Rapa Nui

Meine Vorfreude auf Rapa Nui war riesig. Santiago war ja wettermässig etwas kalt und nass ausgefallen, also hoffte ich, auf der Osterinsel Sonne zu tanken und packte den Bikini zuoberst in den Rucksack. Am Morgen um 4 Uhr, nach der fast schlaflosen Nacht, stieg ich im strömenden Regen in mein Uber ein. Die erste Fahrt mit Uber, die ich über meine eigene App gebucht hatte. Huiuiui. Da die App meine Kreditkarte nicht akzeptieren wollte, musste ich bar bezahlen, was den Fahrer dazu veranlasste, sehr undezent die Augen zu verdrehen. Aufgrund der Polizei war es offenbar nicht möglich, erst am Flughafen zu bezahlen, so bezahlte ich den vorab geschätzten Preis während der Fahrt. Ich habe nicht herausgefunden, ob Uber in Chile illegal ist, oder einfach nicht gern gesehen…

Am Flughafen angekommen lief dann – vorerst – alles reibungslos. Ich gab mein Gepäck auf, füllte das Formular für die Einreise nach Rapa Nui aus, ging beim PDI vorbei, die einen Stempel in meinen Pass knallten und das Formular einsackten. Kaufte Kaffee (auf dessen Becher «Good Luck» geschrieben wurde – die Ironie wurde mir erst später bewusst) und wartete beim Gate. Bis fast die letzten eingestiegen waren. Dann ging ich vor. Ob ich denn keinen Zettel hätte, fragte mich die Bordkartenkontrolleurin. «Zettel? Ja, den hier», und ich klaubte den PDI-Einreisezettel (sieht aus wie ein Kassenbon) für Chile hervor. Nein, nicht den, der sei von der Polizei. Der andere. Ob ich denn das Formular nicht ausgefüllt hätte? Doch, natürlich, aber das habe die Frau am PDI-Schalter behalten. Die Kontrolleurin wedelte mit meinem Pass herum und meinte, ich müsse nochmal zurück (und dieses «zurück» war weit weg, sehr weit). Ob ich denn den Flug noch erwischen werde? Das wisse sie nicht… Zum Glück war ich nicht die Einzige. Zwei Amis mussten auch nochmal zurück, sie hatten aber offenbar gar nie ein Formular ausgefüllt… Am PDI-Schalter angekommen, versuchte ich der Dame, die mich vorher abgefertigt hatte, auf Englisch zu erklären, was mein Problem war, und, dass ich offenbar dieses Formular, das da lag, haben müsse. Sie begutachtete ihre Nägel und reagierte nicht. Der Kollege in der Box neben ihr schien offenbar mehr Englisch zu verstehen: «Wir haben keine Formulare. Nur diese.» Und wedelt mit eben diesen Formularen, die ich zu brauchen meinte, vor meiner Nase herum. Nachdem ich genug mit den Händen gewedelt hatte und kurzzeitig in Panik ausgebrochen war, liess meine Freundin den Blick von ihren Nägeln ab, blätterte meinen Pass durch und zeigte mir auf Passseite 20 den Zettel, der immer da gewesen war und den ich offenbar benötigte. Sah genauso aus wie der PDI-Einreisezettel und hatte in dem Sinne nichts mit dem Formular zu tun… Spannend, dass das der Kontrolleurin am Gate nicht eingefallen war. Und mir auch nicht. Allerdings dachte ich auch, wir suchen ein A5-grosses Formular und nicht einen Kassenbon. Ich sage euch, lernt Spanisch! Nun denn, noch einmal durch die Sicherheitskontrolle und dann losrennen. Ausser Atem und bizzeli verschwitzt kam ich beim Gate an, das Flugzeug war noch da. Puh! Keuchend setzte ich mich auf meinen Platz. 20 Minuten später die Durchsage «Boarding complete» – zum Glück bin ich gerannt! Noch selten war ich morgens um 6 Uhr so wach!

Da ich einen Sitz in der Mitte des Flugzeugs hatte, kriegte ich von der Landung praktisch gar nichts mit, umso begeisterter war ich, als ich aus dem Flugzeug ausstieg, die Sonne auf mein Haupt schien und das Meer in der nicht so weiten Ferne blau leuchtete.

Praktisch alle Hotels bieten gratis Transfers an. So wartete auch auf mich jemand mit dem Schild «Anna Stock» [sic!] und einer Blumenkette. Dann ging es los auf eine kleine Tour durch das Städtchen: Minimärkte da und dort, da drüben muss das Nationalparkticket gekauft werden und da hinten gibt es den Bankomaten, an dieser Strasse sind die Touranbieter und an der nächsten die guten Restaurants.

Kaum im Hotel angekommen, machte ich mich auf zum Meer, erkundete die Stadt, die Strände, dachte darüber nach, ob ich meine vier Tage auf Rapa Nui alleine verbringen werden würde – zack, hatte ich einen Hund. Mal wieder. Gut eine Stunde lang begleitete er mich am Meer entlang, sprang um mich herum, wollte spielen, gestreichelt werden, Futter kriegen – alles musste ich ihm verwehren. Der Hund, nennen wir ihn Struppi, kratzte sich so dermassen häufig, dass ich ihn gerne (sehr) weit von mir halten wollte. Trotz Hundeblick.

In der Agentur-Strasse buchte ich etwas später eine Tour für den nächsten Tag (Freitag), Ost- und Südteil der Insel. Es windete und regnete aber so dermassen am Freitag, dass ich mich nicht aus dem Bett erheben konnte. Eigentlich wollte ich den ganzen Tag im Hostel bleiben, irgendwie war meine Stimmung etwas gedrückt. Erst nachdem mein Sandkastengspändli Jonathan mir auf meine genervte «Es regnet, alles ist Scheisse»-Nachricht mit «Take your chance» antwortete, konnte ich mich aufraffen. Ich schlüpfte in Regenjacke und -hose (die ich schon mehrmals entsorgen wollte, weil ich daran zweifelte, sie wirklich zu brauchen), umarmte den Regen und machte mich auf, die Insel und die Moais von einer anderen Seite kennenzulernen. Nicht alles ist eitel Sonnenschein. Und immerhin herrschten trotz Regen und Wind angenehme 25° C.

Ich spazierte also am Meer entlang Richtung Norden, da wo die Höhlen waren. Diese wären allerdings geschlossen, hatte man mir im Hostel gesagt, bei Regen sei es da viel zu rutschig. Aber der Weg dahin bot ein paar andere Sehenswürdigkeiten. Zum Beispiel ein Auto, das in der schlammigen Strasse stecken geblieben war. Hilfe war schon da – und drei Hunde… meine neuen Freunde natürlich. Vier Stunden lang begleiteten sie mich, zwei davon trugen Halsbänder, was sie als Nicht-Streuner kennzeichnete, sie aber nicht von einem friedlichen Spaziergang im Regen abhielt. Sehr vorteilhaft: Sie kannten den Weg. Ich wollte den Trekkingpfad entlanggehen, der noch schlammiger war als die ungepflasterte Strasse (natürlich), aber auch näher am Ufer und somit viel die bessere Aussicht (wunderschön, auch bei Regen!) bot. Der Pfad war teilweise etwas versteckt, die Hunde führten mich aber sicher über Stock und Stein (und durch Wasserlachen), warteten auf mich, wenn ich Fotos schoss, und hielten mir eine Gruppe anderer streunender (und verrückt bellender) Hunde vom Leib.

Theoretisch hatte ich ja jetzt eine Tour verpasst und rechnete schon damit, viel Geld in den Wind geschossen zu haben, nur weil ich regenscheu gewesen war. Allerdings erfuhr ich, dass die Tour sowieso nicht stattgefunden hatte, weil gewisse Sehenswürdigkeiten geschlossen waren und baden am Anakena-Strand bei Regen nicht so sexy war – und kriegte sogar das Geld zurückerstattet. Wie erfreulich! Ich buchte daraufhin eine andere Tour, die am nächsten Tag trotz Regen stattfinden würde. Mae, die Tourleiterin (so in meinem Alter), holte mich am Samstag um 9 Uhr ab. Mit einem 8-Personen-Minibus und der Info, dass ich die Einzige war, die dem Regen trotzen wollte. Der erste Stop war der Vulkan Rana Raraku, Geburtsstätte der Moai, denn hier wurden damals (1450–1650) die Menschenfiguren aus Stein gehauen. Ich hatte Glück: Eigentlich war die Stätte wegen Regen geschlossen (vor kurzem hatte sich offenbar ein Tourist einen Arm gebrochen, weil er auf den regennassen Steinen ausgerutscht war), da ich allerdings in Begleitung von Mae war, durften wir zumindest den Steinbruch besichtigen – den Vulkankrater nicht, so lebensmüde waren wir nicht. Mae erzählte mir die ganze Geschichte der Moai: Diese wurden hier aus dem Vulkangestein gehauen, weil es die richtige Dichte und Härte hatte. Der Transport gestaltete sich allerdings ziemlich schwierig und es gibt diverse Theorien, wie die Moai von dem Vulkan zu den unterschiedlichen Ahu (Zeremonialplattform) rund um die Insel herum gekommen waren – eine Theorie besagt, dass sie selbständig dahin spaziert waren… Im Steinbruch gibt es Moais in allen Stadien der Fertigstellung: Gewisse sind einseitig noch mit dem Vulkan verbunden, andere stehen – wie bestellt und nicht abgeholt (tatsächlich) –, wieder andere liegen zerbrochen herum. Die Moai – Abbilder verstorbener Häuptlinge und Beschützer der Inselbewohner – kriegen allerdings erst Leben eingehaucht, wenn ihnen die Augen eingesetzt werden, was jeweils erst geschah, wenn sie an ihrer endgültigen Stätte angekommen waren. Entsprechend war es auch nicht weiter schlimm, wenn ein Moai unterwegs zerbrach, da ihm zu dieser Zeit noch keine Seele innewohnte. (Allerdings stelle ich es mir sehr frustrierend vor für den Meistersteinmetz. Es ist nicht bekannt, wie lange an einem Moai gearbeitet wurde, aber es muss mit mehreren Monaten oder sogar Jahren pro Figur gerechnet werden.) Der grösste Moai der Insel ist 21 Meter hoch. Allerdings liegt er noch im Steinbruch und wurde auch nie vollständig vom Vulkan gelöst. Auch hier gibt es unterschiedliche Theorien: Entweder, die Steinmetze stellten fest, dass er schlicht zu schwer war, um jemals transportiert zu werden, oder er wurde nur für Marketingzwecke gemeisselt («Schaut, wenn ihr genug Geld habt, machen wir euch einen riesigen Moai»), oder…

Rano Raraku

Von Wind und Regen gepeitscht fuhren wir weiter zum Ahu Tongariki, dem Ahu mit den meisten Moai (15), die 1960 durch einen Tsunami alle bis zu 100 Meter ins Landesinnere geschleudert worden waren, und dessen Restaurierung nur mit der finanziellen Unterstützung aus Japan möglich gewesen war. Wir besuchten auch Vaihu, wo die Moai noch kopfüber im Schlamm liegen. Dieser Ahu war nicht restauriert worden und zeigt die Zeit um das 18. Jahrhundert, als aufgrund von Differenzen der verschiedenen Clans und Glaubensrichtungen auf der Insel alle Moais von den Ahus gestürzt wurden.

Das beste an meiner Privattour mit Mae war, dass ich nicht nur alles über die Geschichte der Osterinsel erfuhr (und teilweise leider schon wieder vergessen habe), sondern auch ganz viel aus Maes Leben und über das aktuelle Rapa Nui. Zum Beispiel gibt es kein College auf Rapa Nui, weshalb die Schüler nach Valparaíso dürfen für ihre weiterführende Schulbildung – Kost und Logis gratis. In Maes Klasse waren damals 20 Schüler, nur fünf entschieden sich für das College. Einigen war es zu weit weg, für andere war bereits klar, dass sie das Familienbusiness (Minimarkt, Restaurant, …) weiterführen würden. Auch sonst laufe Vieles mit Vitamin B: Wenn der Vater im Elektrizitätswerk der Insel arbeite, sei es eigentlich nur eine Formsache, dass der Sohn da auch Arbeit finden würde.

Auch spannend: 1973 gab es auf der Insel nur drei Autos und die gehörten alle der Polizei, der Rest bewegte sich zu Pferd fort. Heute haben nur schon die Rent-a-car-Firmen 200 Autos registriert. Je. 1973 gab es aber auch nur 2000 Einwohner. Heute sind es 4000 Rapa Nui und etwa 6000 «Fremde», hauptsächlich Festlandchilenen. Deshalb gelte nun ein Einreiseverbot bis die Studie darüber, wie viele Einwohner die Insel verträgt, abgeschlossen sei. Interessanterweise werden vor allem Chilenen deshalb beim Besuch auf der Insel ganz genau beobachtet, damit sie auch ja wieder abreisen.

Ich plante auch wieder abzureisen, aber erst am Montag. Am Sonntag machte ich noch einen Abstecher zu Orongo, einer Kultstätte des Birdman-Glaubens, und dem Rano-Kau-Vulkan. Vier Stunden wanderte ich im wunderschönen Wetter zum Krater und zurück, begutachtete die Orongo-Kultstätte, die man trotz Parkticket, genauso wie die Rano-Raraku-Steinbruch, nur einmal in zehn Tagen besuchen durfte (danach würde man ein neues Ticket für 85 Dollar brauchen). Danach gönnte ich mir in einem hübschen Seaside-Restaurant mit Blick auf die Surfer einen Caipirinha und erfreute mich zum Abschluss an der Begeisterung des Barkeepers, der wohl damit gerechnet hatte, dass ich ein gratis Wasser bestellen wollte. Prost!

Rano Kau

2 Kommentare zu “Rapa Nui

  1. Nach langer Zeit eine Anna-Session eingelegt, fast nonstop, versteht sich. Serendipity/Law of Attraction. Immer wieder: ich werde an die Tarot-Karte erinnert, die alles ins Rollen bringt (numero uno). Du findest den Mut, viel zu verwirklichen/zu erleben and wow! Und: alleine Reisen… ist „das wahre Reisen“, whatever they say… Please tell us more. Take care, mi niña! JM

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