Fünf Freunde auf Odyssee

Da standen wir also, Linda, Lucia, Nina, Rebecca und ich, Anna. Freitagmorgen, unter der Byebye-Bar am Flughafen Zürich, ready to take off. Eigentlich hätten wir Nina hier das grosse Geheimnis verraten sollen: die Destination. Schliesslich war dies ihr Hochzeitsgeschenk – da wir es nicht fertig gebracht hatten, ihr eine Bacheloretteparty zu schmeissen, wollten wir sie ordentlich zu einer Wochenendreise einladen… dass diese nun über ein Jahr nach der Hochzeit stattfand, ist wieder eine andere Geschichte. Nina wusste zu diesem Zeitpunkt aber schon seit geschlagenen fünf Minuten(!), wohin wir sie entführen wollten, weil sich jemand (nicht ich, ausnahmsweise) im gemeinsamen Chat verplappert hatte. Wir hatten uns grosse Mühe gegeben, Nina keine Hinweise auf die Destination zu liefern und waren bemüht, sogar Wetterberichte ohne Stadtnamen zu verschicken… Auch Nina hatte sich dann grosse Mühe gegeben, beim Morgenkaffee vor mir zu verheimlichen, dass sie die verräterische Nachricht schon gelesen hatte und somit die Destination bereits kannte. Nun denn: Sarajevo in Bosnien-Herzegovina war unser Ziel.

Unsere ersten gemeinsamen Stunden verliefen wunderbar reibungslos, alle durften boarden, und Umsteigen in Ljubljana war auch ein Leichtes. Vor dem kleinen Flughafen von Sarajevo fanden wir auch schnell zwei Taxis, die uns für lockere 60 km (nicht Kilometer, sondern konvertible Mark) zu unserem Guesthouse brachten. Natürlich wollten wir zuerst etwas zwischen die Zähne kriegen und steuerten ein Restaurant an, das uns für seine Cevapcici-Spezialität empfohlen worden war. Während des Kauens grinste uns Linda plötzlich verdächtig hysterisch an und sagte – immer noch grinsend: «Das ist jetzt kein Witz, imfal. Aber unser Rückflug wurde soeben storniert.» Wir sollten uns – natürlich telefonisch – bei der Airline (Adria Airways) melden. Macht man immer gerne im Ausland, ist ja so besonders günstig. Meiner momentan arbeitslosen Seele setzte die Lage nicht besonders zu, den Nicht-Arbeitslosen unter uns (also alle anderen), kam die Stornierung eher ungelegen, war die Chance doch gross, dass wir es nicht wie geplant am Sonntagabend zurückschaffen würden.

Wir versuchen also, uns erst einmal nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und den Tag zu geniessen, indem wir durch die Strässchen schlenderten und bei Džirlo bosnischen Kaffee und fruchtige Sirups tranken. Der Gastgeber des Teehauses, das auf TripAdvisor übrigens die Nr. 1 der sarajevischen Cafés ist, ist ein wunderbar inspirierender Lebemann, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt und eine beruhigende innere Zufriedenheit versprüht. Die wahre Entschleunigung.

Der Blick vom Džirlo aus

Am Abend versuchte Linda vom Festnetz unserer Unterkunft (von lieben Menschen geführt), die von Adria angegebene Nummer für Hilfe bei Flugstornierungen anzurufen. Nach zehn Minuten in der Warteschlange, wurde das aber auch schon zu teuer (und zu blöde) und sie schrieb eine E-Mail. Gemäss Webseite war die Hotline zudem nur Montag bis Freitag besetzt. Wir hofften allerdings, dass sich Adria trotzdem am Wochenende dazu herunter lassen würde, uns zu kontaktieren, um uns einen alternativen Heimflug anzubieten.

Wir genossen den Freitagabend und Samstag so gut es ging. Sarajevo ist ein wahres Schmuckstück, eine bezaubernde Stadt mit herrlichem Kaffee und süssen kleinen Läden.

Sarajevo

Am Samstag fuhren wir mit der Seilbahn auf den Trebević, ein Berg, von dem man über die ganze Stadt blicken konnte, spazierten etwas in der Sonne und bestaunten die Überreste der Bob- und Rodelbahn, die für die Winterspiele 1984 errichtet worden war. Am späteren Nachmittag diskutierten wir einmal mehr, ob wir vielleicht zum Flughafen fahren sollten, in der Hoffnung, jemanden von Adria anzutreffen und einen Rückflug buchen zu können. Ein Teil der Chicas setzte sich zum Drink in eine Bar, Lucia und ich machten uns auf zum Guesthouse, um unsere Pässe zu holen, da wir diese – im Falle eines positiven Ausgangs am Flughafen – ja wohl brauchen würden. Im Guesthouse angekommen, versuchten wir es allerdings nochmals telefonisch bei der Fluggesellschaft. Sogar die Besitzerin telefonierte für uns herum, da Bosnisch leider nicht in unserem Repertoire ist.

Las chicas en la Bobbahn

Es verging fast eine Stunde bis uns klar wurde, dass auch eine Fahrt zum Flughafen nichts an unserem Problem lösen würde. Adria Airways war nicht zu erreichen – schon gar nicht am Wochenende. Wir setzten uns zu den anderen in die Bar, wo wir dank Rebecca noch Gratisshots vom Lebemann abstaubten (sein Café war direkt gegenüber und man kannte sich hier gut in der Strasse).

Am Sonntag machten wir uns schon am Vormittag auf zum Flughafen. Unser Flug wäre theoretisch um 15 Uhr gewesen, aber vielleicht gab es ja frühere Möglichkeiten, nachhause zu kommen …

… Ähm. Nope.

Von Adria Airways war am Flughafen niemand anzutreffen. Ein Swiss-Mitarbeiter, den wir vor den leeren Airline-Büros abpassten, informierte uns, dass auch ihre Flüge überbucht waren und er bereits versuchte, die «überbuchten» Swiss-Gäste nachhause zu fliegen. Bis am Dienstag seien die Chancen sehr gering, überhaupt aus Sarajevo rauszukommen. Egal in welche Richtung. Einige der Chicas hatten bereits vorgängig andere Möglichkeiten geprüft, nachhause zu kommen. Zum Beispiel gab es von Split aus noch einen Flug. Und Split war ja nur etwa fünf Autostunden von Sarajevo entfernt. Da der Bus bereits weg war, blieb nur noch ein Mietauto. Während zwei Chicas den Flug um 19 Uhr buchten, reservierten die anderen ein Mietauto. Wir waren sehr darauf bedacht, beides gleichzeitig zu machen, denn ein Mietauto ohne Flug, würde uns auch nicht weiterhelfen.

Theoretisch hätte ich ja auch noch länger in Sarajevo bleiben können, aber einen Roadtrip verpassen? Ich glaube nicht.

Wir fuhren also fünf Stunden von Sarajevo durch die Berge nach Split. Ein herzliches Dankeschön an die drei Fahrerinnen, die uns durch einige Vollbremsen von Unfällen mit wahnsinnigen, uns entgegenkommenden Überholmanöver-Fahrern bewahrten. Danke! Würkli!

Gegen 17 Uhr erreichten wir Split. Ein wunderschöner Flughafen, ich sags euch! Ganz neu. Ich war schon ganz begeistert und freute mich, dass wir bald in einem Flieger nachhause sitzen würden. Auto abgegeben, in die Check-in-Halle eingetreten, auf die grosse Abflug-Anzeige gestarrt… Da fehlt ein Flug. Der Flug um 19 Uhr nach Zürich, der steht nicht auf der Tafel. Noch einmal in die Buchungsmail geschaut: Da steht «Edelweiss, Zürich nach Split». Nicht Split nach Zürich. Irgendwie konnte ich nicht aufhören zu lachen und auch den anderen Chicas stand die grinsende Hysterie ins Gesicht geschrieben. Filmreif. Warum dies passiert war, war allerdings schnell klar: Auf der Edelweiss-Webseite kann man nur Flüge ab Zürich buchen. Alle Flüge mit anderen Abflugflughäfen müssen über die Swiss-Webseite gebucht werden und die Freude über den Nachhauseflug war so gross, dass die Richtung nicht allzu genau überprüft wurde. Immerhin konnten wir die Plätze innerhalb kürzester Zeit noch gebührenfrei stornieren. Und: Es gab tatsächlich noch einen Flug nach Zürich, um 21 Uhr. Online wies der aber nur noch zwei Plätze in der Business-Class auf. Wir hofften, jemanden zu finden, der uns vielleicht noch reinschmuggeln würde, aber auch hier galt die Regel: Mitarbeiter der Edelweiss würden frühestens zwei Stunden vor dem Flug auftauchen, bis dahin blieb uns nur warten übrig. Wir gönnten uns also ein Abendessen und beschlossen das weitere Vorgehen: Linda buchte einen Flug ab Split am Montagabend und ich schloss mich ihr an. Eine Zweistädtereise an einem Wochenende? Warum nicht. Rebecca und Nina buchten die Business-Class-Tickets und Lucia pokerte, in der Hoffnung auf No-Shows oder eine andere Möglichkeit, das Flugzeug um 21 Uhr zu boarden.

Linda und ich machten uns schon einmal auf den Weg in die Stadt. Mit einem Bus. Der plötzlich an einem ziemlich verlassenen Mini-Bahnhof hielt und der Fahrer auf die Gleise zeigte und einfach nur «Der Bus hält hier, nehmen Sie den Zug» sagte. Oder eher: «Tren. You take tren. 20 minutes. Go! GO!» Ausnahmslos alle Buspassagiere schauten verwirrt. Wir wussten auch nicht, ob der Zug in 20 Minuten losfahren würde oder 20 Minuten ins Zentrum hatte… Aber nun gut, warum nicht. Dann hatten wir heute einmal (fast) alle motorisierten Fortbewegungsarten durchgemacht – ausser das Flugzeug. Das einzige, das wir wirklich wollten.

Linda und ich hatten uns unterdessen damit abgefunden, einen Tag festzusitzen und feierten sogar die Zugfahrt in der kleinen Zugkomposition. Am Zielbahnhof angekommen, suchten wir WLAN und buchten ein Zimmer für drei Leute – die Spannung hat hier ein Ende: Vor Lucia warteten noch vier weitere Leute auf No-Shows, sie würde also in Kürze zu uns stossen und dann ebenfalls am Montagabend fliegen.

Wir genossen unsere Zeit in Split: gutes Essen, Cocktails in einer Rooftop-Bar, Gratis-Städtetour, Shopping, nettes Airbnb… Und tatsächlich boardeten wir am Montagabend den Flieger nach Zürich. Wuhu!

Danke euch, Chicas, für ein abenteuerreiches, tolles Wochenende!

Übrigens: Natürlich versuchten wir von Adria noch Geld zurückzukriegen über das Online-Formular für solche Angelegenheiten. Schliesslich hatten wir einiges an Mehrkosten tragen müssen und mindestens das Geld für den nicht durchgeführten Flug wollten wir zurückhaben. Unterdessen, etwa acht Wochen nach dem Flug, hat die Adria Airways allerdings Konkurs angemeldet und somit kann uns auch keine Versicherung mehr helfen, das Geld zurückzukriegen. Bye bye money…

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