Ab in den Norden (zumindest ein bisschen)

Florianópolis hat so viele schöne Plätzchen zu bieten, dass ich es eigentlich gar nicht mehr verlassen wollte. Doch nach so langer Zeit so tiiiief im Süden, erwachte das Reisefieber in mir und ich folgte dem Südostwind in den Norden (oder so ähnlich). Schon mit Tal und Juan hatte ich einige Orte zwischen Florianópolis und São Paulo angeschaut, um eventuell mit ihnen einen Zwischenstop einzulegen. Aber viele Örtchen sind kompliziert zu erreichen und für das tiefe, sehr tiefe Budget nicht geeignet. Mein nächster Stop hiess also: Curitiba. (Nein, noch nicht São Paulo.)

Joicely, meine Portugiesisch-Lehrerin der ersten Stunde, war zu ihrer Schwester nach Curitiba zurückgekehrt und wollte unbedingt, dass ich sie besuchte. Ihre Schwester sei einverstanden, dass ich zumindest ein paar Nächte bei ihr wohnen würde. Nach einer vierstündigen sehr kalten, aber gemütlichen Busreise erreichte ich Curitiba.

Curitiba ist die Haupstadt des Bundesstaats Paraná und eine der grössten Städte im Süden. Sie hat den Ruf sehr sauber, grün (sehr viele Pärke) und organisiert (super Bussystem) zu sein.

Joicely holte mich am Busbahnhof ab und wir fuhren mit den fancy Bussen nach São José dos Pinhais, eine Stadt die im Süden direkt an Curitiba anschliesst.

Wie man sich das so vorstellt, war die Drei-Zimmer-Wohnung eigentlich schon voll. Ich fühlte mich mit meinem nicht gerade platzsparenden Rucksack etwas fehl am Platz, wurde aber sehr gastfreundlich aufgenommen. Joicelys dreijährige Nichte Maria begann sofort, mir alle ihre Spielsachen zu zeigen und mir aus ihrem Leben zu erzählen. Während ich allerdings Joicelys Portugiesisch langsam richtig gut verstand, hatte ich keine Ahnung, was Klein-Maria da so erzählte. Lächeln und Nicken. Ich erhielt mein eigenes Zimmer, das normalerweise das Zimmer des zwölfjährigen Sohnes war, erfreute mich an der Star-Wars-Deko und erfuhr, dass sein vollständiger Name Alex Anakin war. Jap, mein neues Zuhause.

Nach einem typischen brasilianischen Mittagessen (Reis, Pommes, Farofa – geröstetes Maniokmehl, das auf jeden Teller gehört –, Fleisch, ein bisschen Gemüse für die Farbe) fuhren wir in die Stadt und besuchten den bekannten botanischen Garten. Wer Curitiba googelt stösst direkt auf das Wahrzeichen der Stadt: Die Glaskonstruktion mit drei Kuppeln, in der ein tropischer Küstenwald wächst. So kurz vor Weihnachten kamen wir in den Genuss einer weihnachtlichen Blaskapelle mit Tanzeinlagen. Ehrlichgesagt fand ich das schon ein bisschen seltsam: Die Sonne brannte, wir schwitzten, sie spielten Jingle Bells…

Botanischer Garten, Curitiba

Da ich unbedingt Kuchen essen wollte/musste (es gibt solche Tage), besuchten wir ein kleines Café. Ich erfuhr, dass hier Kaffee am Abend, so à la Zvieri, nicht mit etwas Süssem kombiniert wurde, sondern mit etwas Salzigem. Schliesslich sei der Kaffee ja schon süss, da könne man nicht auch noch Kuchen dazu essen. (Ausser man macht es so schlau wie ich und verzichtet auf die sieben Löffel Zucker im Kaffee, dann liegt ein Viertel Stück Kuchen sehr gut drin, nicht mehr, weil sonst Zuckerschock und so.) Da der Kuchen eben sein musste, tranken wir Wasser dazu.

Als wir etwas später durch die Barstrassen schlenderten, fiel mir auf, wie unglaublich alternativ Curitiba war. In Florianópolis war ich ja selten im Zentrum und es ist auch eine ganz andere Art von Stadt, verteilt über eine Insel, aber hier in Curitiba gab es unglaublich viele Gothic-, Punk-, Metalmenschen, farbige Haare, Piercings und Tattoos. (Obwohl – vor allem grosse – Tattoos in Brasilien grundsätzlich schon normal sind und untättowierte Menschen eher die Ausnahme…)

Nach einer Nacht im Star-Wars-Zimmer wechselte ich bereits in ein Hostel. Joicely schien etwas enttäuscht darüber, allerdings konnte ich schlecht von der Wohnzimmercouch aus arbeiten und nebenbei noch mit Puppen spielen und brauchte eine bürofähige Unterkunft.

Ich checkte also in ein Hostel ein, in dem Joicely früher einmal als Voluntärin gearbeitet hatte. Bereits vom ersten Tag an genoss ich die Gastfreundschaft anderer Gäste. Einige kochten und luden einfach alle, die in der Nähe waren zum Essen ein (manchmal natürlich auch mit finanziellem Zustupf der Essenden). Ich brauchte eine Woche, bis ich mich auch getraute ein Abendessen zu kochen. Spaghetti mit Tomatensauce, Aubergine, Zucchini und Ricotta. Und ganz viel Basilikum. Es überraschte mich ziemlich, dass die Leute so begeistert waren. Natürlich gab ich mir mehr Mühe, als wenn ich dieses Mahl nur für mich gekocht hätte. Aber mir war nicht bewusst, dass sie hier so wenig italiensiche Pasta essen. Gelbe Zucchini war ihnen generell unbekannt, genauso wie perfekt gekochte Pasta. («Pasta» oder «massa» wird hier generell verkocht…)

Dennoch hielt ich es nicht länger als eine Woche aus. Irgendwie überzeugte mich die Stadt nicht so und trotz Gastfreundschaft hatte ich eher das Gefühl, sie wollten sich nur mit mir unterhalten, um sich über meinen Akzent lustig zu machen. (Wirklich. Es gibt Leute, die finden meinen Akzent sympathisch, andere sagen einfach er sei lustig, und dann gibt es die, die dich Wörter nachsagen lassen und dann einfach mal eine halbe Stunde lang darüber lachen, weil du es nicht hinkriegst…

Ich entschied mich also, nach São Paulo weiterzuziehen. Ich brauchte einige Zeit, bis ich mich dazu durchringen konnte. São Paulo hat mehr Einwohner als die ganze Schweiz, sei unglaublich gefährlich (Quelle: Blogs, Menschen, die da wohnen, Menschen, die zu Besuch waren, …) und und und. Allerdings gibt es auch Leute, die unglaublich von der Stadt schwärmten, also wollte ich mir mein eigenes Bild machen.

Noch ein bisschen Weihnachtsstimmung zum Schluss

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