Ahora… oder später…

Es ist Zeit, euch von meinen ersten Tagen (6. bis 13. Juni) in Santiago zu berichten – das war noch vor der unausstehlichen Nacht im Hostel und der Reise nach Rapa Nui.

Diese Tage verbrachte ich grösstenteils mit Diego aus Brasilien, der einen Teil seiner Ferien in Santiago verbrachte. Am ersten Tag spazierten wir einfach ein bisschen durch die Stadt, wie ich das üblicherweise mache. Diego fand, dass ich im Reisen geübt sei und er deshalb einfach das mitmachen würde, was ich machen wollte. (Mit anderen Menschen reisen ist ja nicht immer problembefreit, aber das machte mir das Leben natürlich sehr einfach. Er beklagte sich auch nie. Sehr pflegeleicht.) Dieser Spaziergang führte uns durch ein eher langweiliges Zentrum (das zwar aussah wie Florída in Buenos Aires, aber weitaus ruhiger war) bis hin zum Cerro San Cristóbal. Noch bevor wir uns entschieden hatten, ob wir hochgehen oder die Standseilbahn nehmen sollten, wurden wir auf portugiesisch angesprochen. Das war schon in Buenos Aires der Fall gewesen. Es müssen die perfekt gestylten Augenbrauen sein, die die Brasilianer verraten, oder ich weiss es nicht… (In dem Moment hatten wir uns nicht unterhalten, es konnte also auch nicht am Akzent gelegen haben.) Wie dem auch sei. Der Brasilianer gehörte zu einer Agentur, die unterschiedliche Touren anbot, unter anderem Besuche mit oder ohne Skifahren im Valle Nevado. Für mich war das eher lächerlich – eine Tour zu einem verschneiten Berg –, ich gebe es zu, und ich dachte nicht, dass das wirklich «a thing» sein konnte… Ich merkte aber bald, dass ich steinreich geworden wäre, hätte ich für jedes Mal einen Peso gekriegt, wenn ich einen Brasilianer in Santiago «Valle Nevado» sagen hörte. Es schien als wäre ganz Brasilien in Santiago, um Schnee zu sehen.

Wir fuhren dann übrigens mit der Standseilbahn den Cerro hoch und genossen die Aussicht über Santiago und die viel zu sichtbare Luftverschmutzung.

«Hay un poco de contaminación», schrieb José dazu

Am Abend hatten wir uns mit José (den wir auch in Buenos Aires kennengelernt hatten) zum Karaoke verabredet. Auch Moritz (der Schweizer, den ich in Mendoza getroffen hatte, und der diesen Cameo-Auftritt sicher sehr zu schätzen weiss) wollten wir zum Abendessen und Karaoke «mitnehmen». Wir hatten noch keine feste Zeit abgemacht, José informierte uns irgendwann, er sei noch bis um 9 Uhr im Büro. Gegen 10 Uhr wollten Diego und ich uns dann endlich mit dem halb verhungerten Moritz treffen (zugegebenermassen hatten auch wir langsam Hunger) und sagten José, dass wir los gehen würden. Postwendend kam die Antwort, wir sollten bleiben, wo wir waren und ihm den Standort schicken, er komme dahin. Das machten wir. Zweimal. Denn nach den ersten 15 Minuten irgendwo auf der Strasse in der Kälte mussten wir uns bewegen. Am Ende warteten wir eine geschlagene Stunde draussen an einer Strassenecke. Wenn wir nachfragten, wo er den bliebe, kam jeweils zurück «Ich komme gerade an», das für uns so eine Zeitspanne von 5 Minuten bedeutete oder «Jetzt», das, naja, was soll es denn schon heissen ausser «jetzt»? 20 Minuten sind es. «Ahora» sind 20 Minuten! Merkt euch das für zukünftige Reisen nach Südamerika. (Es beruhigte – und erstaunte – mich, dass Diego auch eher ein Schweizer Verständnis von Zeit hatte…) Moritz war unterdessen alleine essen gegangen. Nachdem José endlich angekommen war – mit seiner Vespa und einem Freund –, entschied sich Moritz das Karaoke ausfallen zu lassen, denn, wie er richtig bemerkte, könnte es noch Jahre dauern, bis wir ein geeignetes Lokal finden würden. Zwei weitere Stunden dauerte es, um genau zu sein. Eigentlich wollten wir ein Uber nehmen bis zum Bellavista-Quartier. Irgendwo zwischen «Ich bestelle uns ein Uber» und «Lass uns da rüber gehen, da ist es besser» befanden wir uns aber auf einer Tour durch die Innenstadt, während der mir bewusst wurde, dass wir die 40 Minuten zum Bellavista-Quartier zu Fuss gehen würden (was Diego und ich ja auch schon vor gut 1,5 Stunden hätten machen können). In Bellavista angekommen, schaute sich José um und meinte «Oh, ich war schon lange nicht mehr hier». Zwei seiner angestrebten Ziele gab es entsprechend auch nicht mehr. Die Situation war so abstrus, dass ich das Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht kriegte. Gegen 1 Uhr sassen wir in einer eher schäbigen Karaokebar. Gute zwei Stunden hielten wir es da aus, bis wir uns wieder auf den Nachhauseweg machten. Immerhin war der Abend günstig. Zwei Bier und all die in der Kälte verbrannten Kalorien…

Diego, José, yours truly, Gonzalo

Am nächsten Tag der Schock für mich: Während ich das Valle Nevado bereits wieder verdrängt hatte, wollte Diego unbedingt in die Berge. Ich wollte ihm zum Einen den Spass nicht verderben, zum Anderen wollte ich auch sein Gesicht sehen, wenn er mit 31 Jahren das erste Mal Schnee sieht – ein für uns Schweizer so normales Phänomen. Für den Montag planten wir also diese Tour ein. Um Ski zu fahren hatte es «leider» zu wenig Schnee. Um 7 Uhr standen wir beim Tourbüro, wurden mit Winterstiefeln (und falls gewünscht mit Skijacke, -hose, -brille) ausgerüstet. Dann ging es los. Beim ersten Fotostop wurde mir klar, dass ich nicht nur die einzige Schweizerin, sondern die einzige Nicht-Brasilianerin auf dieser Tour und auf dem ganzen Berg war. Alle haltenden Kleinbusse waren mit Brasilianern gefüllt. Das Schneevorkommen war eher dürftig. In Fallerones gab uns der Fahrer 15 Minuten, «weil ihr seht, es gibt hier nichts zu sehen». Normalerweise gab es Buckelpisten und andere lässige Schneesportarten zu bewundern, aber ohne Schnee war es eher schwierig… Auch vom Valle «Nevado» war ich zart enttäuscht. Aber was will man machen? Wir stolperten durch den dürftigen Schnee, keuchten wegen der Höhe und schwitzten (wirklich!) in der Sonne. Ich vermisste Diegos kindliche Freude über den Schnee etwas, aber ich kompensierte sie spielend mit ein paar Schneebällen…

Die restlichen Tage schlenderten wir durch den Barrio Italia, assen dann doch noch mit Moritz zu Abend (und auch mit Georgia aus England – ihr erinnert euch?), fanden den Parque Borja, in und um den herum alle tanzten. Wirklich. Es war faszinierend. Hier wurde Freestyle getanzt, aber auch Gruppenchoreos – teilweise mit richtigen Gang-Outfits. Ich hätte ja mitgemacht, aber… ahm… fuhren im strömenden Regen nach Valparaíso, wo wir die speziellen Lifte testeten, die fast auseinanderfielen, und uns relativ schnell nach der Wärme (so 16° statt 14°) Santiagos sehnten.

Valparaíso Lift

Valparaíso dünkte uns übrigens nicht so paradiesisch. Zum Einen sollte man die Hafenstadt, die vor allem für ihre bunte Streetart bekannt und beliebt ist, zu Fuss erkunden, was in dem strömenden Regen nicht gerade angenehm war, zum Anderen fanden wir es teilweise etwas zwielichtig und fühlten uns nicht sicher. (Eine Woche nach unserem Besuch in Valparaíso wurde ein Kanadier erstochen, weil er sich weigerte, seinen Rucksack an Diebe abzugeben… Unsere Intuition hatte uns also nicht getäuscht.)

Da Chile ja eher teuer ist, erweiterte ich in dieser Woche in Santiago meine Kochkünste: Neben Spaghetti mit Tomatensauce gab es auch mal Omelettes mit Käse oder Schinkentoast. Ich bin schon fast ein bisschen stolz. Not.

Und ein kulinarischer Tipp zum Schluss: Wenn ihr mit Südamerikanern unterwegs seid, vergesst ja nicht die Ketchupflasche und den Kilosack Zucker griffbereit zu haben… Erhält den Frieden.

2 Kommentare zu “Ahora… oder später…

  1. Auf Bildern vom Tourismusbüro Chile haben die gerade aktuell am IPANEMA Strand einen großen Container stehen, der Werbung für Schneebesuche in Chile macht. Natürlich haben sie Skihosen und Boots an, statt Badekleidung. 😀

    Und Valparaiso ist sehr zwielichtig, ja. Es aber der einzige Ort, in dem wir aufpassen mußten und uns in einer Gruppe bewegt haben.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: