Florianópolis

Für meine ersten paar Nächte hatte ich ein Hostel in Zentrums- und Meernähe gebucht. So ging ich sicher, dass ich, sollte ich dringend etwas benötigen, immer irgendwelche Läden in Reichweite hatte und dabei auch meine üblichen Erkundungsspaziergänge nicht zu kurz kamen.

Ich mochte Floripa, wie es von Insidern genannt wird, von Anfang an. Wirklich. Schon beim Überflug. Auch das Hostel, das ich gebucht hatte, war mehr als in Ordnung. Ordentlich grosse Zimmer, Schliessfächer, Toiletten, bei denen man die Wahl hat, die Tür zu schliessen, oder auf den Toilettensitz zu stehen, Duschen, deren Temperatur man nicht regulieren konnte. Herrlich! Tschuldigung, bin etwas kritisch. Es gefiel mir eigentlich wirklich hier. Und immerhin hatten die Duschen einen super Wasserdruck, sodass man sich 1A das Gesicht verbrennen konnte! (Jaja, ich bin ja schon ruhig.)

Das belebte Zentrum erschlich sich auch schnell einen Platz in meinem Herzen: Bunte Häuser, unterschiedlichste Läden, wahnsinnig viele Menschen. Auf Empfehlung hin war mein erstes Ziel der Vivo-Shop. Hier wollte ich mir eine SIM-Karte kaufen, um auch unterwegs mobil zu sein. Das Angebot: 3 GB pro Woche, gratis WhatsAppen, unlimitierte Anrufe auf andere Vivo-Nummern und innerhalb von Santa Catarina, und das für 15 Reais pro Woche (also etwa 15 Franken pro Monat). Ich wartete einige Zeit, bis der einzige Englisch sprechende Mitarbeiter frei wurde. Sie entschuldigten sich bei mir, dass sonst niemand Englisch sprach, aber ehrlich gesagt, fühlte mich schon seit meiner Ankunft schlecht, weil ich (noch) kein Portugiesisch spreche. Wie beim Spanisch kann ich unterdessen sehr viel verstehen, wenn ich es lese und Einiges, wenn ich es höre. Aber jedesmal, wenn ich einen lange in meinem Gehirn vorbereiteten Satz zum Besten geben wollte, war da nur heisse Luft. Ich bin nun noch entschlossener, Portugiesisch zu lernen, damit ich mir diese himmlisch klingende Sprache völlig einverleiben kann. Nun denn, als Paulilo endlich Zeit für mich hatte, dauerte es exakt eine Stunde, bis ich mit einer aktivierten SIM-Karte aus dem Shop ging. Er hatte effektiv alles für mich gemacht, viel professioneller als in all den anderen südamerikanischen Ländern, von denen ich eine SIM-Karte besitze. Nur das Internet funktionierte noch nicht und er meinte, ich müsse wohl noch so zwei Stunden warten, bis es aktiv sei. Da es allerdings auch am nächsten Tag noch nicht lief, verbrachte ich nochmal eine Stunde im Shop. Paulilo versuchte auf zwei Handys gleichzeitig den Kundendienst zu erreichen. Da wollte jedoch offenbar niemand arbeiten und die Pausenmusik dröhnte fröhlich beidseitig an seine Ohren. Als es nach einer Stunde Daten neu eingeben und Warteschlangenmusik aus unerklärlichen Gründen plötzlich funktionierte, freuten sich alle Mitarbeiter im Shop gleichermassen: «Obrigado Deus». Amen.

Übrigens hatte ich zuvor in einem anderen Blog gelesen, dass nur Claro SIM-Karten ohne CPF (die brasilianische ID-Nummer) verkauft. Offenbar tut dies aber auch Vivo. Natürlich könnte es sein, dass Claro-Mitarbeitende etwas mehr Erfahrung darin haben und es deshalb nicht zwei Stunden dauert… Ich kriegte allerdings, da ich direkt 50 Reais auflud, noch 1 GB pro Woche gratis dazu. Das ist ja auch nicht von schlechten Eltern.

Wieder zurück im Hostel wollte ich ein paar Bürosachen erledigen und bemerkte mit Schrecken, dass das Einzige, was ich nicht überprüft hatte, war, einen Adapter für den Laptop mitzubringen. Nun gut, ich hatte einen Reiseadapter mit sieben Aufsätzen dabei, einer würde ja wohl…

Nein.

Da brachte ich mir halt «Preciso de um adaptador» bei, watschelte wieder ins Zentrum (so zehn Minuten) und suchte nach einem Geschäft, das aussah, als würde es Adapter führen. Das heisst, zuerst hatte ich im Hostel gefragt, wo ich denn so etwas kriegen würde und suchte dann, weil deren Tipp leider nichts war, online nach Elektronikgeschäften. Bevor ich aber beim Herumstreunen eines davon erreichte, sah ich ihn: Taschen, Uhren, Chrüsimüsi… Irgendetwas sagte mir, dass dieser Laden, der in meiner Welt eigentlich absolut gar nichts mit Adaptern oder Elektronik zu tun hatte, einen solchen für mich hatte. Und TADA! Zuerst wollte sie mir einen ganz kleinen andrehen, der aussah, als würde er und mein Laptop innert kürzester Zeit explodieren. Sie hatte zum Glück aber auch einen grösseren mit Sicherung. Nun gut. Ich gönnt mir dieses teure Ding für vier Franken.

Anschliessend spazierte ich die Beira Mar Norte entlang, genoss die Meersicht auf der einen und das Rauschen der Autostrasse (je drei Spuren) auf der anderen Seite.

Etwas später am Abend konversierte ich mit meiner Zimmergenossin. Guilhelmina ist vielleicht so 70 Jahre alt und wohnt in São Paulo. Zu Beginn unterhielten wir uns auf Englisch und Portugiesisch. Als ich ihr meine Geschichte erzählte (so gut es ging), war sie völlig fasziniert. In Brasilien gäbe es Menschen wie mich sicherlich auch, aber es sei eher selten, denn die Familien seien sehr verbunden und es sei unvorstellbar, länger getrennt zu sein. Ihre Mutter sei vor zwei Jahren im Alter von 98 Jahren gestorben und es hätte keinen einzigen Tag gegeben, an dem sie keinen Kontakt gehabt hätten. Ein Grund für die Verbundenheit der Familien sei natürlich auch, dass sich der Staat weniger «einmische», in Europa gäbe es Auffangnetze und staatliche Unterstützung, hier sei man schlicht von der Familie abhängig. Ohne dieses «Netz» würde gar nichts funktionieren. Hier wechselte sie sanft zum Thema Politik und wie sie alle sehr schockiert seien, dass die Linken in Argentinien gewonnen hätten, denn die Linke (unter Präsident Lula) sei Schuld daran, dass es Brasilien so mies ginge, sie hätten alles kaputt gemacht. Sie zählte ein paar Sachen auf, die die Linke eingeführt/gemacht und damit das Land zerstört hatte. Ich konnte mir zwar nicht alles merken, fand es allerdings interessant, dass sie die Einführung der Ehe für Homosexuelle noch vor der zerstörten Wirtschaft nannte. Etwas, das für mich so völlig normal und logisch ist und in dem ich auch keinen negativen Einfluss whatsoever sehen kann, scheint die traditionsbewusste Frau offenbar mehr zu stören, als die hohe Arbeitslosigkeit und die nicht funktionierende Wirtschaft. Für solche Konversationen ist mein Portugiesisch aber leider wirklich zu schlecht. Daran müssen wir arbeiten. Sie ergänzte noch, dass Bolsonaro «loco» sei, aber wenn man die Wahl habe zwischen der Linken und Bolsonaro, dann halt doch lieber Bolsonaro… Den Verrückten gehört die Welt.

Irgendwann fragte sie mich, mit welchen Sprachen ich denn arbeite. Als sie hörte, dass ich Italienisch spreche, teilte sie mir mit, dass ihr Mann Italienier sei und sie deshalb auch etwas Italienisch könne. Zuerst war ich heilfroh, dass ich mich nun in einer Sprache ausdrücken konnte, die ich zu beherrschen glaubte, dann merkte ich, dass mein Gehirn nun den italienischen Wörtern spanische Endungen anhängte und eine portugiesische Aussprache erzwang. Nun gut, dann kann ich jetzt halt drei Sprachen so ein bisschen und keine mehr so wirklich. Wir verstanden uns trotzdem. Kurz vor der Bettgehenszeit gab sie mir noch ihre Adresse, damit ich, wenn ich in São Paulo sei, auch eine Unterkunft hätte. Da sie die Busnummer nicht mehr wusste, videotelefonierte sie kurzerhand mit ihrem Sohn (eines von vier Kindern) in Acre. Den Bruno kenne ich nun also auch.

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