Shadowhunters-Convention

Fan sein will gelernt sein

Der wahre Grund, warum ich nicht länger als Mitte Juli in Südamerika bleiben konnte? Ich hatte im Herbst meinen Hormonen nachgegeben und Tickets für eine Shadowhunters-Convention gekauft. (Shadowhunters ist eine Fantasy-Serie basierend auf einer Buchreihe von Cassandra Clare – den Rest überlasse ich Google.) An dieser Convention in Mailand (es gibt auch welche in Paris, Brüssel, London, …) sollten einige der Schauspieler der Serie anwesend sein: Fragen beantworten, Autogramme schreiben, für Fotos posieren.

Zu Dritt machten wir uns also auf zur Convention und – obwohl ich mich ursprünglich doch ein bisschen schämte, in meinem Alter an eine Veranstaltung zu gehen, die wahrscheinlich nur kreischende Teenager anlockt – fühlte mich bald ziemlich normal. Nein, eigentlich schlecht. Wie ein richtig miserabler Fan.

Für diese Conventions gibt es unterschiedliche Pässe. Wir hatten einen Mittelklasse-Pass, den Vampire-Pass. Das heisst, beim Anstehen für Autogramme oder Fotos durften wir die Werwolf-Pass- und die Tagespass-Besitzer überholen. Standen wir dann zuvorderst in der Schlange, wurden wir aber garantiert von Menschen mit (unbezahlbaren) Warlock-, VIP- oder Super-VIP-Pässen überholt.

Während wir uns irgendwie schlecht fühlten, wenn wir Leute überholten, die schon lange anzustehen schienen, hatten wir das Gefühl, dass die Passbesitzer mit teureren Pässen das Überholen richtig genossen, uns zur Seite schoben oder auch abwertend mit einem «ach so, nur ein Vampire» bedachten. Man fängt schon fast an, sich schlecht zu fühlen, dass man selber nicht so viel für seine «Lieblinge» ausgegeben hat. Natürlich haben wir, zusätzlich zu den im Pass inkludierten Autogrammen und Fotos, auch noch Geld ausgegeben, aber insgesamt sicher weniger, als wir für einen der teureren Pässe hätten hinblättern müssen.

Obwohl ich mich das ganze Wochenende nicht wirklich mit der Fanhierarchie abfinden konnte, gab es einige grossartige Erlebnisse. Einige davon, versuche ich unten so wirklichkeitsliebend wie möglich zu beschreiben.

Adam und die Eifersucht

Wir trafen Adam, einen Influencer, der den Serien-Junkies vielleicht bekannt ist als abnormallyadam. Adam ist aus Australien und macht Reaction-Videos zu Episoden diverser Serien und ist ein wahnsinnig herzlicher und umgänglicher Mensch. Als Influencer erlebt Adam leider auch die Schattenseiten der Anonymität im Internet: Ihm wurde auf Twitter sehr viel Hass entgegengebracht, weil er auf einer Convention Interviews mit den Schauspielern führen durfte, bei den Fotosessions dabei war und auch sonst mitarbeiten konnte. (Dies alles, weil die Veranstalter ihn cool fanden und dabei haben wollten.) Die daraus resultierende Eifersucht einiger Fans führte zu bösen Posts und so weit, dass sogar alte Posts von ihm gesucht wurden, um zu «beweisen», dass er eigentlich kein guter Mensch ist. Ironie?

Ich freue mich zumindest sehr, ihn kennengelernt zu haben und hoffe, er kann trotz all dem Hass, seine Fröhlichkeit beibehalten. Fame is a bitch.

Dom Sherwood und Alex Kinsey

Obwohl ich schon ziemlich aufgeregt war, Schauspieler wie Dom Sherwood oder Harry Shum Jr. zu treffen, begeisterte mich die überraschende Anwesenheit von Alex Kinsey fast mehr. Alex ist in Europa nicht wirklich bekannt, gewann aber mit Sierra 2013 X-Factor in Amerika und brachte vor kurzem seine erste Solo-EP «Party of One» auf den Markt, die mich schwer begeistert (vor allem die sexy Single «Hot Mess» – hört rein!). Er ist ein guter Freund von Dom und begleitete diesen sowohl zu Autogramm- als auch zu Fotosessions. KREISCH! Als Monika und ich am Sonntag unsere Fotos mit Dom machten, fragte sie Alex, ob er ein Selfie mit uns schiessen würde. Er war dabei, wollte aber noch warten, bis Dom mit den Fotos fertig war. Dom kriegte das Gespräch mit und lud uns kurzerhand ein, ein Foto mit der Convention-Kamera zu schiessen. Die Staff war in heller Aufruhr, weil wir a) die anstehenden Leute aufhielten (Tschuldigung!) und b) nicht für das Foto bezahlt hatten (ohjemine). Dom erklärte den Mitarbeitenden, dass es ein Geschenk von ihm an uns sei, und wir hyperaktivierten davon, bevor uns jemand eine Rechnung unter die Nase halten konnte. Während der ganzen Convention kamen ab und zu unsere inneren Teenager durch (ohne Kreischen und Heulen), aber es war nie so übel wie nach diesem Gratisfoto. Während ich nicht aufhören konnte zu quatschen, brillierte Monika im grossen Schweigen. Ihre Nervosität äusserte sich in einem zombieartigen Überlebensmodus: Sie sagte kein Wort, verzog keine Miene und erst als ich sie fragte, ob sie das Erlebte nicht nervös gemacht hätte, zeigte sie mir stillschweigend ihre zittrigen Hände. Zum Glück. Sonst hätte ich annehmen müssen, sie sei «dead, dead, dead».

Alex, yours truly, Monika, Dom, KREISCH!

Luke Baines und die Afterparty

Am Sonntagabend ging es auf zur Afterparty im Club B38 mit den Schauspielern. Das heisst: Es wurden Lounges mit je neun Personen eingerichtet und die Schauspieler wechselten für eine Stunde von Tisch zu Tisch. Jeweils für fünf Minuten durften wir sie mit Fragen löchern – die Mitarbeitenden von KineticVibe standen mit Timern immer bereit die Gesprächsrunden abzubrechen, wobei sich sogar die Schauspieler wehrten, wenn die Zeit zu ungenau gemessen wurde: Tessa Mossey zum Beispiel wurde wieder aufgescheucht, kaum hatte sie sich gesetzt, und blieb demonstrativ noch etwas bei uns sitzen.

Nach der ungefähren Stunde Red-und-Antwort-Stehen der Schauspieler merkten wir dann, warum die Mitarbeitenden so gestresst waren: Die anschliessende Party war nicht nur für Convention-Besucherinnen, sondern für das gesamte Partyvolk, das Eintritt bezahlen wollte. So mussten die Lounges weg und der Platz für die Tanzenden freigeräumt werden. Diese Nicht-Eingeweihten fragten sich wohl auch, warum alle Blicke von der Tanzfläche aus auf die Galerie gerichtet waren (da, wo Schauspieler und Crew feierten), sich die Leute auf der Galerie Tanzbattles lieferten und sich jedesmal eine Traube bildete, wenn sich jemand (zum Beispiel Anna Hopkins und Nicola Correia-Damude) auf die Tanzfläche des Pöbels bewegte.

Was in unserem Partypreis von 70 Euro (Party-Eintritt, ein Gratisdrink und eine Stunde schwatzen), leider nicht inbegriffen war, waren saubere Toiletten. Ich hätte es wissen müssen. Mailand kennt das Konzept von sauberen Toiletten nicht. Schon bevor die Party losging, watete man durch Flüssigkeiten und Papierfetzen, Türen sind sowieso Mangelware. Wir standen also alle bei der rollstuhlgängigen Toilette an, weil diese die sauberste war, da kommt Luke Baines um die Ecke und wundert sich, weil die Toiletten dahinter unbesetzt waren. Er geht rein, kommt wieder raus: «Okay, das ist wirklich eklig, aber ich werde es überleben. Falls ihr einen Knall hört, bin ich ohnmächtig geworden, bitte helft mir.» Als er wieder raus kommt, meint er: «Es ist möglich. Es ist wirklich eklig, sich hinzusetzen ist natürlich nicht zu empfehlen. Aber ihr schafft das. Stellt euch vor, es sei ein Festival…» WC-Talk mit Luke Baines? Gerne wieder!

Und dann war(en) da noch…

Doms Reaktion auf Monikas Geschenk (es Bärner Müntschi): Er hat das Bier noch nicht einmal richtig in der Hand, öffnet er es bereits mit einem lauten Plopp und dem Kommentar: «Ich habe nicht einmal meine Vorsätze gebrochen, es ist 10 nach 12.» – Alex: «Die Regel ist: kein Bier vor 12. Er hält sich immer dran. Ausser es ist Wochenende, oder er ist mit mir unterwegs, oder…»

Der KineticVibe-Mitarbeiter, der uns erklärt, dass VIP- bis Vampire-Pass-Besitzer links und Werwolf- und Tagespassbesitzer rechts anstehen sollen und drei Sekunden später alle anschreit, wir sollen gefälligst den Gang links freihalten (und somit alle rechts anstehen), ob wir ihm denn nicht zugehört hätten.

Die Eltern, die den ganzen Tag in der Bar gesessen und auf ihre Töchter (und/oder Söhne?) gewartet haben, die einen Stock höher ihre Lieblinge anschmachteten. (Warum ich das weiss? Wir gönnten uns jeweils ein Nachmittagsbierchen…)

Der Moment als Ramonas anfängliche «Warum bin ich eigentlich hier?»-Stimmung zu «OMG! Ich habe ein Foto mit Matthew D’Addario!» und ein paar anderen hyperaktiv in Stitch-Stimme vorgetragenen Liebeserklärungen umschlägt.

Fazit

Alles in Allem war es ein tolles Wochenende – mit viel emotionalem Auf und Ab… Denn, natürlich sind die Schauspieler auch nur Menschen – aber es ist trotzdem speziell, die Leute live zu sehen, die man drei Jahre lang auf dem Bildschirm beobachtet hat, wie sie den Lieblingscharakteren aus den Büchern Leben einhauchen.

Würde ich wieder gehen?

Wohl eher nicht. Zum Einen, ist es wirklich ein sehr teurer Spass, zum Anderen habe ich ja jetzt Fotos und Unterschriften und bin eine Erfahrung reicher… Und irgendwie möchte ich auch nicht noch einmal von einer VIP-Pass-Besitzerin von der Tanzfläche gehüftschwingt werden, während sie sich erbarmungslos den Weg zu den tanzenden Schauspielern bahnt… Aber naja, wer weiss, wann der nächste Hormonschub kommt…

Stitch, ich, Monika (am Milano Latin Festival, das netterweise in der Nähe war)

Credits: Danke an Monika und Ramona für die Blog-Inputs, sonst würde hier nur die Hälfte stehen 😁

Santiago, die zweite

Die meisten haben es unterdessen mitgekriegt: Ich bin bereits seit einigen Wochen wieder zuhause. Wer zudem meinen Instagram-Account kennt, weiss, dass ich nach Rapa Nui eine weitere Woche in Santiago verbracht hatte und – nach meiner Rückkehr – die Beine nicht still halten konnte und in Europa herumgestolpert bin.

Gerade habe ich in meinem Tagebuch geblättert, um die Santiago-Seiten zu finden, musste dabei feststellen, dass ich gegen Ende etwas schreibfaul geworden war und nur Stichworte notiert hatte. Ich bin genauso gespannt wie ihr (falls…), was ich daraus in den folgenden Abschnitten basteln kann.

Nun denn: Nach den ruhigen Tagen auf der Osterinsel war ich im Partymodus. Buchte mich in Santiago also in einem Hostel im Bellavista-Quartier ein – da, wo die Clubs sind. Irgendwann gegen Mitternacht tauchte ich im Hostel auf, legte mich todmüde ins Bett (soviel zum Thema Partymodus) und wartete auf den Schlaf. Dieser wurde alle 0,5 Sekunden vom hämmernden Bass des Clubs nebenan verscheucht – und alle 30 Minuten zusätzlich von den beiden brasilianischen Teenagern (Licht ein – SEHR laute Unterhaltung – Koffer verrücken – Licht aus – Tür zuschlagen). Nachdem die beiden dann gegen 4 Uhr endlich im Bett lagen, hoffte ich, Schlaf zu finden. Genau 1,5 Stunden später klingelte unter mir jedoch bereits wieder der Wecker und die Brasilianerinnen fingen an sich anzuschreien. Mein Portugiesisch ist unterdessen so gut, dass ich heraushörte, dass sie heute die Valle-Nevado-Tour machen würden und sich offenbar anschreien mussten, weil sie sonst wieder eingeschlafen wären… Danke dafür!

Den nächsten Tag verbrachte ich grösstenteils mit Chrissy aus London, die mir erklärte, dass die beiden brasilianischen Chicas diesen Lebensstil schon seit drei Tagen verfolgten, und besuchte mit ihr den Cerro San Cristóbal. Ich war ja vor ein paar Tagen schon einmal da, musste nun aber feststellen, dass der Berg eine ungeahnte Dimension hatte und sich noch einige (Kilo-)Meter in den Nordosten erstreckte. Der perfekte Ort also, um einen Spaziergang oberhalb des Smogs einzulegen. Ich war fast die Einzige, die sich zu Fuss um den Hügel wagte. Trotz angenehmer Temperaturen versteckten sich wohl die meisten in ihren vier Wänden – oder fuhren Seilbahn, wie Chrissy. Da Seilbahnen für mich ich als Schweizerin eher zu den normalen Fortbewegungsmitteln gehören, verbrannte ich lieber ein paar Kalorien als Pesos.

Cerro San Cristóbal

Aufgrund des Schlafmangels und weil mir bewusst wurde, dass meine Zeit in Südamerika bald vorbei war, war meine Partylaune irgendwie verflogen… Zurück im Hostel entdeckte ich allerdings ein Schild, das auf Barbetrieb und gratis Drinks ab 23 Uhr hinwies… Nun ja, wenn ich mich nicht zum Hostel raus bewegen muss, dann kann man sich ja einen Gratisdrink gönnen. Ein paar Stunden später war die Frustration dann doch relativ gross, als Ionut aus Rumänien, der die gleiche Strategie wie ich verfolgte, und ich kurz vor 23 Uhr von Joaquin, einem Schweizer mit argentinischen Wurzeln, aufgeklärt wurden, dass die Partypeople sich um 23 Uhr beim Empfang treffen und dann zusammen ausgehen würden – nix mit Inhouse-Barbetrieb . Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Es war fünf vor elf. Ich trug definitiv keine Ausgangskleidung und war auch viel zu faul, um irgendwohin zu fahren. Wir kauften uns also Bier beim Empfang und veranstalteten im Innenhof des Hostels eine kleine Privatparty, die damit endete, dass ich mich verpflichtete am nächsten Tag mit Joaquin eine Städtetour zu besuchen. Ich gebe zu, es beunruhigte meine südamerikanische Seele ziemlich, dass ich bereits um 9.30 Uhr bereit sein musste. Ich fühlte mich schon seit Wochen nicht mehr bereit vor 10 Uhr zu frühstücken…

Tatsächlich schaffte ich es am nächsten Morgen pünktlich aus der Heia (und es hatte sich gelohnt). Wir nahmen an der gratis Städtetour Tours4Tips teil und wurden von einem Waldo durchgeführt. (Ihr wisst schon, der mit dem rot-weiss-gestreiften Pullover, den man nie findet.) Es erstaunte mich selbst, dass ich es in den drei Monaten in Südamerika kein einziges Mal geschafft hatte, eine solche Tour mitzumachen.

Zu Beginn wurden uns die wichtigsten Fakten über Chile näher gebracht. Zum Beispiel, dass es in Chile pro Tag im Schnitt zehn Erdbeben gibt.
– Was macht man, wenn man ein Erdbeben spürt?
– Unter Tische kriechen oder sich in Türrahmen stellen.
– Alles korrekt. Aber was ist noch viel wichtiger? Richtig! Darauf achten, was die Chilenen machen. Schliesslich sind diese sich an Erdbeben gewöhnt. Und was machen die Chilenen? Meistens nichts. Ausser den Wein und den Fernseher festhalten. Der Landesname kommt schliesslich von «chill». Nach dem Erdbeben gibt es dann Alkohol. Und zwar den Terremoto-Drink, der auf jeder Cocktail-Karte zu finden ist. («Terremoto» heisst Erdbeben.)
Bereits während den Nachbeben würden die Chilenen Terremotos trinken und das vergangene Erdbeben feiern – so erzählte man uns. Ob es der Wahrheit entspricht?

Beim Fischmarkt (Mercado Central) lernten wir, dass das grosse pavillonartige Gebäude bestehend aus Eisenverstrebungen und kleinen Fensterchen in Glasgow angefertigt worden war und dann nach Santiago transportiert wurde – und dies noch bevor es Strom gab, die Lampen wurden erst nachträglich angebracht. Wir kriegten ein paar Restaurant- und Lebenstipps: Für einen Heiratsantrag sei es besonders beliebt, eine wahnsinnig teure antarktische Königskrabbe zu bestellen und den Ring an ein Bein zu stecken (Wahrheitsgehalt auch hier nicht überprüfbar).

Mercado Central

Weiter ging es zu den La-Vega-Märkten, dafür mussten wir den Mapocho-Fluss überqueren. Unser Waldo kontrollierte, ob wir bereit waren für die Flussüberquerung. Alle, die den Rucksack noch auf dem Rücken trugen, waren offenbar nicht bereit. Denn während es auf der Westseite des Flusses relativ europäisch zu und her ging, war auf der Ostseite ein Gedrängel und einiges an Kleinkriminalität zu erwarten. Bis auf mich überlebten den Besuch in den einheimischen Markthallen alle gut. Allerdings wurde ich nicht Opfer der Kleinkriminalität sondern schlicht meiner Tollpatschigkeit: Da war dieser halbhohe Pfosten. Unsichtbar zwischen all den Menschenbeinen. Den traf ich. Mit erstaunlicher Genauigkeit. Der 15 × 15 Zentimeter grosse blaue Fleck (und die entsprechenden Schmerzen), den ich mir dabei zufügte, wurde ich erst vor ein paar Tagen gänzlich wieder los… Eine schöne Erinnerung…

Unser letzter Stop war der Cementerio Generale de Chile. Auf einer Fläche von 86 Hektaren (oder in Südamerikanisch: 212 Fussballfelder) ruhen gut zwei Millionen Menschen, inklusive die meisten Präsidenten Chiles und einige berühmte Künstler. Ein Grab, das besonders viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist dasjenige von Carmencita. Es ist rundherum geschmückt mit kleinen Wunsch- und Dankestafeln sowie Plüschtieren, Kunstblumen und anderen Geschenken. Carmens Grab ist eine «animita», eine heilige Gedenkstätte, die von Menschen, die glauben, dass Carmens Seele ihnen hilft, verehrt wird. Es gibt hunderte solcher Gedenkstätten, doch Carmencita hat eine besondere Geschichte, respektive zwei. Die eine besagt, dass Carmen ein 9-jähriges-Mädchen gewesen sein soll, das vergewaltigt und ermordet wurde. Die zweite – offenbar die wahre – Geschichte sei allerdings, dass Carmen eine junge (nicht so unschuldige) Frau war, die sich auf dem Friedhof, auf der Stelle ihres Grabes, umgebracht hatte, nachdem ihre Eltern ihr die Liebschaft mit einem Jungen verboten hatten. Gemäss unserem Waldo würde diese zweite Geschichte ab und zu auch auf einem Zettel an ihrem Grab hängen, doch die Carmencita-Anhänger würden diesen jeweils wieder entfernen. Und wieder ein Abschnitt, der damit endet, dass wir nicht wissen, welche der Geschichten der Wahrheit entspricht. Vielleicht keine?

Carmencita

Zum Abschluss der Tour ging ich mit Joaquin und Delicia, die wir auf der Tour kennengelernt hatten, in ein Restaurant im Fischmarkt. Wir teilten uns eine Spezialität (leider weiss ich den spanischen Namen nicht mehr): Hummerfleisch mit Käse. Also eigentlich eine Art Fondue (allerdings sehr fettiges und nicht so cremig) mit Hummerstückchen. Zum Glück hatten wir dies nur geteilt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man so ein Gericht alleine verspeisen kann, sogar als laktosetoleranter Mensch muss man davon Krämpfe kriegen.

Meine restlichen Tage in Santiago sind leider nicht weiter erzählenswert, bis auf den Besuch im Museum der Erinnerung und der Menschenrechte. Mit einem Audioguide kann man hier gut einen halben Tag verbringen. Die ganze Geschichte Chiles wird detailliert dargestellt und auch ein Einblick in die weltweiten Menschenrechtsverletzungen gegeben. Wer wie ich sehr gerechtigkeitsliebend ist, hat einen schweren Stand, das Museum zu besuchen ohne ein paar Tränen zu verdrücken.

Der Heimflug verlief problemlos. Zumindest nachdem ich mein Handy nach zwei Stunden panischem Suchen zwischen den Füssen eines Mitfliegers zwei Reihen weiter hinten wieder fand… Was mich ein bisschen quälte, war, dass ich meiner besten Freundin Michèle erzählt hatte, dass ich erst am 5. Juli wieder Schweizer Boden berühren würde und ihr somit vom 23. Juni bis zu meinem Überraschungsbesuch an ihrem Geburtstag am 27. Juni aus dem Weg gehen musste… Sie war allerdings so mit der Angst alt zu werden beschäftigt, dass sie tatsächlich keine Ahnung davon hatte, dass ich bereits gelandet war. Gut für mich. So reichte meine unscharfe Warnung «Ich bin ein paar Tage in den Bergen und habe wahrscheinlich keinen Empfang» und ich musste mir keine genaueren Pläne ausdenken…

Normal.

Willkommen zuhause, Anna… ;o)

P.-S.: Auch wenn der Blog etwas seltener gefüttert wird als bisher, werde ich versuchen, ab und zu ein paar Posts zu veröffentlichen.

Rapa Nui

Meine Vorfreude auf Rapa Nui war riesig. Santiago war ja wettermässig etwas kalt und nass ausgefallen, also hoffte ich, auf der Osterinsel Sonne zu tanken und packte den Bikini zuoberst in den Koffer. Am Morgen um 4 Uhr, nach der fast schlaflosen Nacht, stieg ich im strömenden Regen in mein Uber ein. Die erste Fahrt mit Uber, die ich über meine eigene App gebucht hatte. Huiuiui. Da die App meine Kreditkarte nicht akzeptieren wollte, musste ich bar bezahlen, was den Fahrer dazu veranlasste, sehr undezent die Augen zu verdrehen. Aufgrund der Polizei war es offenbar nicht möglich, erst am Flughafen zu bezahlen, so bezahlte ich den vorab geschätzten Preis während der Fahrt. Ich habe nicht herausgefunden, ob Uber in Chile illegal ist, oder einfach nicht gern gesehen…

Am Flughafen angekommen lief dann – vorerst – alles reibungslos. Ich gab mein Gepäck auf, füllte das Formular für die Einreise nach Rapa Nui aus, ging beim PDI vorbei, die einen Stempel in meinen Pass knallten und das Formular einsackten. Kaufte Kaffee (auf dessen Becher «Good Luck» geschrieben wurde – die Ironie wurde mir erst später bewusst) und wartete beim Gate. Bis fast die letzten eingestiegen waren. Dann ging ich vor. Ob ich denn keinen Zettel hätte, fragte mich die Bordkartenkontrolleurin. «Zettel? Ja, den hier», und ich klaubte den PDI-Einreisezettel (sieht aus wie ein Kassenbon) für Chile hervor. Nein, nicht den, der sei von der Polizei. Der andere. Ob ich denn das Formular nicht ausgefüllt hätte? Doch, natürlich, aber das habe die Frau am PDI-Schalter behalten. Die Kontrolleurin wedelte mit meinem Pass herum und meinte, ich müsse nochmal zurück (und dieses «zurück» war weit weg, sehr weit). Ob ich denn den Flug noch erwischen werde? Das wisse sie nicht… Zum Glück war ich nicht die Einzige. Zwei Amis mussten auch nochmal zurück, sie hatten aber offenbar gar nie ein Formular ausgefüllt… Am PDI-Schalter angekommen, versuchte ich der Dame, die mich vorher abgefertigt hatte, auf Englisch zu erklären, was mein Problem war und, dass ich offenbar dieses Formular, das da lag, haben müsse. Sie begutachtete ihre Nägel und reagierte nicht. Der Kollege in der Box neben ihr schien offenbar mehr Englisch zu verstehen: «Wir haben keine Formulare. Nur diese.» Und wedelt mit eben diesen Formularen, die ich zu brauchen meinte, vor meiner Nase herum. Nachdem ich genug mit den Händen gewedelt hatte und kurzzeitig in Panik ausgebrochen war, liess meine Freundin den Blick von ihren Nägeln ab, blätterte meinen Pass durch und zeigte mir auf Passseite 20 den Zettel, der immer da gewesen war und den ich offenbar benötigte. Sah genauso aus wie der PDI-Einreisezettel und hatte in dem Sinne nichts mit dem Formular zu tun… Spannend, dass das der Kontrolleurin am Gate nicht eingefallen war. Und mir auch nicht. Allerdings dachte ich auch, wir suchen ein A5-grosses Formular und nicht einen Kassenbon. Ich sage euch, lernt Spanisch! Nun denn, noch einmal durch die Sicherheitskontrolle und dann losrennen. Ausser Atem und bizzeli verschwitzt kam ich beim Gate an, das Flugzeug war noch da. Puh! Keuchend setzte ich mich auf meinen Platz. 20 Minuten später die Durchsage «Boarding complete» – zum Glück bin ich gerannt! Noch selten war ich morgens um 6 Uhr so wach!

Da ich einen Sitz in der Mitte des Flugzeugs hatte, kriegte ich von der Landung praktisch gar nichts mit, umso begeisterter war ich, als ich aus dem Flugzeug ausstieg, die Sonne auf mein Haupt schien und das Meer in der nicht so weiten Ferne blau leuchtete.

Praktisch alle Hotels bieten gratis Transfers an. So wartete auch auf mich jemand mit dem Schild «Anna Stock» [sic!] und einer Blumenkette. Dann ging es los auf eine kleine Tour durch das Städtchen: Minimärkte da und dort, da drüben muss das Nationalparkticket gekauft werden und da hinten gibt es den Bankomaten, an dieser Strasse sind die Touranbieter und an der nächsten die guten Restaurants.

Kaum im Hotel angekommen, machte ich mich auf zum Meer, erkundete die Stadt, die Strände, dachte darüber nach, ob ich meine vier Tage auf Rapa Nui alleine verbringen werden würde – zack, hatte ich einen Hund. Mal wieder. Gut eine Stunde lang begleitete er mich am Meer entlang, sprang um mich herum, wollte spielen, gestreichelt werden, Futter kriegen – alles musste ich ihm verwehren. Der Hund, nennen wir ihn Struppi, kratzte sich so dermassen häufig, dass ich ihn gerne (sehr) weit von mir halten wollte. Trotz Hundeblick.

In der Agentur-Strasse buchte ich etwas später eine Tour für den nächsten Tag (Freitag), Ost- und Südteil der Insel. Es windete und regnete aber so dermassen am Freitag, dass ich mich nicht aus dem Bett erheben konnte. Eigentlich wollte ich den ganzen Tag im Hostel bleiben, irgendwie war meine Stimmung etwas gedrückt. Erst nachdem mein Sandkastengspändli Jonathan mir auf meine genervte «Es regnet, alles ist Scheisse»-Nachricht mit «Take your chance» antwortete, konnte ich mich aufraffen. Ich schlüpfte in Regenjacke und -hose (die ich schon mehrmals entsorgen wollte, weil ich daran zweifelte, sie wirklich zu brauchen), umarmte den Regen und machte mich auf, die Insel und die Moais von einer anderen Seite kennenzulernen. Nicht alles ist eitel Sonnenschein. Und immerhin herrschten trotz Regen und Wind angenehme 25° C.

Ich spazierte also am Meer entlang Richtung Norden, da wo die Höhlen waren. Diese wären allerdings geschlossen, hatte man mir im Hostel gesagt, bei Regen sei es da viel zu rutschig. Aber der Weg dahin bot ein paar andere Sehenswürdigkeiten. Zum Beispiel ein Auto, das in der schlammigen Strasse stecken geblieben war. Hilfe war schon da – und drei Hunde… meine neuen Freunde natürlich. Vier Stunden lang begleiteten sie mich, zwei davon trugen Halsbänder, was sie als Nicht-Streuner kennzeichnete, sie aber nicht von einem friedlichen Spaziergang im Regen abhielt. Sehr vorteilhaft: Sie kannten den Weg. Ich wollte den Trekkingpfad entlanggehen, der noch schlammiger war als die ungepflasterte Strasse (natürlich), aber auch näher am Ufer und somit viel die bessere Aussicht (wunderschön, auch bei Regen!) bot. Der Pfad war teilweise etwas versteckt, die Hunde führten mich aber sicher über Stock und Stein (und durch Wasserlachen), warteten auf mich, wenn ich Fotos schoss, und hielten mir eine Gruppe anderer streunender (und verrückt bellender) Hunde vom Leib.

Theoretisch hatte ich ja jetzt eine Tour verpasst und rechnete schon damit, viel Geld in den Wind geschossen zu haben, nur weil ich regenscheu gewesen war. Allerdings erfuhr ich, dass die Tour sowieso nicht stattgefunden hatte, weil gewisse Sehenswürdigkeiten geschlossen waren und baden am Anakena-Strand bei Regen nicht so sexy war – und kriegte sogar das Geld zurückerstattet. Wie erfreulich! Ich buchte daraufhin eine andere Tour, die am nächsten Tag trotz Regen stattfinden würde. Mae, die Tourleiterin (so in meinem Alter), holte mich am Samstag um 9 Uhr ab. Mit einem 8-Personen-Minibus und der Info, dass ich die Einzige war, die dem Regen trotzten wollte. Der erste Stop war der Vulkan Rana Raraku, Geburtsstätte der Moai, denn hier wurden damals (1450–1650) die Menschenfiguren aus Stein gehauen. Ich hatte Glück: Eigentlich war die Stätte wegen Regen geschlossen (vor kurzem hatte sich offenbar ein Tourist einen Arm gebrochen, weil er auf den regennassen Steinen ausgerutscht war), da ich allerdings in Begleitung von Mae war, durften wir zumindest den Steinbruch besichtigen – den Vulkankrater nicht, so lebensmüde waren wir nicht. Mae erzählte mir die ganze Geschichte der Moai: Diese wurden hier aus dem Vulkangestein gehauen, weil dies die richtige Dichte und Härte hatte. Der Transport gestaltete sich allerdings ziemlich schwierig und es gibt diverse Theorien, wie die Moai von dem Vulkan zu den unterschiedlichen Ahu (Zeremonialplattform) rund um die Insel herum gekommen waren – eine Theorie besagt, dass sie selbständig dahin spazierten… Im Steinbruch gibt es Moais in allen Stadien der Fertigstellung: Gewisse sind einseitig noch mit dem Vulkan verbunden, andere stehen – wie bestellt und nicht abgeholt (tatsächlich) –, wieder andere liegen zerbrochen herum. Die Moai – Abbild verstorbener Häuptlinge und Beschützer der Inselbewohner – kriegen allerdings erst Leben eingehaucht, wenn ihnen die Augen eingesetzt werden und dies geschah jeweils erst wenn sie an ihrer endgültigen Stätte angekommen waren. Entsprechend war es auch nicht weiter schlimm, wenn ein Moai unterwegs zerbrach, da ihm zu dieser Zeit noch keine Seele innewohnte. (Allerdings stelle ich es mir sehr frustrierend vor für den Meistersteinmetz. Es ist nicht bekannt, wie lange an einem Moai gearbeitet wurde, aber es muss mit mehreren Monaten oder sogar Jahren pro Figur gerechnet werden.) Der grösste Moai der Insel ist 21 Meter hoch. Allerdings liegt er noch im Steinbruch und wurde auch nie vollständig vom Vulkan gelöst. Auch hier gibt es unterschiedliche Theorien: Entweder, die Steinmetze stellten fest, dass er schlicht zu schwer war, um jemals transportiert zu werden, oder er wurde nur für Marketingzwecke gemeisselt («Schaut, wenn ihr genug Geld habt, machen wir euch einen riesigen Moai»), oder…

Rano Raraku

Von Wind und Regen gepeitscht fuhren wir weiter zum Ahu Tongariki, dem Ahu mit den meisten Moai (15), die 1960 durch einen Tsunami alle bis zu 100 Meter ins Landesinnere geschleudert wurden und dessen Restaurierung nur mit der finanziellen Unterstützung aus Japan möglich war. Wir besuchten auch Vaihu, wo die Moai noch kopfüber im Schlamm liegen. Dieser Ahu war nicht restauriert worden und zeigt die Zeit um das 18. Jahrhundert, als aufgrund von Differenzen der verschiedenen Clans auf der Insel alle Moais von den Ahus gestürzt wurden.

Das beste an meiner Privattour mit Mae war, dass ich nicht nur alles über die Geschichte der Osterinsel erfuhr (und teilweise leider schon wieder vergessen habe), sondern auch ganz viel aus Maes Leben und vom aktuellen Rapa Nui. Zum Beispiel gibt es kein College auf Rapa Nui, weshalb die Schüler nach Valparaíso dürfen für ihre weiterführende Schulbildung – Kost und Logis gratis. In Maes Klasse waren damals 20 Schüler, nur fünf entschieden sich für das College. Einigen war es zu weit weg, für andere war bereits klar, dass sie das Familienbusiness (Minimarkt, Restaurant, …) weiterführen würden. Auch sonst laufe Vieles mit Vitamin B: Wenn der Vater im Elektrizitätswerk arbeite, sei es eigentlich nur eine Formsache, dass der Sohn da auch Arbeit finden würde.

Auch spannend: 1973 gab es auf der Insel nur drei Autos und die gehörten alle der Polizei, der Rest ging zu Pferd. Heute haben nur schon die Rent-a-car-Firmen 200 Autos registriert. Je. 1973 gab es aber auch nur 2000 Einwohner. Heute sind es 4000 Rapa Nui und etwa 6000 «Fremde», hauptsächlich Festlandchilenen. Deshalb gelte nun ein Einreiseverbot bis die Studie darüber, wie viele Einwohner die Insel verträgt, abgeschlossen sei. Interessanterweise werden vor allem Chilenen deshalb beim Besuch auf der Insel ganz genau beobachtet, damit sie auch ja wieder abreisen.

Ich plante auch wieder abzureisen, aber erst am Montag. Am Sonntag machte ich noch einen Abstecher zu Orongo, einer Kultstätte des Birdman-Glaubens, und dem Rano-Kau-Vulkan. Vier Stunden wanderte ich im wunderschönen Wetter zum Krater und zurück, begutachtete die Orongo-Kultstätte, die man trotz Parkticket, genauso wie die Rano-Raraku-Steinbruch, nur einmal in zehn Tagen besuchen durfte (danach würde man ein neues Ticket für 85 Dollar brauchen). Danach gönnte ich mir in einem hübschen Seaside-Restaurant mit Blick auf die Surfer, einen Caipirinha und erfreute mich zum Abschluss an der Begeisterung des Barkeepers, der wohl damit gerechnet hatte, dass ich ein gratis Wasser bestellen wollte. Prost!

Rano Kau

Ahora… oder später…

Es ist Zeit, euch von meinen ersten Tagen (6. bis 13. Juni) in Santiago zu berichten – das war noch vor der unausstehlichen Nacht im Hostel und der Reise nach Rapa Nui.

Diese Tage verbrachte ich grösstenteils mit Diego aus Brasilien, der einen Teil seiner Ferien in Santiago verbrachte. Am ersten Tag spazierten wir einfach ein bisschen durch die Stadt, wie ich das üblicherweise mache. Diego fand, dass ich im Reisen geübt sei und er deshalb einfach das mitmachen würde, was ich machen wollte. (Mit anderen Menschen reisen ist ja nicht immer problembefreit, aber das machte mir das Leben natürlich sehr einfach. Er beklagte sich auch nie. Sehr pflegeleicht.) Dieser Spaziergang führte uns durch ein eher langweiliges Zentrum (das zwar aussah wie Florída in Buenos Aires, aber weitaus ruhiger war) bis hin zum Cerro San Cristóbal. Noch bevor wir uns entschieden hatten, ob wir hochgehen oder die Standseilbahn nehmen sollten, wurden wir auf portugiesisch angesprochen. Das war schon in Buenos Aires der Fall gewesen. Es müssen die perfekt gestylten Augenbrauen sein, die die Brasilianer verraten, oder ich weiss es nicht… (In dem Moment hatten wir uns nicht unterhalten, es konnte also auch nicht am Akzent gelegen haben.) Wie dem auch sei. Der Brasilianer gehörte zu einer Agentur, die unterschiedliche Touren anbot, unter anderem Besuche mit oder ohne Skifahren im Valle Nevado. Für mich war das eher lächerlich – eine Tour zu einem verschneiten Berg –, ich gebe es zu, und ich dachte nicht, dass das wirklich «a thing» sein konnte… Ich merkte aber bald, dass ich steinreich geworden wäre, hätte ich für jedes Mal, das ich einen Brasilianer in Santiago «Valle Nevado» sagen hörte, einen Peso gekriegt… Es schien als wäre ganz Brasilien in Santiago, um Schnee zu sehen.

Wir fuhren dann übrigens mit der Standseilbahn den Cerro hoch und genossen die Aussicht über Santiago und die viel zu sichtbare Luftverschmutzung.

«Hay un poco de contaminación», schrieb José dazu

Am Abend hatten wir uns mit José (den wir auch in Buenos Aires kennengelernt hatten) zum Karaoke verabredet. Auch Moritz (der Schweizer, den ich in Mendoza getroffen hatte, und der diesen Cameo-Auftritt sicher sehr zu schätzen weiss) wollten wir zum Abendessen und Karaoke «mitnehmen». Wir hatten noch keine feste Zeit abgemacht, José informierte uns irgendwann, er sei noch bis um 9 Uhr im Büro. Gegen 10 Uhr wollten Diego und ich uns dann endlich mit dem halb verhungerten Moritz treffen (zugegebenermassen hatten auch wir langsam Hunger) und sagten José, dass wir los gehen würden. Postwendend kam die Antwort, wir sollen bleiben, wo wir waren und ihm den Standort schicken, er komme dahin. Das machten wir. Zweimal. Denn nach den ersten 15 Minuten irgendwo auf der Strasse in der Kälte mussten wir uns bewegen. Am Ende warteten wir eine geschlagene Stunde draussen an einer Strassenecke. Wenn wir nachfragten, wo er den bliebe, kam jeweils zurück «Ich komme gerade an», das für uns so eine Zeitspanne von 5 Minuten bedeutete oder «Jetzt», das, naja, was soll es denn schon heissen ausser «jetzt»? 20 Minuten sind es. «Ahora» sind 20 Minuten! Merkt euch das für zukünftige Reisen nach Südamerika. (Es beruhigte – und erstaunte – mich, dass Diego auch eher ein Schweizer Verständnis von Zeit hatte…) Moritz war unterdessen alleine essen gegangen. Nachdem José endlich ankam – mit seiner Vespa und einem Freund – entschied sich Moritz das Karaoke ausfallen zu lassen, denn, wie er richtig bemerkte, könnte es noch Jahre dauern, bis wir ein geeignetes Lokal finden würden. Zwei weitere Stunden dauerte es, um genau zu sein. Eigentlich wollten wir ein Uber nehmen bis zum Bellavista-Quartier. Irgendwo zwischen «Ich bestelle uns ein Uber» und «Lass uns da rüber gehen, da ist es besser» befanden wir uns aber auf einer Tour durch die Innenstadt, während der mir bewusst wurde, dass wir die 40 Minuten zum Bellavista-Quartier zu Fuss gehen würden (was Diego und ich ja auch schon vor gut 1,5 Stunden hätten machen können). In Bellavista angekommen, schaute sich José um und meinte «Oh, ich war schon lange nicht mehr hier». Zwei seiner angestrebten Ziele gab es entsprechend auch nicht mehr. Die Situation war so abstrus, dass ich das Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht kriegte. Gegen 1 Uhr sassen wir in einer eher schäbigen Karaokebar. Gute zwei Stunden hielten wir es da aus, bis wir uns wieder auf den Nachhauseweg machten. Immerhin war der Abend günstig. Zwei Bier und all die in der Kälte verbrannten Kalorien…

Diego, José, yours truly, Gonzalo, ein Freund von José

Am nächsten Tag der Schock für mich: Während ich das Valle Nevado bereits wieder verdrängt hatte, wollte Diego unbedingt in die Berge. Ich wollte ihm zum Einen den Spass nicht verderben, zum Anderen wollte ich auch sein Gesicht sehen, wenn er mit 31 Jahren das erste Mal Schnee sieht – ein für uns Schweizer so normales Phänomen. Für den Montag planten wir also diese Tour ein. Um Ski zu fahren hatte es «leider» zu wenig Schnee. Um 7 Uhr standen wir beim Tourbüro, wurden mit Winterstiefeln (und falls gewünscht mit Skijacke, -hose, -brille) ausgerüstet. Dann ging es los. Beim ersten Fotostop wurde mir klar, dass ich nicht nur die einzige Schweizerin, sondern die einzige Nicht-Brasilianerin auf dieser Tour und auf dem ganzen Berg war. Alle haltenden Kleinbusse waren mit Brasilianern gefüllt. Das Schneevorkommen war eher dürftig. In Fallerones gab uns der Fahrer 15 Minuten, «weil ihr seht, es gibt hier nichts zu sehen». Normalerweise gab es Buckelpisten und andere lässige Schneesportarten zu bewundern, aber ohne Schnee war es eher schwierig… Auch vom Valle «Nevado» war ich zart enttäuscht. Aber was will man machen? Wir stolperten durch den dürftigen Schnee, keuchten wegen der Höhe und schwitzten (wirklich!) in der Sonne. Ich vermisste Diegos kindliche Freude über den Schnee etwas, aber ich kompensierte sie spielend mit ein paar Schneebällen…

Die restlichen Tage schlenderten wir durch den Barrio Italia, assen dann doch noch mit Moritz zu Abend (und auch mit Georgia – ihr erinnert euch?), fanden den Parque Borja, in und um den herum alle tanzten. Wirklich. Es war faszinierend. Hier wurde Freestyle getanzt, aber auch Gruppenchoreos – teilweise mit richtigen Gang-Outfits. Ich hätte ja mitgemacht, aber… ahm… fuhren im strömenden Regen nach Valparaíso, wo wir die speziellen Lifte testeten, die fast auseinanderfielen, und uns relativ schnell nach der Wärme (so 16° statt 14°) Santiagos sehnten.

Valparaíso Lift

Valparaíso dünkte uns übrigens nicht so das Paradies. Zum Einen sollte man die Hafenstadt, die vor allem für ihre bunte Streetart bekannt und beliebt ist, zu Fuss erkunden, was in dem strömenden Regen nicht gerade angenehm war, zum Anderen fanden wir es teilweise etwas zwielichtig und fühlten uns nicht sicher. (Eine Woche nach unserem Besuch in Valparaíso wurde ein Kanadier erstochen, weil er sich weigerte, seinen Rucksack an Diebe abzugeben… Unsere Intuition hatte uns also nicht getäuscht.)

Da Chile ja eher teuer ist, erweiterte ich in dieser Woche in Santiago meine Kochkünste: Neben Spaghetti mit Tomatensauce gab es auch mal Omelettes mit Käse oder Schinkentoast. Ich bin schon fast ein bisschen stolz. Not.

Und ein kulinarischer Tipp zum Schluss: Wenn ihr mit Südamerikanern unterwegs seid, vergesst ja nicht die Ketchupflasche und den Kilosack Zucker griffbereit zu haben… Erhält den Frieden.

Meine Erfahrungen in Hostels in Südamerika sind bisher sehr unterschiedlich ausgefallen. Besitzer, Angestellte sowie natürlich die Gäste

sind dabei ausschlaggebend, ob positive oder negative Erinnerungen gespeichert werden. Das unbequemste Bett wird durch nette Menschen wettgemacht.

Gewisse Hostels sind sehr familiär, man sitzt zusammen an einem Tisch, der Besitzer singt einem Lieder der Toten Hosen vor, man wird umarmt oder mit «mi amor» und «mi niña» angesprochen und kriegt zum Abschied einen Kuss auf die Wange gedrückt, als würde man dazugehören.

Gaston singt «An Tagen wie diesen», Mendoza

Andere sind eher anonym und es ist schwieriger, sich zwischen den vielen unbekannten Menschen zuhause zu fühlen. Dazu kommt, dass sich die Leute unbeobachtet fühlen: Macht ja nichts, wenn man den Teller nicht sauber abwäscht, vielleicht braucht der nächste die Tomatensauce noch. Oder denken nicht mit (absichtlich?): Wenn eine (schlecht ausgerüstete Küche) nur einen Topf hat, dann kann der gekochte Reis natürlich problemlos darin aufbewahrt werden, weil sonst sicher niemand diesen Topf braucht. Oder denken wohl, «es bizzeli» fällt nicht auf, und essen kurzerhand Eier aus den Vorräten eines anderen (namentlich meine Vorräte)…

Meine bisher schlimmste Erfahrung machte ich in einem Hostel in Santiago. Hier kamen alle möglichen Faktoren zusammen. Zu Beginn meiner Reise hatte ich Mühe, mich in den Hostels einzuleben, jedesmal passte mir beim ersten Anblick irgendetwas nicht, ich arrangierte mich aber immer sehr schnell. Sogar mit der erfrorenen Nase in Villazón konnte ich mich anfreunden… Diesmal war alles anders [dramatische Musik]. Ich trat ins Hostel ein – und war begeistert. Es war ein älteres Gebäude mit einem verglasten Atrium. Toiletten und Duschen waren ziemlich neu. Die Räume hatten hohe Decken und sie hatten kleine Holzgalerien eingebaut (anstelle – wie in anderen Hostels gesehen – dreistöckige Etagenbetten zu verwenden). Dieser Zwischenboden bot Platz für zwei Einzelbetten, eines davon war meins. Die Küche war geräumig und es hatte eine gemütliche Sofa- und Chillzone, in der ich meinen letzten Blog schrieb.

Ich übernachtete in diesem Hostel nur eine halbe Nacht, mein Flug zu den Osterinseln ging ja am Donnerstagmorgen um 6.30 Uhr. Dass ich entsprechend um 3.30 Uhr schon aufstehen muss, hatte ich beim Buchen glücklich ignoriert.

Trotz anfänglicher Begeisterung war dies die bei weitem ungemütlichste Nacht in Südamerika. Kurz vor 10 Uhr lag ich im Bett. Dass da noch nicht in allen Betten geschlafen wird, kann ich nachvollziehen. Das Licht bei den Etagenbetten unten brannte. Ich hörte etwa zwei Stunden lang Musik (mit Kopfhörern natürlich – aber auch das ist nicht selbstverständlich). Das Licht brannte immer noch. Im Bett neben mir wurde laut geschnarcht. Gegen 1 Uhr hörte ich jemanden aufstehen und dachte «Geil, endlich jemand, der das Licht ausschaltet». Die Bretterböden knarrten. Laut. Die Zimmertür wurde mit Schwung geöffnet und zugeknallt. Die Holzkonstruktion vibrierte. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Das Licht aus dem Korridor erhellte das Zimmer noch mehr. Meine Schlafmaske war unauffindbar. Die Oropax bin ich losgeworden, weil ich sie zwei Monate lang nicht benutzt hatte. «DINGDONG!», genau, da war noch die Klingel. Eigentlich müsste die ja nur der Nachtwächter hören, aber es ist sicherlich besser, wenn das ganze Hostel mitkriegt, wenn jemand nachhause kommt. Aber auch ohne Klingel wäre ich wohl jedesmal erwacht, ausser mir waren in dem Hostel nur Elefanten untergebracht. Die Türknallerin hatte übrigens das Licht ausgeschaltet. Danke! «DINGDONG!» Es wurde gestampft und laut gesprochen im Korridor. Die Zimmertür wurde rabiat geöffnet. Es wurde nun im Zimmer laut gesprochen – war ja erst 2 Uhr und es versuchten nur vier Leute zu schlafen. Nebenan wurde immer noch geschnarcht. Als die Neuzugänge endlich ruhig waren, freute ich mich: noch zwei Stunden Schlaf! Und ich freute mich noch mehr: Ich hatte mir nämlich Sorgen gemacht, am Morgen um 3.30 Uhr zu laut zu sein beim Aufstehen. HA! Wäre ich ein Arschloch, hätte ich die Lichter eingeschaltet und ganz laut (wirklich ganz laut) AC/DC angemacht. Leider bin ich kein Arschloch.

Das «DINGDONG!» und Gestampfe ging übrigens bis 3.30 Uhr in netten Abständen weiter, gegen 2.30 Uhr hatte sich noch trommelnder Regen dazu gesellt. Ich war froh, als ich endlich aufstehen konnte! Osterinsel, ich komme!

«See you there» war wohl ein etwas vorschnelles Ende des letzten Blogs, schliesslich gab es da noch den Nachmittag und Abend, den unsere «Reisegruppe» in einem gemütlichen Café verbringen wollte, bis die jeweiligen Busse fuhren (ausser mir konnten alle am selben Abend weiterreisen, mein Bus fuhr erst morgens um 5.30 Uhr), und die Grenzüberquerung und Calama…

Nun denn, nachdem wir dieses Café Hals über Kopf verliessen, weil der TV nur Kindersendungen zeigte und doch eigentlich Champions-League-Finale war, das unbedingt geschaut werden musste, nächtigte ich in einem günstigen Hostel nahe dem «Busbahnhof». Auch dies, eine ganz andere Welt als Argentinien: Während in Argentinien die Busbahnhöfe grosse Gebäude mit Abfahrtsperrons und Schaltern waren, gab es in Uyuni einfach eine (oder zwei) Strasse(n) voller kleiner Läden, die Busfahrten verkauften. Die Busse fuhren vor oder in der Nähe dieser Shops. Reiste man am selben Tag, konnte man sogar den Rucksack deponieren – das traf für mich zwar sowieso nicht zu, dieses Vertrauen hätte ich wohl aber auch nicht aufgebracht…

Ziemlich verschlafen stolperte ich also noch vor 5 Uhr aus dem Hostel (weckte den auf dem Sofa schlafenden Nachtwächter etwas unsanft) und machte mich mit erstaunlich vielen Menschen – aber ohne Kaffee – auf den Weg nach Chile. An der Grenze – irgendwo mitten in der Wüste – war es schon offensichtlich, dass in Chile wieder eine ganz andere Welt auf mich warten würde. Nach einer Fahrt auf unbefestigten Landstrassen, standen wir in Bolivien Schlange vor einem schlecht einbetonierten Container. (Es dauerte zudem ein wenig, bis wir Gringos wussten, wohin wir genau mussten.)

Noch in Bolivien (auch hinter dem irreführenden Zaun ist noch Bolivien)

Kaum unter dem blauen Bogen hindurchgefahren, befanden wir uns auf geteerten, gut signalisierten Strassen und landeten in echten Gebäuden. Wir wurden mit Hilfe der Busfahrer, die unsere Zollscheine kontrollierten, durch die Passkontrolle geschleust, mussten dann in einem fast fluchtsicheren Unterstand unser Gepäck ausladen und warten, dass der Zollbeamte unsere Zettel kontrollierte, der Hund – nach einigem guten Zureden – unser Gepäck beschnüffelte, und danach unser Gepäck noch – eher pro forma – von Menschen «durchsucht» wurde. Ich fühlte mich ein bisschen wie ein Schwerverbrecher.

Ich hoffe, dies zu fotografieren, war kein Verbrechen

Niemand wurde zurückgelassen. Nun ging es weitere drei Stunden durch die Wüste nach Calama. In dieser Zeit ging mir das kurze Gespräch durch den Kopf, das ich an der bolivianischen Grenze mit dem Pakistani, der hinter mir sass, geführt hatte. Ich hätte ihm vielleicht sagen sollen, dass er sich glücklich schätzen müsse, dass er reisen könne – aber wer bin ich denn? Seine negative Einstellung Bolivien gegenüber und seine generell genervte Art veranlasste mich auf jeden Fall, das Gespräch kurz zu halten. Er sei nur zwei Tage in Bolivien gewesen, der Dreck wäre nicht auszuhalten, schrecklich. Zudem hätte sein Hotel seine Membership-Reservation nicht ausgeführt und er hätte ein Vermögen bezahlen müssen… Ich habe ja auch schlechte Tage, aber ich posaune die nur ungerne fremden Menschen ins Gesicht, und nach ein paar Tagen in der Kälte, freute ich mich einfach nur, dass ich bald in wärmere Gegenden kommen würde.

Calama, der erste Halt in Chile, überraschte mich ziemlich. Ich hatte eine Wüstenstadt wie Uyuni in Bolivien erwartet, doch dieser Ort war voller hübscher, umzäunter Häuser und die Innenstadt hatte eine süsse Fussgängerzone. Zumindest im Zentrum war das Wüstenfeeling inexistent. Ich blieb allerdings nur drei Stunden da, bevor mein Bus nach Antofagasta fuhr. (Ich hatte übrigens gut zwei Wochen, bis ich mir diesen Namen merken konnte, es gibt zu viele gut klingenden Möglichkeiten: Antafogasta, Antafogosto, Antofogasta…)

In Antofagasta checkte ich in das günstigste Hostel ein, das zu Fuss nur zehn Minuten vom Busterminal weg war. Ich fragte Marcela, die Besitzerin, wie weit es denn zu Fuss ins Zentrum sei. «15 Minuten, mi niña» – ja, das klang besser als erwartet, ich buchte direkt drei Nächte. Und wurde im Zimmer von einem Mitbewohner darauf aufmerksam gemacht, dass es eher so 50 Minuten waren. Aber Marcela konnte das ja kaum wissen, sie war ja 24/7 im Hostel. Haja. (Und nein, das lag nicht an meinem Spanisch.) Immerhin konnte man am Meer entlang spazieren bis ins Zentrum, das war schonmal etwas. Und es war günstig. Juhu!

Abgesehen von ganz kurzen Standardgesprächen mit meinen zwei Mitbewohnern, versuchte ich mich zurückzuhalten. Während ich am Anfang der Reise ja noch Angst hatte, niemanden zu treffen, brauchte ich nun dringend etwas Zeit für mich alleine und wollte wirklich mit niemandem etwas unternehmen (auch wenn sowohl Ruben von Santiago wie auch Délphine aus Frankreich mehrfach sagten «Ich geh da hin, möchtest du mitkommen?»). «Nein, merci.» «Danke, eher nicht.» «Mein Kopf ist gerade unter dem Kissen, ich kann dich leider nicht hören.»

Ich genoss Antofagasta richtig, endlich wieder etwas Wärme! Durch den Küstenwind war es ab und zu zwar trotzdem kalt, aber nur, weil ich statt der üblichen drei bis fünf Kleidungsschichten nur noch zwei trug. Ich spazierte viel an der Küste entlang, schaute den riesigen, kraftvollen Wellen zu, die an den Steinen brachen, shoppte Jeans (weil ich ja immer noch einen Riss in meiner Lieblingshose hatte und Mama gesagt hatte, dass die irreparabel wären. Danke Mama! – Die Hose habe ich unterdessen natürlich entsorgt, ohne dabei zu vergessen, ein paar Minuten darüber nachzudenken, ob ich den Stoff vielleicht für etwas anderes verwenden könnte…), und gönnte mir ein Wachsbad für 13 Franken… Man muss etwas für seine Reiseschönheit machen, imfal.

Nur eines der 1000 Wellenfotos…

… und ein paar Muscheln

Obwohl ich mich von sozialen Kontakten fernzuhalten versuchte, nahm ich die Tipps von Ruben, was es in Antofagasta zu tun gibt, gerne an, und spazierte zwei Stunden zu den Huanchaca-Ruinen. Als ich sie erreichte, war ich völlig überwältigt. Fühlte mich wie Tomb Raider. Fragte mich, wie alt die den waren. Dachte noch «Sieht seltsam aus. Modern. Wahnsinn!» Ich stolperte durch das Museum, das mit unzähligen Tafeln die Geschichte von Bergbau und Salzabbau Chiles erzählte. Schön gemacht. Aber wer schon einmal eine schlechte Power-Point-Präsentation gesehen hat, weiss, weniger ist mehr. Entsprechend gibt es hier keine Details, weil ich alles wieder vergessen habe. Zudem, wunderte ich mich, warum dieses Museum hier stand und was denn dies genau mit den Ruinen zu tun hatte… Erst am Schluss, in einem super gemachten Kurzfilm, wurde mir klar, dass dies die Ruinen einer Salzverarbeitungsstätte waren. Von 1888. Zwar alt, aber mein Tomb-Raider-Herz fühlte sich betrogen, und ich mich ein bisschen dumm. (Aber zu meiner Verteidigung: Der Name klingt echt alt…)

Ruinas de Huanchaca

Salt Flats Tour

Erster Halt in Bolivien: Tupiza. Hier wollte ich eine viertägige Tour buchen, die mich durch die Wüstenlandschaft im westlichen Bolivien, über die Salt Flats von Uyuni, und dann auch direkt nach San Pedro de Atacama in Chile bringen würde. Natürlich hatte ich die Rechnung ohne die Nebensaison gemacht. Mit Peter und Sandrine, einer Belgierin, die wir im Hostel kennengelernt hatten, klapperte ich die Agenturen ab. (Wir waren auch noch auf der Suche nach Ausritten zu Pferd.) Alle erklärten mir dasselbe: Die Nachfrage nach Touren, die in San Pedro enden, ist zu gering, ABER wir können dir diese Tour (15 Minuten Erklärung) mit Ende in Uyuni empfehlen, von Uyuni gibt es dann einen Bus (oder ein doppelt so teures Shuttle), der dich über die Grenze bringt. Mit einem flauen Gefühl im Bauch, buchte ich die Tour über unser Hostel (nachdem ich mir den – immer gleichen – Tourbeschrieb von vier unterschiedlichen Agenturen geduldig angehört hatte). Normalerweise wäre dies alles kein Problem und unter normalen Umständen würde ich danach sicher in Bolivien bleiben, aber ich hatte vor ein paar Wochen zugesagt, mich in Santiago mit Diego (aus Brasilien) und José (aus Santiago) zu treffen, die ich in Buenos Aires kennengelernt hatte. Damals klang das noch völlig harmlos, stellte mich aber jetzt tatsächlich vor das Problem, dass ich zeitlich eingeschränkt war, was mich tatsächlich aus der Ruhe brachte.

Um auf andere Gedanken zu kommen, gönnten wir uns am Nachmittag einen dreistündigen Ausritt zu Pferd. Es war herrlich! Ich fühlte mich wie in einem Western. Wir ritten vorbei an der Puerta del Diablo (ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Puertas und Gargantas del Diablo es in Südamerika gibt) bis hin zum Cañon del Inca, der eigentlich einfach ein Canyon war, bis ihm jemand einen netten Namen für die Touristen gab.

Puerta del Diablo

Ziegen im Inca Canyon

Gaucho Peter

Am nächsten Morgen (es war Mittwoch, wenn ich mich richtig erinnere) ging es schon um 7 Uhr los. Oder um 7.30 Uhr. Eigentlich erst noch später. Mir wurde am Abend davor nämlich gesagt, die Tour starte um 7 Uhr und wir würden in den Bergen frühstücken. Am Morgen hiess es dann aber, dass wir im Hostel frühstücken (trockenes Brot und Milch mit Kaffeearoma) und dann um 7.30 Uhr losfahren würden. (Oder dann, wann auch immer das Auto kommen würde.) Meine ursprüngliche Besorgtheit, dass diese Tour vielleicht nur ältere Menschen machten, löste sich schnell in Luft auf, als ich meine vier Mittourer kennenlernte: Mit sechs Jahren Abstand war ich die Älteste der Truppe… Zeit, sich alt zu fühlen.

Die vier Tage vergingen wie im Flug! Die Nächte nicht unbedingt. Meine erste Nacht auf über 4000 Metern und bei etwa –12° C gestaltete sich eher schwierig. Ich schlief keine zwei Stunden. Aber was will ich mich beklagen. Der Tag davor und die Tage danach waren herrlich: Wir fuhren durch traumhafte Landschaften, hatten einen begnadeten Fahrer, der sich Mühe gab, als Erster an den Aussichtspunkten anzukommen (oder sogar etwas abseits hielt, damit wir nicht dauernd andere Touristen im Blick hatten…), assen an spektakulären Orten zu Mittag, badeten in natürlichen Thermen, machten mysteriöse Fotos von und vor Geysiren, spielten Karten, tranken Wein (sehr grässlichen Wein, dennoch ein herzliches Dankeschön an die drei Jungs auf der Tour, dass ihr uns mit Schokolade und Alkohol versorgt habt) und trotzten Wind und Kälte, um auf dem Salar de Uyuni Sonnenunter- und Sonnenaufgang sowie den unbeschreiblich klaren Sternenhimmel zu sehen.

Laguna Colorado

Mittagessen in der Ciudad del Encanto

Copa del Mundo (von hinten 🤷🏻‍♀️)

Salt Flats

Die Tour war wirklich ein Erfolg, und wenn ihr die Möglichkeit habt, eine solche Tour zu machen, tut es. Am besten von Tupiza aus, das gibt einen Tag mehr herrliche Landschaft… Der «Umweg» hatte sich für mich also mehr als gelohnt!

In Uyuni angekommen, suchte sich jeder ein Ticket nach wohin auch immer er oder sie gehen wollte. Ich entschied mich, nach Calama in Chile zu fahren und dann dort einen Bus zu suchen, der mich direkt weiter nach Antofagasta bringen würde, wo ich drei Tage bleiben wollte. San Pedro de Atacama wäre ein zu grosser Umweg (von Calama aus nochmal drei Stunden und dann wieder zurück…) und ich hatte genug von der Wüste gesehen. (Auch wenn Antofagasta auch in der Wüste liegt, aber da gibt es auch Meer. Und Wärme. Juhuu!) See you there!

Auf nach Bolivien!

Als wir am Samstagmorgen nach Tupiza aufbrachen, bemerkten wir, dass das Geräusch im rechten Vorderrad lauter geworden ist. Beunruhigend laut. Wir entschieden uns also, einen Mechaniker aufzusuchen. Die beiden Männer im Geschäft des Mechanikers waren aber irgendwie nicht der Mechaniker. Netterweise eskortierte uns einer davon aber zu einem anderen Mechaniker. Das heisst, wir fanden drei Mechaniker vor, die zwischen drei Autos hin und her wechselten – jeder schaute und hämmerte ein bisschen. Mitten in der staubigen Strasse. Sie schauten sich auch unser Rad an und machten eine Probefahrt. Nach etwa 20 Minuten warten und ganz knapp bevor sie uns das Rad abschrauben wollten, fuhren wir aber weiter. Peter war es nicht geheuer, dass sein Auto hier in der Seitengasse ein Rad verlieren könnte, dass vielleicht nie mehr montiert werden würde. Direkt nach der Grenze in Bolivien wollte er sowieso neue Pneus kaufen, und hoffte, dass ihm da auch mit einem neuen Radlager geholfen werden könnte. Die Fahrt war – zumindest für Peter – alles andere als entspannend. Die Angst, dass unterwegs etwas passieren könnte, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich hingegen genoss die Aussicht – ich konnte ja nichts an der Situation ändern…

Vertrauenswürdiges Ersatzteillager

Nach einer knappen Stunde Fahrt hielten wir in Abra Pampa, der einzigen etwas grösseren Stadt zwischen Humahuaca und der Grenze. Da uns langsam die Pesos ausgingen, kauften wir uns Brot und Aufschnitt. Eine der Verkäuferinnen strahlte übers ganze Gesicht, als sie uns sagte, dass sie ein bisschen Englisch spricht. Es schienen nicht viele Touristen in diesem Städtchen zu halten.

Picknick in Abra Pampa

Dann ging es weiter zur Grenze. Wir waren uns zuerst nicht sicher, ob wir direkt nach Bolivien sollten oder noch einen Tag warten. Unterwegs hatten wir nämlich festgestellt, dass die Mechaniker am Samstagnachmittag nicht arbeiteten und wir sowieso ziemlich sicher bis am Montag an der Grenze festsitzen würden… Online liest man zudem, die argentinische Seite sei die hübschere, um festzusitzen. Nach 30 Sekunden Beratung entschieden wir uns nach Bolivien zu fahren. Es war nicht ganz klar, ob alle nötigen Dokumente für das Auto vorhanden waren, um die Grenze zu überqueren… Also würden wir es besser mal versuchen, damit wir notfalls einen zweiten Anlauf am Sonntag wagen konnten.

Willkommen bei meiner ersten Grenzüberschreitung per Landweg in Südamerika. Wie man sich das vorstellt, war es alles andere als eindeutig, wo wir uns anstellen mussten. Wir fuhren einfach mal an ein paar geparkten Bussen vorbei und wurden von Zollbeamten zu einem Fenster auf der rechten Seite verwiesen, Migration. Da war natürlich niemand. Geduld ist eine Tugend.

Nach ein paar Minuten schlenderte ein Beamter zum Fenster, musterte uns und unsere Pässe ausgiebig, drückte uns einen Zettel mit Stempel in die Hand (kein Stempel im Pass, sniff), und schickte uns über die Strasse zum Zoll. Da wurden die Autodokumente studiert und mit einen Stempel verschönert. Dann wurden wir wieder auf die andere Seite geschickt. Beim nächsten Schalter wurden nochmals die Autounterlagen gesichtet. Tatsächlich schien etwas zu fehlen. Der Beamte versuchte uns zu erklären, was fehlte. Er wollte uns wegschicken, es sei nicht erlaubt, das Auto nach Bolivien zu überführen. Dank unserem schlechten Spanisch gab er seine Erklärungsversuche aber auf, wurschtelte irgendetwas am Computer, drückte uns einen gestempelten Zettel in die Hand, sagte: «It’s okay. Go.», und wedelte Richtung Bolivien. Puh! Besser gehen, bevor er es sich anders überlegt!

Wir checkten in Villazón ins günstigste Hotel ein und erkundeten die Stadt. Im Park sahen wir die Flaggen von Bolivien und Argentinien gehisst. Die argentinische Hymne wurde gesungen. Alle standen still. Auch wir. Aber erst, nachdem wir von einem älteren Popcorn-Verkäufer darauf aufmerksam gemacht wurden, dass wir die Hymne respektieren müssen. Natürlich, es war der 25. Mai, der Nationalfeiertag Argentiniens. Offenbar wird der auch an der Grenze in Bolivien gefeiert.

Villazón ist eine Stadt voller Märkte. Überall werden Waren angeboten, verkauft wahrscheinlich hauptsächlich an shoppingwütige Argentinier. Es ist mir ein Rätsel, wie die hunderte Verkäufer von Thermoshirts und die zweihundert Verkäuferinnen von Toilettenartikeln überleben… Es fiel mir auch auf, dass zwar viele Touristen durch Villazón fahren, aber nicht viele halten. Auf den Märkten waren wir eine Seltenheit. So wurden wir von einem Unbekannten auf Englisch angesprochen. Einfach nur, weil es ihn interessiert, woher wir sind – oder eher, weil er sein Englisch vorführen wollte. Ich werde auch ganz selbstlos von einer kleinen Verkäuferin umarmt, deren Tochter danach um Geld bettelt; und ein junger Mann versucht bei Peter seinen Freund gegen mich einzutauschen. (Hat nicht funktioniert, imfal.)

Muttertagskuchen

Am Montag starteten wir dann schon um 7 Uhr unsere Mechanikertour. Peter wollte unbedingt der Erste sein. (Wir hatten am Sonntagabend noch zwei Deutsche kennengelernt, die ihren Van flicken lassen mussten…) Eine gute Stunde sassen wir im Auto und warteten auf den Mechaniker… bis Peter entschied, etwas in der Weltgeschichte herumzufahren und wir per Zufall einen Mechaniker fanden, der eine echte Garage hatte (und nicht nur eine staubige Seitenstrasse). Drei Stunden verbrachte Peter mit dem Mechaniker, der die ganze Stadt abklapperte, um Ersatzteile zu finden. Danach ging es weitere vier Stunden (Siesta eingerechnet) bis wir das Auto zurückkriegten. Wir hielten es nicht für möglich, aber um 15 Uhr waren wir startklar und fuhren weiter nach Tupiza! Juhu!

(Der grösste Teil dieses Blogs schrieb ich am 26. Mai in Villazón, unterdessen ist aber das Tablet abgelegen und ich versuche auf dem Handy zu bloggen – the struggle is real!)

Das mehr oder weniger planlose Reisen gefällt mir wunderbar. Man geht einfach mit dem Flow. Anstelle alles schon gebucht zu haben, kann man mitten im Tag seine Meinung ändern und auch die Route.

Georgia, aus London, hatte uns beim Jenga von Iruya erzählt, diesem Bergdörfchen, das sie unbedingt besichtigen wollte. Peter biss an und fand, da würde er auch gerne hinfahren. Ich könne auch mit, wenn ich denn wollte. So sicher war ich mir noch nicht. Aber ich könne mich auch am nächsten Morgen entscheiden.

Nach dem Jenga in der einen Bar (ich verlor drei von sechs Runden, durfte den Titel als Jenga-Queen aber behalten), besuchten wir noch die Bar vom grossen Matthias. Diesmal etwas früher und somit zum richtigen Zeitpunkt: Wir erlebten Matthias in Aktion. Er war zuständig, den Besuchern die einheimische Kultur näher zu bringen. So zeigte er traditionelle Kleidung und spielte diverse Instrumente. Er erklärte uns, dass dies ein Familienbetrieb war und er sein Zimmer nur eine Tür weiter hatte.

Matthias

Nun gut, am nächsten Morgen war ich die Faulheit in Person. Ich war eigentlich schon fest entschlossen noch mindestens einen Tag in Tilcara zu bleiben und meine Jeans zu flicken, die ich ungünstiger Weise zerrissen hatte, stundenlang im hübschen Café mit dem guten Apfelkuchen zu sitzen – da überzeugte mich Georgia, dass ich doch mitkomme soll. Unbedingt. Es ist nicht schwierig mich zu einem Abenteuer zu überreden, und so packte ich meine Jeans weg, zog meine Wanderhose an, verlor direkt die Hälfte eines Hosenbeins, weil der Reissverschluss kaputt ging, fluchte, zog Strumpfhosen mit Jeansshorts an und war ready to go. Zwei kaputte Hosen in einem Tag? Damit kann ich umgehen. Vor allem bei den eiskalten Temperaturen, die momentan aufgrund des starken Windes herrschten. Kein Problem.

Wir liessen also die Katzen zurück und brachen auf zu Roadtrip-Tag 3. Wir wurden direkt belohnt: Die Szenerie war der Hammer! Die Zeitangaben der Routenplaner war einmal mehr nicht zutreffend, diesmal hielten wir allerdings auch exzessiv häufig für Fotos. Der Weg war nach Iruya war definitiv ein sehr grosser Teil des Ziels!

Der Höhepunkt? Die farbigen Berge, die völlig unerwartet in der Ferne auftauchten und von denen nie jemand spricht (vielleicht die Rückseite von Hornocal) – und alles, was danach passierte. Auch hier mussten wir wieder eine ziemliche Höhendifferenz auf einer Landstrasse zurücklegen und als wir fast auf dem Gipfel angekommen waren, hielten wir und wanderten über steinige Felder in Richtung der Berge. Zwischen uns und den Bergen lag ein weites Tal. Plötzlich tauchten Hunde auf der Höhe auf und Schafe. Und dann sichteten wir sie: eine Hirtin in traditionellen Kleidern. Während die Hunde bellend auf uns zu rasten, wahrte sie Distanz. Wir warteten und näherten uns dann langsam. Georgia studiert Spanisch und spricht wahnsinnig gut, sie beginnt sich mit der Frau zu unterhalten, die uns erklärt, dass sie gerade ihre Schleuder bereitgemacht hatte. Sie mag es nicht fotografiert zu werden – schon gar nicht ungefragt – und schreckt mit der Schleuder Touristen ab. Da wir aber alle unsere Handys eingesteckt hatten, sprach sie nun gerne mit uns. Erklärte, dass sie mit den Schafen jeden Tag von dem Dorf hinter dem kleinen Hügel über diese Berge wanderte. Sie lebte schon ihr Leben lang in dieser abgeschiedenen Region, früher hatten sie kein Licht, bis heute verwenden sie das Wasser aus den Bergflüssen und die Kinder reiten zur Schule. Einmal im Monat fahren sie nach Humahuaca mit dem Bus, um die nötigsten Besorgungen zu machen, ab und zu fahren jedoch auch Transporter in die Städtchen. Alles, was nicht Kartoffeln oder Fleisch ist, müssen sie dazu kaufen – auf dieser Höhe und so abgeschieden wächst praktisch nichts. Die Hirtin begleitet uns zurück zum Auto. Peter und ich sind unglaublich froh, dass wir Georgia dabei hatten, ansonsten wäre uns dieser Austausch mit der fröhlichen Einheimischen entgangen.

Iruya ist ein wahnsinnig pittoreskes Dörfchen, eingequetscht in ein schmales Tal, umgeben von zauberhaften Bergen. Wir erreichten es etwa um 16.30 Uhr und mussten mit Schrecken feststellen, dass fast alles geschlossen hatte. Und zwar nicht nur bis 17 Uhr wie in Salta, sondern bis 19 oder sogar 20 Uhr. Gut hatten wir seit dem Frühstück um 9 Uhr nichts mehr gegessen…

Wir spazierten also ein bisschen herum, fanden einen Kiosk mit Bananen und Bier sowie einen Spiel- und Trainingsplatz, der meines Erachtens auf die falsche Seite ausgerichtet wurde: statt mit Sicht auf die Berge, mit Sicht auf die Häuserfassaden. Wer tut so etwas? Wahrscheinlich sahen die Geräte deshalb so heruntergekommen aus, weil niemand ausser ich sie benutzt.

Gutes tun für den Körper

Wir blieben eine Nacht in Iruya, die Landschaft war so eindrücklich, dass wir alle völlig erschöpft waren und uns eine teure Nacht gönnten.

Am nächsten Morgen – wir wollten eigentlich den trockenen Fluss hinunter fahren – liefen wir auf dem Hauptplatz in eine Versammlung. Das heisst: Flaggen wurden gehisst, Schüler lasen Geschichten vor und dann wurde auch tänzerisch etwas dargeboten, von allen Altersklassen.

Nach zwei Stunden Tanz und Gesang, entschieden wir uns gegen die Flussfahrt. Die Rückfahrt von Iruya nach Humahuaca war dann deutlich schneller als die Hinfahrt, wir (und unsere durchgeschüttelten Eingeweide) feierten die Einfahrt auf die Teerstrasse.

Georgias Plan war am Freitag Hornocal zu besuchen und ich hatte mich irgendwo auf der Dirtroad entschieden, am Samstag mit Peter nach Bolivien zu fahren und dann von Tupiza aus eine viertägige Tour mit Ende in San Pedro de Atacama zu machen. Wir waren bereits so nahe an der bolivianischen Grenze, dass es sich irgendwie falsch anfühlte, nach San Pedro (in Chile) zu fahren und von dort aus eine Rundtour zu machen (die durch Bolivien führen würde). Peter war zudem froh, jemanden mitzunehmen, der wenigstens (möglicherweise) verstand, was sie an der Grenze wollten, und ich war und bin auch froh, wenn ich keine Grenzen in einem Nachtbus überqueren muss.

Und. Hallo? Noch kurz einen ungeplanten Abstecher nach Bolivien? Warum nicht…

Auf jeden Fall trafen wir in Humahuaca ein und stolperten in einige Hostels, um nach Vakanzen und Preisen zu fragen. Die Vakanzen waren kein Problem, die meisten gaben zu, dass sie momentan nur ein oder zwei Gäste hatten. Wir schlugen allerdings erst bei einem Hostel zu, dass uns für 250 Pesos pro Nacht inklusive Frühstück unterbringen wollte. Wir kriegten sogar ein Privatzimmer, denn ausser zwei Argentinierinnen war niemand hier…

Am Freitag wollte ich einen Pausentag einlegen, um Wäsche zu waschen und – tatsächlich – zu bloggen. Ich blogge nämlich nicht nur für euch, sondern auch für mich, damit ich das Geschehene Revue passieren lassen kann. Ich glaube, mein Gehirn würde explodieren, wenn ich wie unsere französischen Freunde von Ort zu Ort rennen würde, ohne ab und zu einfach zu ruhen und darüber nachzudenken, was ich alles erlebt habe.

Und somit sind wir alle wieder up-to-date: Es ist Freitagabend, morgen geht es nach Bolivien, wo ich wahrscheinlich ein paar Tage ohne Internet auskommen muss. Wir hören uns in Chile!

(PS: Peter bat mich, uns auch von seiner tollen Fahrweise und seiner unglaublichen Stärke zu berichten. 500 Push-ups, 250 davon einarmig. Er hat das Auto auch über den Fluss getragen. Entspricht alles der Wahrheit. Ich schwöre!)

Roadtripping

Tag 1, Roadtrip nach Purmamarca

Am Sonntag ging es schon früh los. Das heisst, so ungefähr um 10.30 Uhr. Schliesslich mussten wir zuerst alle noch erwachen und frühstücken und die Roadtrip-Teilnehmer wurden neu gemischt. Das heisst: Peter fuhr definitiv mit seinem Auto mit, Willem wollte auch mitkommen, und da das Mietauto der Franzosen relativ klein war, gönnte ich mir den Luxus, bei Peter mitzufahren (was zu guter Letzt auch einiges günstiger ausfiel, da er nur eine Beteiligung an den Benzinkosten wünschte und ich mir somit die Miete sparte). Den Franzosen war das auch recht. Als wir endlich alle ready to go bei den Autos standen – es sind nicht die Frauen, die lange brauchen, um fertig zu werden –, fiel ihnen allerdings ein, dass sie ja Franzosen waren und deshalb noch Croissants brauchten, ansonsten würden sie die knapp dreistündige Fahrt nach Purmamarca nicht überstehen. Oh. Und Geld. Lasst uns doch mal einen ATM suchen… Nach ein paar Wochen in Argentinien bin ich schon sehr viel geduldiger geworden, meine Toleranz beschränkt sich allerdings auf Südamerikaner, auf Europäer warte ich immer noch nicht gerne.

Die Fahrt nach Purmamarca führte uns vorbei an Quebradas, Überresten von Flüssen und wunderschönen Hügeln. Die Franzosen, die vor uns fuhren, fuhren dann einmal direkt an Purmamarca vorbei. Nach einem U-Turn auf der leeren Strasse, fanden wir aber den Weg ins Städtchen. Das ist richtig niedlich: viele Marktstände, Restaurants und sogar WCs für Touristen – aber sonst ziemlich ruhig. Wir können uns nur vorstellen, wie es hier in der Hochsaison von Touristen wimmeln muss. Wir unternehmen nur eine kleine, knapp einstündige Wanderung (obwohl man das noch nicht einmal Wanderung nennen kann) rund um Purmamarca und zum Cerro de los Siete Colores (Berg der sieben Farben).

Purmamarca

Purmamarca befindet sich auf ungefähr 2300 m. ü. M. Unterdessen hatte ich mich an diese Höhe gewöhnt, aber sobald es extrem steil wurde auf dem kleinen Rundgang, merkte man uns allen an, dass wir doch noch mit der Höhe kämpften. Es war zudem ziemlich heiss, aber windig, was nicht gerade half.

On the road

Nach dem Rundgang mit herrlicher Aussicht fuhren die Franzosen und Willem weiter nach Tilcara, wo wir unser Lager für die Nacht aufschlagen wollten. Der ursprüngliche Plan war, dass wir weiter zu den Salinas Grandes fahren wollten – die Franzosen erklärten uns allerdings erst nach dem gemütlichen Aufenthalt in Purmamarca, dass sie diese schon bei ihrer Fahrt nach Argentinien gesehen hatten und, da sie sowieso die Salt Flats in Bolivien besuchen wollten, nicht wirklich Interesse hatten da hin zu fahren. Peter und ich entschieden uns, dass wir die Fahrt trotzdem machen wollten, es schien nicht zu weit weg zu sein und wir hatten noch Kapazität für mehr Naturspektakel.

Was wir allerdings nicht berücksichtigten war, dass die Strecke zu den Salinas nicht einfach geradeaus ging: Zuerst mussten wir auf einer steinigen Landstrasse auf 4170 Meter steigen. Oben angekommen sahen wir die Salinas in der Ferne. Und entschieden uns nach einigem Hin und Her umzukehren, denn zum Einen war diese Höhe langsam echt anstrengend, vor allem auch für Peter, der fuhr, zum Anderen hat die steile Strasse den Tank ziemlich geleert und wir waren uns nicht sicher, ob wir die Steigung von den Salinas hoch wieder schaffen würden.

Da, in der Ferne, sind die Salinas Grandes

Unterdessen hätten wir von den Franzosen eine Nachricht erhalten sollen, in welchem Hostel sie eingecheckt hatten. Ich musste sie allerdings alle einzeln anschreiben, bis ich eine Antwort erhielt. Als wir im Hostel ankamen, schaute mich Seb, der mir versprochen hatte, mich zu informieren, völlig entgeistert an. Er habe keine argentinische SIM-Karte und wollte sich nicht mit dem WiFi verbinden… (Stellt euch hier einen völlig entgeisterten Gesichtsausdruck meinerseits vor.)

Am Abend gingen wir essen (wie die Argentinier erst nach 10 Uhr) und setzten uns danach (ohne Peter) in eine Bar mit Live-Musik. Bis 4 Uhr morgens. Für mich war das People-Watching auf höchstem Niveau, schliesslich war ich mit vier Jungs (alle um die 25) aus, die mit ihrem teilweise fast nicht existenten Spanisch versuchten Südamerikanerinnen aufzureissen. Nachdem die Live-Band zusammengepackt hatte, sassen statt uns fünf, plötzlich 15 Leute an unserem Tisch – inklusive Matthias, einem älteren Einheimischen, von dem wir vermuteten, dass er der Besitzer des Lokals war.

Der erfolgloseste Aufreisser war der eine Franzose, der relativ gut Spanisch konnte, sich – scheinbar erfolgreich – mit zwei Mädels unterhielt und uns am Ende des Abends mitteilte, dass beide vergeben waren. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Der erfolgreichste war Seb – zwar nicht bei den Frauen – aber er schaffte es, uns mit einer schrecklichen Gesangseinlage und einem versuchten Strip gratis Bier von Matthias einzusacken. Matthias versuchte uns zwar zu erklären, dass ihm das Lokal nicht gehörte und er uns eigentlich nichts ausgeben konnte – aber der Gesang war so schrecklich, dass er auch keine andere Möglichkeit mehr sah als uns ein Bier auszugeben (abgesehen davon gab es sonst niemanden mehr in der Bar, bei dem wir für das Bier hätten bezahlen können). Erst zwei Abende später fanden wir übrigens heraus, was genau Matthias Aufgabe in der Bar war. Dazu aber in einem anderen Blog.

Tag 2, Roadtrip nach Humahuaca/Hornocal

Nach der langen Nacht brachen wir so gegen 11 Uhr auf zu unserem Roadtrip-Tag 2. Gemäss Routenplaner sollten wir in 1,5 Stunden bei dem Cerro de los 14 Colores (Hornocal) ankommen. Auch hier war aber die Dirtroad nicht eingerechnet. Während die Franzosen in einem ziemlichen Tempo vorausfuhren, genossen wir die Aussicht und schonten das Auto, schliesslich gehörte das Auto Peter und war kein Mietauto – und er war seit einigen Tagen auf der Suche nach einem Ersatzrad, also wäre eine Panne ziemlich ungünstig…

(Habe ich schon erwähnt, dass die Franzosen sich auch in Humahuca verfuhren und statt die Brücke nach Hornocal zu nehmen, daran vorbei fuhren und uns fast in ein trockenes Flussbett fuhren? Nein? Tja dann.)

Auf 3500 m. ü. M. angekommen, raubt uns die Aussicht einmal mehr den Atem (schon wieder wortwörtlich)! Es ist noch viel besser als Purmamarca. Wir spazieren etwa 20 Minuten auf die Hügelkette zu, bis wir auf einem Aussichtspunkt stehen. Es ist unglaublich. Kein Foto kann dieser Sicht gerecht werden. Wir sitzen eine zeitlang einfach da, eingemummelt, weil es doch sehr windig und kalt ist, und starren die Berge an.

Keine Chance, die Schönheit dieser Bergkette in einem Bild festzuhalten

2 Franzosen, 1 Burrito, 1 Australier und 1 Belgier

Zurück in unserem superfancy Hostel (Hostel Los Molles in Tilcara), schmiedeten wir Pläne für die weiteren Tage. Seb fuhr das Mietauto zurück nach Salta, seine Reisezeit war nach zwölf Monaten bald zu Ende. Die beiden anderen Franzosen, die seit sechs Wochen zusammen unterwegs waren, wollten dringend nach Bolivien – ohne einen Tag zu verlieren. Ursprünglich hätten sie mit Peter fahren sollen, doch der wollte nicht so Hals über Kopf aufbrechen. Zudem hatten wir eine Londonerin kennengelernt, die uns von Iruya erzählte, einem extrem abgeschiedenen Bergdörfchen, das im Sommer offenbar ein pulsierender Touristenort sein muss. Mein Plan war ursprünglich noch etwas in Tilcara zu bleiben, da es hier ein paar nette Cafés und Bars gab – Bars mit Jenga sind meine Favoriten, alle in Südamerika spielen Jenga. Einfach ein netter Ort zum Erkunden und Ausruhen. Danach wollte ich nach San Pedro de Atacama in Chile, um die Wüste zu erkunden.

Doch es sollte alles anders kommen…

Katzenbild für die Klicks 🤔😉 (mein Wärmekissen in Tilcara)