Wie ich die Corona-Pandemie in Panama erlebte

Ich war nach meinem letzten Blog ein bizzeli schreibfaul, ich gebe es zu. Aus aktuellem Anlass möchte ich euch jedoch über meine Erfahrung mit Corona in Panama berichten. Ich war vom 28. Januar bis am 21. Juli 2020 in Panama, davon vom 24. März bis am 21. Juli in Quarantäne. Im Gegensatz zur Schweiz wurden in Panama nicht nur gewisse Läden und Schulen geschlossen und Versammlungsverbote ausgesprochen sondern zusätzlich richtige Ausgangssperren verordnet.

Panama
4 098 000 Einwohner1
75 517 km² Fläche1
Coronafälle: 67 4532
Corona-Todesfälle: 1 4712
Quellen: 1 Wikipedia; 2 worldometers.info

Was wann in Panama geschah (ohne Anspruch auf Vollständigkeit – gar nicht):

9. März 2020

Der erste offizielle Corona-Fall wurde gemeldet.

13. März 2020

Der Präsident erklärte den «Estado de emergencia».

17. März 2020

Die erste Ausgangssperre wurde erlassen: Zwischen 9 Uhr abends und 5 Uhr früh durfte nur auf die Strasse, wer einen Passierschein bzw. «Salvoconducto» besass.

Leere Strassen

23./24. März 2020

Per Dekret wurde die Schliessung der meisten nicht essentiellen Geschäfte (Restaurants, Transportwesen, Banken uvm.) ab dem 23. März erlassen.

Ab dem 24. März wurde die Ausgangssperre auf 24 Stunden ausgeweitet. Es war uns erlaubt jeden Tag für zwei Stunden raus zu gehen und zwar gemäss letzter Ziffer der Passnummer (meine Passnummer endet auf 4 somit durfte ich von 15.30 Uhr bis 17.30 Uhr einkaufen gehen). Ebenfalls wurde das «Ley Seca» verabschiedet: Bis auf Weiteres (schliesslich bis am 8. Mai 2020) war der Verkauf und Konsum von Alkohol verboten.

Eine der drastischsten Massnahmen war wohl, dass der Flughafen für internationale Flüge gesperrt wurde – vorerst nur für einen Monat, die Sperre wurde jedoch mehrmals verlängert. Aktueller Stand (3. August) ist, dass der normale Flugbetrieb erst wieder ab Ende August aufgenommen wird.

Als der erste offizielle Corona-Fall in Panama bekannt wurde, überraschte uns das nicht gross, schliesslich beobachteten wir das Geschehen im Osten aus der Ferne mit. Was mich jedoch überraschte, war die Schnelligkeit, mit der neue Dekrete erlassen wurden. Kaum hatte man sich an die nächtliche Ausgangssperre gewöhnt, wurde diese bereits auf 24 Stunden ausgeweitet. Die Massnahmen und auch die Geschwindigkeit, in der die Dekrete umgesetzt wurden, konnte ich allerdings sehr gut verstehen. Bei einem Vorfall ein paar Wochen zuvor durfte ich einen Spital von innen kennenlernen und der war bei Normalbetrieb schon so überlastet, dass sie einen Patienten nicht mehr fanden (ja, das gibt es offenbar nicht nur im Film…).

Ich zog es eigentlich gar nicht in Betracht, nachhause zu fliegen. Aufgrund der schnellen und strikten Massnahmen dachte ich, wir würden einen Monat einen «krassen» Lockdown haben und dann – auch wenn das Virus entgegen Trumps professioneller Meinung natürlich nicht einfach so wieder verschwindet – langsam wieder zu einer vorsichtigen Normalität zurückkehren. Einige der Leute im Hostel reisten nachhause oder sogar noch schnell in ein günstigeres Land, wie Kolumbien, um da die Krise durchzustehen. Ich hatte das unendliche Glück, dass Luis, ein Panamaer, den ich ziemlich am Anfang meines Aufenthalts kennenlernte, mich bei seiner Familie unterbrachte, und ich nicht im Hostel bleiben musste.

1. April 2020

Die Ausgangssperre wurde weiter verschärft: Montag, Mittwoch und Freitag durften die Frauen raus, Dienstag, Donnerstag und Samstag war «Männertag» – und zwar immer noch gemäss Passnummer, also nur zwei Stunden pro Tag und nur für Notwendiges. Sonntag mussten alle zuhause bleiben. Kontrolliert wurde dies sowohl im Supermarkteingang sowie mittels Polizeiposten entlang den Hauptstrassen.

13. April 2020

Die Maskenpflicht für Supermärkte und Drogerien wurde eingeführt.

Tatsächlich stand ich an diesem Tag in der Schlange vor dem Supermarkt (mit schön 1,5 Metern Abstand) und wurde (fast) abgewiesen. Die nette Dame, die hinter mir in der Schlange stand, schenkte mir eine Maske und rettete so meinen Einkaufstrip.

Einkaufen mit Abstand und Maske – Hände- und Schuhe werden am Eingang desinfiziert sowie die Temperatur gemessen

April/Mai

Von April bis Ende Mai wurden immer wieder Dekrete erlassen. Keines davon änderte jedoch an meiner persönlichen Gesamtsituation etwas.

Die Zeit in der «absoluten Quarantäne», wie sie es nannten, war hart – ich würde lügen, würde ich etwas anderes behaupten.

Der erste Monat war noch ganz okay, wir rechneten damit, dass bald Lockerungen kommen würden, planten Ausflüge für «danach» und genossen die Tage des erlaubten Nichtstuns. Ich arbeitete weiterhin als selbständige Übersetzerin und die Stunden ohne Arbeit füllten wir mit heiterem Domino-Spiel, «Friends»-Marathons und Kraft- und Klettertraining im kleinen Garten hinter dem Haus. Es war herrlich, es schien absehbar. Auch das Fehlen von Bier und Wein fiel gar nicht gross auf.

Ich hatte grosses Glück, bei einer Familie untergekommen zu sein, die mich wie ein Familienmitglied behandelte – oder eigentlich ja sogar besser. Ich musste mir keine Sorgen machen über Essen und hatte ein Dach über dem Kopf.

Und dennoch. Auch wenn ich gearbeitet, gelesen, sinnvolle (und natürlich auch sehr viele sinnlose) Videos, Serien und Filme geschaut, Pläne gemacht und ein bisschen Spanisch gelernt habe … irgendwann frisst dich die Quarantäne auf. Als sich dem ersten Monat Quarantäne ein zweiter anhängte, wurden wir schon langsam nervös. Wir hatten keine Ahnung, nicht einmal Anhaltspunkte, wie lange das noch gehen würde, die Zahlen schienen nicht so extrem, als dass wir Laien die Quarantäne noch gerechtfertigt fanden. Schlicht gesagt: Es war zermürbend. Irgendwann hast du das Internet totgeschaut, Selbstmotivation und -disziplin krümeln langsam vor sich hin … Im Mai musste ich mit Karpaltunnelsyndrom zum Arzt: Zu viel Laptop-Arbeit in ungünstigen Positionen und zu viel Kletterer-Krafttraining zollten ihren Tribut. Statt starke Finger- und Vorarmmuskeln kriegte ich Schmerzen und Paranoia.

Alltägliche Kontakte und Einflüsse von aussen sind so stark limitiert, dass man irgendwann das Gesamtbild aus den Augen verliert und jede Mücke zum Elefanten wird. Statt Karpaltunnelsyndrom hat man plötzlich Krebs und Muskelkater wird zu Arthritis.

Meine Südamerikareise war für mich ja nicht nur «ich geh ein bisschen ins Ausland», sondern ich hatte einen dauerhaft nomadischen Lifestyle angestrebt – doch Corona verunmöglichte dies schlagartig. Ich hatte schon in der Schweiz das Gefühl, die Decke fiel mir auf den Kopf – aber in Panama tat sie das dann wirklich.

29. Mai 2020

Ende Mai kam endlich die frohe Botschaft: Die Ausgangssperre wurde auf einen Schlag gelockert und galt nur noch von 19 Uhr bis 5 Uhr, unabhängig von Passnummern und Geschlecht. Wir freuten uns. Wie Kinder. EINE GANZE WOCHE LANG. Denn leider mussten die Regionen Panama und Panama Oeste ihre frisch gewonnene Freiheit dann bereits wieder an den Nagel hängen: Als die am stärksten von Corona betroffenen Gebiete, wurden die geschlechter- und passnummergetrennten Ausgangssperren wieder in Kraft gesetzt und wir wieder in unser Zimmer gesperrt.

So sah eine Woche «Freiheit» für uns aus

Ebenfalls wurde ein Plan kommuniziert, wie die Wiederöffnung der Geschäfte erfolgen soll. Betriebe und Co. wurden in sechs Blöcke eingeteilt, die nach und nach öffnen sollten. Am 1. Juni 2020 wurde der zweite Block geöffnet. Luis, der mit dem 3. Block wieder zu arbeiten beginnen würde, hoffte natürlich, dass dieser nur ein paar Tage oder Wochen später geöffnet werde. Heute, am 3. August, ist immer noch weit und breit keine Lockerung in Sicht.

18. Juli 2020

Als ich im Dezember erfuhr, dass ich im Juli Tante werden würde, plante ich natürlich, bis dann zurück zu sein. Als im März in Panama die Ausgangssperre eingesetzt wurde, dachte ich tatsächlich noch, ich würde im Mai wieder herumreisen und im Juli zuhause sein.

Am 18. Juli, nachdem mein Vater mühsam einen Flug für mich gebucht hat (mit seinen Flugmeilen – merci vielmol!), der mich am 27. Juli in die Schweiz bringen sollte, erliess Panama ein 24-seitiges Dekret. Darin wurde unter anderem die Sperrung des Flughafens für internationale Flüge für einen weiteren Monat, also bis Ende August, erlassen. Mein Flug wurde gestrichen.

Während ich an einem Tag Freudentränen heulte, weil ich einen Flug hatte, ich endlich wieder frische Schweizer Luft atmen können würde, heulte ich am nächsten, weil sie den Flug absagten, und am übernächsten (20. Juli), weil mein Vater es doch noch schaffte, mir einen Platz für den einzigen KLM-Flug am 21. Juli zu besorgen und ich meine Gastfamilie definitiv verlassen musste. Juli war anstrengend.

Panama vs. Schweiz

Trotz all den guten Sachen, der Sicherheit, die ich dank meiner Gastfamilie und meiner Selbständigkeit hatte, litt ich mental sehr unter der Quarantäne. Vier Monate (and counting) drinnen zu sein, ist kein Spass. Von weit weg betrachtet, hatte ich es natürlich aber sehr gut und ich bin dankbar, durfte ich die Quarantäne in einer Familie verbringen und war nicht in einem Hostel oder Hotel «eingesperrt». Ein wirklich RIESENGROSSES Dankeschön an dieser Stelle an Luis und seine Familie, für alles, was sie in der Zeit für mich getan haben!

Während in der Schweiz Kurzarbeit eingeführt, Erwerbsersatz bezahlt wurde usw., gilt in Panama die Regel: Wer nicht arbeitet, kriegt kein Geld. Die Verträge werden suspendiert und nach der Quarantäne wieder aufgenommen. Luis’ Arbeitgeber war «grosszügig» und bezahlte zweimal 50 Dollar zum Überbrücken. Lasst euch aber nicht täuschen, denn dieses Geld wird am Ende der Vertragslaufzeit vom letzten Lohn abgezogen.

Die Regierung gründete den «Plan Panama Solidario», in dessen Rahmen Essenstüten und Geld an die Bevölkerung verteilt wurden. In den bedürftigen Gebieten wurden alle zwei Wochen Säcke mit Essen abgegeben, ebenfalls erhielten Menschen mit geringen Einkommen bisher zweimal 80 Dollar. Gerade in der Stadt reicht dieser Betrag nicht weit.

Ich habe lange gesucht, um allgemeinere Informationen über die aktuelle Situation der Panamaer zu finden. Natürlich liest man über den Einbruch der Wirtschaft. Am wichtigsten für Panamas Wirtschaft ist der Dienstleistungssektor – da sowohl Flugbetrieb als auch Tourismus stillstehen, leidet das BIP natürlich stark. Wie es den Menschen allerdings geht, darüber findet man keine Informationen – man kann es sich natürlich aber ausrechnen. Leute, die davon leben, an Ampeln Früchte, an Touristenorten Schmuck oder auf der Strasse Essen zu verkaufen, leiden unter sehr starken Umsatzeinbussen, denn eigentlich dürften sie ihrem Geschäft ja gar nicht nachgehen und wenn, dann gibt es massiv weniger Kundschaft.

Es wird sich zeigen, wie sich das Leben und die Wirtschaft in Panama entwickeln wird. Für die Panamaer hoffe ich, dass sie das Virus bald in den Griff kriegen und die Menschen wieder etwas Freiheit geniessen können!

Meine liebe Gastfamilie – ein professionelles Selfie zu Erinnerung an meinen 32. Geburtstag 😉
Ich könnte noch viel mehr erzählen… aber hier ein Katzenbild

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s