Florianópolis

Für meine ersten paar Nächte hatte ich ein Hostel in Zentrums- und Meernähe gebucht. So ging ich sicher, dass ich, sollte ich dringend etwas benötigen, immer irgendwelche Läden in Reichweite hatte und dabei auch meine üblichen Erkundungsspaziergänge nicht zu kurz kamen.

Ich mochte Floripa, wie es von Insidern genannt wird, von Anfang an. Wirklich. Schon beim Überflug. Auch das Hostel, das ich gebucht hatte, war mehr als in Ordnung. Ordentlich grosse Zimmer, Schliessfächer, Toiletten, bei denen man die Wahl hat, die Tür zu schliessen, oder auf den Toilettensitz zu stehen, Duschen, deren Temperatur man nicht regulieren konnte. Herrlich! Tschuldigung, bin etwas kritisch. Es gefiel mir eigentlich wirklich hier. Und immerhin hatten die Duschen einen super Wasserdruck, sodass man sich 1A das Gesicht verbrennen konnte! (Jaja, ich bin ja schon ruhig.)

Das belebte Zentrum erschlich sich auch schnell einen Platz in meinem Herzen: Bunte Häuser, unterschiedlichste Läden, wahnsinnig viele Menschen. Auf Empfehlung hin war mein erstes Ziel der Vivo-Shop. Hier wollte ich mir eine SIM-Karte kaufen, um auch unterwegs mobil zu sein. Das Angebot: 3 GB pro Woche, gratis WhatsAppen, unlimitierte Anrufe auf andere Vivo-Nummern und innerhalb von Santa Catarina, und das für 15 Reais pro Woche (also etwa 15 Franken pro Monat). Ich wartete einige Zeit, bis der einzige Englisch sprechende Mitarbeiter frei wurde. Sie entschuldigten sich bei mir, dass sonst niemand Englisch sprach, aber ehrlich gesagt, fühlte mich schon seit meiner Ankunft schlecht, weil ich (noch) kein Portugiesisch spreche. Wie beim Spanisch kann ich unterdessen sehr viel verstehen, wenn ich es lese und Einiges, wenn ich es höre. Aber jedesmal, wenn ich einen lange in meinem Gehirn vorbereiteten Satz zum Besten geben wollte, war da nur heisse Luft. Ich bin nun noch entschlossener, Portugiesisch zu lernen, damit ich mir diese himmlisch klingende Sprache völlig einverleiben kann. Nun denn, als Paulilo endlich Zeit für mich hatte, dauerte es exakt eine Stunde, bis ich mit einer aktivierten SIM-Karte aus dem Shop ging. Er hatte effektiv alles für mich gemacht, viel professioneller als in all den anderen südamerikanischen Ländern, von denen ich eine SIM-Karte besitze. Nur das Internet funktionierte noch nicht und er meinte, ich müsse wohl noch so zwei Stunden warten, bis es aktiv sei. Da es allerdings auch am nächsten Tag noch nicht lief, verbrachte ich nochmal eine Stunde im Shop. Paulilo versuchte auf zwei Handys gleichzeitig den Kundendienst zu erreichen. Da wollte jedoch offenbar niemand arbeiten und die Pausenmusik dröhnte fröhlich beidseitig an seine Ohren. Als es nach einer Stunde Daten neu eingeben und Warteschlangenmusik aus unerklärlichen Gründen plötzlich funktionierte, freuten sich alle Mitarbeiter im Shop gleichermassen: «Obrigado Deus». Amen.

Übrigens hatte ich zuvor in einem anderen Blog gelesen, dass nur Claro SIM-Karten ohne CPF (die brasilianische ID-Nummer) verkauft. Offenbar tut dies aber auch Vivo. Natürlich könnte es sein, dass Claro-Mitarbeitende etwas mehr Erfahrung darin haben und es deshalb nicht zwei Stunden dauert… Ich kriegte allerdings, da ich direkt 50 Reais auflud, noch 1 GB pro Woche gratis dazu. Das ist ja auch nicht von schlechten Eltern.

Wieder zurück im Hostel wollte ich ein paar Bürosachen erledigen und bemerkte mit Schrecken, dass das Einzige, was ich nicht überprüft hatte, war, einen Adapter für den Laptop mitzubringen. Nun gut, ich hatte einen Reiseadapter mit sieben Aufsätzen dabei, einer würde ja wohl…

Nein.

Da brachte ich mir halt «Preciso de um adaptador» bei, watschelte wieder ins Zentrum (so zehn Minuten) und suchte nach einem Geschäft, das aussah, als würde es Adapter führen. Das heisst, zuerst hatte ich im Hostel gefragt, wo ich denn so etwas kriegen würde und suchte dann, weil deren Tipp leider nichts war, online nach Elektronikgeschäften. Bevor ich aber beim Herumstreunen eines davon erreichte, sah ich ihn: Taschen, Uhren, Chrüsimüsi… Irgendetwas sagte mir, dass dieser Laden, der in meiner Welt eigentlich absolut gar nichts mit Adaptern oder Elektronik zu tun hatte, einen solchen für mich hatte. Und TADA! Zuerst wollte sie mir einen ganz kleinen andrehen, der aussah, als würde er und mein Laptop innert kürzester Zeit explodieren. Sie hatte zum Glück aber auch einen grösseren mit Sicherung. Nun gut. Ich gönnt mir dieses teure Ding für vier Franken.

Anschliessend spazierte ich die Beira Mar Norte entlang, genoss die Meersicht auf der einen und das Rauschen der Autostrasse (je drei Spuren) auf der anderen Seite.

Etwas später am Abend konversierte ich mit meiner Zimmergenossin. Guilhelmina ist vielleicht so 70 Jahre alt und wohnt in São Paulo. Zu Beginn unterhielten wir uns auf Englisch und Portugiesisch. Als ich ihr meine Geschichte erzählte (so gut es ging), war sie völlig fasziniert. In Brasilien gäbe es Menschen wie mich sicherlich auch, aber es sei eher selten, denn die Familien seien sehr verbunden und es sei unvorstellbar, länger getrennt zu sein. Ihre Mutter sei vor zwei Jahren im Alter von 98 Jahren gestorben und es hätte keinen einzigen Tag gegeben, an dem sie keinen Kontakt gehabt hätten. Ein Grund für die Verbundenheit der Familien sei natürlich auch, dass sich der Staat weniger «einmische», in Europa gäbe es Auffangnetze und staatliche Unterstützung, hier sei man schlicht von der Familie abhängig. Ohne dieses «Netz» würde gar nichts funktionieren. Hier wechselte sie sanft zum Thema Politik und wie sie alle sehr schockiert seien, dass die Linken in Argentinien gewonnen hätten, denn die Linke (unter Präsident Lula) sei Schuld daran, dass es Brasilien so mies ginge, sie hätten alles kaputt gemacht. Sie zählte ein paar Sachen auf, die die Linke eingeführt/gemacht und damit das Land zerstört hatte. Ich konnte mir zwar nicht alles merken, fand es allerdings interessant, dass sie die Einführung der Ehe für Homosexuelle noch vor der zerstörten Wirtschaft nannte. Etwas, das für mich so völlig normal und logisch ist und in dem ich auch keinen negativen Einfluss whatsoever sehen kann, scheint die traditionsbewusste Frau offenbar mehr zu stören, als die hohe Arbeitslosigkeit und die nicht funktionierende Wirtschaft. Für solche Konversationen ist mein Portugiesisch aber leider wirklich zu schlecht. Daran müssen wir arbeiten. Sie ergänzte noch, dass Bolsonaro «loco» sei, aber wenn man die Wahl habe zwischen der Linken und Bolsonaro, dann halt doch lieber Bolsonaro… Den Verrückten gehört die Welt.

Irgendwann fragte sie mich, mit welchen Sprachen ich denn arbeite. Als sie hörte, dass ich Italienisch spreche, teilte sie mir mit, dass ihr Mann Italienier sei und sie deshalb auch etwas Italienisch könne. Zuerst war ich heilfroh, dass ich mich nun in einer Sprache ausdrücken konnte, die ich zu beherrschen glaubte, dann merkte ich, dass mein Gehirn nun den italienischen Wörtern spanische Endungen anhängte und eine portugiesische Aussprache erzwang. Nun gut, dann kann ich jetzt halt drei Sprachen so ein bisschen und keine mehr so wirklich. Wir verstanden uns trotzdem. Kurz vor der Bettgehenszeit gab sie mir noch ihre Adresse, damit ich, wenn ich in São Paulo sei, auch eine Unterkunft hätte. Da sie die Busnummer nicht mehr wusste, videotelefonierte sie kurzerhand mit ihrem Sohn (eines von vier Kindern) in Acre. Den Bruno kenne ich nun also auch.

Abenteuer Cigana

Während hier in meinem virtuellen Tagebuch grösstenteils Stillschweigen herrschte … schwieg auch mein Leben vor sich hin. Ich war ein bisschen arbeitslos (bin ich eigentlich immer noch) und aufgrund des beschränkten Budgets lagen keine grossen Sprünge drin. Ich hatte aber den Entschluss gefasst, mein Leben etwas zu pfeffern und der Persönlichkeit Nr. 13, die in mir schlummert, endlich eine Stimme zu geben: der Zigeunerin. Mama erzählte mir, dass unsere Vorfahren deutsche Reisende waren und ein Wagenrad in ihrem Wappen trugen. Mama erzählte mir allerdings auch, sie sei eine chinesische Spionin. Irgendwann werde ich es vielleicht schaffen, beide Behauptungen zu überprüfen.

Auf jeden Fall entschied ich mich, meine angebrochene Südamerikareise wieder aufzunehmen und nach Brasilien zu fliegen. Zum Einen ist das Leben da günstiger, zum Anderen hoffte ich, meine Reiselust zu stillen und mit Aufträgen als freiberufliche Übersetzerin zu finanzieren. Das Schlimmste, das passieren kann? Ich kann mir keinen Rückflug mehr leisten und muss untertauchen. Oder werde ausgeschafft. Oder… Man weiss es nicht.

Startschwierigkeiten

Der Tag der Abreise rückte unaufhörlich näher. Meine beste Freundin und ihr Mann fuhren mich zum Flughafen Zürich, wo mein Flug nach Florianópolis (über Lissabon und Rio) um 18 Uhr starten sollte. Die Tränen waren echt, die Nervosität auch. Das Zmittag-Bier hatte allerdings seine Wirkung getan und die Hyperventilier-Panik-Attacken wurden weniger.

Alles verlief reibungslos. Als bei der Sicherheitskontrolle der Alarm ging, wurde ich umgehend informiert, dass es nur eine Quotenkontrolle sei, wäre ich später durchgegangen, hätte nichts gepiepst. (Ausser jemand von euch hatte denen gesagt, sie sollen mich aufhalten? Hat nicht geklappt, ha!)

Meine Siebensachen und ich überstanden die Kontrolle unbeschadet, stürzten uns durch die kopfschmerzbereitende Dufry-Abteilung und guckten uns die grossen blauen Abflug-Tafeln an. Hach da stand der Flug: 18 Uhr nach Lissabon. Daneben in rot stand aber «Neue Info um 1800». Alle Flüge drumherum: pünktlich, boarding, go to gate, pipapo, trallalala. Tja dann. Lustigerweise war ich, seit ich das Gepäck eingecheckt hatte, tiefenentspannt – hier, am Flughafen, vor einem grossen Abenteuer, fühlte ich mich zuhause.

Um 17.30 Uhr wurde uns mitgeteilt, dass der Start auf 20.30 Uhr verschoben worden war. Da ich in Lissabon eigentlich vier Stunden zum Umsteigen gehabt hätte, schien dies noch wunderbar zu passen. Wir starteten dann auch mehr oder weniger pünktlich. Ich freute mich auf das Abendessen im Flieger, auch wenn ja meistens eklig, denn langsam verhungerte ich kläglich. Es gab eine Tüte Chips und einen Mini-Karottenkuchen. Nicht gerade ein hungerstillendes Gourmetmenü, aber Essen ist Essen. Danach breitete ich mich auf «meinen» drei Sitzen aus und liess mich von den Turbulenzen in den Schlaf schütteln. Das Umsteigen in Lissabon verlief reibungslos: Ich wurde direkt beim Aussteigen von «Rio»-schreiendem Bodenpersonal durch die leere Passkontrolle gelotst (der Rio-Flug war der letzte an diesem Tag) und ging zügig an 20 Gates vorbei bis zu Gate 45. Völlig verschwitzt (mmmh) erreichte ich das Gate – und den Rest des Fussvolkes. Obwohl das Boarding theoretisch schon seit einer Stunde geöffnet hatte, war da wohl noch niemand eingestiegen. Was ich super fand, war, dass bei TAP nach den Business-Kunden, die Leute ohne Handgepäckskoffer einsteigen dürfen. Also Menschen mit Handtaschen und Rucksäcken. Menschen wie ich. Und das waren wenige.

[Riu tschi Schaneeru]

Der Rio-Flug war ziemlich ausgebucht und ich war so k. o., dass ich mehrfach einschlief und fast das Abendessen verpasste. Damit ich hier noch ein wenig weiter stänkern kann: Im Endeffekt hätte ich es auch verpassen können. Zu Pastabrei verkochte Hörnli mit totgekochten Karotten und Erbsen, darin trockenes Hähnchen. Wie der Herr schräg vorne zwei Portionen davon verdrücken konnte, ist mir ein Rätsel. Immerhin gabs für Anna, den Dessertmenschen, Dessert. Zumindest einen Löffel davon. Buäh. Ich freute mich schon auf das Frühstück. Nicht.

Ich glaube, das war der erste Langstreckenflug überhaupt, den ich ohne Filmschauen verbrachte. Nach dem «Essen» döste und schlief ich mit Musik in den Ohren und der heiligen Schlafmaske auf den Augen. Ich verschlief auch fast den herrlichen Sonnenaufgang und das seltsame Frühstück (um Welten besser als das Abendessen) – erst als wir über Rio einflogen, war ich hellwach und kriegte fast einen Herzstillstand: Zum Einen, weil es wunderschön war, so grün und flauschig, am liebsten hätte ich mich in den wohlgeformten Hügeln vergraben, und zum Anderen, weil mir erst hier so einiges bewusst wurde und ich mich zum ersten Mal fragte: Was tust du eigentlich? Mal wieder einen Furz gehabt und ohne zu studieren losgedüst? Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Haja. Aber ändern konnte ich es nun nicht mehr. Hallo Brasilien! Jetzt hast du mich an der Backe.

Ich habe jetzt einen Stempel in meinem sonst noch so unbefleckten neuen Pass. Rund sechs Stunden verbrachte ich in Rio. Zwei Schritte davon auch ausserhalb des Flughafens. Die dicke Wand aus Hitze trieb mich allerdings direkt wieder in das nett gekühlte Gebäude. Wenn alles gut gehen würde, würde ich ja früher oder später in Rio vorbei kommen. Rio konnte warten.

Der Flughafen in Rio ist ziemlich bequem, an den Gates hat es richtig geile Liegestühle. Statt angestrengt herumzusitzen/stehen. Kann man sich da bequem hinlegen, dem Flugbetrieb zuschauen oder wegdösen. Ich glaube, ich bin effektiv weggedöst. Als ich nämlich Hunger-Pipi-Kalt-mässig aufstand, merkte ich, dass der zuvor (ich war um 6 Uhr gelandet) so leere Flughafen unterdessen wild belebt war.

Floripa

Der Flug nach Florianópolis war, wie schon der Flug von Zürich nach Lissabon, halb leer und ich konnte es mir auf einer gaaanzen Sitzreihe gemütlich machen. Diesmal schlief ich allerdings nicht und genoss den Landeanflug in vollen Zügen: Einmal von West nach Ost über die Insel, etwas über das Festland und wieder zurück. Von oben sah das gar nicht so gross aus. Aber extrem verlockend. Huii, ich konnte es kaum erwarten!

Kaum aus dem sehr hübschen Flughafen raus, durchströmten mich die Endorphine. Diese Luft! Es roch so gut! Und es war so warm. (Und extrem windig.) Aber es roch so gut. Nach Meer und Wind und frischer Luft und eigentlich gar nicht nach Flughafen. Auf der Suche nach einem Taxi fand ich dann auch noch eine Schweizer Freundin. Nennen wir sie Helga:

Hier gefällt es mir. Hier bleibe ich ein bisschen.

Da standen wir also, Linda, Lucia, Nina, Rebecca und ich, Anna. Freitagmorgen, unter der Byebye-Bar am Flughafen Zürich, ready to take off. Eigentlich hätten wir Nina hier das grosse Geheimnis verraten sollen: die Destination. Schliesslich war dies ihr Hochzeitsgeschenk – da wir es nicht fertig gebracht hatten, ihr eine Bacheloretteparty zu schmeissen, wollten wir sie ordentlich zu einer Wochenendreise einladen… dass diese nun über ein Jahr nach der Hochzeit stattfand, ist wieder eine andere Geschichte. Nina wusste zu diesem Zeitpunkt aber schon seit geschlagenen fünf Minuten(!), wohin wir sie entführen wollten, weil sich jemand (nicht ich, ausnahmsweise) im gemeinsamen Chat verplappert hatte. Wir hatten uns grosse Mühe gegeben, Nina keine Hinweise auf die Destination zu liefern und waren bemüht, sogar Wetterberichte ohne Stadtnamen zu verschicken… Auch Nina hatte sich dann grosse Mühe gegeben, beim Morgenkaffee vor mir zu verheimlichen, dass sie die verräterische Nachricht schon gelesen hatte und somit die Destination bereits kannte. Nun denn: Sarajevo in Bosnien-Herzegovina war unser Ziel.

Unsere ersten gemeinsamen Stunden verliefen wunderbar reibungslos, alle durften boarden, und Umsteigen in Ljubljana war auch ein Leichtes. Vor dem kleinen Flughafen von Sarajevo fanden wir auch schnell zwei Taxis, die uns für lockere 60 km (nicht Kilometer, sondern konvertible Mark) zu unserem Guesthouse brachten. Natürlich wollten wir zuerst etwas zwischen die Zähne kriegen und steuerten ein Restaurant an, das uns für seine Cevapcici-Spezialität empfohlen worden war. Während des Kauens grinste uns Linda plötzlich verdächtig hysterisch an und sagte – immer noch grinsend: «Das ist jetzt kein Witz, imfal. Aber unser Rückflug wurde soeben storniert.» Wir sollten uns – natürlich telefonisch – bei der Airline (Adria Airways) melden. Macht man immer gerne im Ausland, ist ja so besonders günstig. Meiner momentan arbeitslosen Seele setzte die Lage nicht besonders zu, den Nicht-Arbeitslosen unter uns (also alle anderen), kam die Stornierung eher ungelegen, war die Chance doch gross, dass wir es nicht wie geplant am Sonntagabend zurückschaffen würden.

Wir versuchen also, uns erst einmal nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und den Tag zu geniessen, indem wir durch die Strässchen schlenderten und bei Džirlo bosnischen Kaffee und fruchtige Sirups tranken. Der Gastgeber des Teehauses, das auf TripAdvisor übrigens die Nr. 1 der sarajevischen Cafés ist, ist ein wunderbar inspirierender Lebemann, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt und eine beruhigende innere Zufriedenheit versprüht. Die wahre Entschleunigung.

Der Blick vom Džirlo aus

Am Abend versuchte Linda vom Festnetz unserer Unterkunft (von lieben Menschen geführt), die von Adria angegebene Nummer für Hilfe bei Flugstornierungen anzurufen. Nach zehn Minuten in der Warteschlange, wurde das aber auch schon zu teuer (und zu blöde) und sie schrieb eine E-Mail. Gemäss Webseite war die Hotline zudem nur Montag bis Freitag besetzt. Wir hofften allerdings, dass sich Adria trotzdem am Wochenende dazu herunter lassen würde, uns zu kontaktieren, um uns einen alternativen Heimflug anzubieten.

Wir genossen den Freitagabend und Samstag so gut es ging. Sarajevo ist ein wahres Schmuckstück, eine bezaubernde Stadt mit herrlichem Kaffee und süssen kleinen Läden.

Sarajevo

Am Samstag fuhren wir mit der Seilbahn auf den Trebević, ein Berg, von dem man über die ganze Stadt blicken konnte, spazierten etwas in der Sonne und bestaunten die Überreste der Bob- und Rodelbahn, die für die Winterspiele 1984 errichtet worden war. Am späteren Nachmittag diskutierten wir einmal mehr, ob wir vielleicht zum Flughafen fahren sollten, in der Hoffnung, jemanden von Adria anzutreffen und einen Rückflug buchen zu können. Ein Teil der Chicas setzte sich zum Drink in eine Bar, Lucia und ich machten uns auf zum Guesthouse, um unsere Pässe zu holen, da wir diese – im Falle eines positiven Ausgangs am Flughafen – ja wohl brauchen würden. Im Guesthouse angekommen, versuchten wir es allerdings nochmals telefonisch bei der Fluggesellschaft. Sogar die Besitzerin telefonierte für uns herum, da Bosnisch leider nicht in unserem Repertoire ist.

Las chicas en la Bobbahn

Es verging fast eine Stunde bis uns klar wurde, dass auch eine Fahrt zum Flughafen nichts an unserem Problem lösen würde. Adria Airways war nicht zu erreichen – schon gar nicht am Wochenende. Wir setzten uns zu den anderen in die Bar, wo wir dank Rebecca noch Gratisshots vom Lebemann abstaubten (sein Café war direkt gegenüber und man kannte sich hier gut in der Strasse).

Am Sonntag machten wir uns schon am Vormittag auf zum Flughafen. Unser Flug wäre theoretisch um 15 Uhr gewesen, aber vielleicht gab es ja frühere Möglichkeiten, nachhause zu kommen …

… Ähm. Nope.

Von Adria Airways war am Flughafen niemand anzutreffen. Ein Swiss-Mitarbeiter, den wir vor den leeren Airline-Büros abpassten, informierte uns, dass auch ihre Flüge überbucht waren und er bereits versuchte, die «überbuchten» Swiss-Gäste nachhause zu fliegen. Bis am Dienstag seien die Chancen sehr gering, überhaupt aus Sarajevo rauszukommen. Egal in welche Richtung. Einige der Chicas hatten bereits vorgängig andere Möglichkeiten geprüft, nachhause zu kommen. Zum Beispiel gab es von Split aus noch einen Flug. Und Split war ja nur etwa fünf Autostunden von Sarajevo entfernt. Da der Bus bereits weg war, blieb nur noch ein Mietauto. Während zwei Chicas den Flug um 19 Uhr buchten, reservierten die anderen ein Mietauto. Wir waren sehr darauf bedacht, beides gleichzeitig zu machen, denn ein Mietauto ohne Flug, würde uns auch nicht weiterhelfen.

Theoretisch hätte ich ja auch noch länger in Sarajevo bleiben können, aber einen Roadtrip verpassen? Ich glaube nicht.

Wir fuhren also fünf Stunden von Sarajevo durch die Berge nach Split. Ein herzliches Dankeschön an die drei Fahrerinnen, die uns durch einige Vollbremsen von Unfällen mit wahnsinnigen, uns entgegenkommenden Überholmanöver-Fahrern bewahrten. Danke! Würkli!

Gegen 17 Uhr erreichten wir Split. Ein wunderschöner Flughafen, ich sags euch! Ganz neu. Ich war schon ganz begeistert und freute mich, dass wir bald in einem Flieger nachhause sitzen würden. Auto abgegeben, in die Check-in-Halle eingetreten, auf die grosse Abflug-Anzeige gestarrt… Da fehlt ein Flug. Der Flug um 19 Uhr nach Zürich, der steht nicht auf der Tafel. Noch einmal in die Buchungsmail geschaut: Da steht «Edelweiss, Zürich nach Split». Nicht Split nach Zürich. Irgendwie konnte ich nicht aufhören zu lachen und auch den anderen Chicas stand die grinsende Hysterie ins Gesicht geschrieben. Filmreif. Warum dies passiert war, war allerdings schnell klar: Auf der Edelweiss-Webseite kann man nur Flüge ab Zürich buchen. Alle Flüge mit anderen Abflugflughäfen müssen über die Swiss-Webseite gebucht werden und die Freude über den Nachhauseflug war so gross, dass die Richtung nicht allzu genau überprüft wurde. Immerhin konnten wir die Plätze innerhalb kürzester Zeit noch gebührenfrei stornieren. Und: Es gab tatsächlich noch einen Flug nach Zürich, um 21 Uhr. Online wies der aber nur noch zwei Plätze in der Business-Class auf. Wir hofften, jemanden zu finden, der uns vielleicht noch reinschmuggeln würde, aber auch hier galt die Regel: Mitarbeiter der Edelweiss würden frühestens zwei Stunden vor dem Flug auftauchen, bis dahin blieb uns nur warten übrig. Wir gönnten uns also ein Abendessen und beschlossen das weitere Vorgehen: Linda buchte einen Flug ab Split am Montagabend und ich schloss mich ihr an. Eine Zweistädtereise an einem Wochenende? Warum nicht. Rebecca und Nina buchten die Business-Class-Tickets und Lucia pokerte, in der Hoffnung auf No-Shows oder eine andere Möglichkeit, das Flugzeug um 21 Uhr zu boarden.

Linda und ich machten uns schon einmal auf den Weg in die Stadt. Mit einem Bus. Der plötzlich an einem ziemlich verlassenen Mini-Bahnhof hielt und der Fahrer auf die Gleise zeigte und einfach nur «Der Bus hält hier, nehmen Sie den Zug» sagte. Oder eher: «Tren. You take tren. 20 minutes. Go! GO!» Ausnahmslos alle Buspassagiere schauten verwirrt. Wir wussten auch nicht, ob der Zug in 20 Minuten losfahren würde oder 20 Minuten ins Zentrum hatte… Aber nun gut, warum nicht. Dann hatten wir heute einmal (fast) alle motorisierten Fortbewegungsarten durchgemacht – ausser das Flugzeug. Das einzige, das wir wirklich wollten.

Linda und ich hatten uns unterdessen damit abgefunden, einen Tag festzusitzen und feierten sogar die Zugfahrt in der kleinen Zugkomposition. Am Zielbahnhof angekommen, suchten wir WLAN und buchten ein Zimmer für drei Leute – die Spannung hat hier ein Ende: Vor Lucia warteten noch vier weitere Leute auf No-Shows, sie würde also in Kürze zu uns stossen und dann ebenfalls am Montagabend fliegen.

Wir genossen unsere Zeit in Split: gutes Essen, Cocktails in einer Rooftop-Bar, Gratis-Städtetour, Shopping, nettes Airbnb… Und tatsächlich boardeten wir am Montagabend den Flieger nach Zürich. Wuhu!

Danke euch, Chicas, für ein abenteuerreiches, tolles Wochenende!

Übrigens: Natürlich versuchten wir von Adria noch Geld zurückzukriegen über das Online-Formular für solche Angelegenheiten. Schliesslich hatten wir einiges an Mehrkosten tragen müssen und mindestens das Geld für den nicht durchgeführten Flug wollten wir zurückhaben. Unterdessen, etwa acht Wochen nach dem Flug, hat die Adria Airways allerdings Konkurs angemeldet und somit kann uns auch keine Versicherung mehr helfen, das Geld zurückzukriegen. Bye bye money…

Shadowhunters-Convention

Fan sein will gelernt sein

Der wahre Grund, warum ich nicht länger als Mitte Juli in Südamerika bleiben konnte? Ich hatte im Herbst meinen Hormonen nachgegeben und Tickets für eine Shadowhunters-Convention gekauft. (Shadowhunters ist eine Fantasy-Serie basierend auf einer Buchreihe von Cassandra Clare – den Rest überlasse ich Google.) An dieser Convention in Mailand (es gibt auch welche in Paris, Brüssel, London, …) sollten einige der Schauspieler der Serie anwesend sein: Fragen beantworten, Autogramme schreiben, für Fotos posieren.

Zu Dritt machten wir uns also auf zur Convention und – obwohl ich mich ursprünglich doch ein bisschen schämte, in meinem Alter an eine Veranstaltung zu gehen, die wahrscheinlich nur kreischende Teenager anlockt – fühlte mich bald ziemlich normal. Nein, eigentlich schlecht. Wie ein richtig miserabler Fan.

Für diese Conventions gibt es unterschiedliche Pässe. Wir hatten einen Mittelklasse-Pass, den Vampire-Pass. Das heisst, beim Anstehen für Autogramme oder Fotos durften wir die Werwolf-Pass- und die Tagespass-Besitzer überholen. Standen wir dann zuvorderst in der Schlange, wurden wir aber garantiert von Menschen mit (unbezahlbaren) Warlock-, VIP- oder Super-VIP-Pässen überholt.

Während wir uns irgendwie schlecht fühlten, wenn wir Leute überholten, die schon lange anzustehen schienen, hatten wir das Gefühl, dass die Passbesitzer mit teureren Pässen das Überholen richtig genossen, uns zur Seite schoben oder auch abwertend mit einem «ach so, nur ein Vampire» bedachten. Man fängt schon fast an, sich schlecht zu fühlen, dass man selber nicht so viel für seine «Lieblinge» ausgegeben hat. Natürlich hatten wir, zusätzlich zu den im Pass inkludierten Autogrammen und Fotos, auch noch Geld ausgegeben, aber insgesamt sicher weniger, als wir für einen der teureren Pässe hätten hinblättern müssen.

Obwohl ich mich das ganze Wochenende nicht wirklich mit der Fanhierarchie abfinden konnte, gab es einige grossartige Erlebnisse. Einige davon versuche ich unten so wirklichkeitsliebend wie möglich zu beschreiben.

Adam und die Eifersucht

Wir trafen Adam, einen Influencer, der den Serien-Junkies vielleicht bekannt ist als abnormallyadam. Adam ist aus Australien und macht Reaction-Videos zu Episoden diverser Serien und ist ein wahnsinnig herzlicher und umgänglicher Mensch. Als Influencer erlebt Adam leider auch die Schattenseiten der Anonymität im Internet: Ihm wurde auf Twitter sehr viel Hass entgegengebracht, weil er auf einer Convention Interviews mit den Schauspielern führen durfte, bei den Fotosessions dabei war und auch sonst mitarbeiten konnte. (Dies alles, weil die Veranstalter ihn cool fanden und dabei haben wollten.) Die daraus resultierende Eifersucht einiger Fans führte zu bösen Posts und so weit, dass sogar alte Posts von ihm gesucht wurden, um zu «beweisen», dass er eigentlich kein guter Mensch ist. Ironie?

Ich freue mich zumindest sehr, ihn kennengelernt zu haben und hoffe, er kann trotz all dem Hass, seine Fröhlichkeit beibehalten. Fame is a bitch.

Dom Sherwood und Alex Kinsey

Obwohl ich schon ziemlich aufgeregt war, Schauspieler wie Dom Sherwood oder Harry Shum Jr. zu treffen, begeisterte mich die überraschende Anwesenheit von Alex Kinsey fast mehr. Alex ist in Europa nicht wirklich bekannt, gewann aber mit Sierra 2013 X-Factor in Amerika und brachte vor kurzem seine erste Solo-EP «Party of One» auf den Markt, die mich schwer begeistert (vor allem die sexy Single «Hot Mess» – hört rein!). Er ist ein guter Freund von Dom und begleitete diesen sowohl zu Autogramm- als auch zu Fotosessions. KREISCH! Als Monika und ich am Sonntag unsere Fotos mit Dom machten, fragte sie Alex, ob er ein Selfie mit uns schiessen würde. Er war dabei, wollte aber noch warten, bis Dom mit den Fotos fertig war. Dom kriegte das Gespräch mit und lud uns kurzerhand ein, ein Foto mit der Convention-Kamera zu schiessen. Die Staff war in heller Aufruhr, weil wir a) die anstehenden Leute aufhielten (Tschuldigung!) und b) nicht für das Foto bezahlt hatten (ohjemine). Dom erklärte den Mitarbeitenden, dass es ein Geschenk von ihm an uns sei, und wir hyperaktivierten davon, bevor uns jemand eine Rechnung unter die Nase halten konnte. Während der ganzen Convention kamen ab und zu unsere inneren Teenager durch (ohne Kreischen und Heulen), aber es war nie so übel wie nach diesem Gratisfoto. Während ich nicht aufhören konnte zu quatschen, brillierte Monika im grossen Schweigen. Ihre Nervosität äusserte sich in einem zombieartigen Überlebensmodus: Sie sagte kein Wort, verzog keine Miene und erst als ich sie fragte, ob sie das Erlebte nicht nervös gemacht hätte, zeigte sie mir stillschweigend ihre zittrigen Hände. Zum Glück. Sonst hätte ich annehmen müssen, sie sei «dead, dead, dead».

Alex, yours truly, Monika, Dom, KREISCH!

Luke Baines und die Afterparty

Am Sonntagabend ging es auf zur Afterparty im Club B38 mit den Schauspielern. Das heisst: Es wurden Lounges mit je neun Personen eingerichtet und die Schauspieler wechselten für eine Stunde von Tisch zu Tisch. Jeweils für fünf Minuten durften wir sie mit Fragen löchern – die Mitarbeitenden von KineticVibe standen mit Timern immer bereit die Gesprächsrunden abzubrechen, wobei sich sogar die Schauspieler wehrten, wenn die Zeit zu ungenau gemessen wurde: Tessa Mossey zum Beispiel wurde wieder aufgescheucht, kaum hatte sie sich gesetzt, und blieb demonstrativ noch etwas bei uns sitzen.

Nach der ungefähren Stunde Red-und-Antwort-Stehen der Schauspieler merkten wir dann, warum die Mitarbeitenden so gestresst waren: Die anschliessende Party war nicht nur für Convention-Besucherinnen, sondern für das gesamte Partyvolk, das Eintritt bezahlen wollte. So mussten die Lounges weg und der Platz für die Tanzenden freigeräumt werden. Diese Nicht-Eingeweihten fragten sich wohl auch, warum alle Blicke von der Tanzfläche aus auf die Galerie gerichtet waren (da, wo Schauspieler und Crew feierten), sich die Leute auf der Galerie Tanzbattles lieferten und sich jedesmal eine Traube bildete, wenn sich jemand (zum Beispiel Anna Hopkins und Nicola Correia-Damude) auf die Tanzfläche des Pöbels bewegte.

Was in unserem Partypreis von 70 Euro (Party-Eintritt, ein Gratisdrink und eine Stunde schwatzen), leider nicht inbegriffen war, waren saubere Toiletten. Ich hätte es wissen müssen. Mailand kennt das Konzept von sauberen Toiletten nicht. Schon bevor die Party losging, watete man durch Flüssigkeiten und Papierfetzen, Türen sind sowieso Mangelware. Wir standen also alle bei der rollstuhlgängigen Toilette an, weil diese die sauberste war, da kam Luke Baines um die Ecke und wunderete sich, weil die Toiletten hinter der Schlange unbesetzt waren. Er ging rein, kam wieder raus: «Okay, das ist wirklich eklig, aber ich werde es überleben. Falls ihr einen Knall hört, bin ich ohnmächtig geworden, bitte helft mir.» Als er wieder raus kam, meinte er: «Es ist möglich. Es ist wirklich eklig, sich hinzusetzen ist natürlich nicht zu empfehlen. Aber ihr schafft das. Stellt euch vor, es sei ein Festival…» WC-Talk mit Luke Baines? Gerne wieder!

Und dann war(en) da noch…

Doms Reaktion auf Monikas Geschenk (es Bärner Müntschi): Er hat das Bier noch nicht einmal richtig in der Hand, als er es bereits mit einem lauten Plopp und dem folgenden Kommentar öffnet: «Ich habe nicht einmal meine Vorsätze gebrochen, es ist 10 nach 12.» – Alex: «Die Regel ist: kein Bier vor 12. Er hält sich immer dran. Ausser es ist Wochenende, oder er ist mit mir unterwegs, oder…»

Der KineticVibe-Mitarbeiter, der uns erklärt, dass VIP- bis Vampire-Pass-Besitzer links und Werwolf- und Tagespassbesitzer rechts anstehen sollen und drei Sekunden später alle anschreit, wir sollen gefälligst den Gang links freihalten (und somit alle rechts anstehen), ob wir ihm denn nicht zugehört hätten.

Die Eltern, die den ganzen Tag in der Bar gesessen und auf ihre Töchter (und/oder Söhne?) gewartet haben, die einen Stock höher ihre Lieblinge anschmachteten. (Warum ich das weiss? Wir gönnten uns jeweils ein Nachmittagsbierchen in der besagten Bar…)

Der Moment als Ramonas anfängliche «Warum bin ich eigentlich hier?»-Stimmung zu «OMG! Ich habe ein Foto mit Matthew D’Addario!» und ein paar anderen hyperaktiv in Stitch-Stimme vorgetragenen Liebeserklärungen umschlägt.

Fazit

Alles in Allem war es ein tolles Wochenende – mit viel emotionalem Auf und Ab… Denn, natürlich sind die Schauspieler auch nur Menschen – aber es ist trotzdem speziell, die Leute live zu sehen, die man drei Jahre lang auf dem Bildschirm beobachtet hat, wie sie den Lieblingscharakteren aus den Büchern Leben einhauchen.

Würde ich wieder gehen?

Wohl eher nicht. Zum Einen, ist es wirklich ein sehr teurer Spass, zum Anderen habe ich ja jetzt Fotos und Unterschriften und bin eine Erfahrung reicher… Und irgendwie möchte ich auch nicht noch einmal von einer VIP-Pass-Besitzerin von der Tanzfläche gehüftschwingt werden, während sie sich erbarmungslos den Weg zu den tanzenden Schauspielern bahnt… Aber naja, wer weiss, wann der nächste Hormonschub kommt…

Stitch, ich, Monika (am Milano Latin Festival, das netterweise in der Nähe war)

Credits: Danke an Monika und Ramona für die Blog-Inputs, sonst würde hier nur die Hälfte stehen 😁

Santiago, die zweite

Die meisten haben es unterdessen mitgekriegt: Ich bin bereits seit einigen Wochen wieder zuhause. Wer zudem meinen Instagram-Account kennt, weiss, dass ich nach Rapa Nui eine weitere Woche in Santiago verbracht hatte und – nach meiner Rückkehr – die Beine nicht still halten konnte und in Europa herumgestolpert bin.

Gerade habe ich in meinem Tagebuch geblättert, um die Santiago-Seiten zu finden, musste dabei feststellen, dass ich gegen Ende etwas schreibfaul geworden war und nur Stichworte notiert hatte. Ich bin genauso gespannt wie ihr (falls…), was ich daraus in den folgenden Abschnitten basteln kann.

Nun denn: Nach den ruhigen Tagen auf der Osterinsel war ich im Partymodus. Buchte mich in Santiago also in einem Hostel im Bellavista-Quartier ein – da, wo die Clubs sind. Irgendwann gegen Mitternacht tauchte ich im Hostel auf, legte mich todmüde ins Bett (soviel zum Thema Partymodus) und wartete auf den Schlaf. Dieser wurde alle 0,5 Sekunden vom hämmernden Bass des Clubs nebenan verscheucht – und alle 30 Minuten zusätzlich von den beiden brasilianischen Teenagern (Licht ein – SEHR laute Unterhaltung – Koffer verrücken – Licht aus – Tür zuschlagen). Nachdem die beiden dann gegen 4 Uhr endlich im Bett lagen, hoffte ich, Schlaf zu finden. Genau 1,5 Stunden später klingelte unter mir jedoch bereits wieder der Wecker und die Brasilianerinnen fingen an sich anzuschreien. Mein Portugiesisch ist unterdessen so gut, dass ich heraushörte, dass sie heute die Valle-Nevado-Tour machen würden und sich offenbar anschreien mussten, weil sie sonst wieder eingeschlafen wären… Danke dafür!

Den nächsten Tag verbrachte ich grösstenteils mit Chrissy aus London, die mir erklärte, dass die beiden brasilianischen Chicas diesen Lebensstil schon seit drei Tagen verfolgten, und besuchte mit ihr den Cerro San Cristóbal. Ich war ja vor ein paar Tagen schon einmal da, musste nun aber feststellen, dass der Berg eine ungeahnte Dimension hatte und sich noch einige (Kilo-)Meter in den Nordosten erstreckte. Der perfekte Ort also, um einen Spaziergang oberhalb des Smogs einzulegen. Ich war fast die Einzige, die sich zu Fuss um den Hügel wagte. Trotz angenehmer Temperaturen versteckten sich wohl die meisten in ihren vier Wänden – oder fuhren Seilbahn, wie Chrissy. Da Seilbahnen für mich ich als Schweizerin eher zu den normalen Fortbewegungsmitteln gehören, verbrannte ich lieber ein paar Kalorien als Pesos.

Cerro San Cristóbal

Aufgrund des Schlafmangels und weil mir bewusst wurde, dass meine Zeit in Südamerika bald vorbei war, war meine Partylaune irgendwie doch schon wieder verflogen… Zurück im Hostel entdeckte ich allerdings ein Schild, das auf Barbetrieb und gratis Drinks ab 23 Uhr hinwies… Nun ja, wenn ich mich nicht zum Hostel raus bewegen musste, dann konnte man sich ja einen Gratisdrink gönnen. Ein paar Stunden später war die Frustration dann doch relativ gross, als Ionut aus Rumänien, der die gleiche Strategie wie ich verfolgte, und ich kurz vor 23 Uhr von Joaquin, einem Schweizer mit argentinischen Wurzeln, aufgeklärt wurden, dass die Partypeople sich um 23 Uhr beim Empfang treffen und dann zusammen ausgehen würden – nix mit Inhouse-Barbetrieb. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Es war fünf vor elf. Ich trug definitiv keine Clubkleidung und war auch viel zu faul, um irgendwohin zu fahren. Wir kauften uns also Bier beim Empfang und veranstalteten im Innenhof des Hostels eine kleine Privatparty, die damit endete, dass ich mich verpflichtete am nächsten Tag mit Joaquin eine Städtetour zu besuchen. Ich gebe zu, es beunruhigte meine südamerikanische Seele ziemlich, dass ich bereits um 9.30 Uhr bereit sein musste. Ich fühlte mich schon seit Wochen nicht mehr bereit vor 10 Uhr zu frühstücken…

Tatsächlich schaffte ich es am nächsten Morgen pünktlich aus der Heia (und es hatte sich gelohnt). Wir nahmen an der gratis Städtetour Tours4Tips teil, die von als Waldo verkleideten Personen durchgeführt wurden. (Ihr wisst schon, der mit dem rot-weiss-gestreiften Pullover, den man nie findet.) Es erstaunte mich selbst, dass ich es in den drei Monaten in Südamerika kein einziges Mal geschafft hatte, eine solche Tour mitzumachen.

Zu Beginn wurden uns die wichtigsten Fakten über Chile näher gebracht. Zum Beispiel, dass es in Chile pro Tag im Schnitt zehn Erdbeben gibt.
– Was macht man, wenn man ein Erdbeben spürt?
– Unter Tische kriechen oder sich in Türrahmen stellen.
– Alles korrekt. Aber was ist noch viel wichtiger? Richtig! Darauf achten, was die Chilenen machen. Schliesslich sind diese sich an Erdbeben gewöhnt. Und was machen die Chilenen? Meistens nichts. Ausser den Wein und den Fernseher festhalten. Der Landesname kommt schliesslich von «chill». Nach dem Erdbeben gibt es dann Alkohol. Und zwar den Terremoto-Drink, der auf jeder Cocktail-Karte zu finden ist. («Terremoto» heisst Erdbeben.)
Bereits während den Nachbeben würden die Chilenen Terremotos trinken und das vergangene Erdbeben feiern – so erzählte man uns. Ob es der Wahrheit entspricht?

Beim Fischmarkt (Mercado Central) lernten wir, dass das grosse pavillonartige Gebäude bestehend aus Eisenverstrebungen und kleinen Fensterchen in Glasgow angefertigt und dann nach Santiago transportiert worden war – und dies noch bevor es Strom gab; die Lampen wurden erst nachträglich angebracht. Wir kriegten ein paar Restaurant- und Lebenstipps: Für einen Heiratsantrag sei es besonders beliebt, eine wahnsinnig teure antarktische Königskrabbe zu bestellen und den Ring an ein Bein zu stecken (Wahrheitsgehalt auch hier nicht überprüfbar).

Mercado Central

Weiter ging es zu den La-Vega-Märkten, dafür mussten wir den Mapocho-Fluss überqueren. Unser Waldo kontrollierte, ob wir bereit waren für die Flussüberquerung. Alle, die den Rucksack noch auf dem Rücken trugen, waren offenbar nicht bereit. Denn während es auf der Westseite des Flusses relativ europäisch zu und her ging, war auf der Ostseite ein Gedränge und Einiges an Kleinkriminalität zu erwarten. Bis auf mich überlebten den Besuch in den einheimischen Markthallen alle gut. Allerdings wurde ich nicht Opfer der Kleinkriminalität sondern schlicht meiner Tollpatschigkeit: Da war dieser halbhohe Pfosten. Unsichtbar zwischen all den Menschenbeinen. Den traf ich. Mit erstaunlicher Genauigkeit. Der 15 × 15 Zentimeter grosse blaue Fleck (und die entsprechenden Schmerzen), den ich mir dabei zufügte, wurde ich erst vor ein paar Tagen gänzlich wieder los… Eine schöne Erinnerung…

Unser letzter Stop war der Cementerio Generale de Chile. Auf einer Fläche von 86 Hektaren (oder in Südamerikanisch: 212 Fussballfelder) ruhen gut zwei Millionen Menschen, inklusive die meisten Präsidenten Chiles und einige berühmte Künstler. Ein Grab, das besonders viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist dasjenige von Carmencita. Es ist rundherum geschmückt mit kleinen Wunsch- und Dankestafeln sowie Plüschtieren, Kunstblumen und anderen Geschenken. Carmens Grab ist eine «animita», eine heilige Gedenkstätte, die von Menschen, die glauben, dass Carmens Seele ihnen hilft, verehrt wird. Es gibt hunderte solcher Gedenkstätten, doch Carmencita hat eine besondere Geschichte, respektive zwei. Die eine besagt, dass Carmen ein 9-jähriges-Mädchen gewesen sein soll, das vergewaltigt und ermordet wurde. Die zweite – offenbar die wahre – Geschichte sei allerdings, dass Carmen eine junge (nicht so unschuldige) Frau war, die sich auf dem Friedhof, auf der Stelle ihres Grabes, umgebracht hatte, nachdem ihre Eltern ihr die Liebschaft mit einem Jungen verboten hatten. Gemäss unserem Waldo würde diese zweite Geschichte ab und zu auch auf einem Zettel an ihrem Grab hängen, doch die Carmencita-Anhänger würden diesen jeweils wieder entfernen. Und wieder ein Abschnitt, der damit endet, dass wir nicht wissen, welche der Geschichten der Wahrheit entspricht. Vielleicht keine?

Carmencita

Zum Abschluss der Tour ging ich mit Joaquin und Delicia, die wir auf der Tour kennengelernt hatten, in ein Restaurant im Fischmarkt. Wir teilten uns eine Spezialität (leider weiss ich den spanischen Namen nicht mehr): Hummerfleisch mit Käse. Also eigentlich eine Art Fondue (allerdings sehr fettiges und nicht so cremig) mit Hummerstückchen. Zum Glück hatten wir dies nur geteilt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man so ein Gericht alleine verspeisen kann, sogar als laktosetoleranter Mensch muss man davon Krämpfe kriegen.

Meine restlichen Tage in Santiago sind leider nicht weiter erzählenswert, bis auf den Besuch im Museum der Erinnerung und der Menschenrechte. Mit einem Audioguide kann man hier gut einen halben Tag verbringen. Die ganze Geschichte Chiles wird detailliert dargestellt und auch ein Einblick in die weltweiten Menschenrechtsverletzungen gegeben. Wer wie ich sehr gerechtigkeitsliebend ist, hat einen schweren Stand, das Museum zu besuchen ohne ein paar Tränen zu verdrücken.

Der Heimflug verlief problemlos. Zumindest nachdem ich mein Handy nach zwei Stunden panischem Suchen zwischen den Füssen eines Mitfliegers zwei Reihen weiter hinten wieder fand… Was mich ein bisschen quälte, war, dass ich meiner besten Freundin Michèle erzählt hatte, dass ich erst am 5. Juli wieder Schweizer Boden berühren würde und ihr somit vom 23. Juni bis zu meinem Überraschungsbesuch an ihrem Geburtstag am 27. Juni aus dem Weg gehen musste… Sie war allerdings so mit der Angst alt zu werden beschäftigt, dass sie tatsächlich keine Ahnung davon hatte, dass ich bereits gelandet war. Gut für mich. So reichte meine unscharfe Warnung «Ich bin ein paar Tage in den Bergen und habe wahrscheinlich keinen Empfang» und ich musste mir keine genaueren Pläne ausdenken…

Normal.

Willkommen zuhause, Anna… ;o)

P.-S.: Auch wenn der Blog etwas seltener gefüttert wird als bisher, werde ich versuchen, ab und zu ein paar Posts zu veröffentlichen.

Rapa Nui

Meine Vorfreude auf Rapa Nui war riesig. Santiago war ja wettermässig etwas kalt und nass ausgefallen, also hoffte ich, auf der Osterinsel Sonne zu tanken und packte den Bikini zuoberst in den Rucksack. Am Morgen um 4 Uhr, nach der fast schlaflosen Nacht, stieg ich im strömenden Regen in mein Uber ein. Die erste Fahrt mit Uber, die ich über meine eigene App gebucht hatte. Huiuiui. Da die App meine Kreditkarte nicht akzeptieren wollte, musste ich bar bezahlen, was den Fahrer dazu veranlasste, sehr undezent die Augen zu verdrehen. Aufgrund der Polizei war es offenbar nicht möglich, erst am Flughafen zu bezahlen, so bezahlte ich den vorab geschätzten Preis während der Fahrt. Ich habe nicht herausgefunden, ob Uber in Chile illegal ist, oder einfach nicht gern gesehen…

Am Flughafen angekommen lief dann – vorerst – alles reibungslos. Ich gab mein Gepäck auf, füllte das Formular für die Einreise nach Rapa Nui aus, ging beim PDI vorbei, die einen Stempel in meinen Pass knallten und das Formular einsackten. Kaufte Kaffee (auf dessen Becher «Good Luck» geschrieben wurde – die Ironie wurde mir erst später bewusst) und wartete beim Gate. Bis fast die letzten eingestiegen waren. Dann ging ich vor. Ob ich denn keinen Zettel hätte, fragte mich die Bordkartenkontrolleurin. «Zettel? Ja, den hier», und ich klaubte den PDI-Einreisezettel (sieht aus wie ein Kassenbon) für Chile hervor. Nein, nicht den, der sei von der Polizei. Der andere. Ob ich denn das Formular nicht ausgefüllt hätte? Doch, natürlich, aber das habe die Frau am PDI-Schalter behalten. Die Kontrolleurin wedelte mit meinem Pass herum und meinte, ich müsse nochmal zurück (und dieses «zurück» war weit weg, sehr weit). Ob ich denn den Flug noch erwischen werde? Das wisse sie nicht… Zum Glück war ich nicht die Einzige. Zwei Amis mussten auch nochmal zurück, sie hatten aber offenbar gar nie ein Formular ausgefüllt… Am PDI-Schalter angekommen, versuchte ich der Dame, die mich vorher abgefertigt hatte, auf Englisch zu erklären, was mein Problem war, und, dass ich offenbar dieses Formular, das da lag, haben müsse. Sie begutachtete ihre Nägel und reagierte nicht. Der Kollege in der Box neben ihr schien offenbar mehr Englisch zu verstehen: «Wir haben keine Formulare. Nur diese.» Und wedelt mit eben diesen Formularen, die ich zu brauchen meinte, vor meiner Nase herum. Nachdem ich genug mit den Händen gewedelt hatte und kurzzeitig in Panik ausgebrochen war, liess meine Freundin den Blick von ihren Nägeln ab, blätterte meinen Pass durch und zeigte mir auf Passseite 20 den Zettel, der immer da gewesen war und den ich offenbar benötigte. Sah genauso aus wie der PDI-Einreisezettel und hatte in dem Sinne nichts mit dem Formular zu tun… Spannend, dass das der Kontrolleurin am Gate nicht eingefallen war. Und mir auch nicht. Allerdings dachte ich auch, wir suchen ein A5-grosses Formular und nicht einen Kassenbon. Ich sage euch, lernt Spanisch! Nun denn, noch einmal durch die Sicherheitskontrolle und dann losrennen. Ausser Atem und bizzeli verschwitzt kam ich beim Gate an, das Flugzeug war noch da. Puh! Keuchend setzte ich mich auf meinen Platz. 20 Minuten später die Durchsage «Boarding complete» – zum Glück bin ich gerannt! Noch selten war ich morgens um 6 Uhr so wach!

Da ich einen Sitz in der Mitte des Flugzeugs hatte, kriegte ich von der Landung praktisch gar nichts mit, umso begeisterter war ich, als ich aus dem Flugzeug ausstieg, die Sonne auf mein Haupt schien und das Meer in der nicht so weiten Ferne blau leuchtete.

Praktisch alle Hotels bieten gratis Transfers an. So wartete auch auf mich jemand mit dem Schild «Anna Stock» [sic!] und einer Blumenkette. Dann ging es los auf eine kleine Tour durch das Städtchen: Minimärkte da und dort, da drüben muss das Nationalparkticket gekauft werden und da hinten gibt es den Bankomaten, an dieser Strasse sind die Touranbieter und an der nächsten die guten Restaurants.

Kaum im Hotel angekommen, machte ich mich auf zum Meer, erkundete die Stadt, die Strände, dachte darüber nach, ob ich meine vier Tage auf Rapa Nui alleine verbringen werden würde – zack, hatte ich einen Hund. Mal wieder. Gut eine Stunde lang begleitete er mich am Meer entlang, sprang um mich herum, wollte spielen, gestreichelt werden, Futter kriegen – alles musste ich ihm verwehren. Der Hund, nennen wir ihn Struppi, kratzte sich so dermassen häufig, dass ich ihn gerne (sehr) weit von mir halten wollte. Trotz Hundeblick.

In der Agentur-Strasse buchte ich etwas später eine Tour für den nächsten Tag (Freitag), Ost- und Südteil der Insel. Es windete und regnete aber so dermassen am Freitag, dass ich mich nicht aus dem Bett erheben konnte. Eigentlich wollte ich den ganzen Tag im Hostel bleiben, irgendwie war meine Stimmung etwas gedrückt. Erst nachdem mein Sandkastengspändli Jonathan mir auf meine genervte «Es regnet, alles ist Scheisse»-Nachricht mit «Take your chance» antwortete, konnte ich mich aufraffen. Ich schlüpfte in Regenjacke und -hose (die ich schon mehrmals entsorgen wollte, weil ich daran zweifelte, sie wirklich zu brauchen), umarmte den Regen und machte mich auf, die Insel und die Moais von einer anderen Seite kennenzulernen. Nicht alles ist eitel Sonnenschein. Und immerhin herrschten trotz Regen und Wind angenehme 25° C.

Ich spazierte also am Meer entlang Richtung Norden, da wo die Höhlen waren. Diese wären allerdings geschlossen, hatte man mir im Hostel gesagt, bei Regen sei es da viel zu rutschig. Aber der Weg dahin bot ein paar andere Sehenswürdigkeiten. Zum Beispiel ein Auto, das in der schlammigen Strasse stecken geblieben war. Hilfe war schon da – und drei Hunde… meine neuen Freunde natürlich. Vier Stunden lang begleiteten sie mich, zwei davon trugen Halsbänder, was sie als Nicht-Streuner kennzeichnete, sie aber nicht von einem friedlichen Spaziergang im Regen abhielt. Sehr vorteilhaft: Sie kannten den Weg. Ich wollte den Trekkingpfad entlanggehen, der noch schlammiger war als die ungepflasterte Strasse (natürlich), aber auch näher am Ufer und somit viel die bessere Aussicht (wunderschön, auch bei Regen!) bot. Der Pfad war teilweise etwas versteckt, die Hunde führten mich aber sicher über Stock und Stein (und durch Wasserlachen), warteten auf mich, wenn ich Fotos schoss, und hielten mir eine Gruppe anderer streunender (und verrückt bellender) Hunde vom Leib.

Theoretisch hatte ich ja jetzt eine Tour verpasst und rechnete schon damit, viel Geld in den Wind geschossen zu haben, nur weil ich regenscheu gewesen war. Allerdings erfuhr ich, dass die Tour sowieso nicht stattgefunden hatte, weil gewisse Sehenswürdigkeiten geschlossen waren und baden am Anakena-Strand bei Regen nicht so sexy war – und kriegte sogar das Geld zurückerstattet. Wie erfreulich! Ich buchte daraufhin eine andere Tour, die am nächsten Tag trotz Regen stattfinden würde. Mae, die Tourleiterin (so in meinem Alter), holte mich am Samstag um 9 Uhr ab. Mit einem 8-Personen-Minibus und der Info, dass ich die Einzige war, die dem Regen trotzen wollte. Der erste Stop war der Vulkan Rana Raraku, Geburtsstätte der Moai, denn hier wurden damals (1450–1650) die Menschenfiguren aus Stein gehauen. Ich hatte Glück: Eigentlich war die Stätte wegen Regen geschlossen (vor kurzem hatte sich offenbar ein Tourist einen Arm gebrochen, weil er auf den regennassen Steinen ausgerutscht war), da ich allerdings in Begleitung von Mae war, durften wir zumindest den Steinbruch besichtigen – den Vulkankrater nicht, so lebensmüde waren wir nicht. Mae erzählte mir die ganze Geschichte der Moai: Diese wurden hier aus dem Vulkangestein gehauen, weil es die richtige Dichte und Härte hatte. Der Transport gestaltete sich allerdings ziemlich schwierig und es gibt diverse Theorien, wie die Moai von dem Vulkan zu den unterschiedlichen Ahu (Zeremonialplattform) rund um die Insel herum gekommen waren – eine Theorie besagt, dass sie selbständig dahin spaziert waren… Im Steinbruch gibt es Moais in allen Stadien der Fertigstellung: Gewisse sind einseitig noch mit dem Vulkan verbunden, andere stehen – wie bestellt und nicht abgeholt (tatsächlich) –, wieder andere liegen zerbrochen herum. Die Moai – Abbilder verstorbener Häuptlinge und Beschützer der Inselbewohner – kriegen allerdings erst Leben eingehaucht, wenn ihnen die Augen eingesetzt werden, was jeweils erst geschah, wenn sie an ihrer endgültigen Stätte angekommen waren. Entsprechend war es auch nicht weiter schlimm, wenn ein Moai unterwegs zerbrach, da ihm zu dieser Zeit noch keine Seele innewohnte. (Allerdings stelle ich es mir sehr frustrierend vor für den Meistersteinmetz. Es ist nicht bekannt, wie lange an einem Moai gearbeitet wurde, aber es muss mit mehreren Monaten oder sogar Jahren pro Figur gerechnet werden.) Der grösste Moai der Insel ist 21 Meter hoch. Allerdings liegt er noch im Steinbruch und wurde auch nie vollständig vom Vulkan gelöst. Auch hier gibt es unterschiedliche Theorien: Entweder, die Steinmetze stellten fest, dass er schlicht zu schwer war, um jemals transportiert zu werden, oder er wurde nur für Marketingzwecke gemeisselt («Schaut, wenn ihr genug Geld habt, machen wir euch einen riesigen Moai»), oder…

Rano Raraku

Von Wind und Regen gepeitscht fuhren wir weiter zum Ahu Tongariki, dem Ahu mit den meisten Moai (15), die 1960 durch einen Tsunami alle bis zu 100 Meter ins Landesinnere geschleudert worden waren, und dessen Restaurierung nur mit der finanziellen Unterstützung aus Japan möglich gewesen war. Wir besuchten auch Vaihu, wo die Moai noch kopfüber im Schlamm liegen. Dieser Ahu war nicht restauriert worden und zeigt die Zeit um das 18. Jahrhundert, als aufgrund von Differenzen der verschiedenen Clans und Glaubensrichtungen auf der Insel alle Moais von den Ahus gestürzt wurden.

Das beste an meiner Privattour mit Mae war, dass ich nicht nur alles über die Geschichte der Osterinsel erfuhr (und teilweise leider schon wieder vergessen habe), sondern auch ganz viel aus Maes Leben und über das aktuelle Rapa Nui. Zum Beispiel gibt es kein College auf Rapa Nui, weshalb die Schüler nach Valparaíso dürfen für ihre weiterführende Schulbildung – Kost und Logis gratis. In Maes Klasse waren damals 20 Schüler, nur fünf entschieden sich für das College. Einigen war es zu weit weg, für andere war bereits klar, dass sie das Familienbusiness (Minimarkt, Restaurant, …) weiterführen würden. Auch sonst laufe Vieles mit Vitamin B: Wenn der Vater im Elektrizitätswerk der Insel arbeite, sei es eigentlich nur eine Formsache, dass der Sohn da auch Arbeit finden würde.

Auch spannend: 1973 gab es auf der Insel nur drei Autos und die gehörten alle der Polizei, der Rest bewegte sich zu Pferd fort. Heute haben nur schon die Rent-a-car-Firmen 200 Autos registriert. Je. 1973 gab es aber auch nur 2000 Einwohner. Heute sind es 4000 Rapa Nui und etwa 6000 «Fremde», hauptsächlich Festlandchilenen. Deshalb gelte nun ein Einreiseverbot bis die Studie darüber, wie viele Einwohner die Insel verträgt, abgeschlossen sei. Interessanterweise werden vor allem Chilenen deshalb beim Besuch auf der Insel ganz genau beobachtet, damit sie auch ja wieder abreisen.

Ich plante auch wieder abzureisen, aber erst am Montag. Am Sonntag machte ich noch einen Abstecher zu Orongo, einer Kultstätte des Birdman-Glaubens, und dem Rano-Kau-Vulkan. Vier Stunden wanderte ich im wunderschönen Wetter zum Krater und zurück, begutachtete die Orongo-Kultstätte, die man trotz Parkticket, genauso wie die Rano-Raraku-Steinbruch, nur einmal in zehn Tagen besuchen durfte (danach würde man ein neues Ticket für 85 Dollar brauchen). Danach gönnte ich mir in einem hübschen Seaside-Restaurant mit Blick auf die Surfer einen Caipirinha und erfreute mich zum Abschluss an der Begeisterung des Barkeepers, der wohl damit gerechnet hatte, dass ich ein gratis Wasser bestellen wollte. Prost!

Rano Kau

Ahora… oder später…

Es ist Zeit, euch von meinen ersten Tagen (6. bis 13. Juni) in Santiago zu berichten – das war noch vor der unausstehlichen Nacht im Hostel und der Reise nach Rapa Nui.

Diese Tage verbrachte ich grösstenteils mit Diego aus Brasilien, der einen Teil seiner Ferien in Santiago verbrachte. Am ersten Tag spazierten wir einfach ein bisschen durch die Stadt, wie ich das üblicherweise mache. Diego fand, dass ich im Reisen geübt sei und er deshalb einfach das mitmachen würde, was ich machen wollte. (Mit anderen Menschen reisen ist ja nicht immer problembefreit, aber das machte mir das Leben natürlich sehr einfach. Er beklagte sich auch nie. Sehr pflegeleicht.) Dieser Spaziergang führte uns durch ein eher langweiliges Zentrum (das zwar aussah wie Florída in Buenos Aires, aber weitaus ruhiger war) bis hin zum Cerro San Cristóbal. Noch bevor wir uns entschieden hatten, ob wir hochgehen oder die Standseilbahn nehmen sollten, wurden wir auf portugiesisch angesprochen. Das war schon in Buenos Aires der Fall gewesen. Es müssen die perfekt gestylten Augenbrauen sein, die die Brasilianer verraten, oder ich weiss es nicht… (In dem Moment hatten wir uns nicht unterhalten, es konnte also auch nicht am Akzent gelegen haben.) Wie dem auch sei. Der Brasilianer gehörte zu einer Agentur, die unterschiedliche Touren anbot, unter anderem Besuche mit oder ohne Skifahren im Valle Nevado. Für mich war das eher lächerlich – eine Tour zu einem verschneiten Berg –, ich gebe es zu, und ich dachte nicht, dass das wirklich «a thing» sein konnte… Ich merkte aber bald, dass ich steinreich geworden wäre, hätte ich für jedes Mal einen Peso gekriegt, wenn ich einen Brasilianer in Santiago «Valle Nevado» sagen hörte. Es schien als wäre ganz Brasilien in Santiago, um Schnee zu sehen.

Wir fuhren dann übrigens mit der Standseilbahn den Cerro hoch und genossen die Aussicht über Santiago und die viel zu sichtbare Luftverschmutzung.

«Hay un poco de contaminación», schrieb José dazu

Am Abend hatten wir uns mit José (den wir auch in Buenos Aires kennengelernt hatten) zum Karaoke verabredet. Auch Moritz (der Schweizer, den ich in Mendoza getroffen hatte, und der diesen Cameo-Auftritt sicher sehr zu schätzen weiss) wollten wir zum Abendessen und Karaoke «mitnehmen». Wir hatten noch keine feste Zeit abgemacht, José informierte uns irgendwann, er sei noch bis um 9 Uhr im Büro. Gegen 10 Uhr wollten Diego und ich uns dann endlich mit dem halb verhungerten Moritz treffen (zugegebenermassen hatten auch wir langsam Hunger) und sagten José, dass wir los gehen würden. Postwendend kam die Antwort, wir sollten bleiben, wo wir waren und ihm den Standort schicken, er komme dahin. Das machten wir. Zweimal. Denn nach den ersten 15 Minuten irgendwo auf der Strasse in der Kälte mussten wir uns bewegen. Am Ende warteten wir eine geschlagene Stunde draussen an einer Strassenecke. Wenn wir nachfragten, wo er den bliebe, kam jeweils zurück «Ich komme gerade an», das für uns so eine Zeitspanne von 5 Minuten bedeutete oder «Jetzt», das, naja, was soll es denn schon heissen ausser «jetzt»? 20 Minuten sind es. «Ahora» sind 20 Minuten! Merkt euch das für zukünftige Reisen nach Südamerika. (Es beruhigte – und erstaunte – mich, dass Diego auch eher ein Schweizer Verständnis von Zeit hatte…) Moritz war unterdessen alleine essen gegangen. Nachdem José endlich angekommen war – mit seiner Vespa und einem Freund –, entschied sich Moritz das Karaoke ausfallen zu lassen, denn, wie er richtig bemerkte, könnte es noch Jahre dauern, bis wir ein geeignetes Lokal finden würden. Zwei weitere Stunden dauerte es, um genau zu sein. Eigentlich wollten wir ein Uber nehmen bis zum Bellavista-Quartier. Irgendwo zwischen «Ich bestelle uns ein Uber» und «Lass uns da rüber gehen, da ist es besser» befanden wir uns aber auf einer Tour durch die Innenstadt, während der mir bewusst wurde, dass wir die 40 Minuten zum Bellavista-Quartier zu Fuss gehen würden (was Diego und ich ja auch schon vor gut 1,5 Stunden hätten machen können). In Bellavista angekommen, schaute sich José um und meinte «Oh, ich war schon lange nicht mehr hier». Zwei seiner angestrebten Ziele gab es entsprechend auch nicht mehr. Die Situation war so abstrus, dass ich das Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht kriegte. Gegen 1 Uhr sassen wir in einer eher schäbigen Karaokebar. Gute zwei Stunden hielten wir es da aus, bis wir uns wieder auf den Nachhauseweg machten. Immerhin war der Abend günstig. Zwei Bier und all die in der Kälte verbrannten Kalorien…

Diego, José, yours truly, Gonzalo

Am nächsten Tag der Schock für mich: Während ich das Valle Nevado bereits wieder verdrängt hatte, wollte Diego unbedingt in die Berge. Ich wollte ihm zum Einen den Spass nicht verderben, zum Anderen wollte ich auch sein Gesicht sehen, wenn er mit 31 Jahren das erste Mal Schnee sieht – ein für uns Schweizer so normales Phänomen. Für den Montag planten wir also diese Tour ein. Um Ski zu fahren hatte es «leider» zu wenig Schnee. Um 7 Uhr standen wir beim Tourbüro, wurden mit Winterstiefeln (und falls gewünscht mit Skijacke, -hose, -brille) ausgerüstet. Dann ging es los. Beim ersten Fotostop wurde mir klar, dass ich nicht nur die einzige Schweizerin, sondern die einzige Nicht-Brasilianerin auf dieser Tour und auf dem ganzen Berg war. Alle haltenden Kleinbusse waren mit Brasilianern gefüllt. Das Schneevorkommen war eher dürftig. In Fallerones gab uns der Fahrer 15 Minuten, «weil ihr seht, es gibt hier nichts zu sehen». Normalerweise gab es Buckelpisten und andere lässige Schneesportarten zu bewundern, aber ohne Schnee war es eher schwierig… Auch vom Valle «Nevado» war ich zart enttäuscht. Aber was will man machen? Wir stolperten durch den dürftigen Schnee, keuchten wegen der Höhe und schwitzten (wirklich!) in der Sonne. Ich vermisste Diegos kindliche Freude über den Schnee etwas, aber ich kompensierte sie spielend mit ein paar Schneebällen…

Die restlichen Tage schlenderten wir durch den Barrio Italia, assen dann doch noch mit Moritz zu Abend (und auch mit Georgia aus England – ihr erinnert euch?), fanden den Parque Borja, in und um den herum alle tanzten. Wirklich. Es war faszinierend. Hier wurde Freestyle getanzt, aber auch Gruppenchoreos – teilweise mit richtigen Gang-Outfits. Ich hätte ja mitgemacht, aber… ahm… fuhren im strömenden Regen nach Valparaíso, wo wir die speziellen Lifte testeten, die fast auseinanderfielen, und uns relativ schnell nach der Wärme (so 16° statt 14°) Santiagos sehnten.

Valparaíso Lift

Valparaíso dünkte uns übrigens nicht so paradiesisch. Zum Einen sollte man die Hafenstadt, die vor allem für ihre bunte Streetart bekannt und beliebt ist, zu Fuss erkunden, was in dem strömenden Regen nicht gerade angenehm war, zum Anderen fanden wir es teilweise etwas zwielichtig und fühlten uns nicht sicher. (Eine Woche nach unserem Besuch in Valparaíso wurde ein Kanadier erstochen, weil er sich weigerte, seinen Rucksack an Diebe abzugeben… Unsere Intuition hatte uns also nicht getäuscht.)

Da Chile ja eher teuer ist, erweiterte ich in dieser Woche in Santiago meine Kochkünste: Neben Spaghetti mit Tomatensauce gab es auch mal Omelettes mit Käse oder Schinkentoast. Ich bin schon fast ein bisschen stolz. Not.

Und ein kulinarischer Tipp zum Schluss: Wenn ihr mit Südamerikanern unterwegs seid, vergesst ja nicht die Ketchupflasche und den Kilosack Zucker griffbereit zu haben… Erhält den Frieden.

To sleep or not to sleep…

Meine Erfahrungen in Hostels in Südamerika sind bisher sehr unterschiedlich ausgefallen. Besitzer, Angestellte sowie natürlich die Gäste sind dabei ausschlaggebend, ob positive oder negative Erinnerungen gespeichert werden. Das unbequemste Bett kann durch nette Menschen wettgemacht werden.

Gewisse Hostels sind sehr familiär, man sitzt zusammen an einem Tisch, der Besitzer singt einem Lieder der Toten Hosen vor, man wird umarmt oder mit «mi amor» und «mi niña» angesprochen und kriegt zum Abschied einen Kuss auf die Wange gedrückt, als würde man dazugehören.

Gaston singt «An Tagen wie diesen», Mendoza

Andere sind eher anonym und es ist schwieriger, sich zwischen den vielen unbekannten Menschen zuhause zu fühlen. Dazu kommt, dass sich die Leute unbeobachtet fühlen: Macht ja nichts, wenn man den Teller nicht sauber abwäscht, vielleicht braucht der nächste die Tomatensauce noch. Oder denken nicht mit (absichtlich?): Wenn eine (schlecht ausgerüstete Küche) nur einen Topf hat, dann kann der gekochte Reis natürlich problemlos darin aufbewahrt werden, weil sonst sicher niemand diesen Topf braucht. Oder denken wohl, «es bizzeli» fällt nicht auf, und essen kurzerhand Eier aus den Vorräten eines anderen (namentlich meine Vorräte) weg…

Meine bisher schlimmste Erfahrung machte ich in einem Hostel in Santiago. Hier kamen alle möglichen Faktoren zusammen. Zu Beginn meiner Reise hatte ich Mühe, mich in den Hostels einzuleben, jedesmal passte mir beim ersten Anblick irgendetwas nicht, ich arrangierte mich aber immer sehr schnell. Sogar mit der eingefrorenen Nase in Villazón konnte ich mich anfreunden… Diesmal war alles anders [dramatische Musik]. Ich trat ins Hostel ein – und war begeistert. Es war ein älteres Gebäude mit einem verglasten Atrium. Toiletten und Duschen sahen ziemlich neu aus. Die Räume hatten hohe Decken und sie hatten kleine Holzgalerien eingebaut (anstelle – wie in anderen Hostels gesehen – dreistöckige Etagenbetten zu verwenden). Diese Zwischenböden boten Platz für Einzelbetten, eines davon war meins. Die Küche war geräumig und es hatte eine gemütliche Sofa- und Chillzone, in der ich meinen letzten Blog geschrieben hatte.

Ich übernachtete in diesem Hostel nur eine halbe Nacht, mein Flug zu den Osterinseln ging am Donnerstagmorgen um 6.30 Uhr. Dass ich entsprechend um 3.30 Uhr schon aufstehen muss, hatte ich beim Buchen glücklich ignoriert.

Trotz anfänglicher Begeisterung war dies die bei weitem ungemütlichste Nacht in Südamerika. Kurz vor 10 Uhr lag ich im Bett. Dass da noch nicht in allen Betten geschlafen wird, kann ich nachvollziehen. Das Licht bei den Etagenbetten unten brannte. Ich hörte etwa zwei Stunden lang Musik (mit Kopfhörern natürlich – aber auch das ist eigentlich nicht selbstverständlich…). Das Licht brannte immer noch. Im Bett neben mir wurde laut geschnarcht. Gegen 1 Uhr hörte ich jemanden aufstehen und dachte «Geil, endlich jemand, der das Licht ausschaltet». Die Bretterböden knarrten. Laut. Die Zimmertür wurde mit Schwung geöffnet und zugeknallt. Die Holzkonstruktion vibrierte. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Das Licht aus dem Korridor erhellte das Zimmer noch mehr. Meine Schlafmaske war unauffindbar. Die Oropax bin ich losgeworden, weil ich sie zwei Monate lang nicht benutzt hatte. «DINGDONG!», genau, da war noch die Klingel. Eigentlich müsste die ja nur der Nachtwächter hören, aber es ist sicherlich besser, wenn das ganze Hostel mitkriegt, wenn jemand nachhause kommt. Aber auch ohne Klingel wäre ich wohl jedesmal erwacht, ausser mir waren in dem Hostel nur Elefanten untergebracht. Die Türknallerin hatte übrigens das Licht ausgeschaltet. Danke! «DINGDONG!» Es wurde gestampft und laut gesprochen im Korridor. Die Zimmertür wurde rabiat geöffnet. Es wurde nun im Zimmer laut gesprochen – war ja erst 2 Uhr und es versuchten nur vier Leute zu schlafen. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Als die Neuzugänge endlich ruhig waren, freute ich mich: noch zwei Stunden Schlaf! Und ich freute mich noch mehr: Ich hatte mir nämlich Sorgen gemacht, am Morgen um 3.30 Uhr zu laut zu sein beim Aufstehen. HA! Wäre ich ein Arschloch, hätte ich die Lichter eingeschaltet und ganz laut (wirklich ganz laut) AC/DC angemacht. Leider bin ich kein Arschloch.

Das «DINGDONG!» und Gestampfe ging übrigens bis 3.30 Uhr in netten Abständen weiter, gegen 2.30 Uhr hatte sich noch trommelnder Regen dazu gesellt. Ich war froh, als ich endlich aufstehen konnte! Osterinsel, ich komme!

«See you there» war wohl ein etwas vorschnelles Ende des letzten Blogs, schliesslich gab es da noch den Nachmittag und Abend, den unsere «Reisegruppe» in einem gemütlichen Café verbringen wollte, bis die jeweiligen Busse fuhren (ausser mir konnten alle am selben Abend weiterreisen, mein Bus fuhr erst morgens um 5.30 Uhr), und die Grenzüberquerung und Calama…

Nun denn, nachdem wir in diesem Café unsere Bestellungen aufgegeben hatten, mussten wir es Hals über Kopf verlassen, weil der TV nur Kindersendungen zeigte und die Jungs doch eigentlich Champions-League-Finale schauen wollten. Zum Glück fanden wir ein Lokal, das den richtigen Sender hatte und verbrachten da gut fünf Stunden… Danach nächtigte ich in einem günstigen Hostel nahe dem «Busbahnhof». Auch dies, eine ganz andere Welt als Argentinien: Während in Argentinien die Busbahnhöfe grosse Gebäude mit Abfahrtsperrons und Schaltern waren, gab es in Uyuni einfach eine (oder zwei) Strasse(n) voller kleiner Läden, die Busfahrten verkauften. Die Busse fuhren vor oder in der Nähe dieser Shops. Reiste man am selben Tag, konnte man sogar den Rucksack deponieren – das traf für mich zwar sowieso nicht zu, dieses Vertrauen hätte ich wohl aber auch nicht aufgebracht…

Ziemlich verschlafen stolperte ich noch vor 5 Uhr aus dem Hostel (weckte den auf dem Sofa schlafenden Nachtwächter etwas unsanft) und machte mich mit erstaunlich vielen Menschen – aber ohne Kaffee – auf den Weg nach Chile. An der Grenze – irgendwo mitten in der Wüste – war es schon offensichtlich, dass in Chile wieder eine ganz andere Welt auf mich warten würde. Nach einer Fahrt auf unbefestigten Landstrassen, standen wir in Bolivien Schlange vor einem schlecht einbetonierten Container. (Es dauerte zudem ein wenig bis wir Gringos wussten, wohin wir genau mussten.)

Noch in Bolivien (auch hinter dem irreführenden Zaun ist noch Bolivien)

Kaum unter dem blauen Bogen hindurchgefahren, befanden wir uns auf geteerten, gut signalisierten Strassen und landeten in echten Gebäuden. Wir wurden mit Hilfe der Busfahrer, die unsere Zollscheine kontrollierten, durch die Passkontrolle geschleust, mussten dann in einem fast fluchtsicheren Unterstand unser Gepäck ausladen und warten, dass der Zollbeamte unsere Zettel kontrollierte, der Hund – nach gutem Zureden – unser Gepäck beschnüffelte, und danach unser Gepäck noch – eher pro forma – von Menschen «durchsucht» wurde. Ehrlich gesagt, ich fühlte mich ein bisschen wie ein Schwerverbrecher.

Ich hoffe, dies zu fotografieren, war kein Verbrechen

Niemand wurde zurückgelassen. Nun ging es weitere drei Stunden durch die Wüste nach Calama. In dieser Zeit ging mir das kurze Gespräch durch den Kopf, das ich an der bolivianischen Grenze mit dem Pakistani, der hinter mir sass, geführt hatte. Ich hätte ihm vielleicht sagen sollen, dass er sich glücklich schätzen müsse, dass er reisen könne – aber wer bin ich denn? Seine negative Einstellung Bolivien gegenüber und seine generell genervte Art veranlasste mich auf jeden Fall, das Gespräch kurz zu halten. Er sei nur zwei Tage in Bolivien gewesen, der Dreck wäre nicht auszuhalten, schrecklich. Zudem hätte sein Hotel seine Membership-Reservation nicht ausgeführt und er hätte ein Vermögen bezahlen müssen… Ich habe ja auch schlechte Tage, aber ich posaune die nur ungerne fremden Menschen ins Gesicht, und nach ein paar Tagen in der Kälte, freute ich mich einfach nur, dass ich bald in wärmere Gegenden kommen würde.

Calama, der erste Halt in Chile, überraschte mich ziemlich. Ich hatte eine Wüstenstadt wie Uyuni in Bolivien erwartet, doch dieser Ort war voller hübscher, umzäunter Häuser und die Innenstadt hatte eine süsse Fussgängerzone. Zumindest im Zentrum war das Wüstenfeeling inexistent. Ich blieb allerdings nur drei Stunden da, bevor mein Bus nach Antofagasta fuhr. (Ich hatte übrigens gut zwei Wochen, bis ich mir diesen Namen merken konnte, es gibt zu viele gut klingenden Möglichkeiten: Antafogasta, Antafogosto, Antofogasta…)

In Antofagasta checkte ich in das günstigste Hostel ein, das zu Fuss nur zehn Minuten vom Busterminal weg war. Ich fragte Marcela, die Besitzerin, wie weit es denn zu Fuss ins Zentrum sei. «15 Minuten, mi niña» – ja, das klang besser als erwartet, ich buchte direkt drei Nächte. Und wurde im Zimmer von einem Mitbewohner darauf aufmerksam gemacht, dass es eher so 50 Minuten waren. Aber Marcela konnte das ja kaum wissen, sie war ja 24/7 im Hostel. Haja. (Und nein, das «Missverständnis» war nicht auf mein schlechtes Spanisch zurückzuführen.) Immerhin konnte man am Meer entlang spazieren bis ins Zentrum, das war schonmal etwas. Und es war günstig. Juhu!

Abgesehen von ganz kurzen Standardgesprächen mit meinen zwei wirklich sehr netten Mitbewohnern, versuchte ich mich zurückzuhalten. Während ich am Anfang der Reise ja noch Angst hatte, niemanden zu treffen, brauchte ich nun dringend etwas Zeit für mich alleine und wollte wirklich mit niemandem etwas unternehmen, auch wenn sowohl Ruben von Santiago wie auch Délphine aus Frankreich mehrfach sagten «Ich geh da hin, möchtest du mitkommen?». «Nein, merci.» «Danke, eher nicht.» «Mein Kopf ist gerade unter dem Kissen, ich kann dich leider nicht hören.»

Ich genoss Antofagasta richtig, endlich wieder etwas Wärme! Durch den Küstenwind war es ab und zu zwar trotzdem kalt, aber nur, weil ich statt der üblichen drei bis fünf Kleidungsschichten nur noch zwei trug. Ich spazierte viel an der Küste entlang, schaute den riesigen, kraftvollen Wellen zu, die an den Steinen brachen, shoppte Jeans (weil ich ja immer noch einen Riss in meiner Lieblingshose hatte und Mama gesagt hatte, dass die irreparabel wären. Danke Mama! – Die Hose habe ich unterdessen natürlich entsorgt, ohne dabei zu vergessen, ein paar Minuten darüber nachzudenken, ob ich den Stoff vielleicht für etwas anderes verwenden könnte…), und gönnte mir ein Wachsbad für 13 Franken… Man muss etwas für seine Reiseschönheit machen, imfal.

Nur eines der 1000 Wellenfotos…
… und ein paar Muscheln

Obwohl ich mich von sozialen Kontakten fernzuhalten versuchte, nahm ich die Tipps von Ruben, was es in Antofagasta zu tun gibt, gerne an, und spazierte zwei Stunden zu den Huanchaca-Ruinen. Als ich sie erreichte, war ich völlig überwältigt. Fühlte mich wie Tomb Raider. Fragte mich, wie alt die den waren. Dachte noch «Sieht seltsam aus. Modern. Wahnsinn!» Ich stolperte durch das Museum, das mit unzähligen Tafeln die Geschichte von Bergbau und Salzabbau Chiles erzählte. Schön gemacht. Aber wer schon einmal eine schlechte Power-Point-Präsentation gesehen hat, weiss, weniger ist mehr. Entsprechend gibt es hier keine Details, weil ich alles wieder vergessen habe. Zudem, wunderte ich mich, warum dieses Museum hier stand und was denn dies genau mit den Ruinen zu tun hatte… Erst am Schluss, in einem super gemachten Kurzfilm, wurde mir klar, dass dies die Ruinen einer Salzverarbeitungsstätte waren. Von 1888. Zwar alt, aber mein Tomb-Raider-Herz fühlte sich betrogen, und ich mich ein bisschen dumm. (Aber zu meiner Verteidigung: Der Name klingt echt alt…)

Ruinas de Huanchaca

Salt-Flats-Tour

Erster Halt in Bolivien: Tupiza. Hier wollte ich eine viertägige Tour buchen, die mich durch die Wüstenlandschaft im westlichen Bolivien, über die Salt Flats von Uyuni, und dann auch direkt nach San Pedro de Atacama in Chile bringen würde. Natürlich hatte ich die Rechnung ohne die Nebensaison gemacht. Mit Peter und Sandrine, einer Belgierin, die wir im Hostel kennengelernt hatten, klapperte ich die Agenturen ab. (Wir waren auch noch auf der Suche nach Ausritten zu Pferd.) Alle erklärten mir dasselbe: Die Nachfrage nach Touren, die in San Pedro enden, ist zu gering, ABER wir können dir diese Tour (15 Minuten Erklärung) mit Ende in Uyuni empfehlen, von Uyuni gibt es dann einen Bus (oder ein doppelt so teures Shuttle), der dich über die Grenze bringt. Mit einem flauen Gefühl im Bauch, buchte ich die Tour über unser Hostel (nachdem ich mir den – immer gleichen – Tourbeschrieb von vier unterschiedlichen Agenturen geduldig angehört hatte). Normalerweise wäre dies alles kein Problem gewesen und unter normalen Umständen wäre ich danach wahrscheinlich in Bolivien geblieben und rumgereist, aber ich hatte vor ein paar Wochen zugesagt, mich in Santiago mit Diego (aus Brasilien) und José (aus Santiago) zu treffen, die ich in Buenos Aires kennengelernt hatte. Damals klang das noch völlig harmlos, stellte mich aber jetzt tatsächlich vor das Problem, dass ich zeitlich eingeschränkt war. Und das wiederum brachte mich etwas aus der Ruhe.

Um auf andere Gedanken zu kommen, gönnten wir uns am Nachmittag einen dreistündigen Ausritt zu Pferd. Es war herrlich! Ich fühlte mich wie in einem Western. Wir ritten vorbei an der Puerta del Diablo (ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Puertas und Gargantas del Diablo es in Südamerika gibt) bis hin zum Cañon del Inca, der gemäss unserem Tourguide eigentlich einfach ein Canyon war, bis ihm jemand einen netten Namen für die Touristen gab.

Puerta del Diablo
Ziegen im Inca-Canyon
Gaucho Peter

Am nächsten Morgen (es war Mittwoch, wenn ich mich richtig erinnere) ging die Salt-Flats-Tour für mich schon um 7 Uhr los. Oder um 7.30 Uhr. Eigentlich noch später. Mir wurde am Abend davor nämlich gesagt, die Tour starte um 7 Uhr und wir würden in den Bergen frühstücken. Am Morgen hiess es dann aber, dass wir im Hostel frühstücken (trockenes Brot und Milch mit Kaffeearoma) und dann um 7.30 Uhr losfahren würden. (Oder dann, wann auch immer das Auto kommen würde.) Meine ursprüngliche Besorgtheit, dass diese Tour vielleicht nur ältere Menschen machten, löste sich schnell in Luft auf, als ich meine vier Mittourer kennenlernte: Mit sechs Jahren Abstand war ich die Älteste der Truppe… Zeit, sich alt zu fühlen.

Die vier Tage vergingen wie im Flug! Die Nächte nicht unbedingt. Meine erste Nacht auf über 4000 Metern und bei etwa –12° C gestaltete sich als eher schwierig. Ich schlief keine zwei Stunden. Aber was will ich mich beklagen. Der Tag davor und die Tage danach waren herrlich: Wir fuhren durch traumhafte Landschaften, hatten einen begnadeten Fahrer, der sich Mühe gab, als Erster an den Aussichtspunkten anzukommen (oder sogar etwas abseits hielt, damit wir nicht dauernd andere Touristen im Blick hatten…), assen an spektakulären Orten zu Mittag, badeten in natürlichen Thermen, machten mysteriöse Fotos von und vor Geysiren, spielten Karten, tranken Wein (sehr grässlichen Wein, dennoch ein herzliches Dankeschön an die drei Jungs auf der Tour, dass ihr uns mit Schokolade und Alkohol versorgt habt) und trotzten Wind und Kälte, um auf dem Salar de Uyuni Sonnenunter- und Sonnenaufgang sowie den unbeschreiblich klaren Sternenhimmel zu sehen.

Laguna Colorado
Mittagessen in der Ciudad del Encanto
Copa del Mundo (von hinten 🤷🏻‍♀️)
Salar de Uyuni

Die Tour war wirklich ein Erfolg, und wenn ihr die Möglichkeit habt, eine solche Tour zu machen, tut es. Am besten von Tupiza aus, das gibt einen Tag mehr herrliche Landschaft… Der «Umweg» hatte sich für mich wirklich mehr als gelohnt!

In Uyuni angekommen, suchte sich jeder ein Ticket nach wohin auch immer er oder sie gehen wollte. Ich entschied mich, nach Calama in Chile zu fahren und dann dort einen Bus zu suchen, der mich direkt weiter nach Antofagasta bringen würde, wo ich drei Tage bleiben wollte. San Pedro de Atacama wäre ein zu grosser Umweg (von Calama aus nochmal drei Stunden und dann wieder zurück, zudem müsste man hier noch einmal ein paar Tage Touren einplanen) und ich hatte genug von der kalten Wüste gesehen. (Auch Antofagasta liegt in der Wüste, aber da gibt es auch Meer. Und Wärme. Juhuu!) See you there!