis vom Berg. Als ich ihn sah, war es um meine Selbstbeherrschung geschehen. Luis’ Gesicht und Oberkörper waren übersät von roten Einstichstellen, er konnte die Augen kaum offenhalten, geschweige denn auf eigenen Beinen stehen. Er sah schrecklich aus, ich hatte Angst um ihn und fühlte mich schuldig, den anderen nicht mehr geholfen zu haben, und dumm, dass meine paar Stiche mich so in Panik versetzt hatten.

Luis …

Der Lieferwagenfahrer erklärte uns, dass er uns nicht mitnehmen könne, weil er arbeite und frisches Brot geladen hatte … doch das war Lorgio egal. Er riss die Türen auf, setzte Luis hinein, delegierte Aalia, Joritzel und mich mitzufahren. Ihn selbst, Derly und David hatte es nicht so krass erwischt, sie wollten sich um Luis’ Auto kümmern und Kletterausrüstung und Rucksäcke vom Berg holen – denn wir hatten fast alles zurückgelassen.

Kurz nach Abfahrt begann die grosse Kotzerei. Der Fahrer wurde wütend – sein Brot war jetzt definitiv für den Müll – und fragte «Was habt ihr denn alles genommen?» Erst als Joritzel ihm erklärte, dass wir wirklich nichts genommen oder getrunken hatten, ausser unfreiwillig viel Bienengift, dämmerte ihm, dass wir wirklich dringend in ein Spital mussten. Panamas Strassen und Autofahrer waren mir noch nie geheuer, und während der wilden, gut 45-minütigen Fahrt wusste ich nicht, ob ich mehr Angst vor dem Tod durch Bienengift oder durch einen Autounfall hatte.

Endlich im Spital angekommen, wurden Aalia und Luis direkt betreut – das heisst, während ich ab und zu in einen Mülleimer kotzte, musste ich mich noch darum kümmern, den von Schmerzen völlig zerstörten Luis aus der Dusche zu holen, weil, wie mir der Pflegehelfer erklärte, das nicht seine Aufgabe war …

Ich setzte mich in den Korridor vor das Zimmer, in dem Aalia und Luis verschwunden waren, eine Pflegerin nahm meine Daten auf und verfrachtete mich dann, nachdem ich in einen weiteren Mülleimer gekotzt hatte, in den Wartesaal. Ich legte mich in eine Ecke, hob ab und zu den Kopf, um mich in den grossen Eimer vor mir zu übergeben und dachte, dass mich irgendwann jemand abholen würde … Nichts geschah. Nach gut einer Stunde – wie ich später feststellte –, es war vielleicht so 16 Uhr, ging ich zurück auf die Station, stellte mich wackelig vor eine «neue» Krankenschwester, die mich ohne weitere Fragen mitnahm und auf das Bett zwischen Luis und Aalia bugsierte. Ich wollte nur noch schlafen. Alles war mir egal. Sie hängten mich an den Tropf und zogen 130 Bienenstacheln aus meinem Körper – an einigen hingen sogar noch Bienen dran. Ich hatte wahnsinnig Durst, die Krankenschwestern verweigerten mir aber das Wasser. Dann hatte ich kalt – und ohne Joritzels Hilfe hätte ich aber nie eine Decke gekriegt. Aalias Familie kam und brachte uns Snacks und dann zum Glück auch Wasser. Wir fanden allerdings schnell heraus, warum sie uns kein Wasser hatten geben wollten: Durch die Medis konnten wir nichts bei uns behalten und Luis kotzte einmal quer über den Zimmerboden. Wir riefen nach Krankenschwestern, irgendjemandem, der putzen würde. Mehrmals. Schliesslich kam Joritzel mit Eimer und Mopp und putzte den Boden selbst … (Als angehende Ärztin wusste sie nicht nur, wie sie mit uns umgehen musste, sondern auch, was in Spitälern so lief – oder eben nicht.)

Als ich so vor mich hindöste, entfernten sie mich plötzlich samt Bett aus dem Zimmer und stellten mich in eine Ecke im Korridor zu ein paar anderen Patienten. Müde Panik brach in mir aus: Mein Rucksack war noch im Zimmer, mein Spanisch klang gerade sehr betrunken und ich hatte schlicht Angst, dass sie mich hier vergessen würden. Dem war zum Glück nicht so: Aalias Mutter weckte mich vielleicht so gegen 17.30 Uhr und brachte mir Schuhe und Rucksack. Da Luis wahrscheinlich über Nacht im Spital bleiben musste, würden sie sich von nun an um mich kümmern, sie würden mich auch nicht ins Hostel fahren, sondern zu sich nachhause nehmen. Ich wollte weinen vor Dankbarkeit und Erleichterung. Sie brachte mich sogar zur Toilette. Als wir dann allerdings zurück zu meinem Bett wollten, hiess es, wir müssten jetzt in einem anderen Raum warten, ein Patient mit Verdacht auf Corona käme gleich mit der Ambulanz, alle Korridore müssten leer sein.

Nur ein paar Minuten später kam aber die Krankenschwester wieder und fragte uns: «¿Dónde está el muchacho?» – «Wo ist der Bursche?» – «Na, da in diesem Zimmer schräg gegenüber von hier …» – «Nein, da ist er eben nicht …» JETZT HATTEN SIE TATSÄCHLICH LUIS VERLOREN. Meinen Angstzuständen half das wirklich nicht. Einmal mehr fühlte ich mich wie im Film. Machtlos und ein bisschen verarscht.

Nach einer Viertelstunde warten – ohne dass dieser Corona-Patient kam –, schlichen wir uns in den Korridor, packten meinen Rucksack, und setzten uns zu Aalia und ihrer Schwester in den Wartesaal. Die liebe Familie hatte meine Rechnung schon bezahlt, wir mussten aber noch auf meine Abschlusskonsultation beim Arzt warten, der mir Rezepte für Medikamente und das weitere Vorgehen erklären sollte. Wir warteten und warteten, ich wollte immer noch vor mich hin sterben, vermisste mein T-Shirt, das auf meinem Bett zurückgeblieben war (und so wie ich die Lage einschätze, bis heute noch da liegt), und gemeinsam nervöselten wir, weil wir nicht einmal wussten, ob sie Luis in der Zwischenzeit gefunden hatten.

Immer wieder fragten wir, wann wir endlich die Konsultation beim Arzt hatten – und, ob mir doch bitte endlich jemand die Spritze aus dem Arm nehmen wollte, die sie mir nach der Entfernung des Tropfs da reingesteckt hatten … Der potenzielle Corona-Fall hatte einfach alles stillgelegt.. Gegen 20 Uhr sagte uns dann eine Krankenschwester, dass wir sowieso im falschen Wartesaal sassen und schickte uns in einen anderen. Wir warteten eine weitere Stunde, ich lernte Luis’ Mutter kennen, die unterdessen auch angekommen war, aber Luis noch nicht hatte sehen dürfen – bis dann plötzlich die Tür aufging und ein völlig geschwollener Luis vor uns stand. 500 Bienestiche zollten ihren Tribut. Und ja, offenbar durfte er nach Hause und ich sollte doch mit ihm mit und nicht mit Aalias Familie. Erst jetzt erfuhr ich allerdings, dass Aalias Familie tatsächlich nur wegen mir noch da war. Sie hatte ihre Abschlusskonsultation schon um 18 Uhr gehabt und hätte schon lange nach Hause gehen können … Wie kann man nur so lieb sein! Tatsächlich hatte auch Luis seine Rezepte schon bezogen … Nur ich wartete noch. Irgendwie gehen Ausländer da noch mehr unter dem Radar durch, als der aus dem ganzen Gesicht blutende Panamaer, der sicher 45 Minuten lang versuchte, einen Arzt zu sehen …

Ein paar Bienenstiche und eine blutgefüllte Spritze.

Es war schon fast 23 Uhr als ich ENDLICH zum Arzt durfte. ENDLICH wurde mir die Spritze aus dem Arm gezogen und ENDLICH konnten wir nach Hause fahren. Ich durfte das Gästezimmer bei Luis’ Familie belegen und schlief etwa 18 Stunden durch.

Ein erfolgreicher Sonntag. 15 Minuten Kletterspass – 8 Stunden Spital. So hatten wir uns das sicher nicht vorgestellt.

Der Tag danach. Ein bisschen geschwollen … die meisten Einstichstellen verwandelten sich dann in kleine Eiterpickel. Yummie.
Ein bisschen sehr geschwollen.

Luis’ Geschichte

«Ich sah dich von oben und habe dir zugerufen, dass du nach rechts gehen sollst, da wärst du zum Weg gekommen. Ich wollte dir helfen, doch ich hing ja noch im Berg und du hast mich nicht gehört. Die Bienen begannen, mich anzugreifen. Ich zog mein T-Shirt über den Kopf, doch sie flogen einfach hinein. Ich hatte noch versucht, die Route abzubauen, merkte dann aber, dass das nicht mehr möglich war und begann mich von Hand abzuseilen. David war zwar noch in der Nähe, aber sicherte mich nicht mehr am Seil, weil auch er vor den Bienen fliehen musste. Ich sah, wie er unten herumrannte, um von ihnen weg zu kommen. Plötzlich konnte ich mich nicht mehr weiter abseilen, weil das Grigri-Sicherungsgerät noch im Seil hing und in einem Karabiner feststeckte. Ich war mit Bienen übersät, schrie vor Schmerzen und Panik um Hilfe – nach zwei oder drei Schreien konnte ich gar nicht mehr schreien, weil die Bienen versuchten in meinen Mund zu fliegen. David hatte mich aber gehört, kam und entfernte das Grigri und ich seilte mich weiter ab. Ich schloss meine Augen und versuchte es blind, weil die Bienen auch meine Augen angriffen. Doch dann ein paar Fuss über dem Boden hing das Seil wieder fest, in einem Baum oder Gebüsch. Ich versuchte es mit meinen Händen zu befreien, doch nichts passierte. Ich dachte, das wars jetzt. Jetzt stecke ich hier fest und bin den Bienen ausgeliefert. Doch plötzlich, ich weiss nicht wie, löste sich das Seil und ich glitt sanft zu Boden. Bis heute weiss ich nicht, was passiert war. Wer mir geholfen hat. Es war so ein seltsames Gefühl. Ein Wunder. Ich stieg aus dem Klettergurt und rannte so schnell wie ich konnte den Weg herunter, so schnell bin ich noch nie gerannt. Nach ein paar Metern, als ich den «Hotspot» der Bienen hinter mir gelassen hatte, spürte ich, wie mein Körper aufzugeben begann. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich jetzt hinlegen und schlafen sollte, um Energie zu gewinnen, dass mir nichts passieren konnte und ich nach dem Schlafen weiter flüchten konnte. Da war mir noch nicht bewusst, dass die Bienen mich hätten töten können. Zum Glück kamen dann David und Lorgio und retteten mich.»

Die Bienen

Jeder, dem ich vom Angriff der Killerbienen erzähle, sagt zuerst «Aber Bienen sind doch gar nicht aggressiv? Was habt ihr dann gemacht?» Worauf ich antworten kann: «Es waren afrikanisierte Honigbienen.» Dank der toten Bienen, die uns die Ärzte aus Ohren und Haaren zogen, konnten sie feststellen, dass dies keine «normale» Bienen waren, sondern Hybride, die in den tropischen und subtropischen Zonen des amerikanischen Doppelkontinents vorkommen.

Wikipedia sagt dazu: «Die Hybride von Apis mellifera entstehen immer wieder durch die Vermischung (Kreuzung) imkerlich bewirtschafteter Bienenvölker mit gelegentlich zugesetzten Königinnen aus europäischer Abstammung und Drohnen dominanter, wild lebender Bienenvölker afrikanischer Abstammung. Sowohl diese Hybride als auch nur die wild lebenden Bienen werden wegen ihrer Angriffslust oft auch als Killerbienen bezeichnet.»

Biene ist also nicht gleich Biene.

An mehr oder weniger normalen Tagen sehen wir übrigens so aus. 😂❤️

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