Liebe auf den zweiten Blick

Da ich in den letzten Tagen von der Schule (immerhin 20 Stunden) und dem Nachtleben von Buenos Aires etwas eingenommen war, finde ich erst jetzt die Zeit, etwas mehr über meine Reiseerfahrungen zu berichten.

Nachdem ich mir die ersten paar Tage in Buenos Aires die Füsse wund gelaufen hatte und bereits etwas den Koller hatte, weil die meisten Chicas in meinem Dorm kein Englisch konnten und ich wirklich zu wenig Spanisch, um mich schlau verständigen zu können (auch wenn ich immer mehr verstehe, sprechen kann ich nicht), fühlte ich mich etwas einsam. Ich merkte auch, dass ich unbedingt einen Gang herunter schalten musste, denn im Gegensatz zu sonstigen Reisen, hatte ich ja jetzt drei Monate lang Zeit, und das würde ich nicht überleben, wenn ich jeden Tag stundenlang von A nach B renne und dabei noch versuche, Freunde zu finden.

Und siehe da. Während ich Buenos Aires am Anfang noch mit einer Schnute als «nah, gefällt mir gar nicht» beschrieb, fing es mir langsam an zu gefallen, als ich mein Herz öffnete und das Unbekannte an mich heran liess (hach wie philosophisch).

In der Academia de Buenos Aires lernte ich in 20 Stunden die wichtigsten Fragen und Antworten auf Spanisch und lernte ein paar coole Menschen kennen. Doch das wahre Leben begann am Gründonnerstag. Abends. In meinem Dorm hatte ich tatsächlich eine Kolumbianerin kennengelernt, die Französisch sprach. Somit hatten wir immerhin eine gemeinsame Sprache und verstanden uns auch auf Anhieb. Sie lud mich zum Mate Club de Conversación ein, den sie mit zwei Kolumbianern, die sie ebenfalls im Hostel kennengelernt hatte, besuchen wollte. Im Mate Club kommen Menschen verschiedener Muttersprachen zusammen, um sich in unterschiedlichen Sprachen zu unterhalten und diese so zu üben. Vier bis fünf Nasen pro Tisch, hübsch gemischt, dass man ja nicht mit Bekannten am selben Tisch sitzt und alle 15 Minuten kommen die Organisatoren vorbei und geben die Sprache vor. In diesem Fall waren dies abwechselnd Englisch und Spanisch. Dazu wird Yerba Mate getrunken, wie in Argentinien üblich. Ich weiss nicht, ob es dies in der Schweiz auch gibt, aber dieses «Sprachcafé» ist ein super Format, um sich im Sprechen zu üben. Gerade für Leute wie mich, die zwar lesen können, aber beim Sprechen über jede Silbe stolpern.

Yerba Mate ist ein Tee, den praktisch alle Argentinier trinken. Sehr häufig sieht man Leute mit einem Becher mit Strohhalm in der Hand und einer Thermoskanne unter dem Arm durch die Strassen flanieren – weil sie einfach nicht ohne ihren geliebten Tee aus dem Haus können. In der Academia hatten wir einen kleinen Workshop darüber, wie denn der Mate genau zubereitet wird. Mate (der Becher) bis zu 3/4 mit Yerba Mate füllen, Becher zuhalten und umdrehen, damit die staubigen Partikel nach oben gelangen (der Yerba Mate sollte danach schräg im Mate stehen), das 80° C heisse Wasser auf der niedrigen Seite einfüllen und den Strohhalm ebenfalls auf der niedrigen Seite schräg bis nach unten in den Yerba Mate hineinstecken. Rocket science. Es gibt dazu sicher ein YouTube-Video, wenn ihr euch jetzt rein gar nichts darunter vorstellen könnt. :o)

Dieses Sprachcafé war der Anfang einer fünftägigen Ausgangsserie, die am Donnerstag noch bis morgens um 3 Uhr ging, und am Dienstag dann erst morgens um 8 Uhr zu Ende war. Während wir am Anfang noch zu viert unterwegs waren (drei Kolumbianer und ich), erweiterte sich unsere Gruppe um einen, zwei, drei Brasilianer, einen Peruaner und einen Chilenen. Wir sangen in der Hostellobby, tanzten Samba auf der Strasse und schafften es am Montagabend sogar in eine Karaoke-Bar, die wir erst wieder verliessen als die ersten Läden öffneten und in Buenos Aires langsam das Geschäftsleben erwachte.

Um mich auch mit den Portugiesen unterhalten zu können, lernte ich die wichtigsten Wörter: mais uma (noch eins – Bier natürlich), saideira (das letzte Getränk, bevor man eine Party verlässt – oder das zweitletzte, drittletzte, …) und zu guter Letzt noch ein paar Wörter, die ich hier nicht nennen möchte.

Während ich am Anfang wirklich damit kämpfte, alleine unterwegs zu sein und mich fragte, ob es eine weise Entscheidung gewesen ist, diese Reise anzutreten, wusste ich nach diesen fünf Tagen bestimmt, dass es keine bessere Entscheidung hätte geben können. Ich war ja die einzige Europäerin in der Gruppe und wir hatten nicht alle eine gemeinsame Sprache. Ein Brasilianer sprach nur Portugiesisch, der Chilene nur (sehr schnelles) Spanisch und die Kolumbianerin eher schlechtes Englisch. Und doch konnten wir uns alle irgendwie unterhalten. Mit Händen, Füssen, Google Translate… Und nach den paar Tagen schien es, als würden wir uns schon ewig kennen. Das ging nicht nur mir so, auch den anderen. Etwas kitschig. Sehr vielleicht. Aber einfach wahr…

Andrea, Felipe, ich, Diego, Weisman

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